Staffan de Mistura

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   Die Syrien-Gespräche in Genf mögen aussichtslos sein, aber immerhin gibt es sie, und das ist das Verdienst der Beharrlichkeit eines Mannes, den die Vereinten Nationen mit der Aufgabe betraut haben, Unvereinbares vereinbar zu machen: Staffan de Mistura. Wo Kofi Annan und Lakhdar Brahimi entnervt aufgaben, gibt de Mistura nie auf. Das ist das Geheimnis seiner UN-Karriere: Mut und Beharrlichkeit. Nach einer langen Laufbahn in mehreren UN-Organisationen ernannte ihn der Generalsekretär zu seinem Sondergesandten im Irak (2007), in Afghanistan (2010) und schliesslich in Syrien (2014).

   Diese Himmelfahrtskommandos überstand de Mistura bislang mit Mut und Glück, ohne einem der Attentate auf UN-Einrichtungen zum Opfer zu fallen.

   Geboren als Schwede und aufgewachsen in Italien, wurde de Mistura 1999 ehrenhalber die italienische Staatsangehörigkeit verliehen. Seine Familie gehört zum dalmatinischen Adel aus venezianischer Zeit. Sein Vater, Emil Domingo de Mistura, wurde in Bari, Apulien geboren, kam angeblich durch einen albanischen Stiefvater ins Land der Skipetaren, diente im Heer des Königs Zog von Albanien und wurde Chef der Leibwache. Als der Zweite Weltkrieg mit Zogs Flucht zu König Faruk nach Ägypten endete, chauffierte de Mistura die hübsche Königin Geraldine durch Griechenland nach Ägypten.

   Als Flüchtling später nach Schweden gekommen, heiratete er eine Schwedin. Ihr jüngster Sohn war Staffan, geboren 1947. In den sechziger Jahren findet sich "Emilio" in Rom und dient als hervorragend vernetzter Agent E102 dem BND, wenn man dem Bericht von Hans Langemann, einem ehemaligen Agentenführer im Bundesnachrichtendienst BND, glauben will. Emilio trug den Titel Marchese (Markgraf).

   Sein Sohn “Stefano”, Agent E125, wurde angeblich von Langemann in die USA und nach Mexiko geschickt und im Rahmen der Nachwuchspflege in ein englisches Internat gesteckt, wie Ralf Anders in Deep Politics Forum berichtet. “Stefano” soll auch dem BND über seinen ersten UN-Job bei der FAO in Rom berichtet haben, worüber es mutmasslich wenig zu berichten gab.

   Bei der UN-Ernährungsorganisation war er stellvertretender Kabinettschef. schon damals jeder Zoll ein Diplomat, stets elegant mit einem Hang zu Masshemden mit besonders hohem Kragen (damals war hoher Kragen Mode). Er beherrschte mit leichtem Lispeln sieben Sprachen, darunter auch das in seinem Umfeld wichtige Deutsch.

   Seine lange Karriere bekam erst spät einen Knick, als er – inzwischen Unterstaatssekretär im italienischen Aussenministerium geworden – 2013 im Auftrag des italienischen Premiers Mario Monti mit indischen Behörden über das Schicksal zweier italienischer Schützen der Kriegsmarine verhandeln musste, die zwei indische Fischer vor der Küste von Kerala erschossen hatten. Die Schützen befanden sich als Wachpersonal an Bord eines Tankers und hielten die Fischer für Piraten. Der Streit Italiens mit der indischen Justiz, bei der den Schützen die Todesstrafe droht, hält seit Jahren an. De Mistura wurde freilich von der Aussenministerin des Kabinetts Renzi, Federica Mogherini, abberufen, nachdem er angeblich in einem Interview die Schuld der Schützen zugegeben hatte. Jedenfalls war de Mistura in Italien heftiger Kritik ausgesetzt.

   Kaum hatte er sich als schwedischer Honorarkonsul und Leiter der Axel-Munthe Stiftung und der Villa San Michele auf Capri zur Ruhe gesetzt – stets das Image des Grandseigneurs wahrend mit Massanzügen und einem Zwicker statt Brille, seinem Markenzeichen,– als ihn Ban Ki-moon 2014 nach Syrien schickte.

   Es war nicht leicht, in die Schuhe seines Vorgängers Lakhdar Brahimi zu schlüpfen, eines ehemaligen Aussenministers Algeriens, der im Nahen Osten hoch angesehen ist. Brahimi scheiterte an der Sturheit, mit der sich Assad weigerte, über sein Abtreten auch nur zu diskutieren. De Mistura hatte zwar wenig Erfolg mit seinem Vorhaben, kleine örtliche Waffenstillstände zum Schutz der Bevölkerung auszuhandeln, die zu einer umfassenden Lösung führen sollten. Doch der mit der Dauer des Konflikts steigende Leidensdruck half de Mistura, wenigstens einen wichtigen Teil der Konfliktparteien und ihrer Sponsoren in Genf an einen Tisch zu bringen und einen teilweisen Waffenstillstand zu erreichen.

   Der Waffenstillstand dauert im Prinzip immer noch, obwohl die Parteien versuchen, mit begrenzten Aktionen ihre Einflusszonen so zu arrondieren, dass im Falle der erwarteten Teilung des Landes lebensfähige Einheiten entstehen. Die Wiederaufnahme der Genfer Gespräche wird behindert nicht nur durch Assads kategorische Weigerung, abzutreten, sondern auch durch die Aufständischen, die den Verhandlungsleiter de Mistura beschuldigen, Assad zu nahe zu sein. Dabei vergessen sie, dass die Vereinten Nationen ein Klub von Regierungen sind, und de Mistura den Generalsekretär vertritt.

Heinrich von Loesch