Vor wenigen Jahren kannten ausser Türken nur ein paar Spezialisten den Namen Fethullah Gülen.  Ein Islamprediger, der -- aus dem Nichts kommend -- sich mit dem Geld seiner Gemeinde ein Milliarden-Imperium von Verlagen, Zeitungen, Fernsehsendern und vor allem Privatschulen aufgebaut hat. Schulen in vielen Ländern, auch in Deutschland. In den letzten Monaten wurde der im Exil in Pennsylvania lebende Prediger weltbekannt, weil er in einen gnadenlosen Zweikampf mit dem Machthaber der Türkei, Präsident Recep Tayyip Erdoğan, verstrickt ist.

   Ursprünglich Glaubens- und Weggenossen, entwickelte sich zwischen ihnen im Lauf der Regierungsjahre Erdoğans eine Rivalität, weil sich der Regierungschef und jetztige Präsident zusehends von seinem Mentor abnabelte und dieser sich revanchierte, in dem er einen Korruptionsskandal ausschlachtete, in den die Familie Erdoğans und mehrere Minister verwickelt sind.

   Nun schien es der Süddeutschen Zeitung  (13. 12. 14) angebracht, den scheuen Fethullah Gülen in seinem Exil zu interviewen. Die Türkei/Griechenland-Korrespondentin Christiane Schlötzer reiste in Begleitung von Tim Neshitov, dem ehemaligen Zögling einer Gülen-Schule, nach Saylorsburg. Das Ergebnis: ein Aufmacher "Der Prediger klagt an" auf der Titelseite und ein ganzseitiges Interview, in dem ein milde lächelnder, schnurrbärtiger Greis seine Anklage gegen Erdoğan abspulen darf.

   Und Erdoğan? Seine Version der Kabale wird nicht erläutert. Das ist vermutlich auch nicht nötig, denn er verkündet sie nicht nur den Türken gerne und bei jeder Gelegenheit. Wer aber türkische Politik nicht laufend verfolgt, könnte den Eindruck gewinnen, dass Fethullah Gülen ein durchaus honoriger Mann ist, der Vertreter eines milden Islam und Kritiker der Mörderbande des Kalifen von Raqqa. Wie lieb und verdienstlich, dass er sein weltumspannendes Netz von Schulen betreibt! Der deutsche Verfassungsschutz sieht das allerdings eher kritisch.

   Das Problem von Erdoğan und Gülen ist, dass sie mit ihren gegenseitigen Verdächtigungen wahrscheinlich beide Recht haben. Erdoğan ist wohl wirklich auf dem Weg zum "Ein-Mann-Staat", wie Gülen sagt, und der Prediger hat mutmasslich versucht, sich mit Hilfe seiner alle Bereiche der Macht in der Türkei durchdringenden Geheimgesellschaft zum  Strippenzieher und Marionettenspieler aufzuschwingen. Ein Glück für die Türken, dass diese beiden ehrgeizigen und mächtigen Männer sich streiten. Nicht auszudenken, was geschähe, wenn die beiden weiterhin verbündet wären. So kommen jede Woche neue Details des Machtkampfes ans Licht, zur Information der Türken und zum Staunen des Auslands.

   Offenbar erschüttert die Türken das Geschehen nicht sonderlich. Sie sind von ihren Politikern einiges gewöhnt. Erdoğan haben sie vor kurzem trotz Korruptionsskandal wieder gewählt, und dass Gülen im Exil lebt, weil ihm in der Türkei ein Hochverratsprozess droht, hat seiner Beliebtheit bislang nicht geschadet.  Dennoch, wenn zwei Elefanten kämpfen, leidet das Gras. Zu dutzenden sind Staatsdiener entlassen, angeklagt oder versetzt worden, weil sie verdächtigt wurden, "Gülenci" zu sein, oder weil sie von Amts wegen Korruptionsverdächten nachgingen.  Redaktionen wurde durchsucht und  Journalisten verhaftet. Erdoğan schlägt um sich.

Ihsan al-Tawil