Mit dem Begriff "Kennenlernen" habe ich erst etwas gefremdelt, aber bei genauer Betrachtung sind die Begriffe "Lernen" und Er"kennen" darin enthalten, die es sehr gut treffen.
Fangen wir einmal mit unserem ersten Treffen in einem Cafe' in München an. Heinrich hatte die Schellingstrasse ausgewählt. Aber da gab es an der Ecke, die er meinte, tatsächlich zwei Cafe's, und ich saß im Falschen. Als er mich dann gefunden hatte, musste er zuerst erkunden, was für eine Kaffeemaschine die denn benutzen. Ein für mich völlig unverständlicher Vorgang, der aber dann zu unserem Leben dazugehören würde, wie vieles andere, was mir zuerst nicht einleuchtete, später aber sehr verständlich wurde. Heinrich legte größten Wert auf Italienische Kaffeemaschienen und erstklassigen Espresso.
In seinem Auto erlebte ich dann die nächsten Befremdlichkeiten: graue Klebemasse klebte auf dem Armaturenbrett. Nun machte er nicht den Eindruck, als würde er alte Kaugummis in die Gegend kleben. Später stellte sich heraus, dass er aufgrund seines tauben Ohres und Empfindlichkeit des anderen auf längeren Fahrten sein Ohr mit dieser Masse schützte. Heinrich hatte außerordentliche Fähigkeiten, Klänge zu erkennen und Musikanlagen einzustellen und baute selber Lautsprecher. So fand auch ein Begriff wie "Rosa Rauschen" den Weg in meinen Sprachschatz. Unglaublich, was Heinrich trotz seiner Höreinschränkungen noch hören konnte. Ich dachte, ich hätte eine sehr gute HiFi-Anlage, aber Heinrich hat sofort Klirren und Brummen wahrgenommen. Ein Glück bin ich nicht so empfinglich in diesem Bereich, sonst hätte ich frustriert gleich die ganzen Geräte wegwerfen können.
Sein Sitz war mit einem großen Kissen im Nacken versehen, mit elastischen Bänder festgezurrt, die Sitzposition ganz weit hinten. Dies war seiner stattlichen Größe (194 cm) und seinem kranken Knie geschuldet. Muss man auch erst einmal wissen......aber erst einmal Beobachten und dann Verstehen gehört glücklicherweise zu meinen Stärken, die für eine Tierärztin recht nützlich sind, da Tiere einem selten deutlich mitteilen können, was sie plagt.
Als ich einmal bei ihm zu Besuch war, er eine kleine Führung durch seine Wohnung gemacht hatte, fiel ihm auf, dass er vergessen hatte, etwas einzukaufen. Äußerst liebevoll röstete er mir dann Sonnenblumenkerne, damit er mir etwas anbieten konnte. Ich kam mir vor wie ein kleines Vögelein. Schon da war zu erkennen, wie treusorgend dieser Mann war, der mich dann über 18 Jahre täglich mit einem mehrgängigen vegetarischen Menue am Abend bekochte.............Heinrich war der einzige Mann, der tatsächlich Kochbücher las! Und in allen Gerichten konnte er die Zutaten herausschmecken und sie auch "nachkochen".
Auch seine selbstlose Hilfsbereitschaft konnte ich sehr früh erkennen, als ich über Weihnachten zu meiner Mutter in Berlin fuhr, die schon im Pflegeheim lag, mein Bruder aber begann, ihre Wohnung aufzulösen, hat er, der bei seinem Sohn die Feiertage verbrachte, sofort angeboten, Einiges aus der Wohnung für mich mitzunehmen und zu mir zu bringen.
Zur Zeit seines Geburtstages fuhr er in seine Wohnung in Rom, wir blieben aber fleissig über Emails in Kontakt. Als es auf Ostern zuging, lud er mich ein, mit der Bus-Reisegruppe seines Freundes Hans-Günther von Maur von Bietigheim aus nach Venedig zu fahren. Verspätet kamen wir in Jesolo an, weil ein Teil der Gruppe vorher noch in Bibione (da bin ich nicht ganz sicher) abgesetzt werden musste. Da mit der Reservierung des Hotels etwas schiefgelaufen war, konnte Heinrich mit seinen perfekten Italienischkenntnissen helfen und größtes Unglück abwenden durch Verteilung der Gäste auf andere Hotels. Im Hotel in Jesolo hat Heinrich dann dafür gesorgt, dass wir ein Zimmer mit Meerblick erhielen, da das mein großer Wunsch war. Immer war er bemüht, mir meine Wünsche zu erfüllen, obwohl er anfangs zweifelte, ob ich nicht zu jung für ihn wäre. Aber wir haben uns aufeinander "zugetastet". Wer hätte dem widerstehen können?
So, jetzt einmal etwas zum "Lernen": wie aus meiner Beschreibung als Heinrichs letzte Frau hervorgehen wird, komme ich aus eher einfachen Verhältnissen und hatte vorher nie persönlichen Kontakt zum Adel. Nur das Buch "Manieren" von Asfa-Wossen Asserate hatte ich schon gelesen. Mein Leben lang habe ich gerne gelernt, nun hatte ich einen Lehrmeister, der wirklich viel zu geben hatte. Nie mehr werde ich den Tisch falsch eindecken...... niemals mit dem Besteck in Händen herumfuchteln (tat ich allerdings schon vorher nicht), die Serviette nach dem Essen vom Schoß auf den Teller legen und so weiter und so fort. Keinesfalls mit dem Unterarm auf dem Tisch liegen oder das Messer ablecken.....
Mit Heinrich zogen Begriffe wie "Soppalco" (was für mich vorher nur ein simpler "Hängeboden" war) und Boiserie in mein Leben ein, und das Wohnzimmer wurde zum "Salon". Ein Begriff wie z.B. "lecker" löste bei ihm höchstes Unwohlsein aus, und aus "Oma" und "Opa" wurden "Großmutter" und "-vater".
Lustig war es noch, als Heinrich seinem Sohn einen Brief schrieb und "SH" vor den Namen setzte. Ich kann mich noch heute nicht enthalten, statt "Seine Hochwohlgeboren" "Seine Heiligkeit" zu lesen und zu lachen.
Das waren jetzt nur die Oberflächigkeiten, die ich lernen durfte. Dazu kam aber ein ungeheurer Schatz an kulturellem und handwerklichem Wissen und Können.
Als wir uns kennenlernten, waren mir Barock und Rokoko eher unheimliche Stilrichtungen. Durch Heinrich habe ich die Meisterwerke dieser Zeit schätzen gelernt.
Da er schon in jungen Jahren mit einer Freundin der Familie die Hefte von Connaissance des arts studierte und Bücher über Antiquitäten (z.B. Adolf Feulner's "Kunstgeschichte des Möbels") zu seiner Lektüre gehörten, gab es kaum einen französischen Ebenisten, den er nicht kannte. Unschätzbar, mit ihm auf Antikmärkten oder im Internet Antiquitäten zu betrachten, die er problemlos als authentisch oder später entstanden klassifizieren konnte. Ich werde mich wohl kaum trauen, noch etwas zu erwerben ohne seinen klugen Kommentar. Manche Händler haben ihn dann allerdings nicht so gerne gesehen, weil sie sein Urteil, laut geäußert, lieber nicht hören wollten.
Auch konnte er unsere Antiquitäten fachgerecht restaurieren, und ich lernte z.B. wie eine echte Vergoldung auf Holz ausgeführt wird.
Gerne erzählte er die Geschichte, wie er einen Stuhl "antquisiert" hatte, den er einer Freundin schenkte. Jahre später sah er diesen Stuhl bei einem Antiquitätenhändler und ging in das Geschäft. Als der Händler ihm etwas von antik erzählen wollte, hat er nur gelacht und das Geheimnis enthüllt.
demnächst geht es weiter