Ein absurd anmutender Titel: kann man Nordkorea und die Türkei vergleichen?

   Nordkorea ist ein Schurkenstaat, der die Welt mit atomarer Gewalt erpresst und sein eigenes Volk versklavt. Die Türkei ist eine ehemalige Demokratie, nun Despotie, die ausser ihrem eigenen Volk und ein paar Reisenden und Journalisten niemanden ernstlich bedroht. Wie soll man die beiden Länder vergleichen?

Ein Paria weniger, ein Paria mehr

   Die Dimension, die einen Vergleich nahelegt, ist die zeitliche. Bei Nordkorea ist klar, was die Regierung will und dass sie es sofort will: Anerkennung als Atommacht, Nicht-Angriffs-Garantien, Ende aller Sanktionen und langfristig Wiedervereinigung beider Koreas unter der Herrschaft der Sippe Kim. Vom letzteren Punkt abgesehen sind alle Anliegen realistisch und erfüllbar. So wie Pakistan und Indien Atommächte wurden ohne dass sich die Welt gross aufgeregt hat, so würde die Anerkennung Nordkoreas allenfalls Japan und Südkorea ermuntern, ebenfalls nach Atomwaffen zu streben. Nur weil Nordkorea eine kommunistische Vergangenheit hat, Südkorea bedroht und die Kim-Sippe unappetitlich ist, wirkt die Bilanz nicht viel negativer als die Pakistans mit seinem Islamismus und seiner unguten Rolle in Afghanistan.

   Mit anderen Worten: Nordkoreas Probleme sind akut und weitgehend lösbar, wenn der Westen bereit wäre, Gesicht zu verlieren und die Kröte Kim zu schlucken. Dass Kröten geschluckt werden können, beweist neuerdings das Beispiel von Bashar al-Assad. der wieder als Syriens Regierungschef anerkannt wird. Kim Jong-un ist nicht grausamer als Assad, nur weitaus mächtiger und möglicherweise göttlicher Abstammung.

   Nordkorea steht an der Schwelle zur internationalen Anerkennung. Man stelle sich Kim (oder sein Double) in einer Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen vor, Kim bei einer Tagung der G20. Die Türkei verliert derzeit rapide an Anerkennung im Westen und isoliert sich. Während Nordkorea energisch die Paria-Rolle abstreift, schlüpft die Türkei täglich mehr in ein Paria-Kleid. Warum?

Land der Türken, die türkisch sprechen

   Nach hundert Jahren eines von Kemal Atatürk und seinen Jüngern verordneten Laizismus gelang es den sunnitischen Frommen, die Macht zu übernehmen und den Kemalismus schrittweise zu beseitigen. Dieser Sieg gelang den Islamisten erst im zweiten Anlauf. Der erste Versuch unter Necmettin Erbakan war 1997 am Widerstand des Militärs gescheitert. Aus diesem Misserfolg lernten die Islamisten, vorsichtiger zu sein, sich liberal zu tarnen und den zweiten Anlauf sehr behutsam einzuleiten. Als das Ziel schon winkte, brach – wie in Revolutionen üblich – ein Richtungskampf aus: Erdoganci gegen Gülenci, ein bisschen wie einst Bolschewiki gegen Menschewiki. Der Hauptunterschied zwischen beiden Richtungen liegt in den Führungspersonen, nicht im Programm.

   Wie es scheint, ist der Richtungskampf entschieden und Erdogan geht nun mit Hilfe einer Hälfte der Bevölkerung daran, die Türkei und ihr Umfeld nach seinen Vorstellungen umzugestalten. Ein Staat, eine Religion, ein Volk. Wie im 17. Jahrhundert Europas gilt nun cuius regio, eius religio, der sunnitische Islam wird zur Staatsreligion der Türkei bestimmt; andere Religionen werden schikaniert und ihr Besitztum enteignet. Ethnopolitisch wird wie im Europa des 20. Jahrhunderts nationale Homogenität angestrebt: die Türkei soll das Land der Türken sein, die türkisch sprechen. Minderheiten wie Kurden, Armenier, Roma sind unerwünscht und werden diskriminiert oder unterdrückt.

   Innenpolitisch ist die Türkei auf dem Weg zum Einparteien-Staat. Die Prokurdische Partei HDP ist nach der Verhaftung ihres Führungspersonals so gut wie tot; die kemalistische Partei CHP, bislang die wichtigste Opposition, wurde bereits von Erdogan des Terrorismus bezichtigt: ein Zeichen, dass ihre Enthauptung ebenfalls bevorsteht. Die kleine extrem nationalistische MHP- Partei hat sich gespalten; ihr Ableger unter Meral Aksener wird reichlich mit Vorschusslorbeeren bedacht.

   Ob die Oppositionsparteien bis zur Kommunalwahl im März 2019 die ihnen vermutlich zugedachten Säuberungen überstehen werden, ist fraglich. Selbst wenn sie kraftvoll und gemeinsam in den Wahkampf gehen sollten: die Wahlurnen im März und bei der alles entscheidenden Präsidentenwahl im November 2019 kontrolliert die AKP-Regierung. Sie hat bewiesen, dass sie dafür zu sorgen versteht, dass nichts schiefgeht. Sind die Wahlen erst gewonnen, dann kann Erdogans AKP endlich ohne Kritik oder Widerstand regieren und das Land noch mehr zum Gottesstaat formen.

   Da die Innenpolitik wegen der bevorstehenden Wahlen gegenwärtig die Szene beherrscht, ist die Aussenpolitik zeitweise in den zweiten Rang getreten. Die anstehenden grossen Änderungen sind eher langfristiger Natur. Das Streben Erdogans, in möglichst vielen Länder die Moslem-Bruderschaft an die Macht zu bringen, hat bisher nicht viel Erfolg gebracht. In Ägypten endete die Machtergreifung der Brüder in einem Blutbad und einer Militärdiktatur. In Libyen verhinderten der ägyptisch-emiratische Vasall al-Haftar und die Bemühungen der Vereinten Nationen, eine laizistische Regierung zu etablieren, dass die von der Türkei und Qatar gepäppelten Islamisten von Tripolis die Macht im ganzen Land übernahmen.

   In Syrien ist das türkische Streben nach einem Sieg der Bruderschaft-nahen Milizen total gescheitert. Sie wurden zwischen Regierungstruppen und Dschihadisten zerrieben. Um das Schlimmste zu verhindern, nämlich die Vereinigung aller kurdischen Kantone Syriens zu einem autonomen Staatswesen, musste die Türkei in Syrien einmarschieren; ein verlustreiches Unterfangen ohne glaubhafte exit strategy. Um überhaupt eine Rolle in Syrien zu behalten, agiert Ankara jetzt als Protektor der dschihadistischen, Qaeda-treuen al-Nusra-Miliz in der Provinz Idlib. Im Irak war die Türkei erfolgreicher: sie konnte sich in den Kampf um Mossul einschalten und Forderungen anmelden. Ausserdem gelang es Erdogan, in Qatar einen militärischen Brückenkopf im Golf zu errichten und sich nach einem Jahrhundert der Abwesenheit als Nachfolger der Osmanen in Erinnerung zu bringen.

   Auf dem Balkan sind die Türken besonders aktiv. Bulgaristan (Bulgarien), Arnavutluk (Albanien) und Bosna (Bosnien) sieht Erdogan als türkische Protektorate an, in denen es an historische Grundlagen anzuknüpfen gilt. Nicht immer sind die Türken willkommen, ernten Ablehnung und Spott. Dass die türkische und saudische Missionsarbeit in diesen Ländern zu anti-islamischen Reflexen in Ungarn, der Slowakei, Kroatien und Österreich führt, ist ebenfalls historisch begründbar.

   Wenn man diese aussenpolitischen Aktivitäten mit Erdogans Reisezielen verknüpft, so ergibt sich daraus ein Weltbild mit der Türkei als Zentrum in einem sunnitischen Commonwealth, dem Dar al-Islam. Vom Ruhrgebiet und Bosnien bis zu den Emiraten und Somalia, von Senegal bis nach Bangladesch, Indonesien und Sinkiang erstreckt sich das Weltreich der Frommen, das es von der Vorherrschaft der Christen zu befreien gilt. Eine herkulische Aufgabe, die einen Gottgesandten erfordert, einen wie Recep Tayyip Erdogan.

Nicht genug Feinde

  Ein grosses aussenpolitisches Problem für die AKP ist der Mangel an Feinden. Wenn man von dem Winzling Griechenland absieht, ist die Türkei von Freunden umgeben. Ankara muss sich anstrengen, um Israel und Deutschland als Feinde aufzubauen, damit man innenpolitisch Loyalität einfordern kann. Wenige Monate lang konnte auch Russland als Feind gelten, doch Erdogan musste in Moskau zu Kreuze kriechen, um das von Rosatom zu bauende erste Atomkraftwerk zu bekommen – das er als Plutoniumquelle brauchen wird – und um wieder russische Touristen anzulocken, die er für seine von Europäern gemiedenen Hotels benötigt.  Der erste Reaktor soll in Akkuyu 2018 den Betrieb aufnehmen.

    Aus Mangel an externen Feinden mussten interne Gegner gefunden werden, gegen die man patriotisch und ruhmvoll kämpfen kann. Neben den Gülenisten eigneten sich vor allem die Kurden. Man war schon fast bei der Aussöhnung angelangt; die Regierung Erdogan verhandelte mit dem gefangenen Kurdenführer Öcalan; dann legte Erdogan aus wahltaktischen Gründen den Rückwärtsgang ein. Seither bemühen sich Militär und Kurdenmiliz PKK gemeinsam, die Dörfer und Städte türkisch-Kurdistans in Schutt und Asche zu legen. Hunderttausende sind obdachlos und auf der Flucht; Erbarmen ist nirgendwo zu sehen, weder bei den Türken, noch bei der kurdischen Terror-Miliz. Eine Tragödie im Hinterhof der Türkei, von der die Welt wenig Notiz nimmt. 

 Atomrüstung statt NATO?

  Angesichts der grossen AKP-Vision von der Führungsrolle im sunnitischen Kosmos schrumpfen Fragen wie das Verhältnis der Türkei zur EU, zu den USA oder der Mitgliedschaft in der NATO zu Petitessen. Die EU ist längst vom erstrebten Ziel zum Feind mutiert; den USA droht man mit Konsequenzen, falls sie Erdogans Intimfeind Fethullah Gülen nicht ausliefern. Die NATO ist nicht mehr unabdingbar: der Erwerb des russischen Raketenabwehrsystems S-400 ist der erste Schritt zur Abkopplung der Türkei von einem westlichen System, das in etlichen sunnitischen Ländern als Bedrohung angesehen wird. Eine Allianz mit potenten, hochgerüsteten Ländern am Golf, in Zentralasien und mit der Atommacht Pakistan könnte die NATO ersetzen. Auf lange Sicht aber muss die Türkei selbst Atommacht werden. Gute Beziehungen zu Pakistan, Russland und Nordkorea können dabei hilfreich sein. Nur eine Atommacht wird respektiert, das hat Erdogan begriffen. Nordkorea hat gezeigt, wie man sich mit Unverschämtheit der Weltgemeinschaft aufzwingen kann. Und an Unverschämtheit mangelt es der AKP nicht. Die Frage ist nur, ob man schneller in die Atomklasse der Staaten aufsteigt als die Mitbewerber Saudi-Arabien und Ägypten. 

   Eine kühne Vision, die die AKP-Leute mit Stolz erfüllt und ihnen erlaubt, Kleingeister wie deutsche oder österreichische Politiker mit Verachtung und Spott zu strafen. Zugleich ist man sich aber bewusst, dass der Weg zur Wiedererrichtung einer islamistischen Variante des osmanischen Weltreichs lang ist und viel Vorarbeit erfordert. Einer von ihnen hat schon gezeigt, wie man das angeht: ausgerechnet der Erzfeind Gülen. Mit seinem weltumspannenden System von Schulen, Stiftungen und Wohltätigkeit hat er Enormes für das Ansehen der Türkei geleistet. Hunderttausende sind durch seine Schulen gegangen. Moslems oder nicht: sie haben ein warmes Gefühl für den Prediger, eine Grundkenntnis von Türkisch und eine Beziehung zu dem Land zwischen Europa und Asien behalten.

 Sanfte Kulturarbeit

  Schade, dass Erdogan jetzt von Staat zu Staat reist und die Regierungen auffordert, die Gülen-Schulen zu schliessen, nicht immer mit Erfolg, wie man hört. Doch während der Boss offiziell gegen Gülen wütet, bereitet die AKP ihre eigene Kampagne nach dem Vorbild Gülens vor. Nicht mehr zufrieden mit dem seit Jahren laufenden, grosszügig finanzierten Programm zum Bau von Moscheen, Koranschulen, Kulturzentren und Entwicklungsinstituten im Ausland hat die Regierung 2016 eine riesige, Steuergelder-finanzierte Bildungs-Stiftung gestartet. Wie der Gülenist Abdullah Bozkurt berichtet, dürfen die Vertreter der Maarif-Stiftung sogar mit Diplomatenpass reisen. Amüsanterweise scheut sich der Islamist Bozkurt nicht, die Chefs der Maarif  “der Angehörigkeit fragwürdiger islamistischer Gruppen” zu verdächtigen.

   Seit ihrer Gründung versucht Maarif durch eine staatliche Behörde, die Turkish Cooperation and Coordination Agency (TIKA), Gülen-Schulen in zahlreichen Ländern von Pakistan bis Mali zu übernehmen, stösst dabei jedoch auf Mangel an Lehrkräften. Die alten Gülenisten gelten ja nun als Terroristen; neue Lehrer mit geeigneten Sprachkenntnissen kann man nicht aus dem Boden stampfen.

   Maarif soll nicht nur in des Predigers Fusstapfen treten. Erdogan hat begriffen, dass sanfte Kulturarbeit nach Art des Hodscha in Pennsylvania unabdingbar ist, wenn man Weltgeltung erlangen will. Die Aufgabe, die Maarif gestellt ist, leidet an einer prinzipiellen Schwäche: es fehlt eine Idee. Gülens erstaunlicher Erfolg wurde ja möglich, weil er eine neue Art von Islam predigte: die Versöhnung des Glaubens mit der Moderne, mit Technik, Wissenschaft und Wirtschaft. Eine Idee, die ihm begeisterte Anhänger brachte. Auch Erdogan wurde von Gülens Predigten beeinflusst. Dass der gütige Alte in Pennsylvania einen Verschwörerorden in der Türkei aufbaute, dass er die Kemalisten im Militär aufs übelste bekämpfte, dass er sicherlich von Machtübernahme und Rückkehr in die Türkei träumte, mag vielen seiner von süssen Sprüchen benebelten Anhängern unbekannt gewesen sein.

   Nun soll Maarif das Werk übernehmen, fortsetzen und mit Hilfe der tiefen Taschen der Steuerzahler ausbauen. Die Schüler sollten statt Gülen Erdogan lieben lernen. Doch der ist kein Hodscha, kein verehrbarer Lehrer. Es gibt kein Buch aus seiner Feder, das man studieren könnte. Sein akademischer Abschluss gilt als fragwürdig, möglicherweise als gefälscht. Man darf gespannt sein, wie Maarif dieses Problem umschiffen wird. Vielleicht findet sich ja bei der türkischen Religionsbehörde Diyanet ein halbwegs präsentabler Ersatz-Hodscha, der schon ein Buch geschrieben hat.  Es wird allerdings schwierig sein, einen Anderen als Erdogan zu präsentieren, denn ein Personenkult hat sich in Ankara ausgebreitet: AKP-Chargen kleiden sich, geben sich ähnlich wie das grosse Vorbild, sprechen in seinem Stil oder übertreffen ihn darin gar, wie Aussenminister Mevlüt Çavuşoğlu und andere Minister.

Bald 100 Millionen

  Mit ihren 80 Millionen Menschen ist die Türkei eine Grossmacht im Nahen Osten. Erdogan drängt sein Volk zu mehr Kindern, um möglichst bald die 100-Millionen-Grenze zu überspringen. Schon heute betrachtet er, ähnlich wie Grossbritannien, die EU als einen Gegner gleichen Kalibers, mit dem man von gleich zu gleich spricht und dem man, falls er nicht spurt, droht. Um die eigene Stärke zu unterstreichen, massiert das türkische Statistikamt offenbar die Wirtschaftszahlen derart, dass statt eines Einbruchs im Gefolge des Putschversuchs von 2016 Wachstum gezeigt wird. Starker Wertverlust der Lira und ein massives Konjunkturprogramm haben die Wirtschaft einerseits angeregt, andererseits aber die Kaufkraft beeinträchtigt

Der natürliche Machtinstinkt eines auf seine kriegerische Tradition stolzen Volkes kombiniert mit einem unbeirrbaren religiösen Herrschafts- und Erlösungsdrang bedroht mehr als nur ein paar griechische Inseln.  

    Während die langfristige Strategie der AKP und ihres Chefs Erdogan ziemlich klar ist, sind die praktischen Erfolge auf dem internationalen Parkett bislang überschaubar. Trotz des starken Einsatzes an Einfluss und Mitteln ist es der Türkei bisher weder auf dem Balkan, noch unter den arabischen Ländern gelungen, echte Vasallen (ausserhalb des Gaza-Streifens) zu finden. Sprachprobleme und Misstrauen gegenüber dem Neo-Osmanismus behindern die Auslands-Aktivitäten der AKP. Auch schlägt Gülen zurück, dessen Leute über ihre alten Kanäle Zweifel an den Motiven von Maarif & Co säen.

Türkei -- Sammelbecken versprengter Terroristen

   Dennoch wäre es falsch, den neuen türkischen Expansionismus und Imperialismus zu unterschätzen. Die Türkei entwickelt sich in den letzten Monaten zu einem Sammelbecken aller versprengten Islamisten und Terroristen, von den heimatlosen Moslembrüdern Ägyptens bis zu den sich an der türkischen Grenze sammelnden Fahnenflüchtigen des Islamischen Staats. Obgleich man wegen der vergangenen Attentate Angst vor den Kämpfern des Daesh hat, bewundert man in der Türkei doch ihren Kampfesmut und ihren religiösen Rigorismus. Sind sie mit Glück und bezahlten Schmugglern durch die stark bewachte Grenze in die Türkei gelangt, finden sie etablierte Strukturen, die sie aufnehmen.

   Die neuen Schul-Curricula der AKP-Regierung verdeutlichen, dass der Unterricht ein ganzes Stück in Richtung auf salafistische Vorstellungen rückt. Kreationsidee anstelle von Evolutionslehre und Dschihad anstelle von religiöser Toleranz sollen nun Wissen und Wissenschaft ersetzen. Ziel ist die Heranbildung einer Generation von frommen Unwissenden, die bereit sind, das Erbe der Dschihadisten und Salafisten anzutreten.

Der Vormarsch des Wahhabismus

  Gab es einmal einen starken Gegensatz zwischen dem europäisch-türkischen Islam und dem Wahhabismus Saudi-Arabiens und Qatars, so hat sich der Abstand in den letzten Jahren vermindert. Nicht der Wahhabismus hat sich gewandelt: vielemehr hat sich das Islamverständnis in der Türkei und anderen Ländern ein ganzes Stück dem Fanatismus der Wahhabiten angenähert. Die Gründe sind vielfältig: die vorgebliche Rückbesinnung der Dschihadisten in Syrien und dem Irak auf die mittelalterlichen Ursprünge der Religion ist ein Faktor, aber wichtiger noch ist die Dominanz des Wahhabismus im Internet und in den saudisch finanzierten Moscheen und Medressen überall in der Welt. Wenn sich junge Menschen, nicht nur in der Türkei, heute im Internet über den Islam informieren wollen, werden sie unausweichlich mit wahhabitischen und salafistischen Inhalten konfrontiert, die sich unwidersprochen als der einzige und richtige Glauben darbieten.

   Es ist also für die Zukunft mit zunehmender religiöser Radikalisierung der türkischen Jugend zu rechnen. Für Deutschland, der Heimat der grössten türkischen und türkisch-stämmigen Auslandsgemeinde, kann dies den Abschied von Jahrzehnten des relativ harmonischen Zusammenlebens der beiden Ethnien bedeuten: im Gegensatz zu den Problemen, die Frankreich und Belgien mit ihren arabisch-stämmigen Minderheiten erleben, konnte sich Deutschland weitgehend  ungestörter Integration der Türken erfreuen. Die weitere politische Entwicklung in der Türkei kann ihren Schatten stärker auf Deutschland werfen, als den Deutschen bewusst ist.

   Längerfristig wäre eine aus der NATO ausgetretene, aggressiv-islamistische AKP-Türkei ein unangenehmer, bedrohlicher Nachbar, mit oder ohne Atomrüstung. Während die arabische Diaspora in Frankreich und Belgien weitgehend amorph und "heimatlos" ist, ist die türkische Diaspora stark auf ein einziges Land bezogen, nämlich die Türkei. Dass Ankara die engen Bande skrupellos nutzt, zeigt sich in diesen Tagen*). Ein Netz der Überwachung durch angeblich tausende Spione in Deutschland sorgt für Angst bei allen, die einen türkischen Hintergrund aufweisen. Familie oder auch nur ein Ferienhaus oder ein Erbanspruch in der Türkei können von den Behörden als Druckmittel genutzt werden. Reisen in die alte Heimat sind zu einem va banque-Spiel geworden.

   Kaum auszudenken, wie Ankara im Falle eines echten Konflikts seine Macht in Deutschland ausspielen könnte.

   Wenn Nordkorea in hoffentlich naher Zukunft in die Staatengemeinschaft aufgenommen ist und seinen Zerstörungsfantasien abgeschworen hat, bleibt die Rolle der Türkei offen. Sollten die Islamisten wie einst die Kemalisten ein Jahrhundert lang in Ankara herrschen, so ist mit üblen Überraschungen in Serie zu rechnen.  Der natürliche Machtinstinkt eines auf seine kriegerische Tradition stolzen Volkes kombiniert mit einem unbeirrbaren religiösen Herrschafts- und Erlösungsdrang bedroht mehr als nur ein paar griechische Inseln.  

  

Ihsan al-Tawil

 

*)  An Internet television channel called Z-23, which will promote Turkish President Recep Tayyip Erdoğan and the Justice and Development Party (AKP) in Germany, is to be established with help from the Turkish Embassy in Berlin, the artigerçek news website reported on Friday. According to the report the embassy’s press counselor, Refik Soğukoğlu, is helping to establish the channel, which will target German politicians and support Erdoğan’s views.

TurkishMinute

Update

Für die türkischen Grossmachtträume spricht auch der Bau eines Flugzeugrträgers und die Planung der Produktion eines eigenen Kampfflugzeuges.

 

Update II

Hayrettin Karaman, a leading theologian and issuer of fatwas, or religious edicts, for ruling Justice and Development Party (AKP) circles and Turkish President Recep Tayyip Erdoğan, said in a column on Sunday that there will be one state of all Muslims and that non-Muslims will pay additional taxes to live in the same state.

 

Karaman

 

According to Karaman, the single Muslim state will be established when conditions are right. Underlining that more than one Muslim state exists today out of necessity, Karaman said: “I am repeating my thoughts that those who try to divide the ummah [Muslims] by creating independent states by means of gathering religious evidence are on the wrong path.”

Karaman said in a column on Aug. 18 that Turkey needs to have nuclear power and work on achieving Muslim unity and friendship.

Explaining to what extent and under what conditions Muslims should befriend non-Muslims, Karaman said: “Peace should be preferred, but one also has to have a deterrent force for defense and to fight against violence. [I am insisting that this power in our day is nuclear and that we should have it. Having this power is not to use it violently, but to ensure a power balance, for defense and deterrence.] … I am not saying we should be North Korea, I am saying ‘Keeping in mind the divine warnings and being cautious, let’s work on Muslim friendship and unity in the long term, if not now’.”

Karaman, a well-respected figure among political Islamist groups in Turkey and regarded in high esteem by Erdoğan, frequently makes controversial statements in the name of Islam that favor Erdoğan and the AKP government.

Turkish Minute