Andrea B ist Zahnarzt. Sein Vermieter hat ihm die Praxisräume gekündigt. Er muss also umziehen. Aber wohin in der übervölkerten Stadt Rom? Zu mieten gibt es nichts Geeignetes. Andrea möchte kaufen. Aber um eine passende Räumlichkeit zu kaufen, braucht er eine Hypothek.

   Seit Tagen irrt er von einer Bank zur anderen. “Ci dispiace” ist immer die gleiche Antwort. “Tut uns leid”, keine Hypothek. Die Banken sind von Pleite bedroht. Sie versuchen, sich zu sanieren und geben deshalb keine Kredite mehr. Da steht Andrea, erfolgreicher Zahnarzt, und muss wahrscheinlich seine Praxis dicht machen. Ihm droht Arbeitslosigkeit, denn anderen Dentalpraxen geht es schlecht, sie nehmen keine Kollegen als Hilfskräfte auf, denn zweieinhalb Millionen Italiener können es sich nicht mehr leisten, notwendige Arztbesuche vorzunehmen, selbst solche, die die Kasse zahlt. Wenn das Geld knapp ist, wird stets zuerst am Zahnarzt gespart. Das ist Tradition in Italien.

   Seit 2008 steckt Italien in der Krise. Man hat sich so sehr an die Krise gewöhnt, dass sich die Laune der Italiener zuletzt wieder leicht aufhellt, obwohl die Zahlen des Statistikamts ISTAT weiterhin negativ sind. Nun wird am 4. Dezember über die von Premier Matteo Renzi vorgeschlagene Verfassungsreform abgestimmt, und man rechnet mit Ablehnung und, in der Folge, einem Kollabieren der unter faulen Krediten ächzenden Banken. Renzi hat versprochen, im Falle der Ablehnung zurückzutreten.

   Schon wartet in den Kulissen ein möglicher Nachfolger: niemand weniger als Silvio Berlusconi.  Altmeister Berlusconi, einst schmählich verjagt und vorbestraft, möchte noch einmal antreten.

   Er ist als Kandidat für die Nachfolge Renzis keine Witzfigur: seine Partei Forza Italia ist zwar stark geschrumpft und steht keineswegs einmütig hinter ihm, aber Berlusconi ist ein Renzi-Fan und könnte mit ihm zusammen eine Art Grosse Koalition Rechts-Links bilden, die bei Neuwahlen eine solide Mehrheit erwarten könnte.

   Das italienische Bürgertum scheint nach Renzi-Jahren bereit, jeden Schlawiner zu wählen, wenn er nur die Herrschaft der Linken beendet und Renzi entschärft. Renzi hat unklugerweise seine Regierung mit dem Ausgang des Referendums verknüpft. Das kann viele Leute, die gegen Renzi sind und die neue Verfassung an sich begrüssen würden, dazu bewegen, mit Nein zu stimmen, nur um Renzi loszuwerden.  

   Das Lager-Denken ist in Italien immer noch oder wieder enorm stark: eine Grosse Koalition würde eine echte Umwälzung bedeuten, gilt aber als aussichtsreiche Alternative zu einer Machtübernahme der Fundamental-Opposition der Fünf Sterne des Ex.Komikers Beppe Grillo, vor dem sich Links und Rechts gleichermassen (und berechtigterweise) fürchten.

Benedikt Brenner