ernesto

   Dies ist Ernesto (sein echter Name, kein Scherz), etwa 10 Jahre alt, aus einem städtischen Tierheim in Rom stammend. Nichts an ihm ist ungewöhnlich ausser dem Umstand, dass er zur Erprobung einer neuen App namens Interpret ausgewählt wurde, die nicht nur menschliche Sprachen beherrscht.

   Chienois ist eine Hundesprache, die von dem Franzosen Michel Marchand entziffert wurde. Nicht eigentlich entziffert. sondern mit Hilfe von Kamera und Mikrofon eingefangen: Dr. Marchand beobachtete über lange Zeit die Geräusche, Bewegungen und Mimiken von Hunden in Relation zu ihren mutmasslichen Wünschen, Absichten und Gemütsstimmungen. Daraus entwickelte er einen Algorithmus der, auf jeden beliebigen Hund angewendet, ein grobes Verhaltens- und Stimmungsbild des Tieres verrät und auf das Smartphone sendet.

   “Dadurch, dass der Algorithmus nach dem Vorbild von Google Translate und ähnlichen Apps einfache Zusammenhänge in Sprache ausdrücken kann”, erklärt Dr. Marchand, “erlaubt die neue Software Interpret das Verständnis von Chienois in beliebig vielen Sprachen: in Deutsch wie in Urdu und Mongolisch.”

   Es erfordert natürlich erheblichen Aufwand, Ernesto eingehend zu beobachten. Am Anfang sind die Ergebnisse eher enttäuschend: Einfache Aussagen wie “Frauchen, ich bin hungrig” versteht man auch ohne Smartphone und App.

“Das ist am Anfang immer so”, sagt Marchand. “Deswegen habe ich in die verbesserte Version von Interpret AI eingebaut, künstliche Intelligenz. Die erlaubt es der App zu lernen, alle Reaktionen des Hundes zu speichern und zu bewerten. Im Laufe von ein, zwei Jahren kennt die App den Hund so genau, dass sie seine Gedanken immer subtiler erfassen und ausdrücken kann.”

   In der Tat überrascht uns Ernesto durch seine Ausdrucksfähigkeit und die Genauigkeit seiner Beobachtungen. Wir selbst sind aber in unserer Mitteilungsfähigkeit beschränkt: wir verstehen zwar sein Chienois trotz der von Google Translate gewohnten Missverständnisse, können aber nicht unser Deutsch in Chienois übersetzen. Daher bleibt der Dialog einseitig und mühsam.

   Immerhin können wir uns Ernestos Lebensgeschichte zusammen reimen: er entstammt einer Dynastie von Hütehunden vermutlich in den Karpaten und wurde als Welpe von rumänischen Händlern auf einem Flohmarkt in Rom für geschätzte 20 Euro an eine Familie mit Kind verkauft. Irgendwann packte die Familie Koffer für eine Reise und setzte Ernesto an einer Landstrasse ausserhalb Roms aus. Dort lebte er einige Zeit freischaffend, bevor ihn ein Hundefänger im Lastwagen in das Hundeheim brachte, wo er geimpft, entwurmt und Ernesto genannt wurde. Da blieb er dann acht Jahre, bevor wir ihn adoptierten und nach Deutschland brachten.

   Er findet Deutschland gut weil es kühler ist als Rom. Aber manchmal, wenn er italienisch sprechen hört, freut er sich und hat Heimweh nach dem Hundeheim und den 2000 anderen Hunden, die von der Gemeinde Rom betreut werden. 

Isabella Gattara