1952 begann in Deutschland das Fernsehen mit 300 Teilnehmern. Inzwischen wird zum Zweck der Besteuerung amtlich vernutet, dass in jeder Wohnung (ausser bei Sehbehinderten) ein Fernseher oder ein fernseh-fähiger Computer steht. Ausserdem gibt es Video in jeder Form, nicht nur zuhause, sondern auch im Autobus, Flugzeug, im Warteraum des Arztes und natürlich auf Smartphone und Tablet.

    Das Leben ist zunehmend videoisiert, nicht nur für junge Menschen, sondern auch für alte, für die bewegte Bilder manchmal das einzige Vergnügen darstellen. Innerhalb von knapp siebzig Jahren hat sich dank der Bilder der Lebensstil verändert. Viele Leute, vor allem junge, verbringen mehr Zeit mit Bildbetrachtung als mit irgendeiner anderen Tätigkeit.

    Es ist nicht verwunderlich, dass das massive Eindringen der optischen Unterhaltung in das Leben die Konsumenten selbst umprogrammiert hat. Durch Gewöhnung an die Dramaturgie und Schnitttechnik des Kinos und danach des Fernsehens “lernten” die Verbraucher, Sequenzen zu verstehen, die für Menschen, die nie diese Form der Unterhaltung kennengelernt haben, unverständlich hin und her springende Schnipsel bleiben. Die sanften Blenden der frühen Kinozeit konnten durch Schnitte ersetzt werden, ohne dabei das Publikum zu irritieren.

   Ein Kuriosum, das dem Fernsehen weltweit eignet, ist der Umstand, dass viele von Papier oder Teleprompter stammende Aussagen von einem sichtbaren Sprecher oder einer Sprecherin abgelesen werden. Das Prinzip ist kontraproduktiv: der Anblick der Person stört das Verständnis der Botschaft.

Der langjährige Nachrichtensprecher eines Senders in Washington D.C. schien wegen seiner Physiognomie und seines Schnurrbarts stets ein wenig zu grinsen, was bei Meldungen über Kindsmissbrauch oder Sexualmord besonders irritierte. Er erweckte den Eindruck, er amüsiere er sich über die Meldung.

    Für das Verständnis der Nachricht wäre es sinnvoller, die Botschaft aus dem Off, ohne Bild, zu verlesen. Aber weil sich das Fernsehen aus dem Hörfunk-Radio emanzipiert hat, ist ein leerer Bildschirm offenbar nicht akzeptabel. Der horror vacui erzwingt, dass stets ein Bild da sein muss, und sei es noch so unpassend (wie der Kopf des Sprechers) oder albern (wie eine nur mühsam in Bezug zur Botschaft gebrachte Sequenz oder ein Standfoto).

Typische Meldung: Im Haus Nummer X, Strasse Y, geschah ein Verbrechen. Das Fernsehen zeigt weder das Opfer noch den Verbrecher, sondern ein vor einem Haus parkendes Polizeiauto. Richtiges Haus? Richtiges Auto? Egal, Hauptsache Bild.

    Die Illustration der Botschaft endet nicht beim Fernsehen. Schrittweise haben sich auch die Printmedien und Internetmedien vom reinen Nachrichtentext verabschiedet und ihn zuerst mit Schwarz-Weiss-Bildern und Grafiken angereichert, dann mit Farbe und, soweit möglich, mit Videomaterial. Damit zwingen sie den eiligen oder konzentrierten Leser, das Bildmaterial – das die Textbotschaft oft nur dürftig illustriert ohne etwas zur Information hinzuzufügen – zu ignorieren, wie man lästige Werbung zu ignorieren versucht.

Beispiel: Derzeit ist es fast unmöglich, eine Nachricht aus der Türkei zu lesen, ohne mit einem Portrait des Präsidenten Erdogan bedacht zu werden. Dito für amerikanische Politik und Trump.

    Wie man einem Kind den Brei mit einem Löffel Honig versüsst, so garniert man die Botschaft mit ein wenig Optik, die Authentizität und Unmittelbarkeit suggeriert. Erstaunlicherweise hat das Publikum den Honig bisher widerspruchslos geschluckt. Manchmal wird die Authentizität bezweifelt, beispielsweise wenn die Vorschau auf die Attraktionen eines bevorstehenden Jahrmarkts mit Fotos älterer Jahrmärkte bestückt wird. Das Prinzip der albernen Illustration an sich wird aber nie in Frage gestellt.

Dass Bilder sich verselbständigen, wird  akzeptiert. Am hundertsten Geburtstag von Kirk Douglas wird nicht der lächelnde Greis gezeigt (was interessant wäre: wieviel von seinem Jugendimage ist geblieben?), sondern das im populären Gedächtnis verankerte Bild des jungen Schauspielers.

     Seit etwa zwei Generationen lebt unsere Welt in einem Rausch der Bilder. Dass Bilder lügen können, wird gleichfalls akzeptiert, als Kollateralschaden gewissermassen.

    Zwei Fragen stellen sich: Erstens: wie beeinflussen die Bilder unser Leben? Darüber wird viel nachgedacht. Schon seit den 80er Jahren floriert die wissenschaftliche Literatur über die mutmasslich negativen Auswirkungen des Fernsehens. Ist die unzureichende sprachliche und Lese-Qualifikation deutscher Bundespolizei-Bewerber ein Ergebnis der Bilderflut?  Ist es gesund, wenn Kinder ein Drittel ihrer Zeit vor der Glotze verbringen? Hat die Fernsehbildung die frühere Taschenbuchbildung ersetzt?

    Zweitens: wie beeinflussen die Bilder uns selbst? Besteht bei Bild-Genuss Suchtgefahr? Könnte eine Generation Video sich ein Leben ohne Bilderflut noch vorstellen? Könnte sie die Aufgaben des Lebens noch ohne jederzeit verfügbare Bilder bewältigen? Nicht nur eine Aufgabe – bespielsweise eine Lese- und Schreibprüfung – sondern auch die Freizeit kann zum Problem  werden.

    Typisch für reiche Länder ist die Beobachtung, dass Menschen, wenn sie in Rente gehen und noch einigemassen gesund sind, oft eine rege Reisetätigkeit entfalten. In den USA lässt sich das erklären, weil die sehr knappen Urlaubstage des Jahres über Jahrzehnte hinweg den Arbeitnehmern keine Zeit für mehr als Kurzreisen gewähren. Kaum bricht die Rente an, explodiert die aufgestaute Reiselust. Nicht so in Europa, vor allem in Frankreich und Deutschland, wo viele Leute im Prinzip Zeit für eine grosse Reise pro Jahr finden könnten.

    Diagnostizieren wir uns Bildersucht, dann stellt sich die Frage: wie kann man auf sinnvolle oder vergnügliche Art genügend Bilder für die Füllung übermässiger Freizeit finden? Jugendliche, Arbeitslose, wohlhabende Privatiers, Rentner der Generation Video sind an die Droge Bild gewöhnt und versuchen, sie sich in ausreichender Menge zu beschaffen. Ein Mega-Bildschirm, vielleicht sogar ein Heimkino, liefern zwar gutes optisch/akustisches Material, doch nur stationär. Mit dem Smartphone ist man da einen Schritt weiter.

    Doch die beste Bildbeschaffung bietet die Fortbewegung. In der einfachsten Form kann das ein individuelles Fortbewegungsmittel sein:  Spaziergang, Fahrrad, Motorrad, Auto. Wir, die wir gerne über den Zwang, das Auto zu benutzen, stöhnen, sollten uns ehrlich fragen: wieviel unseres Autofahrens dient teilweise oder vornehmlich der Bildbeschaffung zur Freizeitfüllung?

    Noch geeigneter zur Bildbeschaffung sind Reisen, zumal Fernreisen. Alte Ehepaare, die sich ohne Bildangebot hauptsächlich anschweigen würden, werden durch Reisen mit Bildern und dazu gehörigen Inhalten versorgt, die ihnen rege Unterhaltung garantieren. Welch’ ein Kontrast zu der herkömmlichen Lebensweise, wie sie Horaz spöttisch idealisierte:

Nunc veterum libris, nunc somno et inertibus horis! Ducere sollicitae iucunda oblivia vitae.

    Vom Vergnügen der alten Bücher und den Stunden der Musse will die Generation Video wenig wissen. Lesen? Es soll digital natives geben, die nie in ihrem Leben eine Zeitung gekauft haben. Was nicht auf dem flachen Schirm zu finden ist, existiert (für sie) nicht. Der rapide Rückgang der Zeitungs-Auflagen gekoppelt mit dem kompensierenden Anstieg der Zeitungspreise zeigt die Richtung in eine noch stärker verbilderte und weitgehend papierlose Zukunft.  Der Bilderrausch hat erst begonnen. 

Benedikt Brenner