qatar

 Foto: https://www.visitqatar.qa

 

 Jürgen Pechel  und ich waren die ersten deutschen Journalisten, denen es 1961 gelang, die Staaten und Scheichtümer am Persischen Golf zu bereisen, einschliesslich jener verschlossenen britischen Protektorate, die zur Piratenküste gezählt wurden. Fast sechzig Jahre später zeigen meine damaligen Berichte manches unterhaltsame Detail.

   Am Dienstag, den 25. Oktober 1960 wurde die Welt in wenigen dürren Worten von der Tatsache in Kenntnis gesetzt, dass tags zuvor der Herrscher des winzigen Erdölstaates Qatar im Persischen Golf abgedankt habe. Seine Hoheit, Scheich Ali bin Abdullah al Thani, ist zurückgetreten zugunsten seines Sohnes Scheich Ahmed bin Ali.

   Der Rücktritt Scheich Alis kommt nicht unerwartet. 1949 war Ali durch eine Palastrevolte und einen kleinen Bürgerkrieg an die Macht gelangt. Sein Vater, Scheich Abdullah bin Qasim, hatte die Tendenz gezeigt, das eben anlaufende Einkommen aus der Petroleumförderung ungeteilt in seine eigene Tasche zu stecken - wogegen sich seine Familie empörte. Ali erhob darauf- hin seinen Vater zwangsweise in den Ruhestand.

   Doch das ironische Schicksal wollte es, dass Ali elf Jahre später wiederum aus denselben Grund abdanken musste. Der Herrscher aller achtzehntausend Qataris hat im vergangenen und einzigen Jahrzehnt seiner Herrschaft zwisehen fünfhundert und siebenhundertfünfzig Millionen Mark für sich und seinen engsten Anhang ausgegeben. Sein irdischer Besitz beläuft sich auf einige Dutzend Frauen, eine unbekannte Zahl von Kindern, zweihundert Autos meist amerikanischer Provenienz, zwei indische Elefanten, eine vom König von Saudi-Arabien geschenkte Motoryacht samt italienischer Besatzung und einem überdimensionalen Freiluftgrill für ganze Hammel; und einer stattlichen Sammlung von Palästen und einer Villa bei Genf. Letztes Jahr gab Scheich Ali in der Schweiz angeblich mehr Geld aus als eine mittlere Aussenministerkonferenz kostet. Die lebenden Hammel und die Gäste für seine opulenten Diners liess er nach Bedarf aus dem Persischen Golf in gecharterten Viscount-Maschinen einfliegen.

   Noch in Frühjahr dieses Jahres war Scheich Ali so verschuldet, dass er seinen Domestiken keine Gehälter zahlen konnte. Der Handel in Qatar lag aus Geldmangel darnieder und offen tat man allerseits seinen Unwillen über Alis fehlplazierte Verschwendungssucht kund. Nach der grauen Theorie eines von britischen Beratern ersonnenen Staatshaushalts sollte Ali nur ein Viertel, maximal ein Drittel der Ölgelder für sich verbrauchen. Der gute, graubärtige Ali, dem alle tieferen politischen Gedankengänge und vor allem die Kunst des Rechnens ein Greuel waren, lebte munter drauflos in der Annahme, dass die Öleinnahmen schneller wachsen als sein Talent, das Geld unter die Leute zu bringen.

   Darin täuschte er sich leider, denn Qatars Ölproduktion, die 1959 8,7 Millionen Tonnen erreichte, lässt sich nach Mitteilung der Qatar Petroleum Company unter den jetzigen Marktverhältnissen nicht mehr steigern. Damit war Alis Verständnislosigkeit für die kameralistischen Rechenkünste seiner britischen Berater nicht mehr tragbar: er musste abtreten. Doch ob das Übel damit behoben ist, scheint mehr als fraglich. Sein Sohn und Nachfolger Ahmed scheint nicht minder begabt im Geldausgeben zu sein. Seiıem nur hundertfünfzig Autos zählenden Rennstall fügte er kürzlich um 45000 Mark einen Ferrari "Anericano" mit zwölf Zylindern bei. In Frühsommer dieses Jahres wurde er von seinem Vater auf eine diplomatische Fernostreise geschickt. Bereits in Indien hatte er aber die 200.000 Mark Wegzehrung aufgezehrt und musste einen neuen Scheck von daheim anfordern. Der Rücktritt Scheich Alis hat noch einen anderen Hintergrund.

   Durch die geregelte Übergabe der Regierungsgeschäfte an Ahmed konnte verhindert werden, dass ein anderer Thronprätendent, Ahmeds Onkel Khalifa bin Qasim al Thani, seinen Ansprüchen gewaltsam Geltung verschaffte. Khalifa, der einflussreiche Polizei- und Sicherheitsminister Qatars, ist der Sohn eines ehemaligen Thronfolgers, der jedoch vor Erreichung seines Zieles plötzlich, und wie man sagt einen natürlichen Todes, starb. So ist Khalifa - den man anstandshalber zum neuen Thronfolger proklamierte - der Benachteiligte. Selbst die britischen Schutzherren Qatars rühmen Khalifa Intelligenz und staatsmännische Talente nach - womit sie wahrscheinlich sein Talent zur Sparsamkeit meinen. Jedenfalls gilt Khalifa als ein Anhänger unpassend moderner Ideen und als ein Bewunderer des ägyptischen Präsidenten Nasser.

   Im aussenpolitischen Intrigenspiel um Qatar ist Khalifa die wichtigste Figur, und es wäre nicht verwunderlich, wenn er sein Thronfolgerecht auf Kosten Ahmeds und dessen britischen Beschützern vorzeitig wahrnehmen würde. Qatars Ölmillionen sind kein schlechter Anreiz, wenn man bedenkt, wie es auf dieser zehntausend Quadratkilometer grossen Halbinsel noch vor wenigen Jahrzehnten aussah.

   "Niemand ausser den wandernden Beduinen würde auf der Halbinsel Qatar leben wollen, gäbe es dort kein Öl. Dieses daumenförmige, zehntausend Quadratkilometer grosse Stück Land ist selbst für Arabien aussergewöhnlich unfruchtbar. Im Sommer vereinigt das Wetter die Feuchtigkeit des Persischen Golfes mit der brennenden Hitze der Wüste..." So berichtet der amerikanische Arabien-Schriftsteller Richard Senger über den merkwürdigen Staat Qatar, von dessen Existenz noch vor wenigen Jahren nur ein paar Fachgelehrte wussten.

   1915 landeten britische Truppen auf Qatar und verhafteten eine spärliche türkische Garnison, einen der entferntesten Aussenposten des grossen osmanischen Reiches. Bereits 1920 aber hatte das Foreign Office in London vergessen, dass Qatar ein britisches Protektorat war, denn im "Handbuch für den Persischen Golf" war zu lesen, dass Qatar unter der Herrschaft von Ibn Saud, dem späteren König von Saudi-Arabien, stehe. Niemand kümmerte sich um die paar tausend halbverhungerten Perltaucher und Fischer, die an den Küsten dieses trostlosen Zipfels steiniger Wüste lebten. So konnte es geschehen, dass Qatar zeitweise vier Herren gleichzeitig unterstand, ohne dass einer den anderen störte. Die Qataris zahlten Tribut an den Scheich der benachbarten Inselgruppe Bahrain. Bahrain wiederum zahlte Tribut an Ibn Saud, damit dieser seinen Anspruch auf Oberhoheit über Qatar nicht wahrnahm. Die Türken betrachteten Qatar als einen Teil des Vilayets Bagdad. Die Briten schliesslich sahen Qatar als einen Bestandteil ihres Protektorats Bahrain an.

   Die Qataris selbst kümmerten sich um keinen dieser Herren,sondern lebten munter in Stammesfehden und Blutrache, trieben ein wenig Schmuggel und wagten gelegentlich einen kleinen Raubüberfall auf benachbarte Küsten oder eine Kaperfahrt. Ein habgieriger Häuptling namens Abdallah al Thani hatte sich vom Tributeinnehmer zu einer Art oberstem Scheich der Halbinsel aufgeschwungen. In einem frühgotisch anmutenden Lehmpalast lebte er von den Vorschüssen seiner Kaufleute. Morgens ging er mit seinen Bürgern hinunter zum Ufer des Golfes um sich zu waschen, denn es gab kein Waschbecken und keine Toilette in seiner Residenz Doha. Wozu auch, war doch das wenige brackige Süsswasser so knapp, dass man es nur zum Trinken nahm.

   Doha selbst war ein hinter Korallenriffen verstecktes Hafendorf, das sich mit halbzerfallenen Lehmmauern gegen den Gluthauch der Sandstürme schützte. Sehr braunhäutige Gestalten in ausgefransten Hemden undefinierbarer Farbe trabten auf Eseln durch den ärmlichen Markt, den Suq, wo man Salzschollen auf selbstgemachten Waagschalen mit einem Felsbrocken als  Gewicht abwog. Wie Doha damals, so sehen heute noch die Städtchen der benachbarten Piratenküste aus.

   Doha aber ist heute eine einzige grosse Baustelle. Bulldozer, Presslufthämmer und Betonmischmaschinen haben den Ort so verwandelt, dass er aussieht wie ein Erdbebenzentrum bei den Aufräumungsarbeiten. Kilometerlange Mäuerchen ziehen sich wie ein unregelmässiges Schachbrettmuster in die Wüstenumgebung und verraten Bodenspekulation. Zwei- und vierbahnige Asphaltstrassen durohschneiden ein Gewirr grellfarbiger Geschäftshäuser und Bungalows. Von dem Rumeilah-Hügel grüsst der grosse neue Palast mit seinem kupfergrünen Dach, das an die zartgeschwungenen Formen buddhistischer Klöster erinnert. Durch die Strassen presst sich eine Schlange der grössten und teuersten Autos, die es auf der Welt zu kaufen gibt. Nur die Menschen sind die gleichen geblieben - ihre Hemden allerdings sind nicht mehr ausgefranst und so weiss wie eine Waschmittelreklame.

   Doha gestern - Doha heute: der Unterschied heisst einfach Erdöl. Vor zehn Jahren lief die Petroleumproduktion Qatars in grossem Stil an. Heute sind bereits fünfzig Millionen Tonnen exportiert worden und das Land verdiente daran etwa eineinhalb Milliarden Mark, wenn man die verschiedenen Konzessionsgebühren mitrechnet. Im vergangenen Jahr beliefen sich die Einnahmen aus dem Ölgeschäft auf rund eine Viertelmilliarde Mark. Man darf danach vermuten, dass auf die 18000 gebürtigen Qataris ein Volkseinkommen pro Kopf entfällt, das gegenwärtig das höchste der Welt ist. Mittlerweile haben sie allerdings zur Bewältigung dieses Einkommens über zwanzigtausend Ausländer ins Land geholt: Omanis, Saudi-Araber, Bahreinis, Perser, Somalis und Briten.

   Der Fremde wundert sich, dass die Qataris, nachdem sie reich genug sind, um sich an irgendeinem schöneren Fleck der arabisch sprechenden Länder niederzulassen, dennoch weiterhin auf ihrer unwirtlichen Halbinsel bleiben. Welch ein Aufwand an Klimaanlagen, Süsswasserdestillen und ähnlichen Investitionen ist notwendig, um das Leben auf Qatar erträglich zu machen. Das kleine Scheichtum dürfte der einzige Staat der Welt ohne eigene Landwirtschaft sein. Ausser Öl wird praktisch nichts mehr erzeugt. Und das Ölgeld geht durch die Hände der Dynastie al Thani, deren rund zweihundert Mitglieder ein Mindesteinkommen von monatlich 4500 Mark beziehen.

   Es berührt den Besucher sehr sympathisch, wenn er sieht, dass die Qataris trotz der wirtschaftlichen Monopolstellung der Scheichsfamilie kein devotes Volk von Hofschranzen geworden sind. Wenn ihnen das Gebaren ihres Herrschers missfällt, besuchen sie ihn in seiner Residenz, reden ihn mit "Ali" oder "Ahmed" an, und tun ihren Unmut offen kund.

   Die Briten dagegen, für die die Scheichs vor wenigen Jahren noch irgendwelche dubiosen Beduinenhäuptlinge waren, reden den "Herrscher" nun mit "Hoheit" an, verleihen ihm unverständliche Ehrentitel, die abgekürzt hinter dem Namen zu führen sind, und laden ihn gar an den Londoner Hof ein. Wie ungebildet und verschwenderisch ein "Herrscher" auch sein mag, die britisch geleitete Qatar Petroleum Company schreibt über ihn: "Die allgemeine Hebung des Lebensstandards in Qatar verdankt man der Weisheit, mit der Seine Hoheit, der Herrscher, die Öleinnahmen für das Wohl seines Volkes verwendet."

   Nur wenigen Fremden wird ein Blick auf Qatar gestattet. Die Wenigen,die hereinkommen, machen meistens nach einem kurzen Besuch in Doha kehrt und fliegen in wirtlichere Gegenden. Bisher konnte man nur bei den beiden sehr gastfreundlichen Ge-sellschaften QPC und Shell unterkommen. Doch neuerdings hat ein lokaler Kaufmann ein Hotel gebaut, in dem die Übernachtung mit Frühstück nur 110 Mark kostet...

   So sehr sich Qatar auch isoliert, das Öl hat doch ein Reihe neuer Einflüsse ins Land gebracht, dessen Auswirkungen dem Scheich recht unliebsam sind. Manche der 22000 Einwanderer haben es durch Fleiss und bessere Vorbildung zu kleinen Vermögen gebracht, namentlich die Perser und Palästinenser. Sie sehen in der Herrschaft der Scheiehs das Haupthindernis für ihre staatsbürgerliche Gleichberechtigung. Die jungen Qataris andererseits erkennen am Beispiel der Einwanderer den wirtschaftlichen Vorteil besserer Ausbildung. Die Regierung hat zwar in den vergangenen Jahren genügend Schulen geschaffen. Der Unterricht folgt aber dem religiösen Prinzip der Koranschule.

   Wie die Saudi-Araber, Kuweitis und Bahreinis sind auch die Qataris Anhänger der streng islamischen Sekte der Unitarier oder Wahabis. Die Ulemas oder Schriftgelehrten dieser orthodoxen Glaubensrichtung sehen den Koran nach wie vor als die Quelle alles irdischen Wissens. Um den etwas unmodernen Ausbildungsstand ihrer qatarischan Angestellten zu heben, wollte die  Ölgesellschaft QPC Elementarunterricht in Arabisch geben. Dies wurde ihr prompt vom Scheich untersagt.

   Seither darf sie technische Ausbildung nur noch in Englisch erteilen. So darf sich der Scheich nicht wundern, wenn die neuen Schulen schlecht besetzt sind. Er muss den Schülern Gehälter bis zu 120 Mark in Monat zahlen, damit sie überhaupt in seine Schulen gehen. Um diese Schulen eröffnen zu können, wurden ägyptische und palästinensische Lehrer ins Land geholt, denen es natürlich ein besonderes Vergnügen ist, ausser dem Koran auch noch andere Schriften zu lehren: beispielsweise die von der heranwachsenden Jugend aller arabisch sprechenden Länder heiss verschlungenen Kurzgeschichten von Ihsan Abdel Kaddous, dem politischen Hofpoeten der Offiziersregierung in Kairo. Behutsam wird auch im fernen Qatar der Jugend jener revolutionär-panarabistische Samen in Herz gestreut, der in Ägypten, Syrien und im Irak schon so unerwartete Früchte getragen hat.

   Der Isolationismus Qatars kann zu einen Bumerang werden. Im vergleichsweise weltoffenen Kuweit und Bahrein hat ein
grosser Teil der jungen Generation erkannt, dass die britische Protektoratsherrschaft politischen Schutz und administrative Vorteile mit sich bringt. Die jungen Qataris jedoch fragen, ob die Absperrung nach aussen ihr Land nicht zu einem gehüteten Geheimkämmerchen Grossbritanniens macht.

   Bis vor kurzem war Qatar viel zu beschäftigt, seinen neuen Reichtum zu verwerten. Doch wenn - wahrscheinlich schon in diesem Jahr- die Öleinnahmen nicht mehr wachsen, dann kommt Zeit zum Nachdenken. Unabhängige Staaten wie
der Irak, Saudi-Arabien und Persien sind entschlossen, durch fortschreitende 'Integration' die Monopolmacht ihrer Ölgesellschaften zu brechen. Geben die Briten und die QPC nicht freiwillig ähnliche Zugeständnisse, dann könnte in Qatar - von aussen unterstützt - Unruhe entstehen.

Heinrich von Loesch