Die Grafschafter Nachrichten (30/4/15) berichteten über einen Vortrag des bekannten Vertreters der Postwachstumsökonomie, Professor Nico Paech, der auch Vorsitzender einer Vereinigung für Ökologische Ökonomie ist.  Paech erläuterte seine Vision von einer nachhaltigen Lebensweise und erklärte: "Die Wachstumsparty ist vorbei".

   Nicht fliegen, nicht Auto fahren. Kein Fernsehen, kein Handy. Paechs "Postwachstumsökonomie" soll große Teile der Industrien und 75 Prozent der deutschen Flughäfen stillegen, wie auch die Hälfte der Autobahnen. Wellness, Eier, Fleisch, Fisch, Restaurantbesuche, weitere Einfamilienhäuser sind no-nos. Wer weniger konsumiert, kommt auch mit 20 Arbeitsstunden pro Woche aus, laut Paech. Statt immer neue verschleißintensive Geräte zu produzieren, sollten Modelle für leichte Laienreparatur konstruiert und ihre Lebensdauer verlängert werden.

   Interessante Vorschläge. Die Welt, die Paech da skizziert kommt mir merkwürdig bekannt vor. Das hatten wir doch schon einmal, im Zweiten Weltkrieg und in den Jahren danach.

   Flugzeuge waren Ungeheuer, die Bomben abwarfen und mit Bordkanonen auf uns schossen. Autos? Der Arzt im Nachbardorf hatte einen Opel P4, das einzige private Auto weit und breit. Der Fürst hatte in seinen Maybach einen Holzvergaser einbauen lassen, der so schwer war, dass das Heck bei jeder Unebenheit am Boden kratzte.

   Wellness? Unbekannt. Eier, Butter, Zucker? Nur auf Marken und sonst unerschwinglich. Restaurants? Geschlossen. Zwanzig Arbeitsstunden? Im Gegenteil: volle Arbeitswoche und in der Freizeit hamstern gehen, wilde Salatkräuter, Pilze oder Waldobst sammeln, Kaputtes reparieren. Beim Schwarzhändler Wertvolles gegen Unentbehrliches eintauschen. Nachhaltigkeit? Oh ja, jeder Schuh, jedes Hemd, jedes Gerät wurde repariert, so lange es nur ging.

  Wegwerfen: nie! Keine Nahrungsmittel, keinen Lappen, keine Schraube je wegwerfen. Kunstgegenstände? Ach ja, Kinder sammelten die scharfkantigen Bombensplitter mit ihren bizarren Formen. Wären heute auf Ebay ein Vermögen wert. Heizung? Kochhexe oder Kachelofen, mit gerodetem Stubbenholz, Grude oder bestenfalls mit Braunkohlenbriketts befeuert. Vieles von dem, was Paech anstrebt, war noch vor relativ kurzer Zeit Alltag in der DDR.

   Sicherlich hat das deutsche Volk nie so wenig CO2 erzeugt, nie so wenig Ressourcen verbraucht, wie in diesen Jahren. Und war selten so schlank und gesund dank fleischarmer Diät und viel körperlicher Bewegung.

   Selbst wenn Deutschland Paechs Lebensstil annehmen würde, selbst wenn ganz Europa folgen würde — was bedeutet das, global gesehen? Eine bemerkenswerte, vielleicht sogar liebenswerte Selbstkasteiung, über die der große Rest der Welt den Kopf schüttelt. Vielleicht sollte Herr Paech über seinen Schatten springen und ein Flugticket rund um die Welt kaufen, damit er erfährt, wie klein Deutschland ist.

   Was nicht bedeutet, dass Paechs Vision falsch ist. In vielem hat er sicherlich recht. In anderem irrt er. Zum Beispiel in der Annahme, dass das Wegfallen der Produktion für überflüssigen Konsum die Arbeitszeit auf 20 Stunden reduzieren würde. Das Gegenteil ist der Fall. Paech ignoriert die Effizienz unserer auf Zeitersparnis zugeschnittenen Lebensweise.

  Filtert man als überflüssig all die Maschinen, Geräte, Kommunikationsmittel heraus, die uns täglich Zeit sparen, vom Zwiebelhacker bis zum Privatjet, dann wird die bloße Existenz (wieder) eine zeitraubende Beschäftigung. Milliarden Arbeitsstunden, die aus Mangel an zeitsparenden Möglichkeiten verloren gehen, reduzieren das Sozialprodukt und die Kaufkraft der Menschen auf Niveaus von vorvorgestern. Man stelle sich den CEO von Thyssen-Krupp statt im Businessjet an der Bushaltestelle (vergeblich?) wartend vor.

  Interessant wäre es, zu erfahren, wie sich Paech die medizinische Versorgung im Zeitalter der ressourcensparenden Armut vorstellt. Wird überflüssige Lebenserwartung gleich mit-eingespart? Hebammen statt Kaiserschnitt? Hörrohr statt Hörgerät, das ja Molybdän, Coltan und Neodym enthält?

   Es hat keinen Sinn, Paech der Zivilisationsmüdigkeit im Stile des alternden Horaz zu beschuldigen. Wir müssen vielmehr gründlicher überlegen, wie es weitergehen soll und wie es wohl — unseren Uberlegungen zum Trotz — weitergehen könnte.

  Seit rund einer Milliarde Jahren bevölkert homo sapiens die Erde und beutet sie aus. Die Säbelzahntiger Amerikas, die großen Beuteltiere Australiens, den Dodo von Mauritius und die mediterranen Wälder hat er vernichtet. Jetzt befreit er die Erdkruste von ihrem Erdöl- und Gasgehalt. Will man dem Ressourcenverschleiß Einhalt gebieten, so geht das nur durch konsequent durchgeführte internationale Gesetzgebung, die von allen Staaten akzeptiert wird. Nach dem Modell der Treibstoffbesteuerung müssten die Ressourcen weltweit so verteuert werden, dass sich ihre Verwendung nur unter eng definierten Bedingungen lohnt. Um das zu erreichen, braucht man das Äquivalent einer wirkungsvollen Weltregierung, sine qua non.

  Wir können also das laufende Jahrhundert, so nicht ein Wunder geschieht, vergessen. Die einzige Ressourcenbremse, die verbleibt, ist die Knappheit, der ordinäre Marktmechanismus, der sich nicht um die Paechs kümmert. Ditto die Industrie, die so lange geplant verschleißende Produkte herstellen wird, wie der Ersatz durch neue Geräte billiger und profitabler ist als Reparatur, egal, ob es sich um Schuhe, Computer oder Raketen handelt.

 Die Paechs können ihre Postwachstumsökonomien nur deshalb als ein attraktives Gegenmodell hinstellen, weil sie in einer ressourcenverschleissenden Wohlstandsgesellschaft leben, die ihnen Lebenswichtiges billig oder gratis liefert. Vom kanadischen Weizen über chinesische Fahrräder und gesetzliche Krankenversicherung bis zu Hartz IV liefern Lidl, Merkel und Co. den Paechs den Rahmen für ihre idyllischen Theorien. Ist der Weizen jedoch niedersächsisch, das Fahrrad aus Brandenburg, die Krankenkasse so pleite wie in Griechenland und Hartz IV auf Trinkgeldniveau zusammengestrichen, dann ist aus der Postwachstumsökonomie eine von der Wirklichkeit überholte Kuriosität der ökonomischen Dogmengeschichte geworden.

Heinrich von Loesch