In den Medien ist es derzeit Mode, die Katastrophe von Aleppo dem Versagen des Westens anzulasten. Einige Kommentatoren meinen sogar, Obamas Weigerung, in Syrien einzugreifen, müsse als das grösste Versagen seiner Amtszeit gelten. So habe der Westen ein Machtvakuum geschaffen, in das Russland und der Iran eindrangen und es Assad ermöglichten, seinen Krieg gegen das eigene Volk unbeirrt weiter zu führen.

   Dass der Westen sein schlechtes Gewissen pflegt, kommt sicherlich Millionen Flüchtlingen aus Syrien – den jetzigen und den kommenden – irgendwie zugute. Doch stimmt die Theorie vom westlichen Versagen? Was wäre passiert, hätte der Westen – wie üblich geführt von den USA – in Syrien eingegriffen?  Die Erinnerung an katastrophale Eingriffe in Afghanistan, Irak und Libyen war es, die Präsident Obama bewog, sich aus Syrien heraus zu halten, was ihm prompt als Feigheit und Unentschlossenheit angekreidet wurde, vor allem als Assad Obamas berühmte Rote Linie der Kriegführung mit Massenvernichtungsmitteln – Giftgas – ohne zu zögern überschritt.

   Obamas Auftrag als Präsident war es, Schaden von Amerika abzuwenden. Während seine damalige Aussenministerin Hillary Clinton in Syrien eingreifen wollte, entschied sich Obama dagegen, denn er ahnte wohl, dass ein syrisches Abenteuer Amerika Schaden zufügen könnte. Ähnlich entschied sich auch das britische Unterhaus, das der Regierung Cameron ein Mandat für Intervention in Syrien verweigerte. Die Erinnerung an das Irak-Desaster und Tony Blairs Lügen war zu frisch.

   Trotzdem versuchte das Pentagon halbherzig, ein paar sogenannte “moderate” Rebellen auszubilden und aufzurüsten. Ergebnis: sie liefen mit ihren neuen Waffen zu den Dschihadisten von al-Nusra über. Die “moderaten Rebellen” geistern noch heute durch die westliche Berichterstattung. Unlängst erlebte sogar die oft totgesagte “Freie Syrische Armee” (ursprünglich eine Gruppe von Deserteuren) eine Wiedererwecckung durch die türkische Regierung, als sie arabische Söldner zur Legitimierung ihrer Landnahme in Nordsyrien brauchte.

   Der syrische Bürgerkrieg hat gezeigt, dass es kein Mittel gibt, die fortschreitende Radikalisierung der Milizen zu bremsen. Die laizistisch-demokratischen Anfänge des Aufstands gegen Assad wurden schnell von den Moslembrüdern vereinnahmt, die in Syrien (wie im Ägypten des arabischen Frühlings) besser organisiert waren und über eine seit fast hundert Jahren existierende Massenbasis verfügten. Mit dem Eingreifen von al-Quaeda und Daesh entwickelte sich ein Wettbewerb der Radikalisierung zwischen den Milizen, vor allem, da nur die radikalen wahhabitischen Gruppen von Saudi Arabien, Katar und Kuweit unterstützt wurden.

   Hätte sich der Westen, wie von Vielen gewünscht, in dieses Kriegstheater eingemischt, beispielsweise mit Waffenlieferungen, Ausbildung und vor allem mit Bombardements, so wäre Assad wahrscheinlich in die Knie gezwungen worden, denn er stand ja schon kurz vor dem Ende, bevor Russland eingriff. Die Rebellen stünden inzwischen möglicherweise in Damaskus und belagerten die letzten von Assads Truppen noch gehaltenen Viertel, Überall, wo die Rebellen herrschen, wäre ein Pogrom der Minderheiten – Alawiten, Christen, Juden, Drusen – im Gange. In den meisten Gebieten würden unterschiedliche Versionen des Scharia-Rechts praktiziert. Massenhafte Binnenflucht von den Zonen der schlimmsten zu den weniger schlimmen Siegermilizen wäre die Regel. Statt sich auf eine gemeinsame Verfassung und Regierung zu einigen, würden rivalisierende Milizen Syrien wahrscheinlich in ein ähnliches Chaos stürzen, wie man es von Libyen kennt.

   Der Westen sähe den Sieg der Rebellen mit Entsetzen, nicht nur wegen des Elends und Hungers im Gefolge der Rangeleien zwischen den verschiedenen Gruppen, der Gewalt und den Plünderungen, sondern weil die stärkeren Gruppen nun versuchen würden, ihre Herrschaft und Ideologie in Nachbarländer zu exportieren: Irak, Jordanien, Palästina, Libanon und sogar die Türkei. Ein islamistisch-dschihadistisch geprägtes Syrien so ähnlich oder noch radikaler als Gaza würde als Sprengstoff im Nahen Osten wirken. Die lokalen Akteure – die Golfmonarchien, Iran und die Türkei – würden zu Höchstform auflaufen, um Syrien in ihrem Sinne zu gestalten und den Westen hinaus zu drängen.

   Vielleicht sollten wir dankbar sein, dass Obama den Westen vor einem solchen Szenario bewahrt hat. Was Syrien selbst anlangt, wagt man nicht zu überlegen, was schlimmer für Land und Menschen wäre: ein Sieg der Milizen oder ein Sieg von Assad.

Ihsan al-Tawil