Von dort oben, wo die Bienen den unvergleichlichen Honig der Opuntienblüten sammeln, den der Imker nur an Freunde verkauft, kann man an klaren Tagen Afrika sehen. Marettimo ist die äusserste der ägadischen Inseln, nur 134 Kilometer von Kap Bizerta entfernt, der Nordostspitze Tunesiens.

   In der Nacht kommen sie. In Schlauchbooten, Holzkähnen, Motorbooten, die schneller sind als die der italienischen Küstenwache. Sogar mit Jetskis kommen sie an die Südostküste Siziliens, nach Mazara del Vallo und Marsala.

   Dies ist altes sarazenisches Land. Viele der Fischerfamilien von Mazara sind Araber. Marsala hiess früher Mars-el Allah, Allah’s Hafen. Selbst als die Sarazenen Sizilien längst verlassen hatten und stattdessen die Spanier regierten, holten sie ihre Beamten gerne aus Tunesien, weil sie tüchtig waren und den Spaniern ergebener als die “Griechen”, wie die Spanier die Sizilianer damals nannten.

   Nun kommen sie wieder, zu hunderten, die Tunesier. Noch vor kurzer Zeit waren sie Schlepper, brachten Bangladeschi, Afrikaner aus dem Süden, Eritreer. Jetzt aber kommen sie selbst, die Tunesier. Mann, Frau, Kinder, ganze Familien. Die Verzweiflung treibt sie.

   Die Wirtschaft lahmt. "Das Virus hat uns den Rest gegeben", sagen sie. Tunesien sei praktisch bankrott, meinen italienische Medien. Die mehrsprachigen jungen Männer, die vom Tourismus lebten, sind jetzt arbeitslos. “Wenn die Europäer nicht mehr kommen, dann müssen wir halt zu ihnen gehen”, klagen sie. Und Europa ist so nahe: die Insel Pantelleria ist nur 70 Kilometer, Lampedusa nur 130 km von Tunesiens Stränden entfernt. Doch Sizilien ist als Ziel für sie günstiger: dort gibt es Busse und Eisenbahnen, mit denen man unkontrolliert verschwinden kann.

Aber Italien will sie nicht.

   Aussenminister Luigi di Maio will verhindern, dass die potentiellen Migranten Boote finden. Als Nachfolger im Geiste seines ehemaligen Koalitionspartners Matteo Salvini will er die Tunesier zwingen, alle geeigneten Boote an der Küste zu zerstören, bevor sie zu Wasser gelassen werden.

   Da Tunesien wie fast alle afrikanischen Länder über jeden jungen Mann froh ist, der nach Europa abwandert, will di Maio auf Tunis Druck ausüben.

  Mit dieser Absicht fordert er die Stornierung der 6,5 Millionen Euro, die Tunesien in Italiens Entwicklungshilfe zugedacht waren. Das Problem ist nur:  Tunesien hat zur Zeit keine Regierung, mit der man sprechen könnte.

   Nach dem Rücktritt des Kabinetts Elyes Fakhfakh hat Präsident Kaïs Saïed zwar einen neuen Regierungschef, Hichem Mechichi, ernannt, der ebenfalls die islamische Reformpartei Ennahda vertritt. Da Mechichi aber wahrscheinlich keine Mehrheit in dem zersplitterten Parlament finden wird, bleibt Tunesien führungslos in der Krise, in der die Menschen vor Armut, Hoffnungslosigkeit und Covid 19 flüchten.

   Während Aussenminster di Maio Tunis droht, lockt seine Kollegin, die Innenministerin Luciana Lamorgese, Tunis mit zusätzlichem Geld für die gemeinsame Meisterung der Krise. Beide Initiativen zeigen die Ratlosigkeit der italienischen Politik. Sollte es nicht gelingen, den Exodus der Tunesier einzudämmen, dann wird das Problem sehr bald in Brüssel und Berlin landen.

Ihsan al-Tawil

 

PS: Der nördlichste Punkt Tunesiens und ganz Afrikas heisst Kap Angela  (رأس أنجلةRas Angela). Ein Scherz der Geografen?

 

Update

Die Tunesier, kaum gelandet, machen sich unbeliebt. Nicht nur, dass 40 aus einem Aufnahmelager in

Lampedusa ausgebrochen sind;  sie haben sich in Porto Empedocle angeblich mit der Polizei geprügelt,

Stühle und Tische geworfen.

 

 

Update 2

Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte teilt mit:

Ora la priorità per il Governo  è contrastare  l'ingresso di migranti nella nostra nazione che tentano di eludere i controlli sanitari. "Non possiamo tollerare che si entri in Italia in modo irregolare - afferma il Premier. Tanto più non possiamo tollerare che in questo momento in cui la comunità internazionale intera ha fatto tantissimi sacrifici, questi risultati siano vanificati.

Die Priorität für die Regierung ist es jetzt, der Einreise von Migranten in unser Land entgegenzuwirken, die versuchen, sich den Gesundheitskontrollen zu entziehen. "Wir können eine irreguläre Einreise nach Italien nicht tolerieren", so der Premierminister.Noch mehr können wir nicht hinnehmen, dass in dieser Zeit, in der die gesamte internationale Gemeinschaft so viele Opfer gebracht hat, diese Ergebnisse vergeblich gemacht werden.

Conte fordert, dass die illegalen Tunesier, die allesamt nicht auf Asyl hoffen können, schnell repatriiert werden. Wie will er das anstellen?

Tunesien will sie nicht zurück haben.

Ohne Hilfe der Hafenbehörden kann er sie nicht anlanden. Ohne Landeerlaubnis kann er sie nicht einfliegen. Will er sie mit Fallschirmen abwerfen?

Das Dilemma der Repatriierung zeigt sich nun im Vergrösserungsglas: Man darf gespannt sein, wie die Italiener das Problem angehen werden. In Libyen haben sie es mit der libyschen Küstenwache teilweise geschafft. Aber in Tunesien?