In Aleppo bricht der Widerstand gegen die Regierungstruppen zusammen und Beobachter prophezeien das mögliche Ende des Aufstands in ganz Syrien. In Mossul sind die Islamisten des Kalifats umzingelt; sie können zwar noch Monate lang Widerstand leisten, doch irgendwann ist Schluss, so sich die Belagerer nicht verzanken.  In Syrien wäre Rakka, die sogenannte Haupstadt des Daesh, vielleicht schon erobert, wenn nicht türkisches Militär die Kurden und ihre arabischen Verbündeten am Vorrücken hindern würde.

   In Libyen halten spärliche Reste des Kalifats offenbar noch ein Viertel der Stadt Sirte besetzt, aber die Machtträume sind ausgeträumt. In Nigeria, Kamerun, Tschad und Niger ist Boko Haram auf dem Rückzug. In Somalia existiert Al-Shabaab nach wie vor, doch es reicht nicht zu mehr als einem Partisanenkrieg gegen die vom Westen gestützte Regierung. Nur auf dem Sinai führt Ansar Beit Al-Maqdis, jetzt “Sinai Provinz” des Kalifats genannt, weiterhin Krieg gegen die Regierung in Kairo, ohne jedoch mehr als lokale Erfolge und Attentate zu verbuchen.

   Der Traum der militanten Dschihadisten von der Eroberung Roms und der danach folgenden Weltherrschaft scheint ausgeträumt. Die zunächst von Fanatismus und barbarischer Grausamkeit überrumpelten Länder und Völker haben gelernt, den Dschihadis das Handwerk zu legen. Militärische Mittel in den von Milizen heimgesuchten Ländern und juristische und polizeiliche Vorkehrungen in den vom Terror betroffenen Staaten haben den Spielraum der Fanatiker langsam, aber doch wirksam eingegrenzt.

   Man zögert zwar, vom Licht am Ende des Tunnels zu sprechen, aber dass der Dschihadismus den Zenith seiner Macht überschritten hat, ist ziemlich sicher. Ist das ein Grund, sich zurück zu lehnen?

   Keineswegs, denn das Problem dauert fort, wenn auch in anderen Formen. Deutsche Dienste haben beispielsweise ermittelt, dass die Mehrzahl der aus Syrien und anderen Kampfgebieten Zurückgekehrten dem Islamismus keineswegs abschwört, sondern weiterhin die alte Umgebung der frommen Vereine und Moscheen aufsucht.

   Selbst wenn eines Tages Syrien und der Irak befriedet sein sollten, werden die überlebenden alten Kämpfer – so sie nicht in Gefängnissen sitzen – ein internationales Terrorpotential darstellen, ebenso wie es die militanten Tschetschenen noch viele Jahre nach der gewaltsamen Befriedung ihres Landes sind, stets bereit, sich einem islamistischen Aufstand irgendwo in der Welt zur Verfügung zu stellen: In Südasien, in Afrika, im Pazifik – wo auch immer. Eine Art extrem bewegliches, islamistisches Rollkommando.

   Ein weiteres Problem sind die enormen Mengen an Waffen, die in den Ländern verbleiben, tödliches Spielzeug für neue Jahrgänge wahrscheinlich frustrierter Jünglinge. Religion hin oder her, Dschihad hin oder her: allein die Existenz der Waffen dürfte dafür sorgen, dass diese Länder für lange Zeit nicht zur Ruhe finden werden.

   Auch wenn es gelingen sollte, die schlimmsten Brandherde der Gegenwart zu löschen – Syrien, Irak, Jemen, Nigeria – so verbleibt doch das Problem der heimlichen Drahtzieher hinter den Konflikten. Die Türkei, Saudi Arabien, Katar, die Emirate, Kuweit haben jahrelang die Dschihadisten gesponsert.

   Zwar mögen die Dschihadisten die Partie im wesentlichen verlieren: ihre Sponsoren jedoch werden weitermachen. Saudi Arabien und Katar werden weiterhin versuchen, die Welt von ihrer wahhabitischen Religion zu überzeugen. Die Türkei wird ebenso versuchen, überall im Nahen Osten Moslembrüder-Regierungen nach türkischem Muster zu installieren.

   In Ägypten und Syrien ging das zwar gründlich schief, aber in Libyen ist Ankara durch Waffenlieferungen und mehr äusserst bemüht, den Moslembrüdern in Tripolis zum Sieg über die Laizisten in Tobruk zu verhelfen. Wie die Erdogan-Regierung das macht, hat Abdullah Bozkurt soeben eindrucksvoll dokumentiert. Auch in Tunesien, Algerien und Marokko können sich die Brüder und ihre Freunde des türkischen Mitgefühls erfreuen. Die Hamas in Gaza ist ein enger Freund der türkischen Regierung. Dem islamistischen Regime im Sudan widmet die Türkei besondere Aufmerksamkeit, einschliesslich gelegentlicher Flottenbesuche für gemeinsame Manöver. 

   Fazit: Das sunnititische Expansionsstreben wird anhalten: zwar weniger brutal und grossmäulig als Daesh, al-Kaida & Co, doch ebenso penetrant. Während die Sunniten sich weiterhin bemühen, den Rest der Welt zu verärgern, ernten die Schiiten unter der Führung des Iran grosse Territorial- und Machtgewinne. Ohne jemand ausser den Sunniten zu ärgern. Soeben erreichen die Iraner ein grosses Etappenziel auf ihrem Streben nach der schiitischen Version der Weltherrschaft: das Ufer des Mittelmeers. 

Ihsan al-Tawil