Genozid droht in Syrien. Nicht Mord an einem Volk, sondern Mord an seiner religiösen Mehrheit: im Falle Syriens den Sunniten.

   Immer klarer sind die Fronten geworden: auf einer Seite die sunnitischen Aufständischen und ihre vermuteten Sympathisanten, auf der anderen eine Koalition von Laizisten unterschiedlichster Couleur und nicht-sunnitischen Moslems.

  • Die laizistischen Amerikaner, von Europäern unterstützt, bekämpfen zusammen mit den laizistischen (weil krypto-kommunistischen) Kurden der YPG den Islamischen Staat, den “Daesh”.
  • Die laizistischen Russen bekämpfen, zusammen mit dem Chef der laizistischen Baath-Partei, Bashar al-Assad, alle Islamistenmilizen.
  • Die schiitischen Libanesen der Hezbollah-Miliz bekämpfen alle Feinde Assads, vor allem also die sunnitischen Islamisten.
  • Die schiitischen Iraner und Iraker bekämpfen mit ihren Vasallen, den zwangsrekrutierten Afghanen, ebenfalls Assads Feinde.
  • Die sunnitischen Islamisten dominieren den Aufstand gegen Assad. Nicht-islamistische Milizen gibt es fast nicht mehr. Die Islamisten werden unterstützt von Saudi-Arabien, Qatar und anderen Emiraten, sowie von einer syrischen Diaspora. Bislang war die Türkei ebenfalls Unterstützer, Rückzugs- und Durchgangsland aller Islamistenmilizen.

   Fazit: Laizisten und Schiiten gegen Sunniten.

   Bürgerkriege sind in der Regel sehr blutig. Religionskriege noch mehr. Doch der seit fünf Jahren anhaltende Syrienkrieg ist besonders grausam. Warum?

   Syrien ist durch seine Geschichte im 20. Jahrhundert gezeichnet. Die Franzosen als Kolonialmacht (1921-43) schlugen Aufstände mit brutaler Härte nieder. Mit gleicher Härte behandelte Hafez al-Assad, der Vater des jetzigen Präsidenten, Aufstände in seiner Regierungszeit. Da es in beiden Fällen gelang, der Rebellionen gründlich Herr zu werden, ist es nicht verwunderlich, dass Assad junior ebenfalls mit Brutalität reagierte, als der Aufstand gegen ihn 2011 losbrach. Als der Erfolg ausblieb, versuchte er es kurz mit Milde, vergeblich, und kehrte dann zu noch grausamerer Kriegsführung zurück.

   In Wladimir Putin fand Assad einen Sympathisanten. Auch Putin kennt das Problem des sunnitischen Islamismus vor allem im Kaukasus und löste es, zumindest mittelfristig, mit brutaler Unterdrückung. Ähnlich die Lage im Iran, wo Unterdrückung der sunnitischen Minderheit ein Grundprinzip des Staates ist. Die drei Herren – Assad, Putin und Ayatollah Chamenei – waren sich rasch einig, dass angesichts des Umfangs des syrischen Islamismus und seiner geopolitischen Bedeutung gewöhnliche Unterdrückung nicht ausreicht: eine neue Politik musste her. Wie sie aussieht, kann täglich besichtigt werden.

   Bombardements von Krankenhäusern um zu verhindern, dass Verwundete kuriert werden, Bombardements von zivilen Vierteln mit Streubomben, um möglichst viele Zivilisten zu töten, Aushungern von belagerten Städten, Zerstörung von Wasserleitungen und Elektrizitätswerken, Behinderung von Hilfstransporten, Konfiszierung von medizinischem Material, damit die Kranken nicht versorgt werden können, angebliche Feuerpausen, die nicht eingehalten werden, Giftgas-Einsätze : eine Strategie, die sich gerade jetzt in Aleppo wieder manifestiert.

   Mangels eines besseren Ausdrucks kann man eine solche Strategie nur versuchten Genozid nennen.

   Aber warum lässt man die Bevölkerung für die aufständischen Islamisten büssen? Weil die drei Herren offenbar der Meinung sind, dass die sunnitische Mehrheitsbevölkerung (die religiösen Minderheiten – vor allem Christen und Juden -- sind längst geflohen oder ermordet) mit den Islamisten sympathisiert und ihr Reservoir an Nachwuchs darstellt.

   Diese Vermutung kostet Hunderttausende das Leben und stürzt Millionen ins Unglück.

   Ganz falsch ist die Vermutung jedoch nicht. Seit 1954 regiert die laizistische Baath-Partei Syrien samt einer Bevölkerung, die in ihrer Mehrheit zunehmend religionsbewusster wird und ein System ablehnt, das sich auf die religiösen Minderheiten und das Militär stützt. Zwischen 1976 und 1982 veranstalteten die Moslembrüder eine Serie von Anschlägen gegen den Baath, die religiösen und politischen Minderheiten, und gegen das Militär. In Aleppo wurden 83 alawitische Kadetten der Militärschule getötet. 1979 glaubten die Moslembrüder, die Zeit sei nun reif für einen sunnitischen Gottesstaat und ermordeten 300 Mitglieder der Baath-Partei in Hama. Jedesmal schlug die Regierung mit Härte zurück. 1982 wagten die Moslembrüder das letzte Mal den Umsturz in Hama; die Stadt wurde vom Militär 27 Tage lang belagert; der Rache des Regimes fielen geschätzt 10.000 bis 40.000 Menschen zum Opfer. Danach herrschte gespannte Ruhe bis 2011.

   Der selbstmörderische Fanatismus der Moslembrüder, ihre Fähigkeit, jede Ausrottungsaktion zu überleben und erneut massiert aufzutreten, die Unterstützung, die sie bei den sunnitischen Massen fanden – all das trug zweifellos zu der Repression und paranoiden Überwachung bei, mit der der Staat reagierte. Dem lemminghaften Streben der Brüder nach dem Gottesstaat stand eine ähnlich fanatische Ablehnung gegenüber. Die von dem Christen Michel Aflaq gegründete links-nationale Baath-Partei und ihre politischen und religiösen Verbündeten wollten sich das durch die kolonialen Jahrzehnte stark französisch geprägte Land nicht von den Islamisten wegnehmen lassen. Noch dazu war das System wirtschaftlich erfolgreich: vor 2011 war Syrien ein blühendes Land, in dem die Golfaraber massiv investierten, weil sie auf die Stabilität des Assad-Regimes vertrauten und gerne in Syrien Ferien machten.

   Wieder setzten sich 2011 die Moslembrüder, gefolgt von al-Quaeda und Daesh, an die Spitze des Aufstands gegen die Assad-Regierung. Je mehr sie vom Ausland unterstützt wurden, je mehr die sunnitische Bevölkerung sie in der Hoffnung auf einen schnellen Sturz des Assad-Regimes unterstützte, desto mehr wuchsen in Damaskus die Verzweiflung und die enthemmte Mordlust.

   Es ist klar, dass nach einer so langen, so blutigen Geschichte der Versuch der Vereinten Nationen, die Kontrahenten zu einem Ausgleich zu bewegen, scheitern musste. Niemand kann die Islamisten und den Baath zwingen, gemeinsam zu regieren. Keiner von beiden ist bereit, nachzugeben. Der Konflikt muss bis zum schrecklichen Ende ausgetragen werden. Damaskus und seine Verbündeten bauen darauf, dass die Sunniten letzten Endes geschwächt und demoralisiert aufgeben werden.

   Der wichtigste Verbündete der Moslembrüder, die Türkei, steckt derzeit im Chaos. Die Streitkräfte sind durch den Verlust von angeblich 40 Prozent des Offizierskorps durch Massenverhaftungen gelähmt. Ankara versucht, aus seiner Isolation auszubrechen und vollzieht wieder einmal einen 180-Grad Schwenk durch Annäherung an die revitalisierte Assad-Regierung in Damaskus. Das kann nur das Ende der Unterstützung der syrischen Moslembrüder und ihrer Genossen im Geiste bedeuten. Aber das Schlachten geht erstmal weiter. 

Ihsan al-Tawil