Wieder einmal jährt sich der 20. Juli, nun zum 71. Mal.
Es war ein warmer Tag in diesem tragischen Jahr 1944. Deutschlands Städte lagen bereits grossteils in Trümmern, an allen Fronten gab das deutsche Militär dem Druck der Feinde nach. Doch die Wirtschaft funktionierte noch, trotz Engpässen. Die Fliegerangriffe waren tägliche Routine geworden: wir Schulkinder warfen uns in den Strassengraben, wenn auf dem Heimweg von der Schule die Jagdbomber über uns flogen auf der Suche nach einem Ziel für die Bomben, deren Abwurf die starke Flakabwehr der Herrmann-Göring-Werke in Linz verhindert hatte.
Noch glaubte das Regime an die kommende "Wunderwaffe", die -- stärker als V1 und V2 -- das Kriegsglück wenden würde. Goebbels predigte den "totalen Krieg", der für mich darin bestand, dass ich als zehnjähriger Pimpf in das "Gauschulungslager Nussdorf am Attersee" abkommandiert wurde, wo mir paramilitärische Ausbildung im Kommissstil zuteil werden sollte.
In diese Wochen platzte die Nachricht vom Attentat. Main Vater kannte etliche der Attentäter, ein entfernter Verwandter war darunter. Er war nicht überrascht, denn man hatte ihn Monate zuvor gefragt, ob er mitmachen wolle. Ein Ministeramt sei ihm in Aussicht gestellt worden. Er lehnte ab mit den Worten: "Diese Leute sind Amateure, das Attentat wird schiefgehen." Nicht heldenhaft, aber realistisch. Er sollte leider Recht behalten.
Das Land versank immer tiefer in Paranoia. Die Nächte waren schwarz, denn die Fenster mussten verdunkelt sein, um dem Bombern kein Ziel abzugeben. Finstere Gestalten auf Plakaten mahnten, beispielsweise "Kohlenklau" mit einem Sack auf dem Rücken, oder "Feind hört mit!" Das Volk freute sich, dass Hitler das Attentat überlebt hatte und verlangte den Tod für die Attentäter. Richter Freisler lieferte in Radio und Wochenschau das Gewünschte.
Wir lebten zwar in diesen Monaten fern von Berlin, doch das bot keinen Schutz. Die Gestapo kam, um meinen Vater zu verhören. Wie es denn käme, dass er so viele der Attentäter und Männer ihres Umfelds kenne? Vor allem wollten sie wissen, ob er den flüchtigen Albrecht Haushofer verstecke. Er verneinte und sie zogen wieder ab ohne ihn mitzunehmen, denn sie sahen, dass er krank und nicht transportfähig war.
So verbrachte ich zwei Wochen im August in Nussdorf am Attersee, lernte Exerzieren, Kleinkaliberschiessen, Ballistik und Panzerfaustbedienung. Und die Verwendung von DDT gegen Flöhe.
Heinrich von Loesch