Zurück in der Zeit
Durch einen merkwürdigen Zufall wurden wir beide in dem selben Krankenhaus in Berlin geboren. Heinrich allerding 29 Jahre früher als ich. Während er in ein Haus in Wilmersdorf mit Köchin und Hausmädchen "umzog", kam ich in eine Altbau-Mietwohnung nach Friedenau. Dann entwickelte sich unser weiteres Leben aufgrund der Zeitläufte in recht verschiedene Richtungen, bis wir uns in München 2007 das erste Mal trafen. Da ich schon ein Raunen über den sogenannten "Vaterkomplex" hören kann, werde ich hier die Chance nutzen, ganz andere Aspekte einer Beziehung mit einem großen Altersunterschied zu beleuchten: Ich las einmal vor langer Zeit ein Buch über „Gute Ehen“(1). Viel habe ich davon nicht mehr in Erinnerung, aber dort stand der Satz, dass ein Geheimnis einer „Guten Ehe“ die Mischung aus einem realistischen und einem idealistischen Blick auf den anderen wäre. Diese Tatsache kann ich jedenfalls für mich nur bestätigen. Ich habe meinen Mann immer bewundert und war stolz auf ihn, ohne manche seiner Eigenheiten, die nicht immer einfach waren, aus dem Blick zu verlieren. Was bei uns allerdings hinzukam, war eine Vergangenheit, die er selbst erlebt und ich durch meinen Vater sozusagen vererbt bekommen habe. Dadurch hatten wir eine Basis, auf der sich aufbauen ließ, wenn wir auch aus ganz verschiedenen Gesellschaftsschichten und Verhältnissen kamen. Der Altersunterschied, ja, aber mein Vater war 47 als ich geboren wurde. Heinrich hätte noch mein Bruder sein können. Nicht jede Frau heiratet einen älteren Mann, weil sie einen Ersatzvater sucht. Ich habe keinen älteren Mann geheiratet weil ich keinen Vater hatte, sondern, weil ich einen so wunderbaren Vater hatte und jemanden gesucht habe, der diesem in vielen Dingen ähnlich war, egal, wie alt er war. Meine Mutter pflegt zu sagen: "Es gibt junge Alte und alte Junge". Sie hatte in zweiter Ehe einen 30 Jahre älteren Mann geheiratet, aber darauf werde ich noch zurückkommen. Heinrich war eindeutig ein sehr junger Alter und ich schon immer eine alte Junge. (1) Gute Ehen. Wie und warum die Liebe dauert, J.S. Wallerstein und S. Blakeslee, Quadriga Verlag Berlin 1997Junge Jahre
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- Geschrieben von: Dr. Gudrun Dahrmann