“Pädophilie und Inzest sind in manchen Wohngebieten so verbreitet, dass sie fast die Normalität darstellen”, sagt Cesare Romano, der Obmann der Region Kampanien für Kinder und Jugendschutz, dessen Arbeit unter dem Patronat von UNICEF erfolgt. “Die Pädophilie wird auf eine Art wahrgenommen, die sich gefährlich der Akzeptanz nähert”, kommentiert Antonio Marziale, der Leiter des Observatoriums für Minderjährige, den Alarm des Obmanns. Marziale ist auch Obmann für die Region Kalabrien.

   Auch der Chef des Bürgertelefons für Kinderangelegenheiten, Ernesto Caffo, ein Neuropsychiater für Kinder, lobt Romano: “Sehr gut, dass er das Problem aufgedeckt hat, denn in unserem Lande gibt es zu diesem Thema eine Dunkelziffer, die man nicht ignorieren darf.“

   Der Obmann nannte Wohngebiete im Umland von Neapel und in der Stadt selbst, wo das Problem besonders auftritt und toleriert wird: Parco Verde Caivano , Afragola, Madonnelle, Acerra und einige Viertel von Neapel. “Es handelt sich nicht um ein geografisches Problem, sondern um ein kulturelles”, erklärt Caffo und meint: “Wir finden ähnliche Situationen in verschiedenen Gegenden des Mezzogiorno, wie Kalabrien, Sizilien und in geringerem Masse Apulien. Gefährdet sind auch die am stärksten heruntergekommenen Viertel grosser Stadtgebiete, wo der Gemeinschaftssinn fehlt.” In diesen Gegenden werde das Problem selten und meist zu spät angezeigt, wie Caffo klagt. Statt der Gesellschaft und der Institutionen werde meistens die Justiz eingeschaltet.

   Erforderlich sei weitere Forschung, zu allererst über das Phänomen des Inzests, dann zur Omertà, der mafiosen Schweigepflicht, die den Inzest umgibt, sowie zur Frage, was denn die Institutionen tun, um die Kinder zu schützen.

   Paolo Rozera, der Generaldirektor von UNICEF Italien, fordert mehr Aufklärung und Zusammenarbeit zwischen Schule, Familie und den zuständigen Institutionen. Es dürfe nicht sein, dass eine Mutter, die Missbrauch eines Kindes anzeigen will, allein gelassen wird. Das Bürgertelefon für Kinderfragen hat einen Pädiater-Ring geschaffen, der die Ärzte sensibilisiert und unterrichtet, wie die Anzeichen möglichen Missbrauchs erkannt werden können.

   Die Reaktionen der Institutionen sind wenig ermutigend. Die Kirche hat bisher in keiner Weise mitgearbeitet, klagt Romano. Alle anonymisierten Fragebogen, die ihr gegeben wurden, habe sie unausgefüllt zurückgeschickt. Auf die Ermahnungen und Anfragen habe das Büro des Kardinals Creszenzio Sepe mit Lügen reagiert, erklärt Romano. Kirchensprecher Enzo Piscopo  erklärte: “Nachdem es sich um vertrauliche Daten handelt, können Priester sie nicht veröffentlichen.” “Alles Lügen”, sagt Romano.

   Und die Politik? “Sie sind dabei, mit einer Reform das Tribunal für Minderjährige abzuschaffen,  das ein Ort der Fürsorge für Minderjährige ist”, klagt Antonio Marziale.

Benedikt Brenner

 

Update

   Lidia Ronghi, die Leiterin eines Kinderzentrums in Caivano, kennt die Gesellschaftsstruktur Neapels gut und sagt: "Es sind flüssige Familien, in denen der Mann die Rolle des pater familias verloren hat. Es sind oft die Frauen, die leichter Gelegenheitsarbeit finden. Die Männer bleiben zuhause, wo sie "Mütterchen" spielen, aber nicht im emanzipierten Sinne, den wir kennen. Papas, die manchmal jahrelang verschwinden, weil sie im Gefängnis sitzen.  Oder die die Gefährtin wechseln, neue Frauen kennenlernen, neue Kinder machen und ihre ursprüngliche Familie vergessen."

   In solchen Familien gibt es nie wirkliche Kinder, sagt sie.  Nach wenigen Jahren gelten die Kleinen als erwachsen und man gönnt ihnen keine Freizeit, um zu spielen. In Lidia Ronghis Kindergarten erlebten sie, dass ein achtjähriges Mädchen die männlichen Erzieher ausschimpfte, wenn sie aufwischten oder vergossenen Saft beseitigten. "Man hatte ihr zuhause beigebracht, dass das ihre Aufgabe sei", sagt Ciro Ronzullo, einer der Erzieher.