Es gibt ein zweites Notstandsgebiet in der Eurozone, doppelt so gross wie Griechenland: Italiens Süden mit 21 Millionen Einwohnern.  Roberto Saviano, der unter Polizeischutz lebende Autor, der der Mafia von Neapel die Maske vom Gesicht riss, hat leidenschaftlich an Regierungschef Matteo Renzi appelliert, endlich etwas Entscheidendes für den Süden zu tun, der vor die Hunde geht.

   Renzi, der alle Hände voll hat, seine Reformen gegen die Widerstände durchzuboxen, ist nicht begeistert, dass sich da eine neue Baustelle öffnet. Norditaliener aus Florenz, ist Renzi das leise Dauerjammern des Südens leid und sagt das auch in seiner Antwort an Saviano.

   Das war freilich der falsche Tonfall, und Saviano legt nun weiter nach. So trostlos ist die Lage im Mezzogiorno, dass selbst die Mafia aufhört, ihre Geschäfte dort auszubauen und lieber anderswo investiert, gerne in Norditalien, das inzwischen fest in Händen der kriminellen Vereinigungen ist, und noch lieber im Ausland.

   Nicht nur die Mafia wandert ab, auch die illegalen Einwanderer verlassen den Süden, sobald sie können, sagt Saviano. Die hoffnungslose Wirtschaftslage lässt ihnen keine Wahl. Die Arbeitslosigkeit hat den höchsten Stand seit 1977, dem Beginn der Arbeitsstatistik, erreicht. Viele Arbeitslose sind nicht mehr gemeldet, weil sie es aufgegeben haben, Arbeit zu suchen.

   Bürokratie und Korruption lähmen die Unternehmer, sagt Saviano.  Die Zahl der Geburten im Süden ist auf den Stand von 1860 gesunken. Das Wirtschaftswachstum ist nahezu auf null geschrumpft: in den letzten fünfzehn Jahren war es nur halb so stark wie das von Griechenland.  Saviano beklagt den brain drain: die brillantesten Köpfe, die von den  Universitäten des Südens herangebildet wurden, wandern nach Norden oder ins Ausland ab.

  "Die Unfähigkeit und die Widersprüchlichkeiten der Behörden erwecken die niedrigen Instinkte, die unserer Gesellschaft geschichtsbedingt innewohnen", klagt Saviano."Die Deindustrialisierung hat die Wirtschaft des Mezzogiorno und seine Arbeitskultur in eine Wüste verwandelt".

   "Die Institutionen Italiens müssen  Millionen Menschen (des Südens) um Verzeihung bitten, die als eine Bleikugel am Fuss (des Nordens) betrachtet wurden, aber gleichzeitig als Energiereservoir (des Nordens) geleert wurden," fordert Saviano.  Seit 2008 ist die Zahl der Arbeitslosen im Süden um 700.000 gestiegen.  Wie soll eine Wirtschaft funktionieren, frägt der Autor, "wenn die Hauptarterie -- die Autobahn Salerno-Reggio Calabria -- durch unzählige Baustellen und Umleitungen unterbrochen ist, weil untreue Beamte den Geldfluss steuern?"

   Man solle die Wüstenbildung durch das Verschwinden der auf Subventionen gegründeten Schwerindustrien des Südens auch als Chance verstehen, eigene, angepasste Wirtschaftskonzepte zu verwirklichen, ohne staatliche Hilfen, ohne die berüchtigte Cassa per il Mezzogiorno1)

   Saviano ruft auf, die Unternehmer zu befreien von der Bürokratie, der übermässigen Besteuerung und der Korruption. Die schlimmste Korruption sei nicht die, die stiehlt. Die schlimmste ist vielmehr jene Korruption, die den Unternehmer daran hindert, das zu erlangen was ihm zusteht, ohne bestechen zu müssen. "Im Süden kaufen sich die Rechte, immer schon!", erinnert Saviano den Premier Renzi.

   Jahrzehnte lang war die Organisierte Kriminalität des Südens der grösste Arbeitgeber Italiens. Nicht mehr, sagt Saviano. "Im Süden zirkuliert nicht einmal mehr das Blutgeld, das die Mafias bis zum Ende der Neunziger Jahre umlaufen liessen."

Der SVIMEZ- Bericht

   "Der Süden läuft inzwischen das starke Risiko der industriellen Wüstenbildung mit der Konsequenz, dass der Mangel an menschlichen, unternehmerischen und finanziellen Ressourcen den Süden daran hindert, sich an eine mögliche Erholung anzuhängen mit der Gefahr, dass sich die zyklische Krise in eine dauerhafte Unterentwicklung verwandelt," sagt der Jahresbericht 2014 der angesehenen Vereinigung für die industrielle Entwicklung im Mezzogiorno (SVIMEZ).

   Das Pro-Kopf-Einkommen des Südens ist auf den niedrigsten Stand seit 2000, nämlich auf 64 Prozent des italienischen Durchschnitts, gesunken. In den Rezessionsjahren verlor der Süden 50 Milliarden Euro seines Sozialprodukts. Der Grad der Frauenbeschäftigung liegt nur bei etwa 60 Prozent des europäischen Mittels.

   Eine von drei Personen im Süden ist dem Armutsrisiko ausgesetzt, in Mittel- und Norditalien ist es eine von zehn Personen. Von 2008 bis 2014 ist die industrielle Produktion im Süden um 35 Prozent gesunken, die industriellen Investitionen gingen sogar um 60 Prozent zurück.

   " Der Süden war einmal die Magnagrecia -- Grossgriechenland. Heute ist er metà della Grecia -- ein halbes Griechenland",  kommentiert der Gewerkschaftsboss Carmelo Barbagallo.  

La pentola bucata-- das Fass ohne Boden

   Es ist nicht einfach, zu ermitteln, inwieweit der unterentwickelte Süden die Wirtschaft Italiens belastet. Naturgemäss gehen die Ansichten weit auseinander. Im Norden spricht man vom Fass ohne Boden, im Süden sieht man sich ausgebeutet und zum Absatzmarkt für die Industrien des Nordens degradiert.

   Paolo Savona, ein Student der Wirtschaftswissenschaften an der Universität La Sapienza in Rom hat 2011 gewagt, sich der Frage rechnerisch zu nähern. Er errechnete ein gesamtes Handelsdefizit des Südens mit dem Norden und dem Ausland von 72 Milliarden Euro/Jahr, das zum grössten Teil durch staatliche Transfers (45 Mrd.) gedeckt wird. Das Übrige erklärt sich durch Tourismus, Kapitaltransfers und den Bankensaldo. Bleibt ein ungeklärter Rest von 5 Milliarden, vermutlich den Mafias zuzurechnen.

   Interessant wird es, wenn man das Defizit des Mezzogiorno mit der italienischen Staatsverschuldung vergleicht, die derzeit 2.149,5 Milliarden Euro beträgt. Folgt man Savonas Kalkül, dass das Defizit des Südens jährlich 72 Milliarden beträgt und kumuliert man dieses Defizit über 30 Jahre zu 2011 Preisen, so gelangt man zu einem Gesamtdefizit des Südens von 2160 Milliarden, also exakt der Gesamtverschuldung Italiens.

   Das ist natürlich eine Bierfilzrechnung. Man kann daraus nicht ableiten, dass Italien ohne den Mezzogiorno schuldenfrei wäre. Aber es gibt doch Anlass, über die Bedeutung des Mezzogiorno für die Stabilität des Euro nachzudenken. Vielleicht ist der Mezzogiorno für die gemeinsame Währung doppelt so wichtig wie Griechenland. 

Was ist zu tun?

   Den endemischen Problemen des italienischen Südens ist ohne Bekämpfung der organisierten Kriminalität nicht beizukommen.  Wenn man heute irgendwo im Süden eine Investition vornimmt, und sei es auch nur wenn ein Privatmann ein Haus kauft, so steht am nächsten Tag die Mafia vor der Tür und fordert. Wer sich dem nicht aussetzen will, investiert nicht. So einfach ist das. Niemand investiert im Süden, solange zwei konkurrierende oder kollaborierende Strukturen bestehen: der Staat und die lokale Mafia.

   Der italienische Staat ist durchsetzt durch die Mafias, die bis in die Staatsspitze hinaufreichen und in Brüssel eigene Vertretungen unterhalten. Solange die italienische Politik sich nicht aufrafft, den Süden der Kriminalität zu entreissen, ist an einen wirklichen Aufschwung des Südens nicht zu denken.

   Während der langen Berlusconi-Jahre und den unsicheren Zeiten danach gelang es den Mafias, sich auszubreiten. Wo immer sich Verbrecherbanden bilden oder ausbreiten, sinkt das Wirtschaftswachstum gegen null. In der Lombardei, in Ligurien geht nach übereinstimmenden Aussagen mehrerer Beobachter nichts mehr ohne die 'Ndrangheta oder die Cosa Nostra. Mit jedem Jahr, das vergeht, werden die Kriminellen geschickter, reicher, mächtiger. Die Regierungen in Rom kämpfen sich an ihren Alltagsproblemen ab und haben weder die Kraft, noch die Geduld, eine umfassende Anstrengung zur Rettung des Südens zu unternehmen. Nur Brüssel könnte sie dazu zwingen. Vielleicht.

Benedikt Brenner 

 

1)Die Cassa und die Agenzia per il Mezzogiorno haben von 1951 bis zu ihrem Ende 1998 insgesamt 21.6 Milliarden Euro (Wert von 2008) in ausserordentliche Entwicklungsvorhaben im Mezzogiorno investiert.   (Amedeo Lepori: Macchine o Maccheroni. La Cassa per il Mezzogiorno e lo Sviluppo Economico Italiano, tavole 2, 3)