Nun ist es offiziell, was Türkeikenner von Anbeginn vermuteten: der blutige Putschversuch vom 15. Juli 2016 wurde nicht von dem in Pennsylvania lebenden Prediger Fethullah Gülen gesteuert. Die Times kam in den Besitz eines geheimen Berichts des EU Geheimdienst-Zentrums (Intcen) vom 24. August 2016. Der Bericht widerspricht dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der Gülen als Urheber des Putsches bezeichnet. Stattdessen sei der Putschversuch von einer Reihe von Opponenten Erdogans und seiner AK-Partei veranstaltet worden, darunter Offizieren gülenistischer und kemalistischer Orientierung, sowie Opportunisten.

   Es sei unwahrscheinlich, heisst es in dem Bericht, dass Gülen selbst eine Rolle in dem Umsturzversuch gespielt habe. Seine Leute seien in den Streitkräften, die eine Bastion der laizistischen Kemalisten waren, nur schwach vertreten gewesen.

   “Es ist unwahrscheinlich, dass Gülen wirklich die Fähigkeit und die Mittel hatte, solche Schritte zu unternehmen”, heisst es in dem Bericht. “Es gibt keinen Beweis, dass die Armee... und die Gülenisten bereit waren, zusammen zu arbeiten, um Erdogan zu stürzen. Die Gülen-Bewegung hängt sehr locker zusammen und ist ziemlich weit von der säkularen Opposition und der türkischen Armee entfernt”, heisst es laut Times in dem Bericht.

   Nach Ansicht europäischer Geheimdienste waren es Gerüchte einer bevorstehenden Säuberung der Streitkräfte, die den Putschversuch seitens gülenistischer Offiziere, der von Kemalisten unterstützt wurde, auslösten. Daran seien Offiziere beteiligt gewesen, die Erdogans Kurden- und Syrienpolitik ablehnten.

   Der Bericht stellt auch klar, dass die dem 15. Juli folgende umfassende Säuberungskampagne bereits vor dem Aufstand des Militärs geplant war. “Die riesige Verhaftungswelle war bereits vorher vorbereitet worden.”

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   Der Times-Artikel wurde vom Independent und von TurkishMinute aufgegriffen.

 

 

Update

"After news about the INTCEN report was published by London’s The Times newspaper and the euobserver website earlier this week week, the Turkish Foreign Ministry issued a statement on Saturday, describing the report as “baseless, one-sided and ignorant claims.

  

Hintergrund

   Auslöser der jetzigen Türkei-Krise war eine 2015 mutmasslich von Gülen gesteuerte Aktion, Erdogan, seine Familie und einige seiner Minister wegen Korruption vor Gericht zu bringen.

   Statt sich vor Gericht zerren zu lassen, drehte Erdogan den Spiess um und “reinigte” Polizei und Justiz von allen Elementen, die in den Korruptionsvorwurf verwickelt waren. Vermutlich mit einer false-flag-Operation trat er einen neuen Kurdenkrieg los und gewann dadurch die Wahl im September 2015.

   Er musste jedoch durch den Korruptionsvorwurf erkennen, wie dünn das Eis war, auf dem er sich bewegte, und wie gefährlich Gülen ihm geworden war.

   Mit dem Rücken an der Wand stehend, beschloss er, die ganze riesige Gülen-Bewegung in der Türkei – und möglichst auch im Ausland – auszurotten. Dass ein blutiger Kurdenkrieg Opfer fordert, dass Abertausende ihre Freiheit und ihre Existenz verlieren wúrden, und dass die türkische Wirtschaft, das Militär, die Polizei und die Sicherheitsdienste unter der enormen Reinigung leiden würden -- vom Entsetzen des Auslandes und Millionen anständiger Türken abgesehen -- nahm er billigend in Kauf. Hauptsache, er persönlich und seine Mission, die Türkei zu islamisieren, würden gerettet werden.

   Der Putschversuch, der ihm ermöglichte, einen Ausnahmezustand zu verhängen, wirkte wie ein Brandbeschleuniger: Massnahmen, die normalerweise Jahre erfordert hätten, liessen sich nun binnen Tagen und Wochen erzwingen. Kein Wunder, dass Erdogan den Putsch als ein “Gottesgeschenk” begrüsste.

   Der Geheimbericht spricht nicht nur Gülen frei, sondern befreit auch Erdogan*) von dem Verdacht, er habe den Putschversuch selbst organisiert. Dieser Verdacht war nach dem Putsch von Gülen geäussert worden und schien nicht wenigen Beobachtern plausibel.

   Noch hat Erdogan das Ziel der Alleinherrschaft nicht ganz erreicht. Ein Referendum im Frühling soll Erdogans neue Präsidialverfassung absegnen. Man erwartet für die Tage vor der Wahl spektakuläre Terrorakte, um das Volk auf Erdogan einzuschwören. Damit rechnet auch Gülen, der sein langes Schweigen gebrochen hat um zu verkünden, dass er mit der Ermordung eines führenden Oppositionspolitikers rechnet, und dass man ihm, Gülen, die Schuld in die Schuhe schieben werde. Politiker beider Oppositionsparteien MHP und CHP seien in Gefahr.

   Dass die Türkei unter der Gewalt von drei konkurrierenden, weitgehend kriminellen Banden -- Gülenci, Erdoganci und der Kurdenmiliz PKK -- leidet, ist tragisch. Selbst wenn das Volk die Präsidialverfassung ablehnen sollte -- was unwahrscheinlich ist -- wäre keine Rückkehr zu irgendeiner Form von Demokratie in Sicht.  Das Jahrhundert des von Kemal Atatürk verordneten Laizismus ist vorbei;  jetzt droht ein Jahrhundert des politischen Islam. Als ob das nicht schlimm genug wäre, bestraft der zornige Kalif von Rakka den werdenden Kalifen von Ankara mit Terrorakten.

 

Update

*) Offenbart sehen hohe NATO-Offiziere das anders. Sie verdächtigen Erdogan, den Putsch arrangiert zu haben, wie eine norwegische Seite berichtet.

«The senior officers, three- and four-star generals, and those who worked with Turkey for 30-40 years and who mentored Turkish officers for four or five years, say they do not believe that there was a coup. If the Turkish Armed Forces wanted to carry out a coup, they would have succeeded. That’s a tradition in Turkey,» said a NATO source, without a hint of irony"

"Some 80-90 per cent of Turkish officers who served in NATO were relieved of their posts, aldrimer.no has learned from reliable sources. Many of those who dared to return home were jailed and a significant number were killed, according to NATO sources.

«Turkish officers who still have contact with NATO said that Erdogan had been planning the so-called coup for a year and had a list of people he wanted out.” said a NATO source. «I have so far not met anyone who believes there was a real coup attempt,» said the source."

 

Update II

 Oppositionsführer Kemal Kılıçdaroğlu ist der Ansicht, dass Präsident Erdogan eiligst seine Verfassungsreform haben will, weil er Angst hat, vor Gericht gestellt und verurteilt zu werden:

"Main opposition Republican People’s Party (CHP) Chairman Kemal Kılıçdaroğlu said on Wednesday that President Recep Tayyip Erdoğan wants a constitutional amendment package to be approved in an upcoming referendum in early April as he is afraid to be put on trial for crimes in which he and his family members were involved.

Speaking with Deutsche Welle (DW) on Wednesday, Kılıçdaroğlu said Erdoğan wants the package to be approved as soon as possible because he knows he will be convicted if he is put on trial.

“He wants to secure his future. He cares about himself more than he does about the people. … Erdoğan’s main strategy is based on the idea of ‘if something happens tomorrow and he is put on trial’,” he said."

Ihsan al-Tawil