Sie kommen bei Nacht in kleinen, überladenen Booten. Brecher werfen Boote in die Luft und lassen sie krachend auf die nächste Welle fallen. Oder auch kentern. Selbst die, die schwimmen können, sind chancenlos in der Weite des Wassers, viele Meilen von der Küste entfernt. Skrupellose Schmuggler kennen kein Erbarmen. Erst wird gezahlt. Wer bei Abfahrt angesichts des überladenen Boots lieber dableiben und sein Geld zurück haben will, muss mit Hohn und Gewalt rechnen.

   Nein, das ist nicht Libyen oder die türkische Küste. Dies ist der Indische Ozean. Siebenundsechzig Kilometer Wasser trennen eines der ärmsten Länder der Welt, die Komoren, von einem der reichsten, Frankreich, dessen Insel Mayotte das 101ste Departement ist, ähnlich Tahiti, Reunion, Martinique und Guadeloupe.

   Ursprünglich gab es vier Komoreninseln. Sie waren zusammen mit dem benachbarten Madagaskar eine französische Kolonie. Irgendwann wurden die Komoren ein freier Staat, bestehend aber nur aus drei der Inseln. Die vierte, Mayotte, blieb aus welchen Gründen auch immer bei Frankreich und errang zuletzt den Status eines Übersee-Departements. Was enorme Vorteile bietet: man gehört zur EU (aber nicht zur Schengen-Zone). Man bekommt eine Verwaltung würdig eines Departements in Festland- Frankreich. Das bedeutet ein kleines Heer von Bürokraten, das nach dem Standard “Paris” plus X Prozent bezahlt wird und für relativen Wohlstand auf der Insel sorgt.

Mayotte

  Mayotte Foto: Wikimedia Commons

   Klar, Mayotte ist ein Magnet für die Komorer der anderen Inseln. Wenn sie in ihrer Armutswirtschaft mit vielen Kindern nicht mehr weiter wissen, träumen sie den Traum von Frankreich, von Mayotte. Aber wie dorthin kommen? Ein Visum ist teuer, zwischen siebzig und hundert Euro. Man bekommt ein Transitvisum, wenn man ein Ticket für einen Flug vom Flughafen Mayotte irgendwohin gekauft hat. Zum Beispiel. Aber die französische Verwaltung ist misstrauisch, wenn sich ein Komorer um ein Visum für Mayotte bemüht. Verständlich, denn angeblich sind bereits vierzig Prozent der Einwohner von Mayotte zugewanderte Komorer der anderen Inseln, die meisten von ihnen illegal. Dabei leidet die Insel an Wassermangel und kann sich angesichts ihrer hohen Bevölkerungsdichte weiteres Wachstum nicht leisten, weil sie im Müll erstickt.

   In vielen Nächten stechen die Fischerboote, Kwasa-kwasa genannt, meist von der nächstgelegenen Insel, Anjouan, in See, überladen mit Kandidaten für illegale Einwanderung. Anjouan selbst ist übervölkert. Die Insel gilt als einer der am dichtesten bevölkerten Orte der Welt.

 

anjouan

Anjouan  Foto: Wikipedia

 

    Wer es heil nach Mayotte schafft, wird nicht mit Blumen empfangen. Im Gegenteil, die Mahorais – wie man die Einwohner nennt – nutzen zwar die illegalen Arbeitskräfte von den anderen Inseln nach Kräften aus, verachten sie aber. Wenn ein Kwasa-kwasa kentert und die Passagiere ertrinken, feiern die Mahorais, wie es heisst. Sie lassen sich ihre Häuser von Komorern bauen, aber wenn das Haus fertig ist, denuzieren sie ihre illegalen Arbeiter bei der Polizei, damit sie deportiert werden und die Bauherrn nicht zahlen müssen, so klagen die Illegalen. Böses Blut gibt es auf beiden Seiten. Die Verwaltung deportiert aufgegriffene Illegale ohne Federlesens. Deswegen verstecken sich die Komorer, versuchen, nicht aufzufallen.

   Die schlimmste Kontroverse zwischen Mahorais und Illegalen betrifft die Rolle der französischen Küstenwache. Die Behörden erklären, sie täten alles, um in Seenot geratene Kwasa-kwasa zu retten und Schiffbrüchige aus dem Wasser zu ziehen. Die Komorer behaupten das Gegenteil: die telegenen Aktionen der Küstenwache seien nur Schau. In Wirklichkeit führen die grossen Vedetten der Küstenpolizei so scharf und knapp an den Kwasa-kwasa vorbei, dass ihre Bugwelle die kleinen Boote überflute und absaufen lasse. Welche Version ist die richtige? Jedenfalls werden gerettete Schiffbrüchige nicht ins erhoffte Paradies gelassen, sondern von der Polizei sofort deportiert.

   Rabiate Massnahmen, die an die an die fremdenfeindlichen Rezepte der italienischen Lega Nord erinnern, oder auch an Klagen über die Behandlung von Migrantenflössen durch die griechische Küstenwache. Wie auch immer, irgendwie gelingt es Frankreich, die Armutsmigration in den Komoren zu begrenzen. Wie auch im Kanal von Sizilien und der Ägäis werden Migranten von den Schleppern ausgeplündert und dem Meer preisgegeben. Da es unter ihnen keine Flüchtlinge gibt, die zu schützen ein moralisches Gebot wäre, bringt die Bevölkerung von Mayotte den Komorern wenig Sympathie entgegen. Die Einwanderer trifft die volle Härte der Illegalität, die höchstens durch viele Jahre unauffälliger Anwesenheit in Mayotte gemildert werden kann.

   Am Ende steht immer die Hoffnung auf eine legale Aufenthaltserlaubnis.

John Wantock