Die Weltöffentlichkeit ist, was die Türkei anlangt, derzeit in einer misslichen Lage. Die türkischen Medien sind alle gleichgeschaltet, sie flöten die Melodie der Regierung und trauen sich nicht mehr, irgend etwas zu hinterfragen. Die Arbeit der ausländischen Korrespondenten leidet ebenfalls: ihre traditionellen Quellen sind entweder versiegt oder verhaftet. Wer also berichtet glaubhaft über das türkische Geschehen?

   Es gibt nach wie vor die Medien der Bewegung des Priesters Fethullah Gülen, die allerdings stark geschrumpft sind. Die Zeitung Zaman gibt es nur noch in einer türkisch-sprachigen Deutschland/Europa-Ausgabe, unterstützt von türkisch-sprachigen Online-Ausgaben in Deutschland und Frankreich. An die Stelle der englisch-sprachigen Online-Zeitung Today’s Zaman ist das Online-Portal TurkishMinute getreten.

   Die Gülen-Medien berichten über die Türkei in regierungskritischer Weise. Dadurch kommt vieles immer noch an die Öffentlichkeit, das Ankara gerne unter den Teppich kehren würde. Aber wie glaubhaft sind die Gülen-Medien?

   Ein Beispiel ist die gegenwärtig auf TurkishMinute laufende Artikelserie von Abdullah Bozkurt  “Wie Erdogans Familie die Finanzen und Wirtschaft in der Türkei kontrolliert”. Von einem vorzüglichen Journalisten geschrieben, verheerend in seinen Aussagen über Erdogan und seinen Klüngel – vor allem den gegenwärtigen Premier Binali  Yildirim – aber wie glaubhaft ist dies alles aus der Feder eines Gülen-Aficionados? Wieviel ist Fakt, wieviel ist Rache an einem bösartigen Abtrünnigen?

   Vielleicht ist es nützlich, einen Rückblick auf die Rolle Gülens in der türkischen Politik und seine Bedeutung für Erdogans Aufstieg zu werfen.

   Die vergangene Berichterstattung unseres Blattes erlaubt einen solchen Rückblick: 

 

   Erstmals berichtete german.pages.de – Deutsche Rundschau 2008 unter dem Titel “Atatűrks zweite Beerdigung” über Gülen:

In diesen Tagen wird Mustafa Kemal, genannt Atatűrk – Vater der Tűrken – zum zweiten Mal beerdigt. Vielleicht endgűltig. Niemand merkt es, und niemand – ein paar tűrkische Kemalisten ausgenommen – erregt sich darűber. Die Fundamentalisten jubeln im stillen Kämmerlein; auch das merkt niemand.

Ein geräuschloser Erdrutsch, der sich da vor allen Augen vollzieht, gespenstisch. Siebzig Millionen, die von Europa wegdriften Richtung Orient, auf möglicherweise nie wiedersehen.

Kann das wirklich sein?

Es kann. Der Steuermann, dem ein grosses Land folgt, heisst Fethullah Gűlen, lebt in den USA, ist aber im Ausland kaum bekannt. Der 68 Jahre alte, angeblich kranke Prediger ist der Nachfolger von Bediüz-zaman Said-i Kurdi, dem Grűnder der Nur (Licht)-Bewegung, der den Laizismus des Staatsgrűnders Atatűrk von 1926 bis 1960 mit List und Ausdauer bekämpfte.

Während Said-i Nursi, wie er später genannt wurde, einen auf dem Sufismus grűndenden orthodoxen Islam predigte, fand Gűlen eine neuartige Formel, die den Glauben mit wohldosierter Modernität und ökumenischen Aspekten verbindet. Seine neue Formel, sein Charisma als flammender Prediger und seine Geschäftstűchtigkeit haben die Nur-Bewegung zur stärksten und einflussreichsten islamischen Gemeinschaft in der Tűrkei gemacht. Die Nur-Bewegung ist ein Cemat, ein religiöser Orden.

Gűlen predigt die Vereinbarkeit von Glauben, Wissenschaft und moderner Wirtschaft. Er erklärt, dass die Wissenschaft die Richtigkeit der Religion beweise, und dass im Gegensinn die Wissenschaft durch den Glauben gestärkt werde.

Ein moderner Tűrke

Ein moderner Tűrke gemäss Gűlen kann also gläubiger Moslem, Forscher und Unternehmer zugleich sein. Mit diesem Ansatz hat Gűlen die Frommen aus dem Dunkel der Moscheen und Koranschulen herausgeholt und sie in die Welt der Computer, Banken und des Internets integriert. Eine ganze Generation junger Unternehmer aus Anatolien, die sogenannten anatolischen Tiger, hat Gűlens Konzept verwirklicht und damit wesentlich zum Aufschwung der Tűrkei in den letzten Jahren beigetragen. Sie sind fromm, sprechen fremde Sprachen, haben im Ausland studiert, denken und handeln global.

Endlich, freut sich der arglose Beobachter, endlich hat ein einflussreicher Prediger einen moderaten Islam fűr das 21. Jahrhunderts definiert, den ein ganzes Land űbernehmen kann. Endlich gibt es ein Vorbild der Modernisierung, dem die anderen islamischen Völker, die noch in mittelalterlicher Finsternis verharren, folgen könnten. Vom amerikanischen Botschafter in der Tűrkei bis zu den ausländischen Pressekorrespondenten in Ankara preisen alle fremden Beobachter den neuen toleranten, integrationsbereiten und total ungefährlichen Islam.

In der Tat, das tűrkische Beispiel wird zur Zeit sogar in der arabischen Welt mit Interesse, Faszination oder Schauder beobachtet, je nach Standpunkt des Betrachters.

Doch das schöne Bild trűgt

Um Gűlens Sekte einschätzen zu können, muss man zunächst ihre Machtbasis betrachten. Gűlen selbst hat dutzende von Bűchern und hunderte von Videokassetten verfasst, die im Fernsehen gesendet wurden. Seinen Getreuen, den Fethullahcilar, gehören mehrere Zeitungen, darunter Zaman, Vatan, Bugun, Fountain, Yeni Ümit, Sızıntı, und Yağmur, sowie der Fernsehsender Samanyolu und die Hörfunkstation Burc. Gűlens Bűcher sind in ein halbes Dutzend Sprachen űbersetzt worden. Er hat Verlage, Zeitschriften und mehrere Stiftungen gegrűndet, darunter sogar eine Stiftung fűr Journalisten und Publizisten. Űber sein gesamtes Imperium und seine Millionen Gefolgsleute herrscht er allerdings undemokratisch, nämlich mit absoluter Gewalt.

Er hat űber 200 Schulen und Universitäten in der Tűrkei und in rund hundert anderen Ländern gegrűndet, in denen junge Moslems gern gemeinsam mit Schűlern anderer Konfessionen, oft Ausländern, erzogen werden, angeblich in der Absicht, unter den Nicht-Moslems spätere Sympathisanten heranzuziehen.

Dank zahlreicher Schulen und einer besonderen zinsfreien Entwicklungsbank Asya Finans, versucht Gűlen, in den turksprachigen Ländern Zentralasiens die Tűrkei als ein Entwicklungsmodell und den vergleichsweise moderaten anatolischen Islam als Alternative zum arabischen Islam zu empfehlen.

Die rund einhundert Schulen der Gűlen-Gemeinschaft in der Tűrkei lehren das staatliche Curriculum, sind aber besser ausgestattet, weisen besser ausgebildete Lehrer auf und sind daher unter den Wohlhabenden besonders beliebt.

Gűlen zählt fűnf bis sechs Millionen Anhänger in der Tűrkei. Sein Wirtschaftsimperium setzt angeblich Milliarden Dollar im In- und Ausland um. Unter den Abgeordneten der Regierungspartei der Tűrkei sollen dreissig Anhänger des hocaefendi, des „verehrten Lehrers“ sein. Fethullah Gűlen gilt als einer der reichsten Tűrken.

Dass diese machtvolle Maschine nur existiert, um brave, tűchtige Moslems heranzubilden und eine Fusion von tűrkischer Lebensart und anatolischer Religion weltweit zu verbreiten, hat Fethullah Gűlen selbst dementiert.

Verräterische Predigten

Im Jahre 1999 wurde eine Reihe seiner Predigten im Fernsehen gesendet, in denen er seinen Gefolgsleuten erstmals reinen Wein einschenkte. Ziel seiner Bewegung sei es, die Tűrkei in einen islamischen Staat zu verwandeln, der unter dem islamischen Recht der Scharia steht. Um dies zu erreichen, verlangte er von seinen Jűngern folgendes:

Ihr műsst Euch in den Arterien des Systems bewegen, ohne dass Euch jemand bemerkt, bis Ihr alle Machtzentren erreicht habt... Wenn Ihr etwas űberstűrzt, dann wird die Welt uns die Schädel einschlagen, und die Moslems werden űberall leiden, so wie es bei den Tragödien in Algerien und (1982) in Syrien geschah.

Ihr műsst warten, bis ihr die Staatsgewalt voll űbernommen habt, und bis ihr alle verfassungsmässigen Kräfte der Tűrkei auf Eure Seite gebracht habt.

Ich verlasse mich auf Eure Loyalität, mit der Ihr das Geheimnis bewahrt. Ich weiss, wenn Ihr von hier fortgeht, műsst Ihr die Gedanken und Gefűhle, die hier ausgedrűckt wurden, beseitigen, so wie ihr die leeren Fruchtsaftkartons wegwerft.

In einer anderen Predigt sagte Gűlen:

Derzeit herrscht ein schmerzlicher Frűhling, in dem wir leben. Eine Nation wird wiedergeboren, eine, die mit Allahs Willen Jahrhunderte lang leben wird. Sie wird geboren mit ihrer eigenen Kultur und ihrer eigenen Zivilisation. Natűrlich werden wir Schmerz erleiden. Es wird nicht einfach sein fűr eine Nation, die den Atheismus akzeptiert hat, die den Materialismus akzeptiert hat, eine Nation, die daran gewöhnt ist, vor sich selbst davon zu laufen...aber es ist all unser Leiden und die Opfer wert.

Als die explosiven Predigten im Fernsehen gesendet wurden, hattte Gűlen mit amerikanischer Hilfe bereits das Land verlassen und lebt seither in Pennsylvania. Er hat gute Beziehungen zu Washington, denn seine Sekte war durch ihre vielfältigen Aktivitäten in den zentralasiatischen Turkstaaten ein wichtiger Verbűndeter der US-Geheimdienste während des kalten Krieges.

Ein Jahr nach der Sendung seiner Predigten wurde er in der Tűrkei in Abwesenheit des Umsturzversuchs und der Grűndung einer illegalen Organisation angeklagt, die die Tűrkei in einen islamistischen Staat verwandeln wollte. Später wurde der Prozess verschoben, und 2006 änderte die Regierung der islamischen AK-Partei die Terrorgesetze mit dem Ergebnis, dass Fethullah Gűlen freigesprochen wurde.

Der leise Kampf der Da'was

Im Verlauf der Jahre wurde also klar, dass Gűlens Sekte eine Da’wa ist, nämlich ein Orden, der die islamische Weltherrschaft auf sanfte, wenig auffällige Weise anstrebt, ein Jihad im Samthandschuh, wie Paul Stenhouse es formulierte. Woran Gűlen mit vollem Einsatz arbeitet, ist die Schaffung eines grossen Turkreiches von Thrakien bis nach Sinkiang, geeint durch seinen anatolischen Islam und, wie Spötter meinen, mit ihm als Kalifen.

Eine Da'wa entspricht ungefähr der Institution der Propaganda Fide in Rom. Da’was gibt es seit den zwanziger Jahren in mehreren Ländern. Sie geben der Ansicht Ausdruck, dass der Sieg des Islam nicht allein mit Gewalt erreicht werden kann, sondern dass stille Missions- und Unterminierungsarbeit erforderlich ist, vor allem in der christlichen Sphäre, da das Christentum ja schwach und daher reif sei fűr die Űbernahme durch den Islam als dem entscheidenden Schritt zur Weltherrschaft des mohammedanischen Glaubens. Said-i-Nursi drűckte diese Űberzeugung vor etlichen Jahren poetisch aus, als er meinte, der Westen warte auf den Islam.

Damit wird auch verständlich, warum Fethullah Gűlen die Beműhungen der Regierung um einen Beitritt zur Europäischen Union voll unterstűtzt (oder vielleicht sogar initiiert hat). Der Beitritt wűrde dem Islam Tűr und Tor fűr Missionierung im Kernland der Christen öffnen. Ob man sich in Brűssel der religiösen Wurzeln der tűrkischen EU-Begeisterung bewusst ist?

Eine weitere islamische Sufi-Da’wa ist von grosser politischer Bedeutung in der Tűrkei, die Nakshibendi. Diese aus dem 12. Jahrhundert stammende Bewegung hat nicht nur den grossen Said-i-Nursi, sondern auch viele heute wichtige Politiker hervorgebracht, darunter Staatspräsident Abdullah Gűl, Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, ex-Parlamentssprecher Bűlent Arinc und zahlreiche andere. Auch der frűhere Präsident Turgut Özal war Eleve der Nakshibendi, wie auch der ehemalige islamistische Premier Necmettin Erbakan, der Grűnder der in Deutschland verbotenen Milli Görűs (Nationale Vision)-Bewegung.

Es ist nicht zu űbersehen, dass die gegenwärtige Regierung der Tűrkei tiefe Wurzeln in verschiedenen Da’was hat. Sie agiert in deren Sinne, so als ob Fethullah Gűlen im fernen Pennsylvania Marionetten tanzen liesse. Jede Woche illustrieren neue Nachrichten den schrittweisen Umbau der Tűrkei in einen religiös dominierten Staat.

Kritische Presse

  • Da heisst es beispielsweise, dass 44 Prozent des staatlichen Schuletats an die wenigen Imam-Hatip-Schulen, die religiösen Imam-Seminare, verteilt werde, die nicht wissen, wohin mit dem vielen Geld, während es den staatlichen Schulen an Brennmaterial gegen die Winterkälte mangelt, wie die Zeitung Cumhuriyet berichtet.

  • An einem anderen Tag wird bemängelt, dass die AKP-Regierung die verfassunggebende Kommission abschottet und die neue Verfassung nicht zur Diskussion stellen will. Die Zeitung Gűnes behauptet, der Vorsitzende der Kommission und Berater des Premierministers gehöre zu den Männern in der Kommission, die einer Frau nicht die Hand geben, weil das eine Sűnde sei.

  • Dann wieder heisst es, die Regierung wolle das Kurdenproblem mit religiöser Űberzeugungsarbeit im Rahmen der moslemischen Brűderlichkeit lösen, den Kurden also die Freiheit geben, den Koran auf kurdisch zu lesen.

  • Eine neue Initiative des Ministerpräsidenten Erdogan, einen Fernsehsender zu starten, der in arabisch, persisch und — man staune – kurdisch senden soll, wurde direkt bei Fethullah Gűlen in Auftrag gegeben, meldet die ihm nahestehende Zeitung Bugun. Aufgabe des Senders sei es, den Nachbarländern die Bedeutung der regionalen Fűhrungsmacht Tűrkei nahe zu bringen.

  • Premier Erdogans Schwiegersohn ist der Chef der Calik Holding, einer regierungsnahen Finanzgruppe, die kűrzlich die zweitgrösste tűrkische Mediengruppe Sabah/ATV kaufte, zu der die in Izmir erscheinende Zeitung Yeni Asir gehört. Nach dem Verkauf verschwand das Atatűrk-Logo vom Titel der Zeitung, den es viele Jahre geziert hatte. Als die regierungskritische Hűrriyetdarűber berichtete, gab es einen Skandal, und das Logo erschien nach wenigen Tagen wieder am alten Platz.

  • Omar Sener, der Mufti von Mudumu in Bolu erklärte in einer Freitagspredigt, dass ein Handkuss bei einer Person, die mit dem Kűssenden verheiratet werden könnte, eine Sűnde sei, denn diese Geste könnte bereits Eheschliessung bedeuten. Der Prophet hätte nie eine Hand gekűsst, erläuterte er. Ein zufällig anwesender, kemalistischer Abgeordneter erstattete Strafanzeige gegen den Mufti.

  • Die laizistische Tageszeitung Cumhuriyet berichtete am 18. Dezember űber die schnelle Ausbreitung eines islamistischen Lebensstils in der Tűrkei durch islamistische Feriendörfer, nach Geschlechtern getrennte Hotels, islamistische Mode und Spielzeug, islamische Autos (mit Kompass, der die Richtung nach Mekka anzeigt), nach Geschlecht getrennte Autobusse, Alkoholverbot und Gebetsräume in Flughäfen, und schliesslich neue Wohnprojekte im islamischen Lebensstil. Cemal Gokce, ein hoher Funktionär der Tűrkischen Kammer der Bauingenieure kommentierte, dass die Regierung die Islamisierung guter Wohnviertel durch arabisches Kapital als willkommene Auslandsinvestitionen deklariere.

  • Nachdem der neue Präsident des Amtes fűr Höhere Bildung, Professor Yusuf Ziya Ozcan, erklärt hatte, dass Urteile des Höchsten Gerichts hinsichtlich des Kopftuchverbots an Universitäten nicht unbedingt befolgt werden műssten, sieht man mehr und mehr Kopftuchträgerinnen an der Cukurova-Universität. Mehrere Mitglieder des Lehrkörpers warnten, dies bedeute Gesetzesbruch, wie Cumhuriyet berichtete.

  • Anfang Januar 2008 erlaubte die Regierung den Auslandstűrken die Briefwahl. Da die Mehrheit der 4,8 Millionen Auslandstűrken fromme, konservative Moslems aus dem Osten Anatoliens sind, rechnet man in Ankara mit einem starken Stimmenzuwachs fűr die regierende AK-Partei.

Eine neue Verfassung

Noch besitzt die Tűrkei eine freie und mutige Presse. Noch gibt es Zeitgenossen, die sich nicht scheuen, ihre Meinung offen zu sagen. Man muss hoffen, dass die neue Verfassung solche bűrgerlichen Rechte beibehalten wird.

Man sollte aber nicht vergessen, dass die heutige islamische Regierung in freier und geheimer Wahl von den Tűrken im Amt bestätigt wurde. Wenn also die Tűrkei in Richtung Orient abdriftet, sich dem Iran und den arabischen Staaten nähert, dann muss man das als eine freie Entscheidung akzeptieren. Vielleicht ist die Epoche der laizistischen Tűrkei Atatűrks endgűltig vorbei. Demokratie gilt auch, wenn es dem Westen nicht passt.

 

 

   Ebenfalls 2008 befasst sich die Deutsche Rundschau aus der Perspektive des Vatikans mit der Konkurrenz zwischen den Religionen:

In der politischen Praxis werden dutzende islamischer Länder gegenwärtig von großteils korrupten und gewalttätigen, aber laizistischen, Regimes beherrscht. Hauptopposition in diesen Ländern sind unterschiedliche Schattierungen von islamistischen Sekten, Gruppen und Parteien, die mit Wahrscheinlichkeit die Wahlen gewinnen wűrden, wenn es denn freie Wahlen gäbe. Dabei ist es egal, ob die Islamisten so stark geworden sind, weil das Regime diktatorisch ist, oder umgekehrt.

Von Rom aus betrachtet, ist die Schwäche der jetzigen laizistischen Regimes ein Damoklesschwert. Stűrzen diese Regierungen und etablieren sich islamistische Systeme nach Vorbild des Iran, so werden nicht nur die lokalen Christen verfolgt — wie etwa die Chaldäer im Irak — sondern die antichristlichen Gruppen der zweiten und dritten Kategorie erhalten staatliche Unterstűtzung und werden verstärkt auf Europa und andere christliche Gebiete losgelassen.

Was das bedeutet, erfuhr unlängst Deutschland bei dem Besuch des tűrkischen Premiers Recep Tayyip Erdogan im Februar 2008. Sein wichtigster religiöser und politischer Mentor, der Sektenfűhrer Fethullah Gűlen, träumt von einem großtűrkischen Reich vom Rhein bis nach Sinkiang und fordert die Einrichtung weiterer tűrkischer Schulen in Ländern ausserhalb der Tűrkei. Einhundert solche Schulen hat er bereits gegrűndet, vor allem in Zentralasien, aber auch in Ländern so fern wie Kanada und Australien. Nun möchte Gűlen Schulen auch in Deutschland errichten, und an Geld dafűr fehlt es dem Milliardär nicht.

Erdogan forderte bei seinem Besuch denn auch brav tűrkische Schulen in Deutschland und wetterte gegen kulturelle (und religiöse) Assimilation als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Wie sehr die Großtűrken Deutschland bereits in ihre Welt einbezogen haben, erkennt man, wenn Nachrichten űber Tűrken in Deutschland in der tűrkischen Presse gelegentlich in der Rubrik „Inland“ erscheinen.

Die Tűrkei muss dem Vatikan als ein mahnendes Beispiel dienen, wie leicht islamistische Parteien die Macht erringen, wenn sie an freien Wahlen teilnehmen dűrfen und sich als Demokraten geben. Motor der Entwicklung sind die islamischen Geheimgesellschaften, die oft gar nicht sonderlich geheim sind. Sie kommen in unterschiedlichsten Formen vor, von den hochorganisierten ägyptischen Moslembrűdern bis zur turntoislam.com Webseite.

 

 

   Ein gefühlvolles Interview mit Fethullah Gülen brachte die Süddeutsche Zeitung 2010   ("Der Vorbeter", SZ 26/27.06.10) aus der Feder eines seiner Schűler, Timofey Neshitov. Die Deutsche Rundschau kommentierte:

Von allen Islamisten ist Gűlen sicherlich der modernste. Er predigt den Anschluss der Tűrkei an Europa, den wirtschaftlichen und technischen Fortschritt und sicherlich auch ein gewisses Mass an Koexistenz mit anderen Religionen und Lebensformen.

Aber Gűlen deswegen vom Verdacht islamistischer Aktivitäten freizusprechen, scheint mehr als mutig.

Der Interviewer meint, dass die Anschuldigungen wegen umstűrzlerischer Predigten, die Gegenstand eines Hochverratsprozesses gegen Gűlen waren, einer Ueberprűfung nicht standhielten und Gűlen deswegen freigesprochen werden musste. Was Neshitov nicht erwähnt, ist die Tatsache, dass den Prozess 2008 sein Ende ereilte, als Gűlens Schűler Tayyip Erdogan fest als Premierminister etabliert war.

Dass der im amerikanischen Exil lebende Hoxaefendi auch nach Aufhebung des Haftbefehls nicht in die Tűrkei zurűckkehrt, mag gesundheitliche ebenso wie legale Grűnde haben.

Warum sich ausgerechnet die Sűddeutsche so fűr einen umstrittenen Islamprediger ins Zeug legt, ist schwer zu verstehen.

 

 

    Um 2012 schrieb die Deutsche Rundschau:

 In order to prevent the Salafists from absorbing too much power, the majority party itself is forced to move toward the extreme in order to more effectively compete with the Salafists.

A textbook case of this development is currently offered by Turkey. The government of Recep Tayyip Erdogan started out with a moderate, pluralistic and vigorously pro-European attitude. Erdogan even tried to bring the restive Kurds back into the Turkish mainstream.

Under constant pressure from the powerful Islamist movement of Fethullah Gülen whose disciples make up a large share, if not the majority, of the members of Erdogan's Development and Justice Party AKP, Erdogan himself and his government slowly moved in radical directions.

Pluralism gave way to Islamic traditionalism and Ottoman style hegemonism. Critics and journalists were persecuted and, if possible, jailed. The pro-European drive has all but petered out. The Gülen movement can praise itself as a pillar and change agent of modern Turkey. The Gülen newspaper Zaman, one of the media owned by the movement, is considered close to the government.

Turkey experienced some seventy years of secular governments before the religious backlash of the AKP came. There are many reasons for this change, one being the abysmally low levels of education, especially of women.

Poor education favors resistance to change, especially if it comes in the shape of a revolution from above.

--ed