Unter diesem originellen Titel forderte Rudolf G. Adam, Europa solle Armutsmigranten abweisen, also zurückschicken,. (SZ, 3/4/ 6/15) und stattdessen "etwas gegen das Elend in deren Heimat tun".

   Fraglos spricht der Autor damit ein derzeitiges Grundgefühl in Deutschland an. Hierzulande spricht man von "Flüchtlingen", für die man etwas tun müsse, von "Asylbewerbern". Damit sind Kriegsopfer, politisch Verfolgte und eventuell noch Opfer des Klimawandels gemeint. Nicht aber "Armutsmigranten".

   Es gibt zwei Sorten von Armutsmigranten: jene aus nicht-EU Ländern des Balkans, und jene von ausserhalb Europas (wobei man die Türkei grosszügig zu Europa rechnet).

   Die Nicht-Europäischen Armutsmigranten (NEAM) sind also das Problem. Die möchte Herr Adam zurückschicken. Das ist aber nicht einfach. Denn die bitten um Asyl; das muss geprüft und abgelehnt werden. Bis eine Rückreiseorder ausgesprochen ist, vergehen Monate, vielleicht Jahre, in denen der oder die NEAM Europa gesehen, vielleicht verstanden und "erlernt" haben, und seien es nur ein paar Brocken einer Sprache. In vielen Fällen wird dieses Wissen ein Magnet sein, der die Person nach  Deportation wieder zurück nach Europa  zieht. Vielleicht hat der oder die NEAM gelernt, wie man illegal nach Europa kommen und dort bleiben kann, wenn es schon legal nicht geht. Von den Illegalen spricht sowieso niemand.

   Wie illusorisch die "Abweisung" von NEAM ist, zeigt das Beispiel der USA. Fast alle der Millionen illegalen Einwanderer aus dem Süden sind Armutsflüchtlinge. So viele sind hereingekommen, dass in mehreren US-Staaten spanisch bald die wichtigste Sprache sein wird. Viele junge "Anglos" haben dem schon Rechnung getragen und fleissig spanisch gelernt. Ein neues Erlebnis: sprachkundige Amerikaner!

   Doch Herr Adam hat ja Abhilfe im Blick: in  den Ländern, aus denen die NEAM kommen, soll man helfen, das "Elend" zu beseitigen. Ein kluger Vorschlag, doch schwer durchzuführen. Seit Anfang der Sechziger Jahre leistet Europa Entwicklungshilfe in den meisten dieser Länder, die trotzdem immer noch "elend" sind. Dank (oder wie andere meinen trotz) Entwicklungshilfe haben sich einige dieser Länder wirtschaftlich aufgerappelt und schicken daher nur noch wenige oder gar keine NEAM. Die Türkei gehört dazu, auch Marokko. Und in Amerika Mexiko. Was ist geschehen? Statt der Mexikaner kommen jetzt Migranten aus dem tieferen Süden, nämlich aus El Salvador, Honduras, Guatemala etc. Statt der Marokkaner kommen nun mehr Tunesier, Mauretanier, Nigrer, Senegalesen, Nigerianer usw. Wie will man deren Herkunftsländer entwickeln -- gründlich und auf die Schnelle? 

   Irgendwann wird Nigeria allein so viele Einwohner haben wie ganz Europa. Wie wäre es mit einer Zollunion oder einer Art TTIP für Zentral- und Westafrika?  Herr Adam setzt auf Entwicklung der Landwirtschaft. Darum bemühen sich seit Jahrzehnten internationale Forschungsinstitute der CGIAR in Zusammenarbeit mit nationaler Forschung und teilweise spektakulären Erfolgen. Unzählige Universitäten und Hilfswerke aller Art widmen sich der afrikanischen Landwirtschaft. Und trotzdem bleibt das "Elend" im Verbund mit massivem Bevölkerungswachstum erhalten. Hinter jedem Land, das aufsteigt und weniger NEAM entsendet, liegen im Zweifelsfall andere, in denen weiterhin Elend herrscht.

   Vielleicht sollten sich Herr Adam und mit ihm die europäische Öffentlichkeit mit der Idee vertraut machen, dass der Unterschied zwischen "Flüchtlingen" und NEAM wenig relevant ist. Beide kommen, wollen meistens bleiben, und werden in der Mehrzahl der Fälle auch bleiben. Heute zieht man sie vielleicht nass aus dem Schlauchboot; morgen werden sie wahrscheinlich die neuen Europäer sein. 

John Wantock