Kürzlich frägt mich ein italienischer Leser im persönlichen Gespräch: warum berichtet die Deutsche Rundschau nie über deutsche Innenpolitik? Kein Wort über Merkel, die AfD, Seehofer, Gabriel?

   Meine Antwort kam spontan: Deutschland ist nicht interessant. Deutschland ist ein Land ohne grosse Probleme. Es hat die Wiedervereinigung geschafft, hat sie wirtschaftlich verkraftet. Sein Flüchtlingsproblem ist temporär: sobald Deutschland gelernt hat, als ein reguläres Einwanderungsland zu funktionieren und zwischen Flüchtlingen und Wirtschaftsmigranten zu unterscheiden, wird ihm die Einwanderung zum Vorteil gereichen.

   Mir scheint ziemlich gleichgültig, wer das Land regiert. Deutschlands Regierung wird stets das nationale Selbstverständnis repräsentieren: viereckig – praktisch – zuverlässig. Dass es neuerdings eine ernstzunehmende Rechtspartei gibt, zwingt die Mitte-Parteien, denen es Jahrzehnte lang zu gut ging, sich mehr anzustrengen.

   Dieses Deutschland ist ähnlich wie die Schweiz ein für Auslandskorrespondenten schlechtes Land  (Ich war eine Zeitlang Korrespondent in der Schweiz), weil es nicht genug gravierende Probleme gibt. Ein Grossteil der von Deutschen empfundenen Probleme sind in Wirklichkeit europäische, die entweder die EU oder die Eurozone betreffen.

   Das gilt für die illegale Einwanderung ebenso wie für Putins Drohungen und die Reformträgheit südlicher Mitgliedsländer. Doch diese Probleme manifestieren sich vor allem ausserhalb Deutschlands: Putins Aggressivität in Polen und im Baltikum; die Flüchtlingskrise in Italien und Griechenland; die Reformschwäche in den jeweiligen Ländern. Der politische Islam und der davon abgeleitete Terror betreffen Deutschland ebenso wie andere Länder in Europa und Übersee.

   Daher zeigt die Deutsche Rundschau wenig Interesse an deutschen Themen und Befindlichkeiten. Für diese Themen gibt es reichlich andere Medien, für die jedes Abgeordneten-Fehlverhalten, jede Kanzlerinnen-Reise und jede Provinz-Wahl wichtige Ereignisse sind.

--ed