Im Dunst eines weitgehend respektierten Waffenstillstands werden die Konturen eines neuen Syriens sichtbar. Die Teilung des Landes in mehrere verfeindete Zonen scheint unvermeidbar. Zone I dürfte Assadstan sein, das dicht besiedelte Kerngebiet zwischen Damaskus, Jordanien und Libanon, über Homs und Hama und die Provinz Latakia bis nach Aleppo reichend. Zone II wäre ein islamistisch regiertes Gebiet im Norden und Osten, das jetzt von islamischen Milizen und dem Daesh beherrscht wird. Zone III wäre das entlang der Grenze zur Türkei und dem Irak gelegene autonome Kurdengebiet.

   Der Traum der Türkei, sich in Syrien eine eigene Zone auf Kosten der Kurden und des Daesh zu errichten, kann als gescheitert gelten. Das von Säuberungen geschwächte türkische Militär, dessen wehrpflichtige Rekruten wenig Kampfgeist zeigen, ist von den um ihre Existenz kämpfenden, kriegserfahrenen Daesh-Fanatikern und den Kurden böse gebeutelt worden; die deutschen Leopardpanzer der Türken hielten den russischen Abwehrwaffen des Daesh nicht Stand.

   Bleiben also als wichtigste Trümmer des alten Syrien Zone I und Zone II. Die Zone II, die man auch Dschihadistan nennen könnte, wird voraussichtlich ein streng salafistisches Gebilde sein, das zwei Komponenten umfasst: die Dschihadisten vom Typ Al-Qaeda, die sich als stärkste Widerstandsgruppe erwiesen haben, und die überlebenden Kämpfer des Daesh, die nach der schrittweisen Zerstörung ihres Kalifats durch die Koalition, die Iraker und die Kurden eine neue Heimat suchen und bei den Vettern von Al-Qaeda finden werden.

   Zone I, das unter russisch-iranischer Kuratel stehende Kernland der Assads, ist der Teil Syriens, der die profundeste Änderung durchmacht, wie wir das bereits 2013 erwartet haben:

“ Das Assad-Regime hat sich seit Jahrzehnten eine Strategie zu eigen gemacht, die auf die Praxis der Franzosen während der Mandatszeit zurückgeht, nämlich jeden Widerstand mit äusserster Brutalität nieder zu schlagen, einschliesslich der Auslöschung ganzer Bevölkerungsteile. Die 60.000 bisherigen Toten des Konflikts sind nach Assad'schen Masstäben vermutlich nur ein Vorgeschmack auf das, was eintritt, falls das Regime den Sieg erringt. Daran, dass Assad bereit ist, grosse Teile des Volkes zu opfern, kann nicht gezweifelt werden. Bürgerkriege, die mit solcher Härte geführt werden, gehen oft erst dann zu Ende, wenn ein Drittel der Bevölkerung tot ist. “

   Dass Assad nicht nur "grosse Teile des Volkes opfert”, sondern auf eine Art von Genozid abzielt, wurde später klar. Im August 2016 schrieb die Rundschau:

“Bombardements von Krankenhäusern um zu verhindern, dass Verwundete kuriert werden, Bombardements von zivilen Vierteln mit Streubomben, um möglichst viele Zivilisten zu töten, Aushungern von belagerten Städten, Zerstörung von Wasserleitungen und Elektrizitätswerken, Behinderung von Hilfstransporten, Konfiszierung von medizinischem Material, damit die Kranken nicht versorgt werden können, angebliche Feuerpausen, die nicht eingehalten werden, Giftgas-Einsätze : eine Strategie, die sich gerade jetzt in Aleppo wieder manifestiert. Mangels eines besseren Ausdrucks kann man eine solche Strategie nur versuchten Genozid nennen.”

   Ergebnis des Genozids ist die Entvölkerung des am meisten betroffenen Kriegsgebiets, also vor allem das Umland von Homs, der Wiege des islamischen Widerstands gegen die Assad-Herrschaft, aber auch das Umland von Damaskus, das Gebiet zur libanesischen Grenze hin, und – last but not least – Aleppo.

   Entvölkerung ist ein relativer Begriff in einem Land wie Syrien, von dem es heisst:

“Wer die Hintergründe des Bürgerkriegs verstehen will, muss sich die Demografie ansehen. Syrien, ein prinzipiell armes Land mit grossen Wüstenzonen und ein bisschen langsam versiegendem Petroleum, leistet sich ein rekordnahes Bevölkerungswachstum. Seit 1935 hat sich die Bevölkerung auf 23 Millionen verzehnfacht. Erst seit 1995 ist die Geburtenrate von in Afrika üblichen Niveaus auf weniger als 30 Promille pro Jahr gesunken. Bis 1990 lag die Wachstumsrate der Bevölkerung stets über 30 Promille im Jahr, auch jetzt liegt sie noch über 20 Promille. Explosion ist in der Tat die beste Bezeichnung für Syriens demografisches Dilemma.”

   Für Assad besteht also die Gefahr, dass das systematische Morden der frommen sunnitischen Bevölkerung umsonst war, weil sich binnen weniger Friedensjahre die Bevölkerung im Gefolge eines Nachkriegs-Babybooms rapide wieder auffüllen würde und seine Sippe irgendwann erneut gegen die Moslembrüder und ihre Gesinnungsfreunde kämpfen müsste.

   Daher muss Assad verhindern, dass die im Ausland und vor allem die im Inland befindlichen Flüchtlinge wieder in ihre Heimat zurückkehren. Eine umfassende Kampagne, Flüchtlinge auszusperren, ist daher bereits seit Monaten im Gange. In den Tälern zwischen Damaskus und dem Libanon werden, wie der Guardian berichtete, die leerstehenden Häuser an Schiiten vergeben, die aus anderen Gebieten Syriens und aus dem Irak hergebracht wurden.

   Der Irak, selbst ein Land mit grossem demografischen Überdruck, könnte ohne weiteres Hunderttausende Schiiten nach Syrien "exportieren”. Ihnen bietet Assadstan ein gelobtes Land: kostenlosen Grundbesitz, eine arabische Umgebung mit jahrtausende-alter Kultur und zahlreichen religiösen Schreinen, die den Schiiten heilig sind, wie etwa die Sayeda Zainab-Moschee in einem Vorort von Damaskus, in der nach schiitischem Glauben die Enkelin des Propheten und Tochter des schiitischen Religionsgründers Imam Ali, begraben ist.

   Der Guardian zitiert libanesische Beamte, die verfolgt haben, wie in den vom Assad-Regime zurückeroberten Gebieten die Katasterämter systematisch abgefackelt wurden, damit heimkehrende Flüchtlinge kein Grundeigentum mehr geltend machen können. In Vierteln von Homs und an anderen Orten sei die Bevölkerung – so weit sie nicht geflohen war – vertrieben worden und Rückkehrern sei der Zugang verboten worden, weil sie nicht nachweisen konnten, dass sie dort gewohnt haben.

   Drei Beteiligte des syrischen Kriegs sind daran interessiert, ein schiitisches Bollwerk gegen die Sunniten zu errichten: Assad als Alawit, einer Schia-nahen Sekte;  die für ihn kämpfende Hezbollah, eine mächtige libanesische Schia-Miliz; und Assads Verbündeter, der schiitische Iran, der vor allem mit afghanischen Söldnern für Assad kämpft. Schiiten aus Afghanistan und Pakistan werden mit dem Versprechen eines Monatssolds von 500 Dollar und einem Aufenthaltsrecht geködert. Sie kämpfen in Syrien teilweise in der Fatemiyoun-Brigade, einer von iranischen Revolutionswächtern kommandierten Einheit, die sich in Aleppo und seinem Umland durch besondere Grausamkeit auszeichnete.

   Den geflohenen Syrern bietet das neue Syrien wenig Grund zu Hoffnung. Wollen sie an ihren Heimatort zurückkehren, so haben sie die Wahl zwischen einem rachsüchtigen Assad-Regime, das sie nicht haben will, und einem dschihadistischen System, das die Scharia mittelalterlich anwendet und dem Takfir-Prinzip folgt, das jede religiöse Abweichung mit dem Tod bestraft. Eine Wahl zwischen Scylla und Charybdis.

   Für Europa heisst das, dass Hunderttausende syrischer Flüchtlinge wohl da bleiben werden, wo sie jetzt sind, und dass möglicherweise weitere Tausende aus Syrien fliehen werden, wenn dort endlich ein Frieden der Erschöpfung herrscht. Das bedeutet das Ende der naiven Vorstellung europäischer Politiker, dass die meisten Syrer -- wie ehemals die Balkanflüchtlinge -- heimkehren würden, sobald Frieden eingetreten ist. 

Ihsan al-Tawil