Das Vertrauen ist verloren. Seit 1945 hatte sich zumindest in Europa schrittweise Vertrauen entwickelt, dass das Leben ein weitgehend freies, friedliches Kontinuum sei. Ein morgen, ein übermorgen, das eine Fortsetzung des heute, des gestern sein werde mit Freude und Leid, mit Arbeit, Vergnügen und Sport.

   Sollte es gelingen, das Virus zu überwinden oder sollte es harmlos werden und verschwinden: sein nachhaltigstes Opfer wird das Grundvertrauen sein.

   Wie soll man langristig planen, Kinder haben, sich für eine Investition verschulden, wenn das Vertrauen in die Zukunft fehlt? Menschen, die gestern noch froh in die Zukunft blickten, sind plötzlich Krankheit, Tod und Armut oder Ruin ausgeliefert. Wie jemand, der entsdeckt, dass er sein Haus in einem Erdbebengebiet, an einer Tsunamiküste gebaut hat.

    Lauert nicht in China bereits ein neues Virus, ein anderes, vielleicht noch schrecklicheres? Und was für mögliche neue Bedrohungen brütet die Übervölkerung in Südasien, in Afrika aus?

   Probleme, die bislang wie Ebola lokal begrenzt werden konnten, breiten sich über den Globus aus und verleiten die Regierungen in dümmlichem Egoismus dazu, das in Jahrzehnten errichtete Puzzle der Weltgemeinschaft, der Weltwirtschaft und des Weltverkehrs in tausend Teile zu zerbrechen. Wo Provinz A sich gegen Provinz B abriegelt und Prozinz B der Provinz A Atemmasken und die Testproben stiehlt.

   Natürlich wird man nach überstandener Pandemie das Gesundheitswesen besser für künftige Epidemien wappnen. Natürlich wird die Versicherungswirtschaft begeistert Policen für Unternehmen und Personen gegen Schaden durch Epidemien anbieten. Doch das werden Palliative sein, die das verlorene Vertrauen nicht ersetzen können.

   Wie es weitergehen wird, weiss niemand. Sicher scheint nur, dass die neue Zukunft weniger unbeschwert und zukunftsfroh als die alte sein wird. Vielleicht hat Greta recht, dass dies dem Kampf zur Rettung des Klimas ein breiteres Bewusstseins-Fundament verleihen könnte.

   Womit sich die Pandemie nachträglich als ein Segen erweisen würde.

Heinrich von Loesch

 

Update

Unter den vielen möglichen Opfern der Pandemie erwähnt Gian Carlo Blangiardo, der Präsident des italienischen Statistikamtes ISTAT, ein besonderes: er erwartet für die Geburtenziffern einen starken Rückgang, wie er letztmalig nach der Chernobyl-Katastrophe zu verzeichnen war.

Europas Bereitschaft, sich fortzupflanzen, ist ohnehin schwach ausgeprägt. Italiens Bevölkerung würde schrumpfen, wenn nicht Einwanderung die Lücken füllte. In anderen Ländern Europas sieht es nicht viel besser aus. Klimasorgen und Umweltverschmutzung beeinträchtigen ohnehin das Vertrauen in die Zukunft; ein weiterer Verlust des Grundvertrauens durch die Pandemie dürfte voll in die Demographie durchschlagen.