Deutschland soll sich zusammen reissen. Soll sich nicht respektlos gegenüber der türkischen Justiz verhalten. In diesem Tonfall kritisierte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan die von der deutschen Regierung verkündeten Warnungen an Reisende, in der Türkei tätige Firmen und potentielle Investoren.

   Es lohnt sich, den Stil der Erdogan’schen Kritik genauer zu betrachten als den Inhalt seiner Aussagen. Der Tonfall ist der eines Vaters, eines Erziehers, der ein Kind tadelt. Die Perspektive ist von oben herab. Das mag in Berlin lächerlich anmuten, mag auf Kommentatoren in den Medien “irrational” wirken. Indes ist dieser Stil weder lächerlich, noch irrational noch bizarr. Er zeigt vielmehr die Psyche eines Präsidenten, der – von seiner Umgebung ungebremst – ähnlich outriert wie sein Gegenstück in Washington es auf Twitter und in Interviews tut.

   Bei dem Versuch, Erdogans Stil zu verstehen, sind zwei Aspekte bedeutsam: einer ist seine allgemeine Weltschau, der andere sein besonderes Verständnis Deutschlands.

   Amerikanische Politiker und auch Präsidenten werden oft wegen ihrer geringen Weltkenntnis, und daraus resultierend ihrer Überbewertung der USA, verspottet. Trump ist wegen seiner internationalen Hotelkette eine löbliche Ausnahme.

   Erstaunlicherweise leidet Erdogan als Chef der relativ kleinen Türkei trotz seiner zahlreichen Reisen an einer ähnlich schiefen Optik. Er sieht die Türkei als enorm gross an und andere Staaten als wenig bedeutend. Das zeigte sich, als er den irakischen Premier Haider al-Abadi – immerhin Regierungschef eines 33-Millionen-Landes – wie einen Dienstboten abkanzelte, indem er ihn aufforderte, seinen Platz zu kennen.#) Auch seine Einlassungen zur Qatar-Krise in Richtung Saudi-Arabien – ebenfalls ein 33-Millionen-Land – zeigen wenig Respekt.  Dass die Araberliga ex definitione die Türkei ausklammert, erregt seinen ohnmächtigen Zorn.

   Nur zwei Länder in seiner Region erkennt er als gleichrangig an und respektiert sie: Russland und Iran. Deutschland ist für ihn (und manche anderen Türken) eine Kolonie, eine Art extraterritoriale Provinz der Türkei, in der man als Präsident Hausrecht hat und Weisungen erteilen kann. Berlin und das Ruhrgebiet sind türkische Agglomerationen, in denen sich Erdogan ebenso zuhause fühlt wie in Izmir oder Diyarbekir. Deshalb ist er empört, wenn ihm und seinen Ministern neuerdings freie Einreise und öffentliche Auftritte verweigert werden. Woher nimmt die Berliner Regierung das Recht, ihm zu verbieten, seine Bürger zu besuchen und mit ihnen zu sprechen?  Dass ein wachsender Teil dieser “Bürger” längst einen deutschen Pass hat, schert ihn nicht, denn für ihn bleiben sie und ihre Kinder und Kindeskinder für immer Türken, die man ermutigen muss, sich nicht zu assimilieren, sondern ihr Türkentum und ihren Glauben stolz zu bewahren.

   Dass Bundesaussenminister Sigmar Gabriel eben diesen Deutschtürken nun ihre Zugehörigkeit zu Deutschland versichert hat, war natürlich ein Fehler. Erstens kommt diese Zusicherung reichlich spät, nach Jahrzehnten nur mühsam unterdrückter Xenophobie vor allem in den christlichen Parteien. Zweitens lässt Gabriels ungefragte Verlautbarung vermuten, dass Berlin mit weiterer Eskalation im Verhältnis zu Ankara rechnet und erwartet, dass Erdogan als nächsten Schritt die Deutschtürken als Fünfte Kolonne gegen Berlin mobilisieren wird. Dass ein Streik der Dönerbuden und der Supermarktkassierer die Deutschen eher amüsieren als erschüttern würde, muss auch Erdogan vermittelbar sein. Doch eine mit aller Macht der Imame, ihrer Moscheen und der Verbände bundesweit etablierte Türken/Moslempartei könnte nicht nur in Berlin und Nordrhein-Westfalen herkömmliche Verhältnisse in Frage stellen. Daher Gabriels vorauseilende Umarmungsstrategie.

   Erdogan wird nicht aufhören, seinen alten Weggenossen und neuen Glaubensfeind Fethullah Gülen in Deutschland zu bekämpfen. Fraglos gibt es ziemlich viele Leute in Deutschland, die – ohne formell Gülenci zu sein -- dem Prediger nicht ohne Sympathie gegenüber stehen. Tausende sind durch seine Schulen gegangen und haben davon profitiert, ohne selbst militante Moslems zu werden. Jedenfalls Leute, die die heutige Hexenjagd gegen die Gülen-Anhänger verurteilen. Dass Gülen nach der Macht in der Türkei strebte, dass sein Geheimbund skrupellos Gegner aus dem Weg räumte, mag dem Absolventen einer Gülen-Schule im Ausland unbekannt sein. Manche mögen auch erst im Gefolge der Erdogan’schen Ausrottungsstrategie Gülen-Sympathisanten geworden sein. Wie auch immer: Erdogan wird versuchen, Berlin unter immer grösseren Druck zu setzen, die Gülen-Bewegung zu verbieten. Dabei sind ihm die wirtschaftlichen Daumenschrauben, die die deutsche Regierung und Brüssel ihm anlegen können, herzlich egal. Die türkische Wirtschaft ist stark, und wenn die Türken unter Sanktionen leiden müssten, so kann das sie nur in ihrem Glauben und ihrer Vaterlandsliebe bestärken. Kuba, Vietnam und Nordkorea haben gezeigt, wie man mit Sanktionen jahrzehntelang existieren kann.

   In Berlin und Brüssel gibt man sich der Illusion hin, mit Sanktionen könne man Erdogan zum Einlenken zwingen. Dabei lässt man die Persönlichkeit des türkischen Staatslenkers ausser Acht. Man erwartet, dass er auf die Strafmassnahmen wie ein normaler, gebildeter, verantwortungsbewusster Europäer reagiert. Doch Erdogan ist all das nicht. Er ist ein religiöser Fanatiker und ethnopolitischer Nationalist. Seine Abneigung gegen den christlichen Westen basiert nicht auf Bildung: kürzlich sprach er von 50 Millionen Türken und seine Entourage musste ihn verlegen korrigieren: es gibt 80 Millionen Türken.

   Er sieht sich als von Gott gesandt mit der Mission, den sunnitischen Islam zum Sieg über den Westen und seine Kultur zu führen. Die Türken sind dabei das auserwählte Volk und die Vorkämpfer aller Sunniten. Um den Türken ihre historische Rolle und Aufgabe klar zu machen, muss die Hinterlassenschaft eines Jahrhunderts Atatürk’scher Zwangs-Verwestlichung getilgt werden. Die Religion muss in alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens vordringen. Alle, die sich dem widersetzen, müssen eliminiert werden. Sind sie erst mundtot gemacht, wird niemand mehr die Herrschaft der Frommen und Patrioten kritisieren oder untergraben. Dann wird die Türkei geschlossen hinter ihrem grossen Führer stehen und nichts wird den Sieg des Islam über den Westen und das Christentum behindern.

   Soweit die strategische Vision. Was die Taktik anlangt, erlaubt der Islam in der Verfolgung seiner Ziele die Verwendung von Kriegslisten und sogar die Verleugnung des Glaubens, wenn es langfristig nutzt. Da Erdogan ein gewiefter Taktiker ist, sollte man sich in Berlin und Brüssel fragen, ob er nicht den Zwist mit Europa bewusst herbeigeführt hat, um sein Volk in die gewünschte Richtung zu drängen. Dann wären Reaktionen wie die von Gabriel oder Österreichs Aussenminister Sebastian Kurz hilfreich für Erdogan, würden ungebeten seine Arbeit verrichten.

   Vielleicht ist es ihm ganz recht, wenn Antalyas Strände leer sind, frei von Bikini-Damen und westlichem Geplärr in den Diskos. Vielleicht würde er gerne den Tourismus auf ein Minimum beschränken und hätte, wenn überhaupt, lieber Russen als Deutsche im Land. Vielleicht könnte er mit weiteren Provokationen Berlin zwingen, eine Reisewarnung für die Türkei auszusprechen. Oder gar die Beziehungen einzufrieren.

   Den USA wird es wahrscheinlich gelingen, den Islamischen Staat ganz ins Mittelalter zurück zu bomben. Was ihnen nicht gelingen wird, ist, den enormen Eindruck zu mindern, den die Schreckensherrschaft des Daesh in den Gehirnen von Milliarden Moslems erzielt hat. Auf Jahrzehnte, vielleicht auf Generationen hinaus, hat das Experiment der Wiederbelebung eines kruden Urzeit-Islams das religiöse Empfinden, das Selbstverständnis der Frommen verändert. Kann man sich noch als fromm ansehen und bezeichnen, wenn man Koran und Scharia weniger radikal interpretiert als Kalif al-Baghdadi & Co.? Darf man sich in der Frömmigkeit vom Daesh rechts überholen lassen? Muss man nicht anerkennen, dass Baghdadi & Co eine wichtige Schlacht gegen den Westen geschlagen haben? Muss man ihnen nicht doch ein wenig nacheifern, weil manches richtig war, was sie sagten? *)

   Solche Zweifel nagen wohl an vielen gläubigen Sunniten. Einer von ihnen dürfte Erdogan sein. Nicht erst seit der Verkündung des Kalifats und den Terroranschlägen in der Türkei schwankt Ankara in seiner Haltung gegenüber den Radikal-Islamisten von Mossul und Raqqa. Bewunderung, Hilfsbereitschaft und Abscheu bildeten ein explosives Gemisch. Man geht wohl nicht fehl, in dieser Gemengelage den Gemütszustand Erdogans und seiner Partei zu erkennen. Was den Westen anlangt, so sollte dieser zur Kenntnis nehmen, dass sich Erdogan und seine Leute in den Jahren seit 9/11 schrittweise einem radikaleren Glaubensverständnis angenähert haben, dass sie Denkschemata übernommen haben, die von al-Qaeda und Daesh in die sunnitische Welt gesetzt wurden.

   Vieles spricht dafür, dass der Erdogan von heute ganz anders ist, als er noch vor wenigen Jahren war. Und dass es schwierig ist, mit einem von den Moslembrüdern regierten Staat irgendeinen Umgang zu pflegen. 

Ihsan al-Tawil

 

 

*)   "Während die Opposition verfolgt wird, rückt die AKP näher an radikalislamische Organisationen, IS-Kämpfer werden aus der Haft entlassen." (Heise Telepolis)

 

#Erdogan über Gabriel: „Wer sind Sie, dass Sie so mit dem Präsidenten der Türkei reden?“, sagte Erdogan am Samstag in einer im Fernsehen übertragenen Ansprache an die Adresse Gabriels. „Beachten Sie Ihre Grenzen!“, mahnte Erdogan den Bundesaußenminister. ...Wiederum an den Bundesaußenminister gerichtet fügte Erdogan hinzu: „Wie lange sind Sie eigentlich in der Politik? Wie alt sind Sie?“