“Sie schreien vor Freude”, wenn sich ihr Schlauchboot dem Rettungsschiff nähert. “Dann sitzen sie brav und still, einer neben dem anderen, auch 24 Stunden lang, auf dem Oberdeck des Schiffs. Sie sind glücklich, weil sie leben. Weil sie glauben, dass ein neues Leben beginnt. Arme Kerle!”

Die Hölle der Migranten schildert Rosamaria Vitale, eine italienische Chirurgin und Psychotherapeutin, die seit Jahren in den Flüchtlingszentren arbeitet.

“Es wird nie humanitäre Korridore für alle geben. Wahrscheinlich sollte es sie auch nicht geben. Wohl nur 20 Prozent der Asylbewerber bringen die Voraussetzungen für internationalen Schutz mit.”

   Dr. Vitale, eine Blondine mittleren Alters aus Varese, beschreibt, wie vor Ausbruch der Migrationskrise 2011 die Einwanderung noch geregelt ablief. Wie sie damals in einem Auffanglager mit nur 400 Migranten aus einem friedlichen und saturierten Libyen arbeitete – 400, von denen keiner scheiterte, die sich alle in Italien integrieren konnten. In jenen Tagen hatten Italien und Europa viel zu bieten. Heute tut man zwar, was man kann, was Italien bieten kann. "Wenn wir damals eine Krise hatten, so haben wir heute einen Alptraum, die Hölle der Migranten, für die es inzwischen nichts mehr zu erhoffen gibt.”

   Sie spricht von riesigen, mit europäischen Mitteln erbauten Konzentrationslagern in Libyen, wo die Migranten aus den Ländern südlich der Sahara von immer zahlreicheren kriminellen Banden eingesperrt werden bis ihre Verwandten die 1000 bis 1500 Euro Lösegeld bezahlen.

   Das Bild, das Vitale von der Lage in Libyen skizziert, widerspricht der in Europa gängigen Vision. Sie berichtet von einer seit Monaten aktiven libyschen Küstenwache, die mit ihren Schnellbooten die in Zuwara, Sabrata und Zawia ablegenden Migrantenboote abfängt, bevor sie internationale Gewässer erreichen, und alle Leute zurückbringt in die Lager, aus denen sie gekommen sind.

   Vitale berichtet auch, dass die Schiffe der europäischen Hilfsorganisationen Frontex und EUNavfor ihre Aktionen verringert und sich von den libyschen Gewässern entfernt hätten.

   Frontex beklagt sich andererseits, dass die Schiffe der privaten Hilfsorganisationen immer näher an Libyen auf Migrantenboote lauern und die Schmuggler deswegen immer seeuntüchtigere Vehikel mit immer mehr Passagieren auf die Reise schicken.

   Nicht nur, dass laut Frontex an Libyens Küste hunderttausende Migranten auf Überfahrt nach Europa warten: weitere Migranten aus Westafrika seien auf dem Weg zur Küste.

   In dieser Lage gibt Rosamaria Vitale Italien und Europa einen praktischen Rat: Sie möchte eine Gegenwanderung organisieren, nämlich die Rück-Entsendung in Italien eingewanderter Migranten in ihre Heimatländer, vor allem in jene, in denen es weder Krieg noch Todesopfer gibt, “damit sie ihren Freunden und Verwandten berichten”, wie es wirklich auf der Reise und in Europa zugeht “und sie überzeugen, auf keine Fall eine Reise zu beginnen, bei der sie ein grausames Schicksal erwartet, egal, wie sie die Reise angehen."

Benedikt Brenner