Seit 1950 ist ein historisch beispielloses Wachstum der Menschheit im Gange. In den  Entwicklungsländern hat sich seither die Bevölkerung vervielfacht: in Somalia beispielsweise von 2,2 Millionen 1950 trotz Auswanderung auf 10,5 Millionen 2014, also fast verfünffacht. Bei durchschnittlich 6,5 Kindern pro Frau dürfte sich die Zahl der Somalis in 18 Jahren erneut verdoppeln.

   Deutschlands Bevölkerung -- Westen und Osten zusammen -- stieg trotz Zuwanderung von 1950 bis heute von 70 auf 80 Millionen, also nur um 14 Prozent. Ähnlich entwickelte sich die Demografie in anderen Ländern Europas.

   Praktisch betrachtet baute sich also seit der Mitte des letzten Jahrhunderts ein enormer Bevölkerungsdruck ausserhalb Europas auf, der sich gegenwärtig in Form einer Flüchtlings- und Migrationskrise manifestiert.  Doch auch innerhalb Europas findet eine Bevölkerungsbewegung vor allem von Südosten in Richtung Westen statt, die von der bayerischen Regionalpartei CSU nicht zu Unrecht "Völkerwanderung" genannt wurde.

Die Bevölkerungskrise der Balkanstaaten

   Man mag zunächst einwenden, dass die Einwanderung vom Balkan nicht demografisch bedingt sei, doch ein Blick in die Statistik zeigt den Zusammenhang. Rumäniens Einwohnerzahl stieg von 16 Millionen 1950 auf das Maximum von 23 Millionen 1990,  um seither kontinierlich abzunehmen auf knapp 20 Millionen 2014.  Die Fruchtbarkeit fiel von 428 000 Geburten 1974 auf 198 000 Geburten 2014.

   Anders die Entwicklung in Albanien: auch hier nahm die Bevölkerung seit 1989 um 12 Prozent ab, obwohl die Geburten nach wie vor die Todesfälle leicht übersteigen. Das Schrumpfen der Bevölkerung erklärt sich daraus, dass nach dem Sturz des Kommunismus ein Fünftel bis ein Viertel der Albaner ausgewandert sind.

   Die Bevölkerungskrise der Balkanstaaten lässt sich als ein Malthusischer Nachholeffekt verstehen. Die kommunistischen Regimes hatten zwecks Machtgewinn jahrzehntelang das Bevölkerungswachstum mit allen Mitteln einschliesslich der Behinderung von Familienplanung forciert. Dadurch strapazierten sie die verfügbaren Ressourcen ihrer Länder und schwächten die Wirtschaft bis sie kollabierte. Nach der Wende entfielen die natalistischen Anreize und Zwänge: die Fruchtbarkeit stürzte ab und die Massenemigration begann.

   Die osteuropäische Auswanderung bewirkt, dass Menschenzahl und wirtschaftlicher Rahmen besser aufeinander abgestimmt werden. Diese Korrektur und die Remittenten der Ausgewanderten steigern nicht nur das Pro-Kopf-Einkommen der im Lande Gebliebenen; die Auswanderer finanzieren auch Investitionen in Immobilien und Kleinbetriebe.

   Die innereuropäische Wanderung wird mittelfristig enden, weil die Bevölkerungen nicht mehr wachsen. Selbst im mehrheitlich islamischen Albanien ist das natürliche Bevölkerungswachstum fast zum Stillstand gekommen.

Zuwanderung von ausserhalb Europas

    Ganz anders präsentiert sich die aussereuropäische Umwelt. Schon die Türkei mit ihren 77 Millionen Einwohnern verzeichnet pro Jahr eine Zunahme von fast einer Million Menschen bei einer seit 2011 erneut steigenden Fruchtbarkeit. 

   Im benachbarten Syrien wütet zwar der Bürgerkrieg, aber die Kriegsverluste sind niedriger als der natürliche Bevölkerungszuwachs, der bei einer Fruchtbarkeit von über 3 Kindern je Frau in den letzten Friedensjahren bei rund 400.000 pro Jahr lag.  Auch bei den Flüchtlingen und in den Lagern dürfte die Fruchtbarkeit weiterhin hoch sein. Während die inländische Bevölkerung 2014 wegen Kriegseinwirkung auf geschätzte 18 Millionen zurückging, bezifferte sich die Zahl der Flüchtlinge ausserhalb des Landes auf mindestens 4 Millionen, Tendenz steigend.

   Ende August 2015 teilte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge mit, dass syrische Asylbewerber nicht mehr in andere EU-Länder zurückgeschickt werden. Das Dublin-Verfahren wird ausgesetzt. Syrer dankten Deutschland für diese Entscheidung und feierten Angela Merkel im Internet.

   Dies ist eine ebenso unumgängliche wie folgenschwere Entscheidung. Allein in der Türkei halten sich derzeit 2 Millionen Syrer auf, die Hälfte davon Kinder. Fast alle betrachten die Türkei als Durchgangsstation auf dem Weg nach Europa, vor allem nach Deutschland.

   Im Laufe des Jahres 2015 wurden den Flüchtlingen die wichtigsten Hindernisse und Gefahren aus dem Weg geräumt. Vor der Küste Libyens ist eine Vielzahl von Rettungsschiffen aktiv, ebenso vor den griechischen Inseln. Die Türkei, Griechenland, Mazedonien und Serbien lassen die Migranten Richtung Ungarn passieren. Der neuen ungarischen und bulgarischen Grenzzäune scheinen mehr ein finanzielles als ein physisches Hindernis zu sein.

   Es gibt also für die Auswanderungswilligen immer weniger Gründe, zu zögern. Während Grossbritannien seine Insellage benutzt, um sich zu verschliessen, hat Deutschland die Logik seiner zentralen Lage erkannt und seine Tore weit geöffnet, zunächst nur für die Syrer. Bald wird das auch für Iraker, Eritreer und Afghanen gelten.

Die Tore weit geöffnet

 Die Konsequenz ist klar: Der Strom der Flüchtlinge wird nicht abreissen. Im Gegenteil. Noch glauben die Deutschen, die sogenannte "Flüchtlingskrise" sei ein Notfall, ein durch den Bürgerkrieg in Syrien, die Niederlage des Westens in Afghanistan und die Tyrannis in Eritrea ausgelöstes Phänomen, auf das man mit Empathie und Improvisationsbereitschaft reagieren müsse, in der stillschweigenden Annahme, dass sich die Dinge bald wieder "normalisieren" würden.

   Noch werden Notunterkünfte gezimmert, Flüchtlinge auf Landkreise verteilt, Bedürftigkeitsbescheinigungen von Sozialämtern vergeben. Die spontane Hilfsbereitschaft lässt Deutschland sympathisch erscheinen: ein verlässlicher Anker im Meer der Not und Hilflosigkeit.

   Noch wird nicht erkannt, dass es sich gegenwärtig nur um eine erste Phase im europäischen Flüchtlingsdrama handeln kann. Schon der Winter wird echte Probleme bringen, wenn Zelte und aufblasbare Hallen nicht mehr zweckmässig sind.

   Was wird passieren, wenn im kommenden Jahr weitere 800.000 oder mehr Migranten ankommen? Wenn Jahr um Jahr trotz Abschiebungen Einwanderung in dieser Grössenordnung stattfindet und Deutschlands Bevölkerung statt zu schrumpfen -- wie bislang populär erwartet wird -- wächst?

   Da helfen keine leeren Turnhallen mehr, keine umgewidmeten Kasernen. Die Migranten wollen nicht nach Buxtehude oder Dimpfelfing, wo es vielleicht leerstehenden Wohnraum gibt. Sie wollen in die Zentren, wo es Arbeit gibt, wo Landsleute schon wohnen, wo man halal kochen und Berbere kaufen kann.  Man wird neue Häuser für sie bauen, neue Schulen für ihre zahlreichen Kinder einrichten müssen. Ihre Bedürfnisse werden einen Wachstumsschub auslösen. Die Trupps junger Männer südlicher Herkunft auf Fahrrädern wird man überall sehen.

   Die Einwanderer bringen je nach Herkunftsland unterschiedliche Verhaltensweisen mit sich. Eritreer, Bangladeshi und teilweise auch Westafrikaner sind in der Regel einzelne junge Männer, anspruchslos, unternehmungslustig und integrationswillig, speziell die mehrheitlich christlichen Eritreer und Äthiopier. Nigerianerinnen werden mit Haushalts- und Pflegejobs nach Europa gelockt, um dann leider auf dem Strich zu landen. Somalierinnen träumen gerne von einem Job als Fotomodell oder Mannequin.

Problematische Brüder

   Problematischer sind die Migranten aus arabischen Ländern, besonders Syrien, Irak und Ägypten. Sie kommen meist mit der Familie und viele von ihnen sind Moslembrüder oder stehen ihnen nahe. Die sogenannten "moderaten" Moslembrüder sind dem Assad-Regime besonders verhasst und daher überproportional unter den Flüchtlingen vertreten. In Ägypten werden sie als Terroristen verfolgt.

   Die Brüder und ihre Sympathisanten bringen ihr ziviles und religiöses Gepäck mit sich, das ihre Integration erschwert. Viele verstehen sich auch im Ausland als Kämpfer (im Internet) gegen Assad in Syrien, Haider al-Abadi im Irak oder al-Sisi in Ägypten.  Ihre Lebensart konserviert Machismus und Absonderung der Frauen, Frühehe im Familien-Umkreis, zahlreichen Nachwuchs und oft auch Bildungsfeindlichkeit (Alle Antworten finden sich ja im Koran).

   Der Fremdenfeindlichkeit bei einem Teil der Bevölkerung des Gastlandes entspricht oft eine Xenophobie unter den Einwanderern, die den Lebensstil und das Selbstverständnis des Gastlandes als unrichtig, ja absurd empfinden und sich und die Ihren dagegen abriegeln, so weit das möglich ist.

   Obwohl etwa ein Drittel der syrischen Bevölkerung nicht der arabisch-sunnitischen Mehrheit angehört, steht doch ausser Zweifel, dass die Zukunft Syriens nach Assad zwischen den Moslem-Brüdern und den Dschihadisten-Salafisten entschieden wird, wobei der Westen nolens volens die Brüder unterstützen wird. Was nicht bedeutet, dass sie sich als Einwanderer in Deutschland sonderlich beliebt machen werden.

   Man braucht nur die überregionalen Gazetten und das Fernsehen zu betrachten, um zu sehen, dass Deutschland derzeit von einer Welle der Xenophilie überrollt wird.  So erfreulich das ist, bleibt doch der Zweifel, wie lange diese Phase dauern wird. Die Attentate und Proteste gegen Flüchtlingsunterkünfte sind nicht das Problem.  Die werden vergessen sein, sobald die lokale Bevölkerung erkennt, dass Flüchtlinge auch Menschen sind, vielleicht sogar nette und hilfreiche. Die Missgunst der an staatliche Hilfe gewohnten lokalen Unterschicht ist unvermeidlich und ein Dauerbrenner, der sich allenfalls in Wahlergebnissen niederschlägt -- soweit die Unterschicht überhaupt wählt.

Der wirkliche Test kommt noch

   Der wirkliche Test für Deutschland und die Deutschen kommt erst, sobald begriffen ist, dass massive Einwanderung keine "Krise" sondern den neuen Dauerzustand darstellt. Dann reichen ein paar unerfreuliche Ereignisse  --  ein Bombenattentat, ein Bandenkrieg, Ehrenmorde, Wohlfahrtsmissbrauch -- um die Stimmung kippen zu lassen.  Die Entwicklung in Grossbritannien zeigt, wie schnell populistische Politker und Unterschicht-Medien ein traditionell tolerantes Land xenophob machen können. Auch die Schweiz, in der bereits 1914 ein Viertel der Bevölkerung Ausländer waren, kann der neuen Fremdenfeindlichkeit, die von Blocher & Co propagiert wird, nicht widerstehen. Könnten die Deutschen widerstehen, falls Bild, Focus und RTL die Einwanderer als Zielscheibe entdecken?

Heinrich von Loesch

Update

    Wie schnell die Stimmung kippen kann, zeigt sich in Palagonia (Sizilien) wo ein 18-jähriger Ivoirer (Elfenbeinküste) ein älteres Ehepaar in seinem Haus ausgeraubt und ermordet hat. Der mutmassliche Täter, Mamadou Kamara, lebt im Cara di Mineo, einem selbstverwalteten (also von der Mafia betriebenen) Zentrum für über 3000 Migranten, nur zehn Kilometer von Palagonia entfernt.

   Eine Tochter des ermordeten Ehepaars Solana beschuldigt die italienische Regierung, verantwortlich für die Gräueltat zu sein, weil sie die Migranten ins Land gelassen hat. Die Stimmung in Palagonia ist scharf gegen die Migranten gerichtet, wie der Pfarrer, Don Michelangelo Franchino, der Huffington Post berichtet. Die Schwägerin der Opfer verlangt sogar, dass alle Migranten aus dem Land entfernt werden müssten, da es sonst zum Bürgerkrieg kommen werde. Diese Forderung wird voll unterstützt vom Chef einer grossen Oppositionspartei, der Nordliga, Matteo Salvini. 

   Er sieht die Schuld für das Verbrechen einzig und allein beim Staat. "Ein Flüchtling?" fragt er. "Vor welchem Krieg flüchtete denn dieser Kerl? Wenn er schuldig ist, dann soll er lebenslänglich bekommen, und zwar mit Zwangsarbeit!  Und das Zentrum von Mineo, eine Herberge für Illegale zu 100 Millionen Euro Kosten, muss sofort geschlossen werden! Die Invasion muss ohne Rücksicht auf die Kosten beendet werden," erklärt Salvini auf  Politico, und freut sich über eine Million "Gefällt mir!" auf Facebook. 

   Man sieht, wie schnell die Stimmung umschlägt und wie behend sich populistische Politiker das zunutze machen.

 PS: Wenige Stunden vor der Beerdigung des Ehepaars Solana wurden zwei Asylsucher aus Gambia ausserhalb des Cara di Mineo von drei lokalen jungen Männern mit Pistolen bedroht, geschlagen und ausgeraubt. Die Polizei von Palagonia verhaftete drei mutmassliche Täter. Eine gerichtsmedizinische Untersuchung ergab den bislang unbestätigten Verdacht, dass die siebzigjährige Ehefrau vor ihrem Tod vergewaltigt worden ist.

 

Update II

Städtetag sagt:  300.000 neue Wohnungen nötig wegen Flüchtlingen

Um alle Flüchtlinge unterbringen zu können, braucht es viele Tausend neue Wohnungen in Deutschland, schätzt der Städtetag. Und wer kommt, soll ab dem ersten Tag Deutsch lernen, fordern die Arbeitgeber.

Volltext:  Frankfurter Allgemeine 

 

Sollten die Wohnungen nicht gebaut werden, wo werden die Flüchtlinge wohnen? Unter den Isar- und Spreebrücken?

 

 

Es fängt schon an...

 

"Die Entscheidung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für eine Aufnahme der in Ungarn festsitzenden Flüchtlinge stößt auf scharfe Kritik der Schwesterpartei CSU."

Volltext:  Zeit online

-- ed