IS oder die Vermehrung der Theokratien

 

Die Welt ist entsetzt über die Gräuel, die von den Milizen des Islamischen Staats (IS) im Namen Gottes im Irak und in Syrien verübt werden. Fast die ganze Welt.

Denn es gibt eine nicht zu unterschätzende Anzahl gewöhnlicher Moslems überall in der Welt, die die Mordtaten des IS wenn nicht gutheissen, so doch zu verstehen versuchen. Nicht nur Moslems: ein italienischer Politiker, Alessandro Di Battista, ein Abgeordneter der Grillo-Partei M5S, hat sich die fragwürdige Ehre verschafft, als erster Nicht-Moslem für den IS Verständnis aufzubringen: "In der Epoche der Drohnen und des totalen Ungleichgewichts der Waffen bleibt leider der Terrorismus die einzige gewalttätige Waffe, die Jenen verbleibt, die rebellieren. Das ist eine traurige Wirklichkeit". (http://www.loccidentale.it/node/134879) Kein Wort über religiösen Fanatismus.

Di Battistas Versuch, den Terrorismus wenn nicht zu rechtfertigen, so doch zu erklären, löste einen Proteststurm aus. Doch es lohnt sich, über seine Argumente nachzudenken.

Die tschetschenische Teufelsbrut

Vor etwa einem halben Jahr, als der IS noch ISIS hiess und im wesentlichen in Nordost-Syrien operierte, strömten Freiwillige aus vielen Ländern, vor allem aber aus Tunesien, der Türkei und Saudi-Arabien nach Rakka. Unter ihnen fand sich ein ethnischer Tschetschene aus Georgien, Tarkhan Batirashvili, genannt Abu Omar al-Shishani, der kurz darauf das militärische Kommando übernahm und die ISIS-Milizen zu einer Serie von Siegen und Eroberungen führte.

Eine wahre Teufelsbrut hatten die russisch-tschetschenischen Kriege in die Welt gesetzt. Während in Tschetschenien unter der Diktatur des russischen Satrapen Ramzan Kadyrov Ruhe einkehrte, suchten die überflüssig gewordenen Krieger neue Aktionsräume. Jene, die auf russischer Seite gekämpft hatten (und ein paar reuige Islamisten) wurden in Form tschetschenischer Brigaden in die russischen Streitkräfte integriert. Als "Freiwillige" dienten viele von ihnen zumindest vorübergehend den Rebellen im Ukraine-Krieg.

Viele der ehemaligen islamistischen Guerillas hingegen fanden Unterschlupf in Nachbarländern wie Georgien und Dagestan und hielten nach neuen Konflikten Ausschau. Die Kriege in Bosnien und im Kosovo sahen tschetschenische Söldner am Werk. Danach war es Syrien, das die zu früh pensionierten Gotteskrieger anzog. Dem ISIS brachten sie ihre Erfahrung im Guerillakrieg und in der Handhabung moderner Waffen mit. Ihre im Kaukasus durchaus übliche Grausamkeit verband sich bestens mit dem Rigorismus fanatischer, aber undisziplinierter Glaubenskrieger.

Terror als Strategie

Im Irak gelang es ISIS, die Veteranen der Saddam-Hussein-Kriege zu reaktivieren. Da seit der Gründung des irakischen Staates sich sunnitische Regierungen auf ein weitgehend sunnitisches Militär gestützt hatten, sind die kriegserfahrenen sunnitischen Kämpfer den schiitischen Truppen der Regierung in Bagdad weit überlegen. Wie die Tutsi in Ruanda und die Amharen in Äthiopien erscheint die Kriegerkaste der Sunniten im Irak durchaus in der Lage, das ganze Land zu erobern und erneut zu unterwerfen.

Ein Mass an Massenmord und Grausamkeit, das die Welt seit Hitler und Pol Pot nicht mehr gesehen hatte, erwies sich militärisch als äusserst wirksame Strategie. Dank der Nutzung moderner sozialer Medien gelang es ISIS, Bilder des Grauens und einschlägige Drohungen in Syrien und im Irak zu verbreiten. Wo immer die Truppen des IS auf ihren gepanzerten Humvees und schnellen  pickup-Lieferwagen auftauchen, fliehen Gegner und Zivilisten in panischer Angst, Waffen, Geld und Gut zurücklassend. Wo potentielle Gefangene oder Feinde sicher sein können, gefoltert und getötet zu werden, scheint es für viele zur Flucht keine Alternative zu geben.

Die Kriege in Syrien und im Irak bestätigen di Battistas Annahme, dass Terrorismus die schärfste Waffe der Rebellen ist. Nach drei Jahren sind in Syrien von der einst breit gefächerten Front der Rebellen praktisch nur die Extremisten von IS und Al-Nusra übrig geblieben. Der IS beherrscht inzwischen je ein Drittel der Fläche Syriens und Iraks.

Amüsanterweise finden sich die USA mit ihren Bombardements und Präsident Obamas Dreistufen-Plan im Irak jetzt an der Seite des syrischen Diktators Assad, der seinerseits den IS in Syrien bombardiert, sich aber amerikanische Bombardements in seinem nur noch nominalen Herrschaftsgebiet verbittet. Die Amerikaner versuchen, mit ihren Bomben die hochmodernen militärischen Ausrüstungen des IS zu vernichten, die sie selbst bei ihrem Abzug leichtsinnigerweise den irakischen Streitkräften überlassen hatten, und die bei der panischen Flucht der Regierungstruppen den Gotteskriegern in die Hände fielen.

Immerhin hat der IS-Terror erreicht, dass die Welt sich wieder für die Querelen der nordostarabischen Länder interessiert. Der Irak galt ja lange Zeit als halbwegs befriedet, und der Syrien-Konflikt als Stellvertreter-Krieg eines knappen Dutzends regionaler Mächte.

Man muss sich fragen, was war zuerst da: die religiöse Mordwut samt Bildersturm oder der Terrorismus als militärische Strategie? Ist die Mordwut nur ein Alibi zur Rechtfertigung des Terrorismus oder ist die Terrorismus-Strategie nur ein militärisches Nebenprodukt der Mordwut? Es ist denkbar, dass beides richtig ist und eine neuartige Allianz begründet hat: den irren Fanatikern gefällt das Morden aus religiösen Gründen, den tschetschenischen und anderen Söldnern aus militärischer Logik.

 

Die Wurzeln der Grausamkeit und der karnevalesken Verkleidung der IS-Kämpfer liegen im Mittelalter, als die abbasidische Revolution das Kalifat der Omayyaden stürzte. In grosser Heimlichkeit hatte Abu Muslim al-Khorassani, ein begabter Feldherr, eine Allianz mit anderen Omayyaden-Unzufriedenen gegründet und ab 747 A.D. in langen Kriegen unter schwarzer Flagge die neue Dynastie der Abbasiden aus Khorassan (Südpersien) an die Macht gebracht. Regelmässig wurde den Besiegten Gnade und Freundschaft angeboten, falls sie die Waffen strecken. Taten sie das, wurden sie umgebracht. Die Strategie war sehr erfolgreich. Abu Muslim selbst wurde danach von einem Abbasiden-Kalifen ermordet. Der jüngste, angeblich geheime Ableger von al-Kaida nennt sich übrigens "Khorassan" und hat sich mit dem IS verbündet.

 

Söldner, Koranschüler und "gute"Barbaren

Diese beiden Argumente wirken auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen attraktiv. Dank der erbeuteten Ressourcen und dem Erdölverkauf bietet der IS Freiwilligen guten Sold. Ein Zehntel der Milizen soll derzeit aus Türken bestehen, die in der Türkei und in Europa rekrutiert wurden. Bei den Werbebüros in der Türkei zeigen Fotos junge Männer, die Schlange stehen, da der IS angeblich über tausend Dollar monatlich bietet. Selbst Bosniaken, Albaner aus Kosovo und Mazedonier dienen dem IS. In den Musterungsstellen im südlichen Irak, wo Arbeitslosigkeit herrscht, beträgt der Sold immer noch 600 Dollar.

Kein Argument dürfte der Sold freilich für die im Irak und in Syrien zwangsausgehobenen jungen Männer sein, die unter Todesandrohung zum Dienst für den IS gepresst werden. Freiwillig hingegen kommen in Syrien hunderte von Überläufern zum IS, die bislang in anderen Rebellengruppen dienten, 1200 allein im Juli. Der militärische Erfolg des IS imponiert ihnen, und der höhere Sold und die bessere Bewaffnung versöhnen mit der Härte der religiösen Fron. Fünf tägliche Gebete, kein rauchen, kein Alkohol, kein Fernsehen, keine Musik. Das ist für junge Männer eine Herausforderung.

Sowohl in den von IS beherrschten Gebieten als auch im Ausland manifestiert sich bei bislang als "moderat" geltenden Moslems eine überraschend weit verbreitete Sympathie für den IS.

Wo der IS einen Ort erobert und die Minderheiten ächtet, fallen viele sunnitische Nachbarn über sie her. Da wird geraubt, denunziert, vertrieben, geplündert, ähnlich wie in Deutschland während der Arisierung. Schiiten, Jesiden, Christen, Kurden, Laizisten und Ausländer sind den Milizen und dem Mob ausgeliefert. Das Verhalten der Nachbarn als Helfer und Nutzniesser der ethno-religiösen Säuberung schliesst eine spätere Rückkehr der Flüchtlinge praktisch aus: das nachbarliche Vertrauensverhältnis ist irreparabel zerstört. Das mag durchaus einem Wunsch der lokalen Sunniten entsprechen, sich mit Hilfe des IS aller Minderheiten dauerhaft zu entledigen und ihr Vermögen zu übernehmen. Praktisch bedeutet dies, dass die heutigen Flüchtlinge aller Voraussicht nach Flüchtlinge bleiben werden und eine neue Heimat suchen müssen.

Gleichermassen beunruhigend ist die Reaktion sunnitischer Bevölkerungen ausserhalb der vom IS beherrschten Gebiete. Während der offizielle sunnitische Klerus die Mordwut des IS verurteilt, ist die Reaktion der Bevölkerung gespalten. Neben dem Teil, der über die Grausamkeiten entsetzt ist, gibt es einen Teil, der die Rückkehr zu einem vermeintlichen Ur-Islam und die Ausrottung der Minderheiten begrüsst.

Man sollte das Ausmass der Unbildung vor allem unter jungen, religiös orientierten Moslems nicht unterschätzen. Wer einen grossen Teil seiner Schulzeit mit dem Studium des Korans und der Hadithen zugebracht hat, konnte sich nur beschränkt anderen Fächern widmen, beispielsweise der Geschichte, Geographie und den Naturwissenschaften. Selbst unter jungen Sunniten, die im Ausland aufgewachsen sind, findet man die Überzeugung, dass alle Wahrheit im Koran enthalten ist und es daher unnötig sei, sich mit anderen Informationsquellen zu befassen. Wie bei den amerikanischen Bibelchristen werden Jahrhunderte der Erkenntnis und Wissenschaft einfach ausgeblendet und durch Glauben ersetzt. Kein Wunder, dass der IS die Lehre der Evolution in den Schulen verboten hat.

Die Absolventen der populären Imam-Hatip-Koranschulen in der Türkei fallen in diese Kategorie. Auch aus dem westlichen Europa strömen vor allem Ungebildete und sozial Benachteiligte als Freiwillige zum IS. Eine deutsche Untersuchung zeigte, dass nur jeder vierte Dschihadist aus Deutschland einen Schulabschluss aufweist, und nur sechs Prozent eine abgeschlossene Ausbildung besitzen. Während Christen die Bibel heutzutage vor allem als Zeugnis und Bericht begreifen, ist für fromme Moslems der Koran nichts weniger als Gottes eigenes Wort und damit Gesetz, unverrückbar und unbezweifelbar.

al-Baghdadi: ein moderner Mahdi

Strenge Gläubigkeit fördert die sunnitische Tradition periodisch auftretender Bewegungen zur "Erneuerung" und "Reinigung" durch Rückkehr zu den Ursprüngen, gewöhnlich angeführt von einer spirituellen Leitfigur, einem Mahdi. Ein typischer Mahdi ist auch der neue "Kalif" Abu Bakr al-Baghdadi. Ob seine Auslegung des Korans richtig ist, können seine ungebildeten Jünger nicht hinterfragen.

Dass Mahdis gewöhnlich nicht zimperlich mit "Häretikern", "Apostaten" und "Ungläubigen" umgehen, gehört auch zur sunnitischen Tradition und schockiert die ganz Frommen keineswegs. Opfer erscheinen selbstverständlich, wenn es sich darum handelt, dem so lange unerreichbar scheinenden Ziel der Rückkehr zu den Anfängen, zur Urfrömmigkeit und der Lebensweise in der Epoche des Propheten, nahe zu kommen.

Auf Generationen von Koranschülern in allen islamischen Ländern — keineswegs nur bei den Arabern — übt der IS eine magnetische Anziehung aus. So wie die Bibelchristen das heilige Land Israel durch dick und dünn unterstützen, so pocht das Herz vieler frommer Sunniten für das spannende, verheissungsvolle Experiment IS.

Der IS bedient sich aller modernen Medien mit grosser Geschicklichkeit um seine Botschaft unter die jungen Menschen, sogar unter Kinder, zu bringen. Dabei wird natürlich hervorgehoben, was der IS für die Menschen in seinem Gebiet leistet. Und das ist nicht wenig.

Unbestreitbar herrscht in den vom IS kontrollierten Städten mehr Sicherheit. Die Angst vor drakonischen Scharia-Strafen schreckt die Kleinkriminellen ab und lähmt jede aussereheliche Aktivität. Der IS setzt die Wasser- und Stromversorgung in Gang und kümmert sich um die Armen. Mit anderen Worten: wer ein frommer Sunnit ist und sich nicht wundert, wenn den Ziegen das Geschlechtsteil mit Tuch verbunden werden muss, damit sein Anblick nicht das Auge der Frommen beleidigt, der kann unter dem IS durchaus leben. Es wird weniger gestohlen und betrogen, die Geschäfte laufen normal, eine Bank funktioniert, und die Armenfürsorge hat Sozialstaats-Charakter.

Wer denkt, dies klinge doch recht modern, der irrt. Was der IS zelebriert ist nichts weiter als ein Aufguss jahrhundertealter islamischer Tradition. Schon im 18. Jahrhundert gab es in Arabien sozialstaatliche Gemeinschaften. Wohlhabende Perlfischer- und Fernhandelsgemeinden wie El Hofuf und Kuweit betrieben aktiv Armenfürsorge. Gespeist durch die Abgabe des frommen Zehnten Zakat, gab es im Budget von El Hofuf genug Mittel um start-ups zu finanzieren, in Schuld geratene Bürger durch Umschuldung wieder flott zu machen und ihnen Kredit für einen Neuanfang, für ein Fischerboot oder einen Hausbau, zu geben.

Da der IS über reichlich Mittel verfügt, kann er sich Armenfürsorge und öffentliche Versorgung ohne weiteres leisten. Dies sollte man jedoch nicht als Ausfluss von Gutmenschentum missverstehen, es handelt sich vielmehr um ein religiöses Ritual genauso wie die Verhüllung der Ziegen und das Abhacken der Diebeshände. Aber es wirkt auf die unwissende Öffentlichkeit so, als wohne den Barbaren doch ein "guter Kern" inne, den man womöglich unterstützen müsse.

Viele der angeblich 12.000 ausländischen Kämpfer des IS sind junge Männer, die mit Begeisterung dabei sein wollen, wenn das Kalifat, der Gottesstaat, errichtet wird. Doch auch etliche junge Frauen sind als Dschihadas nach Syrien gereist um die Männer zu betreuen, mit der Waffe zu kämpfen und dem Kalifat die Kinder zu gebären, die der Kalif so dringend fordert. Während ein Teil der die Kämpfe überlebenden ausländischen Männer nach einigen Jahren wieder in die Heimat zurückkehrt, hört man von den Frauen in der Regel nie mehr etwas. Zunehmend rekrutiert der IS auch Minderjährige, seine Lieblings-Zielgruppe. Je früher die Menschen in seine Fänge geraten, desto totaler ist ihre Ergebenheit und desto mehr lohnt es sich, sie an der Waffe auszubilden. Freiwillige ohne militärische Erfahrung werden vom IS vorzugsweise als Bombenfutter benutzt für Selbstmordkommandos, die bei jedem Angriff der Truppe vorausgeschickt werden.

Der bekannte italienische Kommentator Gad Lerner erklärt die Schwierigkeit oder sogar Unfähigkeit der breiten sunnitischen Massen, sich vom IS glaubhaft zu distanzieren, mit einer Analogie aus der Geschichte der italienischen Linken. Als in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Terrortruppe der Roten Brigaden Italien in Angst und Schrecken versetzte, gelang es der Linken nicht recht, sich von den Mördern zu distanzieren. Wie Lerner in La Repubblica ausführt, waren für die Linken die Roten Brigaden nur Genossen, die einen falschen, nämlich den radikalen, Weg eingeschlagen hatten. Man kannte sich gegenseitig, man war vielleicht sogar befreundet. Man achtete sich, man verfolgte im Prinzip die gleichen Zielsetzungen. Nur in der Wahl der Mittel unterschied man sich. So ist es, sagt Lerner, auch bei den Moslems. Der IS ist ein Ast vom gleichen Stamm.

Im Prinzip unterscheidet sich die Weltsicht der Moderaten und des IS nur durch die Wahl der Mittel. Das Ziel ist das gleiche: Welterrettung durch den Islam. Zwischen der Predigt eines gewöhnlichen Imams in irgendeiner Moschee und der Selbstdarstellung des IS gibt es keine prinzipiellen Unterschiede. Kein Wunder, dass junge Moslems sich von der Botschaft des IS: "Wir sind die Besten, die einzig Reinen", angesprochen fühlen: was der IS fordert, ist ihnen seit der Kindheit vertraut. Und die Gewaltexzesse? Die erleben sie alltäglich auf der Spielekonsole.

Die Schwierigkeit der Sunniten, sich vom IS zu distanzieren, zeigte sich in dem lähmenden Schweigen, das den islamischen Klerus nach den ersten Morden befiel. Erst mit Verspätung meldeten sich der Oberspriester Yussuf al-Karadawi und andere Imame zu Wort und verurteilten das Geschehen.  In Grossbritannien rafften sie sich sogar zu einer Fatwa auf. Da die Priester zögerten, darf man sich nicht wundern, dass Massendemonstrationen vom Typ Gaza-Krieg und shitstorms im Internet gänzlich ausfielen.

Sollte dennoch jemand versuchen, im Web oder auf der Strasse eine Kundgebung zu organisieren, so müsste er mit Gegenwind rechnen. Zu viele Moslems scheinen der Ueberzeugung zu sein, dass der IS eine Kreatur der USA oder Israels ist um den Islam zu kompromittieren und den Widerstand in Syrien gegen Assad zu untergraben. Da kursieren Berichte, nach denen al-Baghdadi ein Mossad-Agent sei, illustriert mit Fotos, die einen look-alike des Kalifen in israelischer Regierungsrunde mit US-Aussenminister John Kerry zeigen. Brillant. Komisch nur, dass immer noch tausende junger Männer zum IS strömen, obwohl ihnen das Web suggeriert, dass der IS ein fake ist und sie sich für den israelischen Geheimdienst Mossad opfern würden!

Die Fünfte Kolonne der Frommen und nützliche Idioten

Es bleibt nicht bei dem Zustrom von ausländischen Freiwilligen. Bedeutsamer ist die Fünfte Kolonne der Sympathisanten in sunnitisch geprägten Ländern. Zunächst geraten dadurch alle sunnitischen Gebiete des Mittleren Ostens ins Visier des IS, gleichgültig, ob sie bei der Entstehung des ISIS geholfen haben oder nicht. Saudi-Arabien, Katar, Kuweit, die Türkei und selbst Syriens Diktator Assad haben wesentlich dazu beigetragen, dass der IS entstand und gross wurde, und werden jetzt als nützliche Idioten behandelt.

Saudi-Arabien ist am direktesten bedroht, aus mehreren Gründen. Zum einen herrscht im Wüstenkönigtum mit dem Wahhabismus eine besonders rigorose Variante des Glaubens, die dem Kalifat viele Elemente mitgegeben hat. Manche Beobachter halten den IS gar für eine Kreatur des saudischen Geheimdiensts. Daher steht die saudische Kultur und Lebensart dem IS sehr nahe, und es ist nicht verwunderlich, dass viele junge Saudis im IS dienen und dass mutmasslich Teile der Bevölkerung Saudi-Arabiens zum IS überlaufen würden, falls seine Milizen einmarschieren und die Monarchie bedrohen. Zum anderen beherbergt Saudi-Arabien die heiligen Stätten, die der IS unbedingt erobern und zerstören will, weil sie angeblich heidnische Relikte darstellen. Ausserdem ist die 800 Kilometer lange saudisch-irakische Grenze willkürlich durch den Wüstensand gezogen und kaum kontrollierbar.

Da das saudische Militär keinerlei Kampferfahrung hat und beim Anblick heranrollender IS-Horden wahrscheinlich ebenso kopflos flüchten würde wie das irakische Militär und die kurdischen Peshmerga, hat die reiche Monarchie ägyptische und pakistanische Söldnertruppen an die Grenze geschickt. Ob diese gegen die Mörderbanden des Kalifats kämpfen würden ist mehr als fraglich. So bleibt den tausenden von Prinzen und Prinzchen nur die Hoffnung, dass im Ernstfall amerikanische Bomben das Vordringen des IS zu den Ölquellen der Küstenprovinzen verhindern würden. In aller Eile hat die saudische Regierung beschlossen, entlang der irakischen Grenze einen modernen Hi-Tech-Wall zu errichten, mit dessen Bau die deutsch-französische Firma EADS (Airbus) beauftragt wurde. Es wird Jahre dauern bis der Wall steht: dann wird es voraussichtlich entweder keinen IS mehr geben, oder kein Saudi-Arabien.

Nach Saudi-Arabien sind Jordanien und die Türkei weitere vom IS bedrohte Staaten. Noch schützt Syriens Diktator Assad mit seinen Truppen und der Luftwaffe Jordanien. Ungeschützt hingegen ist die Türkei, die inzwischen direkt an das Kalifat grenzt. Sie ist zwar militärisch weitaus stärker als Saudi-Arabien, doch ihre Grenzprovinz wimmelt von verzweifelten syrischen Flüchtlingen, grossteils vertriebenen Islamisten, deren Haltung zum IS unklar ist. In einer Geste groben Undanks hat der IS das gesamte Personal des türkischen Konsulats in Mossul verhaftet und erpresst damit Präsident Erdogan, der ohnehin Schwierigkeiten hat, zu erklären, warum er jahrelang ausländischen Dschihadisten erlaubte, durch die Türkei in das ISIS-Gebiet ein- und auszureisen, in der Grenzprovinz Hatay Rekrutierungsbüros zu betreiben, sich mit Nachschub zu versorgen und Verwundete in türkischen Krankenhäusern kurieren zu lassen.

Der Präsident und Moslembruder-Sympathisant Recep Tayyip Erdogan findet kein Rezept für den Umgang mit den rabiaten Ur-Islamisten, die ihn für einen Häretiker halten. In seiner Verzweiflung hat er über die Entführung des Konsulatspersonal ein Nachrichten-Blackout verhängt. Da ihm die Hände gebunden sind, muss er hoffen, dass ausgerechnet zwei seiner Erzfeinde, die Kurden und das syrische Assad-Regime, die türkische Grenze schützen werden.

Von den angrenzenden Staaten abgesehen, ist wahrscheinlich, dass sich Gruppen von Kalifats-Sympathisanten auch in anderen Ländern bilden werden. Schon befürchtet man, dass der IS die Nachfolge der diskreditierten Hamas im Gaza-Streifen antreten könnte. Nachdem in Ägypten die Moslembrüder enorm an Ansehen verloren haben, könnten radikale Gruppen wie die Gamaa Islamija Schrittmacher für den IS spielen. In Europa und den USA könnten Sabotage- und Terrortrupps nach al-Kaida-Vorbild den Drohungen des IS Substanz verleihen.

Eines ist jedenfalls sicher: mit seiner ur-islamischen Agenda, seinem staatsähnlichen Herrschaftsgebiet und seinen militärischen Erfolgen dank tschetschenischer Führung ist der IS eine weit stärkere Bedrohung der Welt geworden als es al-Kaida je war.

Die Proliferation der Theokratien

Wie konnte es geschehen, dass eine kleine Miliz von Mördern fast über Nacht das Machtmosaik des Nahen Ostens durcheinander schüttelte? Die Antwort ist simpel: der IS entspricht voll dem beliebten nahöstlichen Modell der Theokratie. Im Prinzip gibt es in dieser Weltgegend nur zwei konkurrierende Modelle: Theokratie und Monarchie, wobei man unter Theokratie die Ausrichtung eines Staates auf eine einzige Religion als tragendes Element verstehen sollte.

Die älteste Theokratie ist Saudi-Arabien. Im 18. Jahrhundert trat in Zentralarabien ein Mahdi auf namens Ibn Abdul Wahhab, dessen rigorose Glaubensvariante von der herrschenden Sippe al-Saud übernommen wurde. Da sich die Familien Abdul Wahhab und al-Saud auch vermählten, erhielten die nachfolgenden Saudis neben der weltlichen auch die geistliche Herrschaft über das Land, also eine damals übliche Kombination von Theokratie und Monarchie. Dabei blieb es bis heute.

Als zweite Theokratie, freilich demokratisch und liberal geprägt, entstand Israel. So wie die Saudis erfolgreich dem grossen osmanischen Reich und anderen Feinden widerstanden, überwand Israel die Heere seiner arabischen Nachbarn und etablierte sich als Vormacht der Region.

Eine dritte Theokratie, demokratisch definiert, entstand im Iran und zeigte sich ebenfalls erstaunlich widerstandsfähig und militärisch erfolgreich.

Eine vierte Theokratie ist möglicherweise im Entstehen in der Türkei. Binnen nur zehn Jahren transformierte sich das Land von einer militär-dominierten Oligarchie in eine islamisch dominierte Präsidial-Oligarchie. Aufgeschoben aber nicht aufgehoben wurde kürzlich der Versuch einer Gruppe regierungsnaher Islamisten, die Türkei mit Hilfe "paralleler Strukturen" in ein unter dem Namen Tawhid-Selam (Einigkeit und Frieden) bekanntes, von Teheran unterstütztes System einer Priesterherrschaft iranischen Musters zu überführen. Die Gruppe kennt man auch unter dem Namen Quds Force (Jerusalem-Streitmacht), Sie wurde für Journalistenmorde und Terrorakte verantwortlich gemacht. Zahlreiche Polizeibeamten, die gegen den mutmasslichen Putschplan ermittelten, wurden verhaftet; die mitwirkenden Iraner reisten ab.

Und nun gibt es eine fünfte Theokratie, den IS, der in seiner Kombination von religiöser Ultra-Orthodoxie, Wehrhaftigkeit und moderner Technologie Israel und Iran ähnelt. In gewisser Weise waren diese beiden Länder Vorbilder, nach denen al-Baghdadi sein Staatsgebilde geformt hat. Hätte er die Welt nicht mit seiner Grausamkeit geschockt, wäre sein Plan, aus der syrisch-irakischen Konkursmasse sein Emirat herauszuschneiden, ohne viel Widerstand Wirklichkeit geworden.

Die restlichen nahöstlichen Staaten sind fast alle von der Art her Monarchien, egal ob dort eine Dynastie, eine Präsidentensippe oder eine Militäroligarchie herrscht. Nur der Libanon und vielleicht Tunesien können als Leuchtfeuer der Demokratie gelten.

Ambivalente Alliierte

Präsident Obama hat eine grosse Koalition gegen den IS auf die Beine gestellt, an der zehn arabische Staaten teilnehmen. Von denen ist nur ein Land ein starker und verlässlicher Verbündeter: Ägypten.

Die anderen neun sind ambivalent in ihrer Haltung zum IS. Zwar versprechen sie nun unter amerikanischem Druck, dem IS nicht weiterhin Spenden und Freiwillige zukommen zu lassen. Doch das gilt nur für den Staat. Privat sind die islamistischen Spendensammler unverändert in Kuweit, Saudi-Arabien und Katar unterwegs, predigen sogar in wichtigen Moscheen und im Fernsehen.

So lange der IS militärische Erfolge erzielt und spektakuläre Gräuel begeht, dürfte die neue Koalition halten. Sobald sich aber das Blatt wendet und dem IS eine Niederlage droht, werden die neun Araberstaaten --  allesamt Sunniten -- wahrscheinlich abspringen. Sie wollen zwar nicht selbst vom IS bedroht werden, aber sie wollen den IS unbedingt am Leben erhalten, denn er garantiert die sunnitische Herrschaft über einen wichtigen Teil des Irak.

Die Vorstellung, die Amerikaner und ihre Helfer könnten den IS besiegen und das Land der schiitisch dominierten Regierung in Bagdad zurückgeben, ist für die Neun nicht akzeptabel. Denn der eigentliche Feind ist für sie nicht der IS, sondern die Regierung in Bagdad mit ihrem Verbündeten, dem Iran. Ausserdem geht es um das Erdöl im nördlichen Irak, dessen Quellen teilweise bereits an die Kurden gefallen sind, zum anderen Teil dem IS gehören. Es wäre schrecklich für die Neun, wenn dieser sunnitische Schatz erneut den Schiiten anheim fiele. Egal, welche Versprechungen die Regierung in Bagdad jetzt macht, das Misstrauen der Sunniten sitzt tief in Folge der jahrelangen Repressionspolitik des ehemaligen schiitischen Regierungschefs al-Maliki.

Der Hauptgrund, warum die Sunniten in Mossul und anderen Städten des Nordirak bereit sind, die klerikale Tyrannei des IS zu ertragen und das Kalifat sogar zu verteidigen, ist die Angst vor der Rache der Schiiten. Lieber keusch drapierte Ziegen als die Fassbomben der irakischen Luftwaffe, mit denen die Schiiten Jagd auf die sunnitische Zivilbevölkerung machen. Solange es den Amerikanern nicht gelingt, die Schiiten von ihrer Version der Kriegsgräuel abzuhalten und sich für vergangene Fehler zu entschuldigen, wird es unmöglich sein, die Unterstützung der sunnitischen Bevölkerung gegen den IS zu gewinnen. Es besteht die konkrete Gefahr, dass die Schiiten in Bagdad, unterstützt von Teheran, alle Versuche der amerikanischen Koalition, den IS zu besiegen, durch ihre Dummdreistigkeit sabotieren. Der Feind sitzt eben nicht nur in Rakka und Mossul, sondern auch in Bagdad.

Mit den neun unsicheren Kantonisten einen Krieg gegen den IS zu führen, dürfte auch deshalb schwierig werden, da Moslembruder-Freund Tayyip Erdogan sich bislang weigert, die türkischen Militär-Flughäfen den Amerikanern zur Verfügung zu stellen. Er wünscht sich einen sunnitisch beherrschten Nordirak und ein ganz sunnitisches Syrien. Dass die Amerikaner den Schiiten in Bagdad und den Alawiten in Damaskus helfen wollen, ist für den frommen Sunniten Erdogan mehr als befremdlich.

Wenn es für Obama darum geht, Fusssoldaten auf den Boden zu stellen, um den IS Mann gegen Mann zu bekämpfen, dann ist das ägyptische Militär seine einzige Hoffnung. Schon einmal, unter Mohamed Aly Pascha im frühen 19. Jahrhundert, waren die Ägypter bis zum Persischen Golf vorgestossen, um Ordnung zu schaffen. Sie könnten es wieder tun, diesmal unter dem knallharten Islamisten-Feind al-Sisi. Der braucht dringend internationale Anerkennung und Geld.

Das theokratische Modell des IS ist regionstypisch und verspricht Erfolg. Es wird schwer zu bekämpfen sein. Jede Theokratie kann sich auf eine grosse Diaspora stützen. Die des IS ist, wenn man die Gesamtzahl der Sunniten ansieht, die grösste der religiösen Gruppen. Selbst wenn man nur die Salafisten als die eigentliche Sympathisantengruppe in Erwägung zieht, handelt es sich doch um viele Millionen potentieller Unterstützer, denen es nicht an Geld und politischem Gewicht mangelt. Sie werden alles tun, um das ur-islamische Experiment zu verteidigen und am Leben zu erhalten.

Ihsan al-Tawil

Update

 Statt die Ägypter um Hilfe zu bitten, hat Präsident Obama beschlossen, die sogenannten "moderaten" Kräfte unter den syrischen Widerstandsgruppen zu bewaffnen und auszubilden, damit sie den IS (und die Regierung Assad) wirksamer bekämpfen können. Damit keine US-Soldaten auf syrischem Boden stehen, soll die Ausbildung in Saudi-Arabien stattfinden.

Ein genialer Plan. Erst sollen die "Moderaten" den IS erledigen, und danach gleich Assad stürzen, und dann -- happy end -- in Syrien eine "moderate" Demokratie einführen.

Dass dieses Kalkül aufgehen wird, ist mehr als fraglich. Wo will Obama die sogenannten "Moderaten" finden? Die einstige nicht religiös orientierte "Freie Syrische Armee" ist zwischen Regierungstruppen, Islamisten und in inneren Konflikten aufgerieben worden. Alle jetzt kämpfenden Partisanengruppen sind zu unterschiedlichen Graden islamistisch eingefärbt, denn nur Islamisten hatten Zugang zu Geldern aus den Golfstaaten und genossen die Unterstützung der Türkei. Da der Westen sich zierte, die Freie Syrische Armee zu unterstützen, blieben in dem Ausleseprozess nur die Islamisten übrig. Diese werden die amerikanischen Waffen zwar mit Kusshand akzeptieren und sich willig ausbilden lassen. Doch die Gefahr ist riesengross, dass sie fertig ausgebildet mitsamt ihren Waffen zum IS überlaufen, anstatt ihn zu bekämpfen. Der Schritt von "moderat" zu "fanatisch" erscheint jedenfalls viel kürzer als der von "moderat" zu Demokrat.

Wie Obama dieses Problem lösen will, ist unbekannt. Die Europäer zögern berechtigterweise, irgendwelche Waffen irgendwelchen arabischen Sunniten zu liefern, die zur Zeit in Syrien kämpfen

 

Ihsan al-Tawil

Update II

Dieser im Februar 2014 publizierte Artikel ist unverändert aktuell.  Der Islamische Staat befindet sich inzwischen zwar im Niedergang, doch dafür macht die Theokratisierung der Türkei seit dem misslungenen Putschversuch des 15, Juli 2016 enorme Fortschritte und das Land ist auf dem Wege, das sunnitische Spiegelbild des Iran zu werden. Mit ein paar tausend Mann beteiligt sich die Türkei am Kampf um Mossul. Nur weiss man nicht, ob die Türken den Kampf gegen den IS unterstützen oder versuchen werden, ihn und die Herrschaft über das Erdöl von Mossul vor den Schiiten und Kurden zu retten.