"Iulia Gonzaga, che dovunque il piede
volge, e dovunque i sereni occhi gira,
non pur ogni altra di beltà le cede,
ma, come scesa dal ciel dea, l'ammira"

Ariost, Orlando Furioso

   Fondi heisst das Städtchen im südlichen Latium, in dem Giulia Gonzaga, Witwe des Vespasiano Colonna,  Hof hielt mit Poeten, Künstlern und ihrem Kardinal-Liebhaber Ippolito de' Medici,  So berühmt war Giulias Schönheit, dass Barbarossa, der Korsar von Tunis, sie fangen und dem Sultan Suleiman dem Prächtigen in Konstantinopel bringen wollte. Er plünderte zwar Fondi und das nahe Sperlonga, doch Giulia war aus ihrer Burg in Fondi geflohen. Kaiser Karl V. nahm Rache und zerstörte Tunis, und Giulia kam um ihm zu danken.

   Fondi, ein Badeort an der Tyrrhenischen Küste, zwischen Rom und Neapel gelegen, ist in ganz Europa bekannt für etwas anderes: den MoF.  Der Mercato ortofrutticolo, der Obst- und Gemüsemarkt, ist einer der grössten dieser Märkte in Europa. Hier, im südlichen Latium, wird die Ware aus Süditalien umgeschlagen und in den Norden geschickt, nach Rom, Mailand, vor allem aber nach München und Hamburg.

   Fondi selbst ist der Hauptort des südlichen Agropontino, der fruchtbaren Küstenebene am Fuss der Aurunkischen Berge, die Rom mit Obst und Gemüse versorgt.

  Das alles wäre wenig erheblich, wenn Fondi nicht aus anderem Grunde berühmt -- oder besser: berüchtigt -- wäre. Seit Jahrzehnten gehört Fondi zu den Knotenpunkten der Mafia in Italien. Die Mafia von Fondi, beherrscht von der neapolitanischen Camorra und eng verflochten mit der Cosa Nostra von Sizilien und mit der 'Ndrangheta von Kalabrien, gedeiht vergnügt unter den Augen der Regierung in Rom und hat sich ihr eigenes Reich geschaffen.

  Schon in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts beherrschte Fondi das Transportwesen für Obst und Gemüse von und nach Sizilien. Schon damals hiess es, dass die Mafia von Fondi und der Grossmarkt in München sich das Transportgeschäft auf der lukrativen Route Sizilien-Deutschland teilen. Tatsache ist, dass die Mafia des MoF prächtig abschöpft. Alle wichtigen Marken des Prestige-Konsums sind in Fondi mit Läden vertreten, und an hohen Tagen sind die Juweliere bis Mitternacht geöffnet, damit die Bosse ihre Damen beschenken können.  Damit die Besucher aus München nicht auf ihr Sauerkraut verzichten müssen, gibt es auch einen beliebten, mit viel Holz im Bauernstil eingerichteten Dachauer Gasthof -- Dachau ist Patenstadt von Fondi.

   Hinter der Kulisse von Wohlstand und Bonhomie sieht es freilich anders aus.

   Im November 2011 wurde ein Dutzend führender Mafiosi verhaftet, darunter grosse Namen wie Schiavone und Riina, die für das "Monopol auf Gummitransport von und nach Sizilien" verantwortlich erschienen. Mit den hunderten Lastzügen des "Clans der Casalesi" aus Casal di Principe bei Neapel lassen sich nicht nur Obst und Gemüse transportieren, sondern auch andere Geschäfte betreiben. Beipielsweise wurde 2006 ein Arsenal von Kalashnikovs, schweren Maschinengewehren "Breda", Raketenwerfern und Handgranaten samt tausenden Runden Munition ausgehoben, wie ein Online-Portal der Provinzhauptstadt Latina meldete.  Die Waffen stammten aus Bosnien und waren von korrupten italienischen Soldaten der Friedenstruppe in ihren Dienstfahrzeugen mitgebracht worden.  Unlängst wurde ein weiteres Arsenal beschlagnahmt, bestehend aus Kalshnikovs und Maschinengewehren der Marken Breda und Zaga aus Ex-Jugoslawien.

  Zahlreiche Verflechtungen gibt es zwischen der Cosa Nostra und den Casalesi. Die Mafia von Mazara und Corleone beispielsweise, die sich auf Wassermelonen und andere Produkte spezialisiert, bedient sich der Transportfirma «La Paganese», die den Casalesi gehört. So verdienen beide, ohne sich gegenseitig auf die Füsse zu treten. Bedenkt man, dass alle vielfältigen Strukturen des MoF gut verdienen wollen, dann wundert man sich nicht, dass die Preise für Obst und Gemüse in Rom und anderen Städten Italiens oft höher sind als in Deutschland.

   Nachdem die Rolle von Fondi als Zentrum der organisierten Kriminalität in Regierungskreisen im nahen Rom seit Jahrzehnten wohlbekannt ist, darf man fragen, warum dagegen nichts unternommen wird.  Aber ja, es wird etwas getan, wird im Innenministerium, dem Viminale, geantwortet! Es gibt ja seit 1991 ein Gesetz, das es dem Viminale erlaubt, von Mafia durchsetzte Stadtverwaltungen kurzerhand abzusetzen und die Stadt unter Zwangsverwaltung zu stellen.

   Seit mittlerweile einem Vierteljahrhundert wurde, wie La Repubblica berichtet, im Durchschnitt jeden Monat ein Ort unter Zwangsverwaltung gestellt, darunter auch Grosstädte wie Neapel (50 mal), Palermo (29 mal), Rom, Mailand und Turin. Gegenwärtig stehen 27 Rathäuser Italiens unter Zwangsverwaltung.  Was hat es gebracht? Nicht immer das Erhoffte.

   Wie es gehen kann, illustriert Fondi.  Im Jahr 2009 verlangte der damalige Innenminister zweimal  die Auflösung des von der Berlusconi-Partei PDL beherrschten Stadtrats von Fondi wegen Infiltration durch Camorra, 'Ndrangheta und Mafia. Er verlangte, Fondi auf 18 Monate unter Zwangsverrwaltung zu stellen.  Beide Male wurde Fondi durch einen Beschluss des Kabinetts der Regierung Berlusconi geschützt. Der Stadtrat trat danach fast komplett zurück und verhinderte durch diesen Rücktritt das vorgeschriebene Eintreten der Zwangsverwaltung.

   Danach veranstaltete man in Fondi eine neue Stadtratswahl. Dabei traten wieder die Vertreter der PDL an, die zurückgetretenen, und wurden mit 65 Prozent wiedergewählt, in teilweise in noch höhere Positionen. Der ehemalige Bürgermeister, der das Manöver gesteuert hatte, wurde sogar in den Provinzialrat befördert.

   Nachdem Fondi wieder sicher in der Hand der Mafias war, nahmen hohe Exponenten der PDL Rache und bedrohten den Präfekten der Provinz, der die Auflösung des Stadtrats von Fondi gefordert hatte. Einer der Herren -- der Bevollmächtigte von Berlusconi für den Pontino --sitzt inzwischen in der Anti-Mafia-Kommision des Parlaments in Rom und ist -- welch'  ein Zufall! -- für die Auflösung von Gemeinderäten zuständig, wie La Repubblica verzeichnet.

   Der Fall von Fondi zeige, dass sich der Staat der Kriminalität gebeugt und die Glaubwürdigkeit des Gesetzes untergraben habe.  "Jede Stadtverwaltung, die mit der Mafia verbandelt ist, wird nun (sobald Zwangsverwaltung droht) demissionieren, um sich erneuert wieder zu präsentieren, noch stärker als vorher." wird der Anwalt Francesco Fusco zitiert, ein Miglied des Antimafia-Komitees von Fondi.

Benedikt Brenner