Dies ist die Geschichte eines versunkenen Kontinents. Nicht im wörtlichen Sinne freilich, sondern im übertragenen. Nicht in geographischer Weise verschwunden ist dieser Erdteil, sondern aus unserem Wissen. Doch selbst dies ist keine genaue Aussage, denn vielleicht haben wir über diesen Kontinent nie wirklich Orientierendes gewusst.

   Wenn ich dieses Gebiet kühn einen Erdteil nenne, so wird mir der Geograph energisch widersprechen, handelt es sich doch bestenfalls dabei um ein Sammelsurium von Inseln, die noch dazu über einen weiten Raum verstreut sind. Der Ethnograph, der Völkerkundler hingegen, wird schon eher geneigt sein, mir zuzustimmen. Freilich ist das ganze Gebiet reichlich abgelegen; es liegt sozusagen am anderen Ende der Welt und hat sich nie sonderlich durch wirtschaftliche, politische oder zivilisatorische Leistungen ins Gespräch gebracht. Es handelt sich vielmehr um eine Gegend von ausgewählter Bedeutungslosigkeit.

   Deswegen ist es auch keineswegs tadelnswert, darüber wenig oder garnichts zu wissen. Wenn ich trotzdem unverschämt genug bin, Sie um Aufmerksamkeit zu bitten so nur deswegen, weil mir selbst diese Gegend ein starkes Aha-Erleben, eine klassische "Was wäre, wenn..." Perspektive beschert hat. Oder ganz einfach: weil sich hier eine Form von Menschsein darbietet, von der kaum jemand außer einer Handvoll Spezialisten eine Vorstellung besitzt und die immerhin vor noch kurzer Zeit auf der halben Südhalbkugel unserer Erde herrschte.

  Die Gegend, von der ich spreche, hat viele Namen. Wenn ich nur einen nennen dürfte, würde ich sagen: Melanesien.

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   Unter Kokospalmen grast Vieh, das irgendeinem Grundbesitzer gehört. Der Hain ist licht und locker. Ein Weg schlängelt sich zwischen den Bäumen hindurch. Wie Schemen tauchen niedrige Hütten auf, würfelig, palmschilfgedeckt, fein säuberlich in zwei Reihen rechts und links des Weges erbaut. Der Boden ist schmierig vom Regen, doch Kinder spielen vergnügt in den Pfützen und schwarze, drahtige Schweine suchen nach Abfällen und frischen Trieben.

   Frauen und Männer tragen Baströcke in unterschiedlichen Graden des Zerfalls und der Verschmutzung, der Oberkörper bleibt unbedeckt - eine Erfordernis bei den herrschenden Waschküchen-Temperaturen. Kaum ist der nachmittägliche Regenguß überstanden, wird schon wieder das Feuer unter dem Ofen in der Dorfmitte entzündet. Der Duft erinnert an kalten Stubenrauch, durchdringend und beizend.

   Daneben arbeiten zwei fast nackte Männer im Schweisse ihrer Körper und enthülsen Kokosnüsse mit der Machete. Auf dem Ofen wird das Kokosfleisch in großen Schnipseln zu Kopra für den Export getrocknet. Mir scheint jedoch, daß diese Kopra eher geräuchert als getrocknet wird, so mühsam schwelt der Brand. Minderste Qualität, gerade gut für Seifenherstellung. Aber immerhin ein Auskommen für dieses Dorf, ein Lebensunterhalt, den sich jeder einzelne Familienvater allein ergattern kann, egal ob er zehn, hundert oder tausend Bäume besitzt.  Ein Weg zum Überleben in einer Welt, in der gewöhnlich kein Platz ist für barbusige Nachkömmlinge ehemaliger Wilder. Kopra bedeutet Leben. Leben für Melanesier. Ohne Kopra gäbe es die Melanesier vielleicht schon lange nicht mehr.  

   Sie sind dunkelbraun bis schwarz. Einige sind besonders schwarz. Ebenholzschwarz. Man findet sie auf der Insel Bougainville, weil dort lange Zeit das Wort "Schwarz ist schön" wörtlich verstanden wurde. Mütter bevorzugten ihre dunkleren Kinder vor den helleren, und da die Kleinkindsterblichkeit sehr hoch war, bedeutete dies in der Praxis, daß hellere Kinder leichter starben und die dunkleren immer mehr den Farbdurchschnitt der Insulaner bestimmten.  Bis das satte Ebenholz erreicht war. Sind sie also Afrikaner? Wer die dunkle Haut, die feingekräuselten Haare zum erstenmal sieht, wird ja sagen. So sehen doch Afrikaner aus.  Aber es gibt gewichtige Gründe für die Annahme, daß die Melanesier keine Afrikaner sind, ja nie etwas mit Afrika zu tun gehabt haben.

   Wenn man sie lange genug gesehen hat, dann erkennt man auch ihre Gesichtszüge. Und wenn man später in eine international gemischte Menge schaut, etwa am East River in New York, wo bei den Vereinten Nationen Vertreter aller Herren Länder sich drängen, dann wird man die Melanesier von den Afrikanern unterscheiden können. Ihr Haarwuchs ist ungewöhnlich üppig, doch ihre Gesichtszüge ähneln in mancher Hinsicht eher denen von Europäern als Afrikanern.

   Wenn es stimmt, daß schwarze Menschen eine Wärmeform der Menschheit sind, entstanden durch Anpassung an die klimatischen Erfordernisse und Existenzprobleme heißer Regionen, dann wären die Melanesier wohl eine Parallelentwicklung zu den Afrikanern. Wir nennen sie Melanesier, die "Bewohner der Schwarzen Inseln", was natürlich nur ein Notbehelf ist.

Über die halbe Erde verstreut 

   Merkwürdig, daß sie so isoliert in einer im wesentlichen hellhäutigeren Umgebung leben, im Norden und Osten umgeben von Polynesiern und Mikronesiern, im Nordwesten und Westen von ebenfalls recht hellfarbigen Malaien.  Doch wie steht es mit den Aborigines, den schwarzen Ureinwohnern Australiens?  Sie müssen sicherlich mit den Melanesiern in einem Zusammenhang gesehen werden. Und die Papuas in Neuguinea? Auch sie sind, trotz mancher sprachlichen und körperlichen Unterschiede im Prinzip zu den Melanesiern gehörig. Mischformen von Papuas, Melanesiern im engeren Sinne und Malaien findet man auf manchen indonesischen Inseln. Blickt man weiter nach Westen, so stößt man auf die schwarzen Ureinwohner Ceylons und Südindiens, die Veddahs und Dravidas und schließlich gelangt man in einem Bogen nach Süden, nach Madagaskar; wo vor der Küste Afrikas melanesisch gesprochen wird und ein melanesisches Bevölkerungselement klar erkennbar ist.

   Von Madagaskar im Westen bis nach Tahiti im Osten, wo noch in jüngerer Zeit Reste der melanesischen Urbevölkerung gelebt haben, reicht der Bogen rund um den halben Erdball, erstreckt sich das einstige und heutige Reich der schwarzen Menschen, die keine Afrikaner sind, Konturen eines dunklen Kontinents mit Schwerpunkten in Südindien, Australien und Neuguinea, eines der ausgedehntesten Siedlungsgebiete, das je eine Menschengruppe sich schaffen konnte.

   Ein Kapitel Menschwerdung und Menschsein, von dem wir wenig, fast nichts wissen. Und doch gilt, was Austin Coates über Melanesien schrieb:  "Dies sind ohne Zweifel die ältesten Kulturen der Welt, über die in den vergangenen beiden Jahrhunderten der Schatten der britischen Krone fiel".

  Die Melanesier sind Stiefkinder der Zivilisation. Während ihre hellhäutigen Vettern, die Polynesier, die den östlichen Pazifik bewohnen, als die sanften guten Wilden in die Literatur des 18. Jahrhunderts eingingen und von Malern und Dichtern als perfekte Naturmenschen idealisiert wurden, fielen die Melanesier dem Farbvorurteil zum Opfer. Wurden die Polynesier teilweise von Europäern und Amerikanern sogar gehätschelt, so traf die Melanesier die volle Härte des Kolonialdaseins.

Kolonialismus 

   In Australien wurden die Aborigines bis in die Gegenwart in skandalöser Weise diskriminiert. Im nordwestlichen Teil Neuguineas haben die Indonesier eine Art von Kolonialregime im Stile des 19. Jahrhunderts errichtet und Rebellionen der schwarzen Papuas immer wieder unterdrückt. Im ehemals australisch verwalteten südöstlichen Teil Neuguineas wurde den Papuas und Melanesiern eine auígeklärtere Verwaltung zuteil, die freilich ein abruptes Ende nahm, als sich die Treuhandverwaltung für Australien zunehmend als finanzielle Bürde entpuppte.  Das unabhängige Papua-Neuguinea leidet unter hoher Kriminalität und Korruption.

   Die Gilbert- und Ellíce-Inseln, die Salomonen und Vanuatu waren bis vor wenigen Jahrzehnten Kolonien, die in eine ungewisse Zukunft entlassen wurden. Und auf den Fiji-Inseln hat man die einheimische melanesische Bevölkerung mit den Nachkommen massenhaft importierter indischer Kulis für die Zuckerrohrplantagen konfrontiert, die ihnen seither die Macht im Staate streitig machen.

   Auf Sri Lanka sind die dunklen Tamilen auch nach dem Ende des Bürgerkriegs einer starken Diskriminierung durch die staatstragenden, hellerhäutigen Singhalesen ausgesetzt, und auf Madagaskar haben malaiische und afrikanische Bevölkerungselemente das Übergewicht. Man kann vielleicht sagen, daß derzeit nur in Niugini, dem freien Papua-Neuguinea die Schwarzen Herr im eigenen Lande sind.  Sie wissen sich dabei beobachtet von ihren Nachbarn und einstigen Herren, die stets bereit sind, abfällig zu schmunzeln: Na ja, die Bushies, die Buschleute, was werden die schon zuwege bringen? 

Salomonen-Inseln & Vanuatu

  Guadalcanal ist die Hauptinsel der Salomonen, eines westpazifischen Archipels, der fast ausschließlich von Melanesiern bewohnt ist. Weite Reisfelder überziehen die Ebene von Guadalcanal, auf der vor mehr als siebzig Jahren eine der Hauptschlachten des Zweiten Weltkriegs ausgetragen wurde. Japaner, Amerikaner, Neuseeländer und Australier lieferten sich hier einen Kampf um jeden Meter Erde, und in der schmalen Meeresstraße zwischen Guadalcanal und der Nachbarinsel Florida versank soviel an schwimmender Ausrüstung, daß die Enge seither "Iron Bottom Sound", Eisenboden-Sund heißt.  Und es war eine ganz gewöhnliche Übung, zum Schluß auf der Insel noch ein kleines Blutbad unter den Verbleibenden anzurichten, damit ein etwa nachher kommender Konkurrent keine willigen Arbeitskräfte, sondern mörderische Wilde vorfand.  

   Die Zeiten der Blackbirder sind vorbei, die Inseln haben die damit verbundene Entvölkerung überwunden und die Menschen haben Zutrauen gefaßt. Aus den unwegsamen Bergen sind sie heruntergekonmen an die Küste und haben dort ihre Siedlungen angelegt, vor allem an der windstillen Küste des Slot, des Schlitzes, wie die Binnensee heißt, die sich geschützt von den Bergen der umliegenden Inseln im Zentrum der Salomonen-Gruppe erstreckt.

   Ähnlich wie auf den Salomonen ist die Lage in Vanuatu, den einstigen Neuen Hebriden, auf Neu-Britannien, Neu-Irland und Bougainville, und wie all die großen und kleinen Inseln zwischen Neuguinea und Fiji heißen. Hier hatte sich von allen Orten der Welt das Kolonialstystem am längsten gehalten. Hier war die Lücke, die zwischen der Zivilisation der Weissen und der steinzeitlichen `Kultur der Melanesier klaffte, schier unüberwindlich. Und niemand außer den Missionaren gab sich Mühe, sie zu schließen.

 vanuatu

Photo: wikimedia commions

 

Paradies im Regen 

   Sicherlich sind die Inseln in der Weite eines tiefblauen Ozeans von paradíesischer Schönheit und immer noch trotz Plantagen, Waldraubbau und Suche nach Bodenschätzen ziemlich unberührt. Aber lebt es sich auf ihnen auch paradiesisch?   

   Sturzbächen gleich peitscht Tropenregen hernieder auf das gefächerte Dach der Kokos- und Pandanuspalmen, der langnadeligen Kasuarinen und der Vielfalt großblättriger Gewächse, die dem Tropenwald seine unverwechselbare Schönheit geben. Das Meer ist grau und trüb von den niederstürzenden Wassermassen. Die Auslegerboote sind auf den Strand hochgezogen, die Straßen, die zum Hauptort Vila führen, haben sich in Morastbetten verwandelt. Nirgendwo auf der ganzen Insel Vate; der Hauptinsel von Vanuatu, scheint es einen trockenen Fleck zu geben. Auch die Dächer der Hütten, die sich unter den Palmen und Bananengebüschen ducken, sind trotz vielfacher Lagen von Pandanusschilf nicht ganz wasserdicht und kleine Bächlein ziehen ihr Netzwerk über den festgestampften Hüttenboden. Die ganze Familie, bestehend aus Menschen und einigen durch Charakterfestigkeit und Zutraulichkeit hervorstechenden Schweinen, drängt sich im Dreivierteldunke1.der Hütte; nur die Kinder spielen unter dem Vordach im Schlamm, hin und wieder von einer Regenböe zu hochglänzendem Braunschwarz gewaschen.

   Die Erwachsenen schlafen teils auf dem lianengeflochtenen Familienbett, das hinten in der Ecke auf Pfosten wohlgesichert über der Tierwelt des Bodens schwebt.  Teils sind die Menschen mit kleinen Hausarbeiten oder einem Schwatz beschäftigt, teils glotzen sie hinaus in das nasse Inferno des Pardieses, warten hungrig auf eine Unterbrechung der Sintflut um ein paar Fische am Riff zu fangen, sobald sich das Meer beruhigt hat; melanesischer Al1tag. 

Capri-Gefühle und Pickehauben

  Das vertraute und doch wieder neuartige Südseegefühl der schwarzen Inseln, die zutiefst heidnische Idylle der Natur auf diesen Eilanden, die wie Kokosnüsse in der Ozeanweite treiben - was sagt dies ihren neuen, heimlichen Herren, den Japanern und Chinesen, die als Investoren und Touristen das Erbe der Angelsachsen angetreten haben? Hegen sie hier Capri-Gefühle, sind die Schwarzen ihnen eine Tei1nahme, eine Analyse wert?  Oder schweben sie - wie es mitunter den Anschein hat - als stumme Herren über diesem zerbröckelnden Erdabfall, diesem geographischen und anthropologischen Kehricht, der es allenfalls wert ist, Fische, Edelholz und Erde für Heldengräber zu liefern, diesem vor der Haustür sich gichtig in der Sonne räkelnden Bastard eines Hundes, dem man derzeit den obligaten Fußtritt erspart, weil der Wadenmuskel Schonung braucht?

   Für uns Deutsche scheinbar so weit weg, und doch näher, als wir uns bewußt sind: Melanesien. Was haben wir mit den schwarzen Inseln zu schaffen? Eine Menge, denn unsere Pickelhauben-Rauschebärte, unsere "Es ist erreicht“- Pioniere, unsere wagemutigen hanseatischen Handelsherrn und ihre wilhelminischen Beschützer haben auf einigen dieser Inseln ein unvergessliches Gastspiel gegeben, geschwellt von Treu und Redlichkeit, mit alpenbäuerlicher Holzhausarchitektur, Seelenerkern und Lebkuchengiebeln, Sie gaben den Schwarzen jenen häßlichsten aller häßlichen Namen, Symbol des schlimmsten Rassismus, würdig eines Francisco Pizarro und Cecil Rhodes:  sie tauften die Melanesier "Kanaken" nach französischem Vorbild.

  Und so gingen denn diese in den deutschen Volksschatz, in des Knaben Wunderhorn ein als die nackten Wilden, deren Aufgabe es ist, "zu schuften wie die Kanaken". Oh natürlich, die deutschen Kolonien auf Neu-Mecklenburg, Neu-Pommern, Neuguinea und dem Bismarck-Archipel waren Musterbetriebe, patriarchalisch geleitet wie ostelbische Latifundien, bibelfest, sauber und ungemein tüchtig, voll Gerechtigkeit, wenn auch sehr strenger, und einem handfesten Profit für die Kontore in Hamburg.

  Die Schwarzen lernten zu schuften für drohend zuckende Schnauzbärte, und an Kaisers Geburtstag hatten sie in weißen Hemdchen artig zu jubeln. So lebhaft blieb das in ihrer Erinnerung, daß als in Neuguinea die gefürchtete Unabhängigkeit näherrückte, die Australier ihre Geldbörsen zuschnürten und die Koffer packten, sich einige der Häuptlinge zurückträumten in die Epoche der Pickelhauben und Tropenhelme und heimlich beschlossen, die Deutschen zurückzurufen nach Melanesien, damit sie wieder für Ordnung, stimmende Kassen und preussische Zucht sorgten. Mich selbst frug damals ein schwarzer Adept der Speyerer Missionare in Rabaul, ob ich nicht der deutschen Regierung in Bonn den Wunsch des Rats der Häuptlinge übermitteln könne, die Treuhandschaft zu übernehmen. 

   Die Pläne der Häuptlinge schienen den Australiern denn doch ein zu grober Spuk und sie disziplinierten die Konspirateure. Wie wäre wohl der bundesdeutsche Entwicklungsminister verlegen gewesen, wenn ihm dieser böse Rückfall in die imperialistische Vergangenheit offiziell angetragen worden wäre, etwa unter dem Treuhandmäntelchen der Vereinten Nationen? Keine Angst, Kaiser Wilhelm blieb, wo er hingehört, und die einstigen Kanaken tappten alleine in die Freiheit, den Rat der Missionare einholend, wo ihnen der der Australier fehlte.

Indonesisch-Neuguinea

   In gemächlicher Rundung zieht sich die Bucht von Jayapura über Kilometer dahin, begleitet von einer kurvenreichen Uferstraße, hinter der die noch holländisch akkurat gebauten Häuschen den Berg emporklimmen, sich immer mehr im Grün verlieren, das endlich in den Urwald übergeht. Geländewagen und Kleinbusse rumpeln durch die Kuhlen einer Baustelle, in der der rote Lateritboden Neuguineas zutage tritt. Auf Pfählen an die Ufer gebaut, die Häuser der Küstenleute, ganz aus Holz und geflochtenen Sagostrohmatten, in denen teils einheimische Melanesier, teils eingewanderte Makassar-Leute von der Nachbarinsel Sulawesi leben, dunkel und drahtig.

   Ein seltsamer Gegensatz, die Melanesier: ruhig, fast stoisch, mit derbknochigen großen Körpern und Köpfen mit schwerem Kinn und klobigen Nasen, wie Holzplastiken im Stile Barlachs. Wie überall auf den Inseln zeigt sich auch hier ein erheblicher Gegensatz zwischen den Melanesiern der Küste, die vom Fischfang und Handel leben, und den Bushies, den Urwaldleuten, díe selten ans Meer kommen und der Zivilisation erheblich ferner sind. So groß war früher bisweilen die Furcht der Küstenleute vor den Bushies, daß sie ihre Häuser auf künstlich aus Korallenbrocken aufgeschüttete Riffe bauten, die für die Buschleute, die weder schwimmen können, noch Boote zu bauen verstehen, unerreichbar waren. 

Wikinger des Südens

  Dafür gelten die Küstenleute als eines der begabtesten Seevölker der Welt. Mit renntauglichen Geschwindigkeiten preschen ihre Einbaum-Auslegerboote über die von einer Insel eingerahmte Lagune von Jayapura, im Heck das Familienvermögen, kostbar und behütet, den amerikanischen oder japanischen Außenbordmotor von 30, 70 oder gar hundert PS. Mit Präzision werden die Einbäume wie vor Iahrhunderten in kleinen Strandwerften ausgehöhlt, poliert und mit dem einseitigen oder doppelseitigen Ausleger zum Katamaran vervollständigt. Jahrelang wird auf einen Außenborder gespart, der allgemein als höchstes Gut unter Melanesiern gilt, vor allem als Brautpreis. Und dann geht es ab, zischend wie ein Pfei1 quer durch die Lagune, im Heck der stolze Besitzer hockend, vergleichbar mit einem westlichen Playboy, der seinen Rennwagen durch die Kurven der Corniche an der Côte d'Azur steuert. 

Missverständnisse

 Als mit den spanischen Flottenkapitänen Mendaña und Queiroz die ersten Europäer in Melanesien landeten, fest der Meinung, sie hätten das erträumte Australien entdeckt, standen sich auf wenige Schritte menschliche Wesen gegenüber, die nicht nur die Hälfte des Erdballs in ihrer Herkunft, sondern auch Jahrtausende unterschiedlicher Erfahrung trennten. Diese Melanesier kannten keine Schrift und kein Rad, keine Töpferei und kein Metall. Sie waren Steinzeitmenschen, deren einst mehrere Inseln, ja Inselgruppen umfassenden politischen Verbände längst degeneriert waren zu einem Dauerkampf Dorf gegen Dorf, allenfalls Insel gegen Insel, manchmal Mann gegen Mann.

  Aus der einst gemeinsamen Sprache austronesisch, einer der Weltsprachen der Vorzeit, die von Madagaskar bis zur Osterinsel von Melanesiern, Malaien und Ozeaniern gesprochen wurde, blieb in der Zerfallzeit nur eine babylonische Sprachverwirrung, die dazu führte, daß in manchen Gebieten auf Vanuatu auf je 260 Menschen eine Sprache entfällt, wobei nur die direkten Nachbarn sich noch einigermaßen gegenseitig verstehen. Aus der Verehrung verstorbener Ahnen mittels Aufbewahrung ihrer Schädel in Knochenhäusern war die gewaltsame Beschaffung solcher Relikte durch Kopfjagd geworden, und von der Kopfjagd war es dann nur ein Schritt zum Kannibalismus. Wo dieser aber herrscht, löst sich jede Gemeinschaft und Kultur auf: wie will man noch Feste feiern, wenn arglose Gäste befürchten müssen, kurzerhand mitverspeist zu werden?

   So war Melanesien kulturell wohl am Ende angelangt, als die Weissen kamen, von denen man annahm, sie seien kraft ihrer hellen Hautfarbe mit Zauberkraft bedacht. Die Buschleute auf einigen der Salomoneninseln sahen die Fremden von den Höhen ihrer Hügel und Berge herab aus den Schiffen steigen, dort unten am Strand. Doch die Bushies stiegen nicht herab ans Wasser, denn das taten sie nie in ihrem Leben. Sie sahen sich zwar stets vom Meer umgeben, doch sie mieden es, weil sie meinten, es sei giftig.  So blieben die Bushies noch weitere Jahrhunderte relativ ungeschoren. Erst Sklavenjäger und Sandelholzaufkäufer brachten auch ihnen die Zivilisation mit Glasperlen, Dysenterie, Malaria, Kalikotuch, Schnaps und Stangentabak.  

  Wie grotesk die Mißverstândnisse zwischen Melanesiern und Europäern waren, enthüllt ein Bericht über die Expedition des Kapitäns Queiros zu den Neuen Hebriden in den Anfangsjahren des 17. Jahrhunderts. Um eine erste Seele für Christus zu gewinnen, fingen die Spanier einen jungen Mann, der ihnen intelligent erschien, verschleppten ihn auf das Schiff, kleideten ihn in Seidengewänder - die den Melanesiern, die keinen Stoff kannten, nur als Farbflecken erschienen. Dann schoren sie ihm Haar und Bart, was in melanesischen Augen eine unerhörte Beleidigung war, denn des Mannes Haupt galt ihnen als heilig und unverletzlich. Sie schnitten ihm Finger- und Zehennägel, was einer gewaltsamen Verkürzung seiner Lebenserwartung gleichkam, gaben ihm Geschenke, darunter ein so gefährliches Zauberobjekt wie einen Spiegel. Dann setzten sie ihn wieder an den Strand, stolz auf ihre zivilisierende Großtat. Heulend vor Wut und Scham lief der gräßlich Verunstaltete und Entehrte zu den Seinen, und die Spanier waren außer sich vor Zorn über die "bösartigen Wilden", als diese sie zum Dank mit einem Pfeilhagel überschütteten. Noch heute gibt es abgelegenere Gebiete auf den melanesischen Inseln, wo ein Fremder, wenn er einem Einheimischen wohlwollend auf die Schulter klopft, sein Leben riskiert.

Blondism und blaue Augen 

   Wenn ich am Abend durch Honiara schlendere, dieser aus einem US~Stützpunkt des Zweiten Weltkriegs in Resteverwertung entstandenen Hauptstadt der Salomonen - ein größerer Marktflecken - so fällt mir unter vielen Eindrücken besonders auf, daß zahlreiche der melanesischen Einwohner einer pittoresken Haarmode frönen: sie tragen blond. Mir verschlägt es einigermaßen die Augen, als mein prüfender Blick an einer blond-gekräuselten jungen Dame mit dunkelbraunem Teint herabgleitet und entdeckt, daß nicht nur ihr Haupthaar hell ist, sondern auch ihre Augenbrauen und der zarte Haarflaum auf ihren Armen.  Diese junge Dame, die im geblümten Hängerkleidchen die Mendaļ¬a Avenue entlang zur Eisbar strebt, kokette Grüße mit etlichen gleichaltrigen Burschen tauschend-- dieses hoffnungsvolle Produkt einer Missionsschule -- ist ganz ohne Zweifel echt blond.. Und sie ist auch, wie ihre zahlreichen blondgekrausten Mitinsulaner beweisen, nicht etwa eine Mendel'sche Laune bei der Kreuzung europäischer und salomonischer Vorfahren.

  Sie ist eine echte Melanesierin, jener einzigen braunschwarzen Art von Mensch, bei der Blondhaarigkeit und selbst Rothaarigkeit - wie ich später erfahre - in der Tat weit verbreitet ist. Blondism, eine vor rund 10.000 Jahren aufgetretene Genmutation bei Pazifik-Insulanern, kann bei bis zu zehn Prozent melanesischer Bevölkerungen auftreten.  Auch hier gilt übrigens, daß blond als schön gilt, und manche Mutter hilft schon bei ihren Kindern der Blondheit nach, indem sie ihnen die Haare regelmäßig mit ungelöschtem Kalk wäscht, was nebenbei Läuse und andere Untermieter vertreibt. Wenn also auch hier nicht immer echt ist, was blondet, so zeigt doch der Kontrollblick auf die Arme den wahren Sachverhalt.  Es soll ab und zu Vernehmen nach auch Blauäugige unter den Südsee-Insulanern geben. Dieser Erkenntnis bewusst blicke ich um mich, den Bürgern von Honiara fest ins Auge schauend, ohne Erfolg allerdings.

Der Cargo-Kult

   Eine der Eigenarten melanesischer Kultur ist weltweit bekannt geworden unter dem Begriff "Cargo-Kult", einem überall auf den Inseln und in Neuguinea zeitweise oder seit langem üblichen Glauben. Jack Mc Carthy, ein im Kolonialdienst ergrauter Ire, erzählt sehr anschaulich, wie er selbst ein Stück Cargo-Kult bei der Entstehung beobachtete: Er ritt eines Tages von Alexishafen an der Nordostküste des ehemals deutschen Neuguinea hinauf in die Berge, um ein Dorf zu besuchen. Auf einer Bergkuppe über den von Urwald überzogenen Schluchten fand er das Dorf: die üblichen Strohhäuser, ein Gemeindehaus und darin große Blechbüchsen und Gefäße, fest verschlossen, in denen beim Schütteln Münzen klapperten. Was es damit auf sich habe, fragte er. Das Geld bliebe acht Jahre lang darin verschlossen, versicherten die Dörfler, denn es sei im Begriff, sich zu vermehren. Mc Carthy glaubte, nicht recht gehört zu haben, dann forschte er die Geschichte aus.

   Ein junger Mann, der bei den Weißen unten in Madang in die Schule gegangen war, sei vor drei Jahren durch das Dorf gekommen, und als er von dem chronischen Geldmangel der Leute hörte, habe er ihnen Hilfe versprochen. Er hätte ihnen ein gedrucktes Papier in der Sprache der Weißen gezeigt, auf dem zu lesen stand, wie man Geld vermehrt,  indem man es wachsen und Früchte tragen läßt wie ein Baum. Das hätte ihnen sehr eingeleuchtet und sie hätten alle Barschaft des Dorfes, 800 Dollar, zusammengekratzt und es ihm gegeben mit der Bitte, es zu vermehren. Da habe er alle erreichbaren großen Gefäße mit ein paar Münzen gefüllt, verschlossen und ihnen befohlen, sie acht Jahre lang aufzubewahren bis er zurückkäme. Dann habe er den Rest des Geldes an sich genommen und sei gegangen.  Niemand habe ihn mehr gesehen.

   Mc Carthy lachte herzlich und bemühte sich, die Dörfler aufzuklären. Vergeblich. Sie zeigten ihm den berühmten Zettel, in englisch bedruckt und geschmückt mit dem Bild eines Baumes, an dem Dollarscheine hängen. Triumphierend verwiesen sie auf die Zeichnung als letzten wissenschaftlichen Beweis der Richtigkeit ihrer Schlauheit, wie man mühelos zu Reichtum komme.

   Der Besucher las den Text. Es handelte sich um ein Zeitungsinserat einer amerikanischen Investmentgesellschaft. Erneut bemühte er sich um Aufklärung, doch vergeblich. Die Dörfler glaubten fest an das Wunder des Geldbaumes, so wie August der Starke an die goldmachende Kraft der Alchimisten glaubte.  Mc Carthy kehrte zurück, bereichert um die Erkenntnis, daß auch der Cargo-Kult der Melanesier nicht so weit von unserer Welt ist, wie wir denken.

  Die Melanesier glauben, Flugzeuge seien Götterboten ihrer im Himmel lebenden Vorfahren, die ihnen Schätze bringen sollten, doch von den bösen Europäern abgefangen worden seien. Somit galten den Schwarzen die Weißen als Diebe, und das vor allem im Zweiten Weltkrieg reichlich vom Himmel kommende Kriegsgerät in Wahrheit als gestohlenes melanesisches Eigentum. Was Wunder, daß es in den Jubeltagen der Cargo-Kult-Bewegung in den Nachkriegsjahren zu großen Aufständen gegen die Kolonial- verwaltungen Melanesiens kam.

  Auch heute hat es sich noch nicht überall herumgesprochen, daß die Weißen Heimatländer haben, in denen sie all diese wundervollen Waren mit Fleiß in Fabriken herstellen;  noch immer gelten sie in abgelegenen Inselgebieten als Fallensteller der Götterboten, und auf den Landepisten im Urwald findet angeblich heute noch mancher Pilot morgens unter den Tragflächen seines Flugzeugs die nachts deponierten Opfergaben der Buschleute an den Göttervogel, den sie für ein Lebewesen ansehen.

Salzwasserleute vs. Süsswasserleute

  Das schönste an Melanesiens Atollen ist nach Meinung mancher Sachkenner ihr Anblick aus der Luft. Das klingt ungewollt spöttisch, ist jedoch ganz vordergründig gemeint. Atolle sind mit ihrem strahlenden Farbenspiel, das vom Grün der Vegetation über das Weiß des Sandes zum Smaragd der Lagune und zum Indigo des umgebenden Meeres reicht, wahrlich Naturwunder; Kunstwerke geschaffen für den Aufenthalt des Menschen in nobler Abgeschiedenheit, in totaler Harmonie mit einer Welt, die ihn gleichzeitig zum absoluten Herrn über seinen Mikrokosmos macht und ihn der Beengtheit ausliefert, der er nur unter Gefahr für Leib und Leben entfliehen kann, nämlich durch Fahrt in seinem Einbaum hinaus in die Weite, die Leere bis zum nächsten Atoll, das zwar Wochen entfernt ist, doch dem verlassenen aufs Haar gleichen mag.

   Melanesier sind, obgleich sie auch eine Reihe solcher von Korallen gebauten Gruppen von Mini-Inseln bewohnen, doch nicht zu vergleichen mit den Mikronesiern oder Ozeaniern, die sich auf das Atoll-Leben spezialisiert haben. Melanesier sind im Vergleich dazu in erster Linie Festlandsmenschen: Bewohner jener großen Inseln, die schon fast Festlandscharakter haben. Man muß sie vor dem Hintergrund Ozeaniens sehen, um ihre Besonderheit zu begreifen. Wenn auch die Gruppe der "Salzwasserleute" unter ihnen, wie man sie nennt, groß ist, so sind es doch die Bräuche und religiösen  Vorstellungen der "Süßwasserleute" oder bushies, die bei weitem  vorwiegen.  Ähnlich wie die Beduinen des östlichen Arabiens teils Wüstenmenschen sind, in deren Leben die Abwesenheit von Wasser geradezu  Hauptbedingung ist, teils aber Seeleute und Perlfischer waren, also  das gewissermaßen genaue Gegenteil davon, sind auch die Melanesier  zum Großteil wasserscheuende Ackerbauern, die ihre Taro- und Süßkartoffelkulturen zu beachtlicher Perfektion gebracht haben, teils aber Wassermenschen, von denen die Welt lernte, modern und  schnell zu schwimmen.

   Welcher Sportler denkt heute daran, daß  der Kraulstil, der im letzten Jahrhundert das Schwimmen  revolutionierte, von den nackten Wilden der Salomonen-Inseln stammt? Englische Besucher lernten von den Salomoniern 1904 so zu schwimmen, und von Australien ging dann die neue Mode um die Welt.  

   Die Melanesier haben auch noch eine Reihe anderer Dinge erfunden,  Kava zum Beispiel, jenes berauschende Getränk des Pazifik, das die Bewohner Vanuatus aus den Wurzeln einer Art von  Pfefferrebe gewinnen. Ursprünglich von Knaben so weit zerkaut, daß man den Saft auspressen und trinken kann, wird die Wurzel  heute etwas hygienischer mittels Korallenbrocken zerquetscht und  dann gepreßt. Aus halben Kokosschalen getrunken,vermittelt das nach Gemüsesaft schmeckende Kava ein außerordentliches Gefühl der Klarheit und der Erdgebundenheit des Menschen, während sich gleichzeitig erhebliche motorische Störungen einstellen, die noch am nächsten Morgen, wenn einem gewöhnlich schlecht ist, zu allerlei Zusanmenstößen mit Gegenständen verhelfen.     

   Der regelmäßige Genuß von Kava soll die Wirkung übrigens beschleunigen und intensivieren, wobei das Gefühl, mit der Natur verwandt, ja ein Bestandteil von ihr zu sein, sicherlich dazu beiträgt, Steinzeitliches zu konservieren. Wer Kava trinkt, wird Melanesier - sei es auch nur für ein paar Stunden - und es soll Leute geben, die sich dabei pudelwohl fühlen.

Mangel an Arbeitskräften

   Eines der Probleme bei der Entwicklung der melanesischen Inseln ist die unleugbare Tatsache, daß Melanesier keinen Sinn für regelmäßige Arbeit haben. Nicht, daß sie nicht hart arbeiteten, wenn notwendig: nicht umsonst galten sie als das schwarze Gold der Bergwerke Australiens und der Plantagen auf Fiji. Aber von selbst fällt ihnen nicht recht ein, in europäischem Stil zu arbeiten. Vielleicht ist es ihr kulturelles Erbe, vielleicht ist es auch -- wie in der Karibik -- eine Reaktion auf Sklaverei und Vertragsarbeit, die sie feste Beschäftigung scheuen läßt. Die wenigen Melanesier, die sich dazu bereit finden, werden gewöhnlich von der Verwaltung und anderen Angestelltenjobs absorbiert, so daß es auf den Inseln eigentlich immer Mangel an Arbeitskräften gibt. Die alten Kolonialherren wußten sich zu helfen: sie öffneten die Gefängnisse.

   Ohnehin stets dabei überfordert, Justiz unter den Stämmen zu üben, begnügten sie sich meist damit, die Sünder zu Zwangsarbeit zu verurteilen und darauf zu achten, daß sie nicht davonliefen. Dies hatte zur Folge, daß die Europäer sich mit Kriminellen umgaben, die ihnen als Arbeiter und Hausboys, Gärtner und Köche dienten. Sehr gut möglich also, daß der freundlich lächelnde schwarze Geist, der einem den Whisky kredenzte, Vater und Mutter erschlagen hat.  Das wurde hierzulande nicht weiter tragisch genommen.

   In der Tat war Gefängnis mit Arbeitszwang so etwas wie eine besondere Form der Ausbildung, die zu besten Hoffnungen Anlass gab. Oft hat ein tüchtiger Mann seine Karriere mit einer Strafe begonnen: das gilt auch keineswegs als ehrenrührig.  Da tüchtige Administratoren darauf aus waren, viele Arbeitskräfte zur Verfügung zu haben, verfolgten sie jedes Verbrechen und Vergehen schärfstens, um auf diese Weise die Zahl der Gefangenen zu erhöhen. Ähnlich wie in Sibirien ist also auch in Melanesien eine als Kriminalität kaschierte Form der Zwangsarbeit entwickelt worden, ein ebenso wirksames wie fragwürdiges System der Entwicklung. Man kann nicht einerseits moderne Arbeitsformen kriminalisieren und andererseits erwarten„dass sich der gesetzestreue Teil der Bevölkerung davon angesprochen fühlt. Oder zu glauben, daß eine Strafe, die mehr der Ausbeutung als der Besserung gilt, sonderlich überzeugend wirkt.

   Unter dem Firnis der Missionsschulen, denen man bequemlichkeitshalber die Erziehung weitgehend anvertraute, blieb die Steinzeit erhalten. Eine echte Integration ist nicht gelungen - vor allem nicht dort, wo Briten und Australier die Herren waren. Man darf gespannt sein, wie die Indonesier ihre von den Holländern geerbte Kolonie West-Papua, die nordwestliche Hälfte Neuguineas, auf Dauer unter Kontrolle halten werden,  Zwar begann ihre Herrschaft mit einem blutig unterdrückten Aufstand der Papuas, zwar zeigen sie viele Unarten des Kolonialstils aus dem vorvorigen Jahrhundert, aber vielleicht sind sie auf lange Sicht in ihrer relativen Armut und Vielzahl eben doch menschlicher als die von ihren hohen zivilisatorischen Qualitäten allzu überzeugten Angelsachsen. Doch bislang sind Papuas und Javaner keine Freunde geworden. 

   Das ehedem englisch-französische Melanesien war seinerzeit als ein Bollwerk gegen das Vordringen der Asiaten in den pazifischen Raum entwickelt worden.  Die kommenden Jahre werden zeigen, ob das eine Fehlspekulation war oder nicht. Bereits die Drohung der kupferreichen autonomen Insel Bougainville, sie werde sich 2020 von Papua-Neuguinea lossagen, könnte asiatische Investoren anlocken. Melanesien steht wackelig auf seinen Beinen.

   Vielleicht liegt die Zukunft der nördlichen Inseln bei den Malaien, ob es den Angelsachsen nun paßt oder nicht. Mit seinem Erdölreichtum ist der Gigant Indonesien mit seinen 260 Millionen Menschen nun stärker denn je und sein Anspruch auf Hegemonie über den indopazifischen Raum tritt klar zutage.  Der einzige gut funktionierende unabhängige Staat Melanesiens, Fiji, zählt so viele Nachkömmlinge eingewanderter indischer Plantagenkulis unter seinen Einwohnern, daß sie die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Nach langen politischen Querelen wurden 2014 die Vorrechte der melanesischen Urbevölkerung abgeschafft.

Suizide und John Frum

   Schweigend und schwarzgrün überzieht Urwald die Insel Tanna, zu Vanuatu gehörig. Hier, in diesem ehemals halb französischen, halb britischen Kondominium, erlebten die Melanesier die schlimmsten Auswüchse des Kolonialzeitalters. - Die Neuen Hebriden galten als das Land mit der höchsten Selbstmordrate der Welt, als Land der permanenten Trauer. Von den Sklavenhändlern verfolgt, von presbyterianischen Priestern gegängelt, in Dörfern zusammengedrängt, damit bessere Überwachung möglich ist, von Grundstücksspekulanten vertrieben, ohne den Schutz einer funktionsfähigen Verwaltung, in den unzugänglichen Bergen sich selbst überlassen, reagierte diese Bevölkerung auf die Teufeleien der Weißen mit Resignation.

   Auf dem Yimwajim, dem Tanzplatz des Dorfes vor den  Schilfhütten hockend, erörterten die Kanaken die traurigen Fakten ihres Daseins. Schon im 19. Jahrhundert traten sie in Gebärstreik. Die Männer wollten die hohen Brautpreise nicht mehr aufbringen, den verheirateten Frauen war es egal geworden, ob sie Kinder hatten oder nicht. Oft genug trat ein intelligentes Ferkel an die Stelle der eigenen Brut, wurde vielleicht nach einer Totgeburt am Mutterbusen aufgezogen, lebte mit der Familie bis es groß genug war zur rituellen Schlachtung beim Schweinefest, dem festlichen Blutbad unter den vierbeinigen Familienmitgliedern, das so typisch für melanesische Bevölkerungen ist. War der Liebling ein Eber gewesen, so trug Muttern später seine durch Ausbrechen der oberen Eckzähne zu geschwungener Schönheit gewachsenen Hauerzähne des Unterkiefers an der Halskette.

   An ihrer Unterlegenheit beim Anprall der modernen Zivilisation verzweifelnd, siechten die Hebridianer dahin. Leere Hochlandlichtungen, auf denen einst tausende von Bauern ihr Auskommen gefunden hatten, dienten in der Kolonialzeit französischen Farmern zur Zucht von Charolais-Rindern für ihre Bergwerkskunden im benachbarten, nickelreichen Neukaledonien. Hier in Tanna, im Schatten der Sagopalmen und der riesigen Baumfarne, deren feingliedrige Fächer nachts unter Sintfluten von hurrikanartigen Regenstürmen gepeitscht werden, während tagsüber die Sonne ein leuchtendes Paradies hervorzaubert, hier, wo die Frauen noch wie zu Zeiten des Captain Cook vor zweihundert Jahren barbusig in Grasröcken spazierengehen, hat sich die Bevölkerung schneller als auf anderen Inseln von ihrem Schock erholt und sich wieder vermehrt.

   Hier entstand in den letzten Tagen vor dem Zweiten Weltkrieg jenes für die Europäer zunächst unbegreifliche Phänomen: John Frum.  Wie waren die Storekeeper, die Ladenbesitzer, erstaunt, als die Men-Tanne, die Buschleute, einer nach dem anderen erschienen und ihre wie den Augapfel gehüteten Goldklümpchen verkauften gegen allen möglichen Tand, den sie gar nicht brauchten. John Frum hat es befohlen, so hieß es. Dann kamen andere in die Stores und montierten höflich aber bestimmt einige der Preisschilder ab, doch nicht um zu plündern, nein, weil John Frum auf gewisse Farben ein Tabu gelegt hatte, nämlich auf rot, blau und gelb. Wenn man hingegen eine Kleidung in bestimmten leuchtenden Farben trug, so wurde das anerkennend bewertet: man trug die Farben von John Frum. Noch vor kurzem war Sulphur Bay das Mekka der Anhänger John Frums, des schwarzen Gottes von Melanesien, dessen Name eine Verballhornung des Zweiten Weltkriegs darstellt, weil die GIs sich mit den Worten vorstellten "Hi, I'm John from America". Da die Melanesier Amerika nicht kannten, blieb es bei John Frum.

   In endlosen monotonen Gruppentänzen, die vom Papst der John-Frum-Leute zelebriert wurden,  wurde in Sulphur Bay auf Tanna die Heimkehr der Melanesier zur Erde ihrer Väter beschworen.  Dann gingen sie wieder nackt, warfen sie die Segnungen der westlichen Zivilisation energisch über Bord und wurden wieder Wilde. Sie schworen den christlichen Kirchen ab und den Kleidern, der regelmäßigen Arbeit und der Schule. Statt Bier tranken sie wieder Kava, zelebrierten den ein wenig nach wilder Minze schmeckenden Saft am späten Nachmittag auf dem Yimwayim mit solcher Präzision, daß die Europäer spöttisch von der "Fünfuhr-Kava" zu sprechen pflegten. Und die Frauen bemalten sich ihre Gesichter und Körper exakt in den Farben von John Frum, dem legendären Messias, der von großen Unterseebooten begleitet kommen soll, und dessen drei Söhne Flugzeugen entsteigen.

Von der Osterinsel bis Madagaskar: der Periplus der Melanesier

   Während das Zentrum Melanesiens, wie wir es im engeren Sinne nennen, östlich und nördlich von Australien liegt, gehören doch die Aborigines, die australischen Ureinwohner ebenso zu den Melanesiern wie die Madagassen im fernen Westen. Man nimmt heute an, daß sich die Melanesier sich aus drei verschiedenen Komponenten gemischt haben. Am wichtigsten war wohl der Einfluß der Negritos, einer aus Südindien, vor allem von den Andamanen-Inseln, in den pazifischen Raum in kleinen Gruppen eingewanderten Bevölkerung von kraushaarigen und dunkelhäutigen Pygmäen, wie man sie heute noch in den unzugänglichen Berggebieten Neuguineas, Bougainvilles, der Salomonen und Vanuatus findet. In Australien, das sie einst ganz besiedelten, wurden sie später in den Süden, nach Queensland und Tasmanien, abgedrängt, wo sie ausstarben. Man findet ihre Reste auch auf Java.

   Eine Gruppe späterer Einwanderer waren die sogenannten Veddoiden, dunkel, groß und von wellig-schwarzem Haar, die sich mit den Negritos vermischten und die Aborigines des australischen Nordens, sowie den Hauptteil der Bevölkerung der Salomonen, Hebriden und Fijis bildeten. Diese Veddoiden haben wohl ebenfalls ihren Ursprung in Südindien genommen, wo die Veddahs noch heute eine beachtliche Bevölkerungsgruppe sowohl auf dem Festland wie in Sri Lanka bilden.

   Zu diesen beiden Komponenten gesellte sich nach Ansicht der Anthropologen eine dritte, die der hellhäutigen, stark behaarten Ainoiden, die - wie man nach  Forschungen über die Herkunft der austronesischen Sprache vermutet - aus Südchina stammten und sich mit den dunklen Völkern in verschiedener Weise vermischt haben, dabei die hellhäutigen Polynesier und in dunklerer Tönung die Papuas bildend. Eine hellere Variante der Papuas sind die mit Malaien vermischten Ambonesen, die westlich Neuguineas auf Inseln leben und einen vergeblichen Freiheitskampf gegen die Indonesier geführt haben. Eine ähnliche Mischung, allerdings zwischen Polynesiern und Malaien, sind die Mikronesier. Reist man von Neuguinea aus nach Westen, dann werden die Spuren der Melanesíer immer dünner; immer vollständiger haben Malaien und andere später aus Norden eingewanderte Völker die "Kanaken" verdrängt. 

Madagaskar: Vazimba und Betsileo

  Um so größer ist das Staunen dann, wenn man in Madagaskar wieder auf die vertrauten Papua-Gesichter stößt, einwandfrei identifizierbar und von dem Hauptteil der Bevölkerung, der im wesentlichen malaiischen Ursprungs ist, stammesmäßig unter- scheidbar. Beide Gruppen sprechen eine im wesentlichen melanesische Sprache, tragen eine melanesische Kultur und pflegen jene weltweit so berühmt gewordene Gepflogenheit Melanesiens, die wir in falscher Betonung "Tabu" nennen, in Malagasy "Fady".

   Vor der Südostküste Afrikas liegt Madagaskar, diese festlandartige Insel, in der Größenordnung vergleichbar mit Neuguinea. Ein wahres zoologisches Museum ist dieses Bruchstück des versunkenen Erdteils Gondwana, der einst Ostafrika mit dem Deccan, dem zentralen Hochland Indiens, und Westaustralien verbunden haben soll. Hier allein findet man die Lemuren, graziöse Halbaffen und den Äpyornis, den einst größten Vogel der Welt, der ausstarb, weil er nicht fliegen konnte und weil ein Schenkel größer war als ein Mensch und einem ganzen Stamm Nahrung bot. Seine Eier, die manches Museum zieren, erreichen die Größenordnung von zehn Litern Volumen.

   Irgendwo in der Legende sind auch die Vazimba angesiedelt, die Ureinwohner Madagaskars. Dunkel waren sie sicherlich, vielleicht Pygmäen, vielleicht waren sie sogar Nachkommen jener seefahrenden Negritos, die von Südindien aus den Pazifik besiedelten. Klar ist jedenfalls, daß die Monsunwinde eine Art Einbahnverkehr zwischen Südindien und Ceylon einerseits und Madagaskar andererseits erlauben. Da die Richtung der Winde halbjährlich wechselt, kann man selbst mit einem einfachen Segelboot im November bis Februar von Indien nach Madagaskar fahren und mit dem Monsun im Mai/Juni wieder zurückkehren. Dieses System funktioniert so vorzüglich, daß nicht nur die Besiedlung der Insel von Asien aus ermöglicht wurde, sondern daß auch zu historischer Zeit Kaufleute, vor allem Araber, den Trip regelmäßig machten.

   Über das fast baumlose Hochland Madagaskars zieht sich ein lockerer Teppich menschlicher Präsenz: Dörfer aus jenen zweistöckigen Bauernhäusern mit überdachter Loggia, die Jean Laborde, ein französischer Abenteurer, eingeführt hat, und Reisterrassen wie in Asien, sorgfältig getreppt, vom Regen des Winters im Juni bis August durch Gefälle bewässert. Zeburinder mit weit ausschwingendem Gehörn und Schulterbuckeln waten knietief vor einer primitiven Egge durch die unter Wasser stehenden Felder, durch Zuruf und Stockschlag gelenkt von fast schwarzhäutigen Männern, während die Frauen - ewiges Bild Asiens -- mit gebeugtem Rücken die Reispflanzen pikieren. Das sind die Betsileo  "die zahllosen Unbesiegbaren", einer der größten Stämme Madagaskars. Ihre mit Kuhhörnern geschmückten Stelen gemahnen an hölzerne Stelen auf den Salomonen und in Vanuatu. Ihre Vettern im Tiefland, vor allem an der regenreichen Ostküste mit ihren Urwäldern, leben weiterhin so wie im Pazifik. Ihre palmstrohgedeckten Häuser ähneln denen der Salomonen und Vanuatus aufs Haar.  Ihre Kultur, ihre Sprache und Musik ist bestimmend für die Inselnation geworden, und die später angekommenen vorwiegend malaiischen Stämme, vor allem die Imerina des Hochlands, haben sich eingefügt. 

Aufbruch zu neuen Gestaden

  Von Madagaskar bis zur Osterinsel und wer weiß - vielleicht noch weiter bis nach Südamerika und Ostafrika -- reichte Melanesien, das Reich der Schwarzen, die doch keine Afrikaner sind, dieser fleißigen Ackerbauern und Fischer, die mit ihren Pirogen - den Auslegerbooten - so weit zu reisen verstehen.

  Auf den Atollen des Pazifik gilt noch heute ein besonderes Gesetz für den überführten Sünder, den mit den Seinen vergeblich Hadernden, den Ausgestoßenen. Er weiß genau„was er zu tun hat: er packt Proviant in Blätter, nimmt ein paar Angelhaken, einen Behälter mit Wasser und rüstet sein Boot. Eines Morgens sticht er in See, heimlich beobachtet von den Seinen. Während die Brise sein Segel bläht und ihn hinausträgt in die leere Weite, wo die Inseln so dünn gesät sind, daß man eine Gruppe von ihnen durchqueren kann,ohne jemals Land zu Gesicht zu bekommen, werden die Palmen seines Stücks Erde an der Kimmung immer kleiner. Verzweiflung packt den einsamen Seemann: werden sie das Boot schicken, das ihm sagt: alles ist verziehen, du hast recht gehabt,  kehre zurück!

   Kein rostfarbenes Segel entfaltet sich vor den Palmen, die Insel versinkt im Horizont und der Beinahe-Selbstmord ist nun beschlossene Sache. Tage, Wochen und Monate wird das Boot seinen Passagier hinaus tragen bis er verdurstet, bis ein Taifun das schwache Gefährt zertrümmert oder bis sich melanesisches Schicksal erfüllt wie in Jahrtausenden:  eine Insel zu finden, aufgenommen zu werden, weiterzuleben wie ein Neugeborener, dessen Kindeskinder noch lange die Legende von der großen Reise erzählen werden. 

Heinrich von Loesch