Unter diesem Titel veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung (21/12/15) einen Beitrag von Luca Paolazzi und Michael Hüther “Ein Vergleich der Entwicklung von Deutschland und Italien zeigt, wie wichtig nicht zuletzt eine gute Lohnpolitik ist.”

   Wie im Wirtschaftsteil einer Zeitung zu erwarten, erklärt der Artikel, warum zwei einander so ähnliche Volkswirtschaften sich so unterschiedlich entwickeln – genauer gesagt: warum Italien um Jahre nachhinkt. Dass Deutschland Strukturreformen erfolgreich durchgeführt hat, während Italien die nötigen Reformen erst jetzt anpackt.

   So weit, so banal. Man könnte gelangweilt weiterblättern, wenn nicht ein Detail auffiele: da wird Italien beschrieben wie ein gewöhnliches Land, das sich nur Strukturreformen unterziehen müsse, um nach einiger Wartezeit die Früchte zu ernten und wieder zu Wachstum zurück zu finden.

   Rührend, so viel Naivität. Italien ist leider kein Land wie andere. Die drei Grundübel Italiens, die das Wachstum behindern, werden in dem Artikel nicht erwähnt: Korruption, organisierte Kriminalität und menefreghismo: Gleichgültigkeit.

   Wie sich eine alle Schichten der Gesellschaft durchdringende Korruption (nicht) bekämpfen lässt, konnte die Welt unlängst am Beispiel Griechenlands studieren. In Italien ist die Lage kaum besser, nur weniger bekannt. Die beginnende Aufklärung des Skandals der Mafia Capitale, jener Bande, die durch üppige Schmiergelder die Stadtregierung Roms ausplündern konnte, ist nur ein Beispiel für die alltägliche Selbstverständlichkeit, mit der öffentliche Gelder “privatisiert” und Bürger durch Umgehung von Gesetzen und Regeln bestohlen werden.

   Der Artikel erwähnt, dass Deutschland ein west-östliches Wohlstandsgefälle aufweist, und Italien ein nord-südliches. Die Analogie ist schief: während der deutsche Osten immer noch unter den Folgen von vielen Jahrzehnten Nazismus und Kommunismus leidet, ist Italiens Süden Opfer und Akteur zugleich von kriminellen Organisationen, deren Ursprung weit in die Geschichte zurückreicht. Aus dem Geheimbund der Beati Paoli des 18. Jahrhunderts entstand, wie Denis Mack Smith und Andere erläutern, Siziliens Mafia, die Cosa Nostra.

   Wo sich eine Mafia etabliert, kommt das Wachstum zum Stillstand, weil die piovra, der Krake, die Kontrolle der Wirtschaft übernimmt. Die Doppelbesteuerung durch Staat und Mafia sorgt dafür, dass die Städte des Südens trotz geringerem Pro-Kopf-Einkommen teurer sind als Rom oder Florenz.

   Wer meint, dass die schrittweise Modernisierung des Südens die organisierte Kriminalität zurückdrängen werde, irrt. Im Gegenteil haben die kriminellen Organisationen in den letzten Jahren den industriellen Norden Italiens erobert und dort südliche Strukturen und Praktiken eingeführt. In der Lombardei, in Ligurien und Venetien sind die 'ndrine Kalabriens und die Familien der Camorra Kampaniens präsent und sorgen dafür, dass nichts mehr ohne sie läuft: mit den erwartbaren Folgen für die Wirtschaft des Nordens, der immer das Zugpferd Italiens war.

   Wie stark die Mafias sind, lässt sich alltäglich feststellen. Die Tatsache, dass Italiens typische Agrarprodukte wie Gemüse und Obst im Lande teurer sind als in Deutschland, ist die Folge von mafiösen Strukturen in den Grossmärkten und Handelszentren wie Fondi. Dass sich an diesen Zuständen nichts wirklich ändert, ist die Folge des Einflusses der kriminellen Bünde auf die Politik, die seit Jahrzehnten auf allen Ebenen – Gemeinden, Regionen und Rom – unterwandert und hörig gemacht wurde.

    Das dritte der grossen Übel ist der menefreghismo, der Mangel an Bereitschaft, sich für irgend etwas zu engagieren, das ausserhalb des eigenen Vorteils und der eigenen Familie liegt. Jahrzehntelang konnte die Camorra giftigen Sondermüll gewinnbringend im eigenen Wohngebiet, in den Provinzen Caserta und Neapel, vergraben oder verbrennen. Wegen der zahllosen Brände wird das Gebiet terra dei fuochi, Feuerland genannt.

   Niemand schritt ein gegen dieses Umweltverbrechen. Die typischen Agrarprodukte der Region – Gemüse, Obst und Mozzarella-Käse wurden zwar durch die Bodengifte verseucht, doch weiterhin für gesund erklärt und verkauft – bis heute.

    Warum hört man in den Thermen des Caracalla in Rom die Schreie zahlreicher Möven? So weit vom Meer entfernt? Die Erklärung heisst Malagrotta, die riesige Müllkippe Roms und Heimat von Millionen Möven, angeblich die grösste offene Müllhalde Europas. Sie sollte Ende 2007 geschlossen werden, war aber bis Ende 2013 noch in Betrieb und ist auch 2015 Thema von Millionen-Betrugsprozessen, in die auch die städtische Abfallwirtschafts-Behörde AMA verwickelt ist.

   Niemand engagiert sich gegen die Millionen von cartelloni, den Plakaten, die alle Landstrassen Italiens säumen und den Blick auf die Schönheit des belpaese verstellen. Wer Italien geniessen will, darf nur Autobahn fahren – den Italienern ist es egal. Auch ohne hinzuschauen, finden sie ihr Land schön, Die Ausländer sagen es ja, nicht erst seit Goethe.

Benedikt Brenner