Neapel, vor allem der Stadtteil Scampia, geniessen seit Roberto Savianos Buch und Film “Gomorra” den fragwürdigen Ruf, Italiens kriminellste Metropole zu sein. Vor allem die stolzen Römer rümpfen gerne die Nase über ihre nur 200 Kilometer südlicher lebenden Nachbarn.

   Vielleicht sollten sie vorsichtig sein, denn in jüngster Zeit häufen sich Nachrichten aus Rom und seinem Umland, die der Ewigen Stadt nicht zur Zierde gereichen. Es fing an mit der Aufdeckung einer Bande in Nadelstreifen, die als Mafia Capitale die Stadtverwaltung jahrelang regelrecht ausgeplündert hat, während wichtige Politiker wegschauten. Ein Buch und ein  Film namens Suburra, nach dem ehemaligen Gladiatorenviertel hinter dem Kolosseum benannt, thematisierten die Rolle einer Bande mit Bezug auf das Kapitol, den Sitz der Stadtverwaltung, den Vatikan und die Mafia.

   Während die Chefs der Mafia Capitale (die übrigens nicht als eine echte Mafia, sondern nur als eine Bande gilt) im Gefängnis sitzen, operieren andere Banden ungeniert weiter. Als echte Mafia wurde kürzlich eine Sinti-Gruppe charakterisiert, die sich die Sozialwohnungen in Roms Hafenstadt Ostia unter den Nagel gerissen hat und lukrativ vermietet. Der Clan Spada übernahm die Herrschaft in Ostia, nachdem ein vorheriger Clan, die Fasciani, ausgehoben wurde und ein weiterer Clan, die Baficchio-Galleoni, an Macht einbüsste.

   Der Trick ist ganz einfach: die rechtmässigen Bewohner der Sozialwohnungen werden so lange unter Druck gesetzt und bedroht, bis sie freiwillig ausziehen und es den Spada damit ermöglichen, ihre Freunde und Klienten mit Hilfe bestochener oder erpresster Beamter unterzubringen. Wer dem Druck zu lange widersteht, dem wird auch schon mal ins Bein geschossen – gambizzare –, wie die uralte Mafia-Methode heisst. Zwischen 2011 und 2015 soll der Clan 40 Sozialwohnungen durch Einschüchterung erlangt haben, wie das Tribunal von Rom in einem Urteil feststellte. Übrigens ist es nicht unwichtig, ob ein Clan als Bande oder als Mafia eingestuft wird: im letzteren Fall können weitaus härtere Strafen verhängt werden.

   Nicht nur in Ostia beherrscht die Kriminalität eine ganze Siedlung: Corviale heisst das angeblich längste Gebäude Europas, ein einen Kilometer langer neunstöckiger Sozialbau, der einst als Mustersiedlung gedacht war, aber durch eine Serie von Missgeschicken der Kriminalität anheim fiel. 1280 Wohnungen für 7000 Personen. In einer Nacht 1982 besetzten 700 Personen kollektiv ein Stockwerk des Monstergebäudes und zahlen seither weder Miete noch Gebühren. Vier Fünftel der Bewohner von Corviale – darunter viele Ausländer und gesuchte Vorbestrafte -- leben illegal im Gebäude, zapfen die Stromleitungen an und lassen sich von neofaschistischen Kriminellen vor dem Staat schützen. Im Austausch müssen sie den Drogenhändlern Verteilerdienste leisten. Ein Boss, Er Palletta genannt, bestimmt alles und handelt nicht nur mit Drogen, sondern auch mit Wohnungen wie in Ostia. Laut Römer Zeitungen “verkaufte”er kürzlich eine Sozialwohnung an ein Ausländerpaar für 20.000 Euro plus Drogenverteildienste.

   In Primavalle, einem anderen Gebiet der römer Peripherie, befehden sich zwei verfeindete Roma-Lager. Im einen Lager verbrennen sie alte Haushaltsgeräte, um daraus Kupfer zu gewinnen und zerlegen gestohlene Autos für Ersatzteile und den Export nach Osteuropa. Von dem anderen Lager wird behauptet, es sei auf Diebstähle von Gepäck in Autobussen am Vatikan spezialisiert. Mitunter soll auch ein ganzer Autobus gestohlen worden sein, um bequemer ans Gepäck zu gelangen. Doch bewaffnete Raubüberfälle, Taschendiebstähle und unerlaubter Handel auf Gehwegen gehören auch zum Repertoire.

   Im Fortino Bastogi 1, einem geschwungenen, 16-stöckigen Gebäude von Primavalle, das früher als Residenz diente, wohnen hauptsächlich Kriminelle und Ausländer. Polizisten wagen sich nicht in den Bereich, denn die auf der Strasse spielenden kleinen Kinder rufen Alarm, wenn sich ein unbekanntes Fahrzeug nähert. Traut sich ein Polizeiauto in den Innenhof, so hagelt es aus den Fenstern nicht nur Mülltüten, sondern auch Toiletten, Waschbecken und andere Gegenstände. Im Nu ist das Fahrzeug demoliert.

   Was in Frankreichs Grosstädten die banlieue ist, sind in Rom die notleidenden periferie. Rom ist ein Moloch: riesig und unübersichtlich, der Malavita und Illegale magisch anzieht. In Rom kann man sich unter Gleichgesinnten verstecken. Man findet für wenig Geld eine Unterkunft, allerdings verkommen und niedrigsten Standards, und die Kriminellen brauchen immer Arbeitskräfte, die fleissig sind, keine Fragen stellen und kein Risiko scheuen. Die Unterwelt sorgt für ihre Leute besser als der Staat, heisst es. 

Benedikt Brenner