Deutschland hat Probleme im Umgang mit dem Islam.  Seit 1960 hat die Zuwanderung von Moslems dazu geführt, dass der Islam zur drittgrössten Religionsgemeinschaft in Deutschland aufstieg. Seit Jahren wird gestritten, ob der Islam “zu Deutschland gehört” oder nicht. Die Predigten in den Moscheen und der Islamunterricht an Schulen sind heisse Themen. Wer darf predigen, wer darf unterrichten? Und in welcher Sprache? So erfindet Deutschland mühevoll eine Islampolitik, getrieben vor allem von CSU und AfD. Dabei ist so vieles, was in Deutschland diskutiert und verhandelt wird, anderswo längst als durchgeführte Politik gelebt worden, nicht ohne Erfolg: in der Sowjetunion.

   Edward Lemon, ein amerikanischer Spezialist für Religionsfragen in Zentralasien, beschreibt in unserem Artikel die nach anfänglicher Repression pragmatisch gewordene Islampolitik der Bolschewisten, ihre Ergebnisse und ihre Beibehaltung in den heutigen zentralasiatischen Staaten.

   Interessant ist dabei der Unterschied, den die Sowjets machten, zwischen “gutem” und “schlechtem” Islam, wie ihn beispielsweise die Salafisten praktizieren. Gehört Proselytismus zum “schlechten” Islam? Wahrscheinlich. Überträgt man das Denkschema auf eine Situation in einem muslimisch dominierten Land mit einer christlichen Minderheit. Dann würde analog Missionsarbeit “schlechtes” Christentum darstellen, vor allem, wenn der christliche Glaube heimlich praktiziert und gelehrt wird.

   Die Sowjets erkannten den Islam zwar als kulturelles Erbe der asiatischen Völker an, fürchteten ihn aber als potentiellen Rivalen oder Kritiker des laizistischen Staats. Nur staatliche Imame predigten daher in staatlichen Moscheen und lehrten staatliches Gedankengut in staatlichen Medressen. Mit einigem Erfolg: noch heute hat der Salafismus in Zentralasien relativ wenige Anhänger.

   Die Gestalter deutscher Islampolitik könnten erkennen, wessen Rezepten sie folgen, wenn sie sich in die Geschichte des Umgangs der Sowjets mit ihrer muslimischen Minderheit vertiefen würden. 

Ihsan al-Tawil