Der massive Einwanderungsschub von 2015 hat Europa aufgestört. Seither frägt sich die Öffentlichkeit, was wohl die Ursachen dieser Massenwanderung sind. Meist wird dabei gefragt, wie man die Migration besser kanalisieren und eindämmen kann, obwohl auch mitunter gefragt wird, wie man die Einwanderung erleichtern und verstärken könnte. Unter beiden Blickwinkeln ist es nützlich, mehr über die Beweggründe der Migranten zu wissen. Dabei wird gerne zwischen Flüchtlingen und Wirtschaftsmigranten unterschieden. Obwohl dieses Kriterium für die Asylgewährung entscheidend wichtig ist, kann nur selten klar unterschieden werden. Oft treffen beide Kriterien in Kombination zu.

   Zwei Denkschulen stehen sich gegenüber: eine populär-politische und eine angeblich wissenschaftliche, die mit Hilfe von Statistiken und anekdotischem Material zu beweisen versucht, dass die populären Annahmen sämtlich falsch sind. Aber gehen wir schrittweise vor:

Demografie

   Selten taucht in der populären Diskussion der mutmasslichen Migrationsmotive die Demografie auf. Als ich in den 1960er Jahren erstmals Äthiopien bereiste und noch den alten Kaiser erlebte, zählte das Land geschätzte 19 Millionen Einwohner. “Jedes Jahr wird irgendwo in Äthiopien gehungert”, sagten Landeskenner damals. Heute, gute 50 Jahre später, zählt Äthiopien rund 100 Millionen Einwohner, und noch immer wird irgendwo gehungert. Aber der Boden ist nicht mehr geworden. Terrassierung hat zwar geholfen, in Teilen des Hochlandes die Erosion aufzuhalten und den Boden zu verbessern, aber immer noch leidet die Vegetation unter der Gefrässigkeit von hundert Millionen Rindern und Ziegen. Mit der Zahl der Viehbesitzer und wandernden Hirten hat sich leider auch die Kopfzahl ihrer Herden vermehrt.

  Wenn heute in Afrika und im Nahen Osten von Klimawandel, Versteppung und Wassermangel die Rede ist, muss man sich fragen: was ist Ursache, was Folge? Ist das, was man heute dem Klimawandel ankreidet, vielleicht nur ein Ergebnis atemberaubend schnellen Bevölkerungswachstums seit 1950 und seiner Folgen in Form von Entwaldung, Erosion und Übernutzung der Ressourcen?

Jugendüberschuss

   Wie bekannt, hat sich in den rasch wachsenden Bevölkerungen ein starker Jugendüberschuss herausgebildet. In den patriarchalisch geformten Gesellschaften des Nahen Ostens und Afrikas bildet der Überhang an jungen Männern ein enormes Problem. Viele Faktoren speisen die Unzufriedenheit der Jünglinge, die sich in Gewalttätigkeit, Kriminalität und Krieg entlädt – und eben auch in Migration. Was Wirtschaft und Gesellschaft den Jünglingen nicht geben, nehmen sie sich mit Gewalt – zuhause oder in der Ferne. Auch die Elterngeneration leidet unter dem Jugendüberschuss. Familien mit vier oder mehr Söhnen entsenden gerne ein oder zwei junge Männer ins Ausland, ins angeblich reiche Libyen oder Algerien. oder weiter nach Europa. Viele Migranten, die in Libyen vergeblich Arbeit suchten, wählen statt schmählicher Rückkehr die riskante Überfahrt nach Europa.

Arbeitskräftebedarf

   Fachautoren bezweifeln gerne die Wirksamkeit des Push-Faktors und stellen dem einen Pull-Faktor in Form des Arbeitskräftebedarfs der von demografischer Schrumpfung geplagten Wirtschaft Europas gegenüber. Das ist freundlich gedacht, doch nur marginal wirksam. Jedes Jahr im Frühling füllen sich die Flugzeuge der Royal Air Maroc mit jungen Marokkanern, die per Touristenvisum nach Italien fliegen, um während des Sommers als fliegende Händler, als Saisonarbeiter an den Stränden und als Taschendiebe in den Touristenstädten ein Auskommen zu finden. Von diesen und den aus Nachbarländern angereisten Saisonarbeitern in der Landwirtschaft Spaniens und Italien abgesehen muss man annehmen, dass vor allem die aus grösserer Entfernung ankommenden Migranten nur sehr vage Vorstellungen von dem haben, was sie bei Ankunft in Europa erwartet. Dennoch, die langen Wartezeiten bei Asylbewerbung und das politisch und gewerkschaftlich motivierte Arbeitsverbot für illegal Eingereiste wirken als Gegenteil eines vermuteten Pull-Faktors, ein Umstand, der sich langsam auch nach Afrika herumsprechen dürfte.

Behebt Einwanderung den Nachwuchsmangel?

   Dass sich nur ein kleiner Teil der Einwanderer eignet, den Arbeitskräftemangel der europäischen Volkswirtschaften zu mildern, ist inzwischen allgemein bekannt. Akademiker und Intellektuelle integrieren sich schneller als Ungelernte und Analphabeten, die leider die Masse der Migranten stellen. Junge Eritreer, die nicht einmal ihre eigene Schrift Ge’ez kennen, analphabetische Türkinnen und Syrerinnen, haben geringe Chancen am Arbeitsmarkt. Während die Einwanderer aus Nahost und Afrika den Zielländern mehr Last als Segen bringen, bildet ihre grosse Kinderschar ein enormes Potenzial. Übertrieben könnte man sagen, dass die wirtschaftliche Funktion der ersten Generation hauptsächlich darin besteht, dem Zielland die zweite und dritte Generation als wertvolles Humankapital zu qualifizieren. Dass die erste Generation bei dieser Aufgabe volle Unterstützung erhält, liegt im eigenen Interesse der Zielländer. Man kann also annehmen, dass sich der volkswirtschaftliche Nutzen der Einwanderung erst mit einem time lag, einer Verzögerung von zwanzig bis dreissig Jahren, einstellen wird.

Braucht Europa überhaupt Einwanderer?

   Neuere Untersuchungen lassen die populäre Annahme bezweifeln, eine schrumpfende Bevölkerung benötige dringend Einwanderung, um die Wirtschaft aufrecht zu erhalten. Nicht glaubhaft ist auch die populäre Ansicht, eine Volkswirtschaft brauche einen hohen Anteil junger Menschen, um kreativ und innovativ zu sein. Die durchschnittlich ältesten Volkswirtschaften der Welt zeigen sich vielmehr im internationalen Vergleich besonders kreativ.

   Ein weiteres Argument gegen den Nutzen der Einwanderung ist die europäische Binnenwanderung. Die aus Nahost und Afrika Ankommenden entdecken, dass jene gering qualifizierten Arbeitsplätze, für die sie sich allenfalls eignen würden, bereits besetzt sind von europäischen Binnenwanderern, von Rumänen, Polen, Bulgaren. Türken. Albanern, Kosovaren usw. Natürlich liessen sich weitere solche Arbeitsplätze schaffen, doch Gewerkschaften und Gewohnheiten verhindern das. Beispielsweise gibt es in den USA an Supermarktkassen Einpacker, die für den Kunden die Waren verstauen und gegen ein Trinkgeld zum Auto tragen. Europäer wären verblüfft und möglicherweise verärgert, wenn ihnen dieser Service angeboten würde.

   Amüsant ist die gegenwärtige Diskussion um die Roboterisierung der Wirtschaft. Eine Denkrichtung erachtet den fortschreitenden Robotereinsatz als notwendig, weil humaner Nachwuchs fehlt (Beispiel Japan, das trotz schrumpfender Bevölkerung traditionell Einwanderung verhindert und lieber auf Roboter setzt). Eine andere Denkschule befürchtet hingegen Massenarbeitslosigkeit, weil die unvermeidlich bevorstehende Roboterisierung Millionen aus ihren Arbeitsplätzen vertreiben werde. Dann würde Europa vom Einwanderungsparadies zum Auswanderungsgebiet mutieren, wie es – was die Altbevölkerung betrifft – in Krisenländern wie Griechenland, Italien, Portugal und Spanien bereits heute der Fall ist. Aber wohin mit den Roboter-Vertriebenen, wenn die Roboterisierung alle Industrieländer gleichzeitig erfasst? In Entwicklungsländer, wo sie sich noch als gesuchte Fachkräfte, allerdings zu Niedrigeinkommen, bewähren könnten?

   Vielleicht kann man das Fazit ziehen, dass Europa zwar derzeit keine Einwanderung braucht, diese aber dennoch stattfindet und wahrscheinlich in ein, zwei Generationen der Wirtschaft positive Ergebnisse bringen kann: eine langfristige Humaninvestition gewissermassen.

Fluchtursachen bekämpfen?

   In der Politik hält sich immer noch die Diskussion über die Idee von Milliarden-Hilfsmassnahmen für Auswanderungs-Länder zu dem Zweck, Arbeitsplätze vor Ort als Alternative zur Migration nach Europa zu schaffen. Das Konzept, das als “Marshall-Plan für Afrika” erdacht und popularisiert wurde, kollidierte schnell mit der Wirklichkeit und schrumpfte zu einem Vorgehen in zwei Richtungen. Zum einen erhalten afrikanische Staaten Material und Ausbildung zur besseren Überwachung ihrer Grenzen; zum anderen werden Regierungen dieser Länder belohnt, wenn sie die Migration behindern. Ein wenig humanes, aber offenbar erfolgreiches Konzept, mit dem es gelingt, Regierungen, die bislang die illegale Auswanderung förderten oder duldeten, vom Gegenteil zu überzeugen. Als Ergebnis wird freilich der Druck im Kochtopf steigen.

   Die Empirie zeigt, dass der Zusammenhang zwischen Einkommensentwicklung in Auswanderungsländern und Migration nicht linear verläuft. Migranten verlassen vor allem nicht die ärmsten, sondern die halbwegs entwickelten Länder. Die Ärmsten der Armen sind an die Scholle gefesselt: sie können sich keine Wanderung leisten. Erst bei einem mittleren Einkommensniveau können Familien die Mittel aufbringen und leihen, die ein Migrant für die Reise mutmasslich brauchen wird. Das derzeitige Rekordniveau von Remittenten erfolgreicher Migranten in ihre Herkunftsländer beweist, dass die Rechnung aufgeht.

   Sobald ein Land ein höheres als das mittlere Einkommenniveau erreicht, tritt eine Rückwanderung ein, wie sie die Türkei während des Booms der ersten Jahre der AKP-Regierung und Marokko in den Jahren vor den Rif-Unruhen verzeichneten.

   Ein (utopischer) Marshall-Plan für Afrika könnte im Erfolgsfall die Migration sogar verstärken. Als Politikern diese Erkenntnis nahe gebracht wurde, beerdigten sie die Idee stillschweigend. Was nicht bedeutet, dass es keine Ansätze für Europa gibt, um der Bevölkerung in diesen Staaten zu einer menschenwürdigeren Existenz zu verhelfen. Im Nahen Osten und in Afrika sollte Europa sich für die Bekämpfung der Haupt-Fluchtursachen einsetzen: Krieg, religiöse und Stammeskonflikte, ethnische Säuberung, Kriminalität, Ausbeutung und patriarchalische Rückständigkeit. 

Heinrich von Loesch