Vor wenigen Jahren erkrankte eine gute Freundin von mir an Krebs, an einem bösartigen, als unheilbar erachteten Krebs. Bei ihrer Suche nach einer alternativen Therapie stiess sie auf das Buch The Cure for All Cancers von einer Autorin namens Hulda Regehr Clark, Ph.D. Das Buch erklärte, dass Krebs, AIDS und andere Krankheiten von Darmparasiten und Umweltverschmutzung hervorgerufen seien. Clark sagte, es genüge, durch  Einnahme von Walnusstinktur und anderen natürlichen Mitteln den Körper von Parasiten zur "reinigen", um zu gesunden.

   Meine Freundin folgte den Anweisungen getreulich und verstarb nach 18 Monaten. Hulda Clark selbst starb 2009 an Krebs. Ihr Buch erreichte Millionenauflagen und war zeitweise in den USA vergriffen. Zum Buch gab es "Heilmittel" und Gerätschaften, die weltweit verkauft wurden. Kostspielige "Klinik"-Aufenthalte gab es zeitweilig  auch. Clark sammelte um sich eine grosse Schar von Bewunderern, die ihrer Lehre wohl auch heute noch anhängen.

   Warum lassen sich erwachsene, gebildete, vernünftige Menschen durch Quacksalberei verführen? Bei einem Krebskranken, dem die Schulmedizin keine Chance bieten kann, mag das verständlich sein. Bei einem Menschen, der sich nicht in einer verzweifelten Notlage befindet, wirkt es merkwürdig. Und doch beobachtet man bei manchen Zeitgenossen, die durchaus mit beiden Beinen im Hier und Jetzt stehen, eine gewisse Anfälligkeit für Pseudo-Wissenschaft.

   Hulda Clark war ein gutes Beispiel. Ihren Ph.D. - Titel hatte sie nicht in Medizin, sondern in Zoologie und Botanik erworben. Zudem schmückte sie sich mit einem windigen Titel in "Naturopathie". Das reichte, um ihre mutmasslich von Wissenschaft wenig beleckten Anhänger zu beeindrucken. Auch meine Freundin.

   Verständlicherweise sind es oft Lebensängste, die Menschen zu Quacksalbern treiben. Gesundheit, Ernährung und Umwelt bieten ein Feld, auf dem sich viele Autoren tummeln können, wenn sie nur ein wenig den wissenschaftlichen Jargon beherrschen. Je erstaunlicher ihre Behauptungen, desto erfolgreicher ihre Veröffentlichungen. Doch auch auf anderen Gebieten gibt es breites Spektrum von kruder Wissenschaft bis zu phantasievoller Erfindung und glattem Betrug. Bücher sind die Pflastersteine dieser Scheinwelt; das Internet und die sozialen Medien sind der Mörtel, der das luftige Bauwerk zusammenhält.  Ist eine neue Legende erst einmal erfolgreich veröffentlicht, so gesellen sich Trittbrett-Autoren dazu. Trichterförmig öffnet sich die Perspektive, sobald mehr Menschen in dieser Richtung zu lesen und zu suchen beginnen. Die Legende verfestigt sich, drängt im Bewusstsein der Adepten die Wissenschaft ins Abseits.

   Wenn der Glaube an Quacksalberei die Medizin verdrängt, kann das fatale Folgen haben. In anderen Fällen mag das Ergebnis eher komisch und lächerlich sein.

   So geht es dem Präsidenten der Türkei, Recep Tayyip Erdoğan. Mit seiner Idee, in Kuba eine Moschee zu bauen an einer Stelle, an der angeblich ein islamischer Entdecker Jahrhunderte vor Kolumbus die Neue Welt betrat, hat sich Erdoğan zum Gespött von Kommentatoren und Karikaturenzeichnern nicht nur in türkischen Medien gemacht.  Indem er fragwürdige und pseudo-wissenschaftliche Quellen bemühte, um angebliche Errungenschaften weithin unbekannter islamischer Forscher und Denker zu beweisen, hat Erdoğan dem verständlichen Bemühen, das Ansehen der islamischen Kultur aufzuwerten, einen schlechten Dienst erwiesen. Je mehr Kritik er für seine Behauptungen erntet, desto mehr versteift er sich.  Es ist bedauerlich, dass es offenbar niemand in seinem Umfeld wagt, ihn zu bremsen und von weiterer Selbstdemontage abzuhalten. Erdoğan hat gewiss genügend Leistungen in seinem Leben vorzuweisen und bräuchte sich nicht auf Sektoren zu profilieren, von denen er wenig versteht.

   Seine letzte Eskapade, nämlich für die ganze Türkei den obligatorischen Schulunterricht in osmanischer Sprache anzuordnen, ist -- wenn der Ordre de Mufti denn tatsächlich befolgt wird -- kein Pappenstiel.  Die alte osmanische Sprache aus der Zeit der Sultane unterscheidet sich wesentlich vom modernen Türkisch. Sie enthält zahlreiche Ausdrücke aus dem Arabischen und anderen Sprachen des alten ottomanischen Reiches, die vor fast einem Jahrhundert durch türkische Begriffe ersetzt wurden. Vor allem aber bedarf sie der arabischen Schrift, die ausser Priestern und Gelehrten wenig Türken beherrschen. Ein erheblicher Teil der schulischen Lernzeit würde davon auf Kosten anderer Fächer absorbiert werden.

   Kein Wunder, dass nicht nur Lehrkräfte alarmiert sind.  Die wichtigste Oppositionspartei CHP sieht in dem Vorschlag einen weiteren Versuch Erdoğans, für die moderne Türkei die Macht und den Glanz des alten Sultanats und Kalifats zu beanspruchen.  Mit der Wiedererweckung der arabischen Schrift würde Erdoğan einen Schlag gegen das Erbe des Staatsgründers Atatürk fuhren, der 1928 den Türken die lateinische Schrift, wie wir sie heute kennen, dekretiert hatte.  Kenntnis der arabischen Schrift würde die Schüler in die Lage versetzen, auch klerikale Texte im Original zu lesen. 

   Erdoğans neue Massnahme, bei deren Verkündung er sogar seinen zögerlichen Regierungschef Davutoğlu desavouierte, ist nur ein weiterer Schritt zur umfassenden Islamisierung des Unterrichts. Seit dem Beginn der dritten Amtszeit Erdoğans als Premier 2011 wurde das Mindestalter für Koranunterricht auf drei Jahre gesenkt, die Anforderungen an Religionslehrer wurden vermindert und auch Imame aus Saudi-Arabien zugelassen. Als Wahlfächer wurden Arabisch, das Leben des Propheten, und Korankunde eingerichtet. Die Absolventen der religiösen Imam-Hatip-Schulen wurden gegen Proteste der Universitäten zum Studium zugelassen.

   So radikal, wie einst Atatürk sein Volk durch die Schriftreform über Nacht zu Analphabeten machte, will Erdoğan die Türken mit der originalen Lektüre seit Generationen unleserlicher Texte beglücken und die Bevölkerung allmählich in ihre orientalische Kultur und Religion zurückführen dank einer Schrift, die sie zwar mit Arabern, Iranern und anderen Völkern verbindet, nicht aber mit Europa und Amerika. 

Heinrich von Loesch

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Tens of thousands of teachers planned to go on strike for one day on Friday all over Turkey in reaction to the AK Party's perceived attempts to transform the country's education system into one based on religion. (Today's Zaman, 13/02/15)

During his visit to Cuba, President Recep Tayyip Erdoğan said that he submitted a very detailed project to Cuban authorities to have a mosque built in Havana. (Today's Zaman, 12/02/15)