Stunden, manchmal Tage zuvor wissen die Spezialisten des Meeresrettungs-Zentrums in Rom bereits, wann die Schmuggler ihre menschliche Fracht von Ägyptens Küste losschicken werden. Sie kennen auch den Hafen, Abukir oder Rasheed – auch bekannt als Rosetta, Fundort des berühmten Steins – sie kennen den Namen des Schmugglerbosses und manchmal sogar den des Kapitäns.

   Die Überwachung des Nachrichtenverkehrs der Schmuggler liefert der italienischen Küstenwache  Einblicke in das gegenwärtig profitabelste Gewerbe des Nahen Ostens. Die Schlepper werden zwar öfters gefangen, kommen nach kurzem Arrest in italienischen Gefängnissen (“Ferien in Sizilien”) wieder frei und machen weiter.

   Die Bosse aber werden nie gefasst:

  • Fuad Abu Hamada, ein Syrer, der in Alexandrien arbeitet (400 Tote, weil ein Konkurrent das Schiff wegen eines Streits gerammt hat);  
  • Ermias Ghermay, ein Äthiopier, der in Ägypten eine multinationale Migrantenspedition spezialisiert in Eritreern, Sudanesen und Libyern leitet (366 Tote)
  • Jamal Saoudi, ein Eritreer mit sudanesischem Pass, der in Zuwara (Libyen) operiert:

das sind einige der grossen Schmuggel-Bosse, die Tausende nach Europa und hunderte in den Tod geschickt haben.

   Von Fuad Abu Hamada kennt man nicht nur sein Gesicht, sondern auch sein Bürohaus in Alexandrien, wo er seine besten Kunden bis zur Abfahrt unterbringt. Er unterhält Filialen in Syrien und Cisjordanien.

   Die Namen der Verbrecher sind bekannt: Italien hat internationale Haftbefehle für sie ausgestellt – und nichts passiert. Ägypten mauert, die Türkei mauert trotz ihrer angeblichen Zusammenarbeit mit der EU, in Libyen gibt es drei Regierungen, die sich gegenseitig blockieren.

   Die Italiener sind besonders verbittert über Ägyptens Unwilligkeit, mitzuarbeiten, von wo laufend Schiffe mit dem Autopiloten oder mit einem Kind am Ruder Richtung Italien abgeschickt werden, die Hunderte transportieren. Und das, obwohl Ägypten im Jahr 2000 die UN-Konvention gegen die organisierte transnationale Kriminalität unterzeichnet hat.

   Kairo und Ankara schützen die grossen Schmuggler, sagt die italienische Zeitung Il Fatto Quotidiano, denn der Menschenschmuggel ist eine Industrie von 5-6 Milliarden Dollar, die profitabelste im Nahen Osten, wie Europol für 2015 errechnet hat.

   Alte Fischerkähne werden aufgekauft, in Werften für den Schmuggel hergerichtet. Die 220 namentlich bekannten Schmuggler betreiben auch andere Geschäfte, Drogenhandel, Dokumentenfälschung und Ausbeutung von Arbeitskräften.

   Mit billigem aus China importierten Material werden in Libyen schlecht und recht die berüchtigten Schlauchboote zusammengeleimt, die sich im Wasser auflösen. Europol schätzt, dass in Libyen derzeit 400.000 Afrikaner auf die Überfahrt warten und weitere 400.000 in Anreise aus dem Nahen Osten und dem Sahel  sind.

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 Es gibt Hinweise, dass die Schlächter des Daesh (IS) und die Schmuggler zusmmenarbeiten. In seinem Gebiet in Libyen erhebt Daesh angeblich Weggelder von den Migranten.

   Italiens Küstenwache und Strafverfolgung beklagen, dass die gegenwärtig im Mittelmeer operierenden internationalen Missionen Frontex, Mare sicuro und Sophia nicht annähernd so viel Informationen über das Schleppergeschäft sammeln, wie das früher die rein italienische Operation Mare Nostrum tat.

   Die internationalen Massnahmen zielen allein auf die Rettung Schiffbrüchiger ab und kümmern sich nicht um die Verkehrswege, zitiert Il Fatto die italienische Justiz. “Mare Nostrum verfügte über U-Boote, Drohnen und in grosser Höhe arbeitende Aufklärungsflüge, die bis an die Küsten Ägyptens heran fotografierten und aufzeichneten".

   Diese Informationen fehlen heute, meinen die Italiener, wenn man den Menschenschmuggel bekämpfen will, der immerhin rund 90 Prozent aller illegalen Einwanderer nach Europa liefert.

Benedikt Brenner

Update

Einer der meistgesuchten Menschenschleuser ist im  Sudan festgenommen und von Khartum nach Rom ausgeliefert worden. Der aus Eritrea stammende Mered Yehdego Medhane gelte als Schlüsselfigur beim Schmuggel von Flüchtlingen aus Afrika in Richtung Europa, teilte die italienische Polizei mit. Nun soll er in Italien vor Gericht gestellt werden.

 

Update II

Irrtum. sagen Eritreer. Der Ausgelieferte ist nicht der Schleuser, sondern ein Anderer: Mered Tesfamariam, 28 Jahre alt, ein unschuldiger Flüchtling, der sich in Khartum befand.