Wachstum ist kein blosser Fetisch, wie oft behauptet wird. Wachstum ist das Lebenselixir des neoliberalen Kapitalismus. Wachstum löst alle Probleme – in der Theorie. Angeblich mindert Wachstum die Armut der Armen und hilft Unternehmen und Staaten, ihre Schulden abzuzahlen. In Krisenländern wie Griechenland, Italien, Portugal rufen Alle nach Wachstum beziehungsweise – um das Wachstum herbei zu zaubern – nach Investitionen. Regierungen, Politiker, Unternehmer, Gewerkschaften – alle fordern Investitionen. Als ob Investitionen ein Gut wären, das man bei Amazon frei Haus bestellen kann. Leider verhalten sich Investitionen recht irrational: je lauter man sie fordert desto rarer machen sie sich. Braucht man sie nicht, dann kommen sie von alleine.

   Angesichts des launischen Charakters der Investitionen und ihrer meist öko-schädlichen Kollateralwirkungen haben fleissige Denker schon vor Jahren die Frage gestellt, ob man Wachstum wirklich braucht, oder ob es nicht doch eine Wirtschaft gibt, die ihre Probleme ohne Wachstum lösen kann.

Eine Wirtschaft ohne Wachstum

    Die wirklich wachen Denker gehen einen Schritt weiter: der italienische Soziologe Domenico de Masi beispielsweise ist überzeugt, dass die OECD-Staaten das Maximum des erzielbaren Reichtums bereits erreicht haben und es nunmehr nur noch abwärts gehen kann. Er hält alle Wachstumsstatistiken, die derzeit von staatlichen Institutionen verbreitet werden für kriminelle Lügen und führt als Beweis an, dass Italien beispielsweise in 2015 mit 4,6 Millionen absolut Armen den höchsten Stand der Armut seit 2005 erreicht hat.

   Da es laut de Masi kein weiteres Wachstum mehr geben kann (was aus italienischer Perspektive absolut glaubhaft ist, denn Italiens Wirtschaft wächst seit 2008 nicht mehr) kann man Armut nur durch Verteilung des “Überflüssigen” mildern. Um den Überfluss zu beziffern, erklärt er, dass die zehn reichsten Familien Italiens 2007 soviel besassen wie 3 Millionen Bürger zusammen; 2015 higegen besassen sie soviel wie 6 Millionen Italiener. Während sich der Reichtum des zehn Familien also verdoppelte, verdoppelte sich auch die Zahl der absolut Armen. “Die Ungleichheit galoppiert”, schlussfolgert de Masi.

Glückliche Schrumpfung

   Einen Schritt weiter als er gehen die Mitglieder einer Gruppe, die sich “Bewegung für die glückliche Schrumpfung” nennt, ebenfalls Italiener, aber international verlinkt. Mit einer Heerschau ökobewusster und kommerzkritischer Autoren, die vom Ex-König Bhutans bis zu Jeremy Rifkin reicht, fordern die Schrumpfer die Maximierung des Wohlbefindens anstelle des Sozialprodukts. Obwohl sie es so nicht sagen, misst sich Fortschritt für sie in der (absichtlich erzielten) Verminderung des Sozialprodukts. Die Schrumpfer verweisen auf eine wachsende Zahl alternativer Indikatoren, die von unterschiedlichen Institutionen entwickelt wurden als Alternative zur traditionellen Einkommensstatistik. Dabei übersehen sie den in der praktischen Anwendung wichtigsten dieser Indizes: den Human Development Index des UN-Entwicklungsprogramms UNDP.

   In Vereinen, die sich an 34 Orten Italiens konstituiert haben, sind die Schrumpfer aktiv. Sie diskutieren nicht nur in drei grossen Themenbereichen (Ernährung und Landwirtschaft, Gesundheit, Land und Siedlungen), sondern gehen auch praktisch ans Werk: “vernünftiger Konsum”, “Selbstherstellung (Brot, Joghurt, synergetische Gärten, natürliche Landwirtschaft)” und “praktisches Wissen”. Stichworte: Minderung des ökologischen Fussabdrucks; Erstellung von smart grids, in denen die Bürger Erzeuger und Verbraucher von Energie werden; Bedarfsminderung.

   Soweit Theorie und Praxis der fröhlichen Schrumpfung. Nun erhebt sich die Frage: kann Schrumpfung die aktuellen Probleme der Gesellschaften lösen?

   Wachstum kann, wie bekannt, etliche dieser Probleme lösen. Selbst einige Umweltprobleme können im fortgeschrittenen Stadium des Wachstums gelöst werden, weil Reichtum Massnahmen ermöglicht, die armen Ländern unzugänglich sind, wie die OECD nachwies. Andere Umweltprobleme bleiben erhalten oder werden verschärft. Soziale Probleme werden durch Wachstum nicht, wie Thomas Piketty behauptete, quasi naturgesetzlich verschärft: es gibt auch Gegenbeispiele (wenn auch wenige).

Die sozialen Folgen der Schrumpfung

   Nehmen wir an, die Verringerung des Sozialprodukts pro Kopf erfolge “quasi-naturgesetzlich” wie bei de Masi, wird also nicht absichtlich herbeigeführt. Dann will de Masi den vorhandenen “Überfluss” sozialgerecht verteilen. Wo findet er den Überfluss? Sicherlich nicht bei den wirklich Reichen, denn die verfügen stets über Mittel und Methoden, die geeignet sind, jeden staatlichen Zugriff zu unterlaufen. Nehmen wir realistischerweise an, die Reichen bleiben unerreichbar. Also muss de Masi die Mittelklasse schröpfen, denn die kann sich dem Staat nicht entziehen. Wenn alles gut geht, sollte es gelingen, die Armen ein wenig besser zu stellen zu dem Preis, dass die Mittelklasse schwer geschädigt wird.  Beispiel: frühe Phasen in der Entwicklung kommunistischer Staaten. Bei fortschreitender Schrumpfung lässt sich die Umverteilung nicht aufrechterhalten: auch die Armen leiden. Am Schluss gibt es nur noch viele Arme und wenige Reiche: die Mittelklasse fehlt.

Wie steht es bei der absichtlich herbeigeführten “fröhlichen Schrumpfung”?

   Hier bleibt die Klassenstruktur unangetastet. Alle zusammen, nämlich Arme, Reiche und Mittelklasse, verordnen sich Schrumpfung. Gibt es eine nationale Zielvorgabe, zum Beispiel minus 2 Prozent des Sozialprodukts pro Jahr? Dieses Ziel müssten alle Wirtschaftssubjekte – Staat, Privatwirtschaft, Bürger – anstreben. Statt Umsatz- und Gewinnmaximierung Umsatz- und Gewinnminderung. In der Landwirtschaft Ertragsminderung: statt 40 Doppelzentner Weizen pro Hektar nur noch 39 dz. In der Landwirtschaft lässt sich das relativ einfach erreichen: durch Verringerung der Verwendung von Produktionsmitteln (Dünger, Herbizide, Pestizide). Dies lässt sich staatlich steuern. Aber in der sonstigen gewerblichen Wirtschaft?

   Wie will man ohne eine immense Bürokratie den Schrumpfungsprozess überwachen? Im einzelmenschlichen Bereich wird es nicht leicht fallen, den jährlichen Einkommensrückgang um die 2 Prozent des Testbeispiels akzeptabel zu gestalten. Wenn der Einkommensrückgang um 2 Prozent von einer Arbeitszeitschrumpfung um ebenfalls 2 Prozent begleitet wird, ergibt sich genug Musse, um Fertigmarmelade durch Eingekochtes zu ersetzen. Mit fortscheitender Schrumpfung wird es jedoch schwieriger, Zeit für den Ersatz gewohnter Waren und Dienstleistungen durch Eigenproduktion und lokalen Tauschhandel zu finden, denn allein der einmalige Verzicht auf Waschmaschine und Fertigpizza kann leicht einen halben Tag in Anspruch nehmen.

   Ein weiteres Problem der fröhlichen Schrumpfung ist der menschliche Geist an sich. Der nämlich ersinnt laufend Verbesserungen, die wachstumsfördernd wirken, wie Paul Romer und Kollegen in der Theorie des endogenen Wachstums nachwiesen. So besteht die Gefahr, dass das Ziel der Schrumpfung um 2 Prozent garnicht oder nur teilweise erreicht werden kann, weil die Verbesserungen entgegen wirken. Nehmen wir das Beispiel des Internets: zu den weniger beachteten Effekten des Web gehört die Tatsache, dass binnen einer Generation hunderte von Millionen Männer weltweit tippen gelernt haben. Damit haben sie nicht nur Millionen Sekretärinnen ihres Jobs beraubt, sondern wenden auch Milliarden Stunden auf für eine neuartige Tätigkeit, die vielleicht auf Kosten der heimischen Joghurt-Zubereitung geht.

   Es wird nicht leicht fallen, die menschliche Kreativität ausschliesslich auf die Schrumpfung zu fokussieren. Wahrscheinlich ist es leichter, die Verbrennung in Dieselmotoren zu optimieren, als ein schnelleres Verfahren zur heimischen Joghurt-Erzeugung zu ersinnen, ohne sich dem Verdacht der schädlichen Wachstumsförderung auszusetzen.

Geht es auch anders?

   Ja, es geht. Europa bietet interessante Beispiele, wie traditionelle Volkswirtschaften zum Stillstand und sogar zur Schrumpfung gebracht werden können. In Ländern wie Griechenland, Italien und Portugal, aber auch in Frankreich wird eine Wirtschaftspolitik praktiziert, der es gelingt, die wachstumsfördernde Kraft der steten Erneuerung und Verbesserung zu neutralisieren und Stillstand oder Rezession zu erreichen. Das alles geschieht, obwohl die Volkswirtschaften in herkömmlicher Weise nach Wachstum gieren. Weiter gehende Beispiele unabsichtlich herbeigeführter Schrumpfung bieten Kuba und Venezuela. Auch die ehemalige DDR leistete Vorbildliches.

   Das markanteste Beispiel bietet jedoch Italien, dem de Masi korrekt bescheinigt, dass es das mutmassliche Maximum des erzielbaren Wohlstands schon vor einem Jahrzehnt erreicht hat und seither in Gipfelhöhe auf der Stelle tritt. Auch lässt der hohe Grad der öffentlichen und Banken-Verschuldung mit de Masi erwarten, dass es von nun an nur noch abwärts gehen kann. Noch werden die Einkommensverluste der Armen und die Schrumpfung der Mittelkasse kompensiert durch das Wachstum des Reichtums, aber wie lange noch? Erst wenn die Reichen sich aus Italien verabschieden, wird das wahre Ausmass der schleichenden Schrumpfung sichtbar werden. 

   Während ein grosser Teil Europas mit der Schrumpfung flirtet, zieht der Rest der OECD-Welt mit Macht auf dem Pfad des Wachstums voran. Während Italiens Wirtschaft dümpelt, ist der Wohlstand in den USA zwischen 2008 und 2016 um 14 Prozent gestiegen, nämlich die Kaufkraft des Brutto-Inlandsprodukts pro Kopf.  In Deutschland betrug die Zunahme sogar 21 Prozent.

 

Benedikt Brenner