Im laufenden Jahr erwartet Deutschland bis zu 1,5 Millionen illegale Einwanderer, in den Medien Flüchtlinge oder Asylbewerber genannt. Wie viele von ihnen als Flüchtlinge anerkannt werden, wird sich zeigen, nach bisheriger Erfahrung und den neuen Asylregeln weniger als die Hälfte der Ankömmlinge. Der Rest soll repatriiert werden -- wie weit das in der Praxis möglich ist, wird sich ebenfalls zeigen.

   Die Deutschen sind überweigend xenophil gestimmt; jeder Zehnte würde laut Umfrage einen Flüchtling bei sich aufnehmen. Während sich die Aufmerksamkeit derzeit auf dringende Probleme wie die Winterfestigkeit der Unterkünfte konzentriert, bleiben längerfristige Aspekte jenseits des öffentlichen Radars.

Wie wird es weitergehen?

   Alle Fachleute erwarten jetzt, dass eine Winterpause den Flüchtlingsstrom eindämmen wird. Davon ist freilich trotz nassem Wetter und niedrigen Temperaturen bislang nichts zu spüren. Die Schlepper an der türkischen Küste bieten Winter-Rabatte; der Zustrom hält unvermindert an, nimmt sogar zu. Furcht, die EU könnte die Tore schliessen, treibt die Migranten an.

   Trotzdem werden Schnee und Eis bald ihr Werk tun; es wird Todesfälle. Erfrierungen und spontane Rettungsaktionen geben. Ein trauriges Weihnachten ist absehbar.

   Das eigentliche Problem aber präsentiert sich erst, wenn  im März und April Frühlingstemperaturen kommen. Dann werden sich die Migranten wieder auf den Weg machen: langfristig vorbereitet und vielleicht auch besser ausgerüstet. Sie werden auf Balkanstaaten treffen, die sich mit Hotspots, Zäunen, Militär und Lagern auf den Ansturm vorbereitet haben. Werden sie die Migranten erneut durchwinken, weil am Ende des Wanderpfads Deutschland die Grenzen offen hält? Oder werden viele Migranten garnicht kommen, weil sie wissen, dass Deutschland die südöstlichen Grenzen bis dahin dicht gemacht hat?

Gibt es denn noch so viele potenzielle Migranten?

   Es gibt fraglos viele. Ungarns Premier Viktor Orbán sprach von 20 Millionen, die nur darauf warten, nach Europa zu kommen. Eine grobe Schätzung, die zu hoch oder auch zu niedrig sein kann. Doch um eine maximale Zahl geht es nicht. Es geht um die, die 2016 ihren Koffer packen und sich auf die Reise machen würden. Noch einmal bis zu 1,5 Millionen in Richtung Deutschland? Oder gar die doppelte Zahl, 3 Millionen? Wie die Lage heute ist, müsste man mit Migrantenzahlen in dieser Grössenordnung rechnen. 

   Die Hoffung auf baldigen Frieden in Syrien, dem Irak und Afghanistan kann man getrost beerdigen. Damit fehlt das Motiv zur Rückkehr der Flüchtlinge in ihre Heimatländer. Sie werden also im Zufluchtsland ihrer Wahl oder Zwangslage bleiben müssen.

Die Kriege

   Die Kriegslage in den drei Ländern verschärft sich. In Syrien bombt die russische Luftwaffe Schneisen durch Ortschaften und Städte, damit Panzer und Regierungstruppen vorrücken können. Erneut sind 130.000 Menschen auf der Flucht, vor allem aus Aleppo, wie das NGO Forum in Gaziantep mitteilte. Noch leben in Syrien knapp 18 Millionen Menschen, die bislang ausgeharrt haben trotz Krieg und jahrelangen Bombardements. Je weniger Gebäude es noch gibt, die halbwegs als Bombenziele gelten können, desto öfter entladen die Flugzeuge ihre Bombenschächte auf die Zivilbevölkerung und alles was kreucht und fleucht, um nicht unverrichteter Dinge zurückzukehren.

   Syrien allein könnte also weitere Millionen Flüchtlinge entsenden, von denen freilich  nur ein Teil über laufend stärker bewachte Grenzen ins Ausland gelangen würde.

   Im Irak steht die entscheidende Schlacht zwischen IS und Regierung noch aus. Gegen die Masse der Schiiten südlich von Bagdad kommt der sunnitische IS bislang nicht an. Die Regierung ihrerseits ist durch Korruption und interne Machtkämpfe gelähmt. Wie lange das Patt hält, ist ungewiss. Ob es je zur Schlacht kommt oder sich eine de facto Teilung des Landes ergibt, ist offen.

   In Afghanistan ist die Lage so prekär, dass Russland offenbar erwägt, mit Hilfe seiner zentralasiatischen Vasallen nach syrischem Modell einzugreifen um zu verhindern, dass die Taliban und der IS das Land übernehmen. Hier besteht die Hoffnung, dass -- anders als in Syrien --  Russland und der Westen gemeinsame Sache machen würden. Jedenfalls wäre erneutes Kampfgeschehen mit einer Fluchtwelle verbunden. Schon jetzt stellen die Afghanen die zweitgrösste Migrantengruppe nach den Syrern, die nach Deutschland strömt.

Afrika

  In Afrika sind die Aussichten auch nicht ermutigend. In mehreren Ländern, vor allem in Äthiopien, Somalia, Südsudan und Madagaskar, droht Hungersnot. Möglicherweise auch in Eritrea, doch man weiss nichts, da die Regierung keine ausländischen Fachleute hereinlässt.  Das Angebot der EU, zur Eindämmung der Massen-Migration den afrikanischen Staaten beim Ausbau der Grenzkontrollen, der Polizei und der Überwachung zu helfen, dürfte von den Diktaturen und korrupten Regimes begierig aufgegriffen werden -- jedoch nicht unbedingt, um potentielle Migranten an der Ausreise zu hindern, vielleicht mit Ausnahme Eritreas, das mit grosser Härte versucht, die Massenflucht seiner männlichen Jugend zu unterbinden.

  Insgesamt könnte man wohl froh sein, wenn die Wanderungsströme aus Mittelost und Afrika im kommenden Jahr das Niveau von 2015 nicht übersteigen werden.  Heftige Kämpfe in Syrien und Afghanistan oder Hungersnöte in Ostafrika könnten über das gegenwärtige Mass hinaus weitere Bevölkerungen in die Flucht treiben. Falls Deutschland trotz aller bisherigen Bedenken seine südöstlichen Grenzen schliesst und die Einwanderung zahlenmässig beschränkt, würden die Ströme andere Wege und Zielländer suchen.

   Es hat keinen Sinn, sich auf die Dienste von Fluchtländern wie die Türkei oder Ägypten zu verlassen.  Im Prinzip sind sie froh, wenn die Migranten ihr Land verlassen und weiter wandern. Man wird sehen, ob selbst massive Zugeständnisse der EU die Türkei bewegen werden, mehr als nur zögernd und vorübergehend die Migrantenströme zu kontrollieren.

   Es ist seit langem klar, dass Deutschland Einwanderung braucht. Wie viele Millionen? Fünf, zehn?  Einwanderung wurde stets als ein gradueller, langfristiger Prozess verstanden. Dem historischen Modell entsprechend, könnte eine Einwanderung von fünf Millionen in ein Land von der Grösse Deutschlands über einen Zeitraum von zehn bis zwanzig Jahren als "normal" oder leicht integrierbar erscheinen. Aber bis zu 1,5 Millionen pro Jahr, Tendenz steigend?  Ahnt Deutschland, was das bedeutet?

Heinrich von Loesch

Update

Das Bundeswirtschaftsministerium rechnet in einer internen Kalkulation mit 3,4 Millionen Flüchtlingen im Zeitraum von 2015 bis 2020. Demnach würden 2016 noch einmal 800.000 Menschen in Deutschland Zuflucht suchen. (Der Spiegel 7/11/05)

 

Update II

The European Commission estimates 3 million asylum seekers may be heading toward the bloc by 2017. (Bloomberg Business  17/11/05)

 

Update III

Nicht nur Europa hat ein Problem...

U.S. Customs and Border Protection berichtet:

Southwest Border Unaccompanied Alien Children Statistics FY 2016

“Out of an abundance of caution, the Office of Refugee Resettlement at HHS has begun a process to expand its temporary capacity to house unaccompanied children. This is a prudent step to ensure that the Border Patrol can continue its vital national security mission to prevent illegal migration, trafficking, and protect the borders of the United States.

As we have highlighted over the last few months, the Department of Homeland Security (DHS) and the Department of Health and Human Services (HHS) have noted an increase in the number of unaccompanied children (UAC) and family units apprehended along the southwest border. The entire administration has been closely monitoring these current trends and coordinating across the whole of government to ensure an effective response to any changes in migration flows.

DHS and HHS are working together to accommodate these children without disrupting the vital national security mission of the Border Patrol and have begun a process to expand HHS temporary capacity to shelter unaccompanied children. The Office of Refugee Resettlement at HHS increased the capacity of current providers from 7,900 to 8,400 beds in November and is preparing for temporary bed space in the event that additional beds may be needed. ORR is continuously analyzing and monitoring bed capacity of unaccompanied children referred to HHS, as well as the information received from interagency partners, to inform any future decisions or actions.

We continue to aggressively work to secure our borders, address underlying causes and deter future increases in unauthorized migration, while ensuring that those with legitimate humanitarian claims are afforded the opportunity to seek protection. We also continue to look at broader regional efforts to address the flow of children and family units from Central America into the United States.”