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Für einen Samstagnachmittag bittet die Kreisverwaltung zum ersten Impftermin – erstaunliche Überstunden an einem sonst so heiligen Wochenende.

 

   Am Eingang ein Zerberus mit Pistole, der an der Stirn die Temperatur misst, wie in Italien üblich.

   Eine angemietete Büroetage in einem Gewerbegebiet, mit Pappwänden zur Impfstation gestaltet. Freundliche Damen, die laut und deutlich sprechen, denn ihre meisten Kunden sind über 80 Jahre alt. Ein kleiner Papierkrieg und immer wieder die Frage: Haben Sie Allergien?

   Ein Warteraum mit wenigen, auf Abstand achtenden Stühlen, ein Monitor für die aufgerufenen Nummern.

 

Haben Sie Allergien?

 

   Nach einer Viertelstunde Aufruf. Ein Zimmer mit einem Arzt, einer Beamtin und einer alten Dame, die gerade geimpft wird. Keine Gerätschaften, nur eine unbenutzte Liege.

   Auf die Frage, ob man hier als Arzt Einfluss auf die Auswahl der Probanden hat, erhält man die Antwort: Wir beeinflussen nichts. Wir sind hier nur das ausführende Organ.

   Ein schnelles Pieks, die Papiere zurück und ab in den Ruheraum auf eine Viertelstunde für den offenbar unwahrscheinlichen Fall, dass ein Allergieanfall oder eine andere Komplikation auftritt. Wieder wenige Stühle und wenige Menschen in dem Abklingbecken. Gegenüber ein Behandlungsraum, dunkel, unbenutzt.

   Erfreuliches Fazit des Impftermins: schnell, freundlich, undramatisch.

 

Wie soll es gehen, wenn Millionen geimpft werden müssen?

 

   Kein Problem bei ein paar Dutzend Probanden. Aber wie soll es gehen, wenn Millionen geimpft werden müssen? Nicht vorstellbar, wie die kleinen Stationen Millionen verarzten sollen.

   Amerika will das Problem der Massenimpfungen lösen, indem es Drogerieketten zur Impfung ermächtigt: Walgreens, CVS, Walmart. Könnten hierzulande Apotheken, DM, Rossmann & Co diese Aufgabe übernehmen? Sicherlich nicht mit den tiefgekühlten Impfstoffen von Pfizer und Moderna, wohl aber mit dem billigeren und Kühlschrank-geeigneten Vakzin von Astra-Zeneca. Sputnik V?  Vorerst wird man froh sein müssen, wenn die Hausärzte impfen dürfen.

Wer kommt wann dran?

   Bislang ist die Auswahl der Probanden unproblematisch. Der Kreis der Impfberechtigten in der ersten Gruppe ist klein. Was aber wenn die Gruppen 2 und 3 drankommen?

   Der revidierte Impfbogen des Bayerischen Impfzentrums kennt nur ein grobes Raster der Impfwürdigkeit.

   Gerade mal ein Dutzend Risikofaktoren sind aufgeführt, deren Existenz laut Impfzentrum eine Impfung notwendig erscheinen liesse.

Anamnese relevanter Gesundheitsdaten zur COVID-19 Impfung

Hatten Sie eine labordiagnostisch bestätigte Covid-19-Erkrankung?

Bei Frauen im gebärfähigen Alter: Besteht zurzeit eine Schwangerschaft oder stillen Sie?

Liegt bei Ihnen einer der folgenden Risikofaktoren vor?

(Mehrfachauswahl möglich)

Trisomie 21

Demenz oder geistige Behinderung

Zustand nach Organtransplantation

chronische Nierenerkrankung

Diabetes mellitus

Herzinsuffizienz, Arrhythmie / Vorhofflimmern oder koronare Herzkrankheit oder arterieller Hypertension

Krebserkrankung

COPD oder Asthma bronchiale

zerebrovaskulären Erkrankung / Apoplex

Immundefizienz oder HIV-Infektion

Autoimmunerkrankungen oder rheumatischen Erkrankungen

chronische Lebererkrankung

Adipositas (BMI >30)

Sonstige (Bitte ausfüllen)

   Immerhin existiert eine Kategorie Sonstige. Peinlich nur, dass der vom Probanden auszufüllende Fragebogen auf dem Internet die Kategorie Sonstige nicht aufweist. Dem Probanden wird damit die Möglichkeit verwehrt, zu dem starren Raster Ergänzendes oder einen Kommentar abzugeben. Offenbar legt das Impfzentrum keinen Wert auf ergänzende Informationen, oder es will sich schlicht Arbeit ersparen.

   Ärgerlich ist auch, dass dem Probanden der nachträgliche Zugang zu dem ausgefüllten Fragebogen verwehrt wird.  Ist der Fragebogen eingereicht, ist er weg. Der Einreichende kann nicht mehr nachlesen, was er /sie eingegeben hat -- um es beispielsweise zu ergänzen oder zu korrigieren.

    Der Raster unterscheidet nicht zwischen Diabetes Typ 1 und Typ 2, zwei grundverschiedenen Pathologien unterschiedlicher Schwere. Der auf Bundesebene anerkannte Risikofaktor Schwere Depression ist in Bayern offenbar noch nicht erkannt.

   Es ist unverständlich, warum Bayern die am 8. Februar in Kraft getretene geänderte Impfverordnung bis heute weder in seinem Impfbogen, noch in seinem Fragebogen vollständig berücksichtigt hat.

   Bei alledem stellen sich zwei Fragen: wer entscheidet über den Impfantrag und wie gestaltet sich das Verhältnis zum Probanden. Bislang sieht es so aus, dass der Proband oder die Probandin durch eine Mail und einen Telefonanruf erfährt, dass und wann eine Impfung stattfinden soll.

   Das erinnert an die Einberufung zum Wehrdienst. Immerhin gibt es dann eine Musterungskommission, die sich den Rekruten ansieht und mit ihm/ihr spricht. Nicht so bei der Impfung. Da wird nach bisheriger Praxis der Proband garnicht befragt. Er/sie erhält einen Bescheid. Punktum.

 

Fehlende Transparenz

    Angesichts der enormen existenziellen Bedeutung der COVID-19-Impfung für den Einzelmenschen und seine/ihre Familie ist dieses totale Fehlen von Transparenz der Entscheidungsfindung inakzeptabel.

   Dem Probanden muss mitgeteilt werden, in welche Kategorie der Impf-Dringlichkeit er/sie eingeteilt wurde, und warum. Dann muss der Proband die Möglichkeit haben, auf dem ärztlichen oder auch Rechtswege Einspruch gegen den Bescheid einzulegen. Nach Klärung muss ein Impftermin möglicherweise entsprechend vorverlegt werden.

   Im Grosser Bruder-Stil geht es jedenfalls nicht.

Heinrich von Loesch

 

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