Wohin man auch schaut: die Medien sind voll von Ankündigungen, Vermutungen und Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Seuchen-bedingten Einschränkungen. Nicht nur Hinz und Kunz spekulieren, dass das Ungemach bald enden wird. Nicht nur Geistesgrössen wie Donald Trump sehen ein Kerzenlicht im Dunkel des Tunnels. Dänemark, Norwegen, Tschechien und Österreich wollen dem Volk ein klein wenig von der Freiheit zurückgeben, die es nach zwei, drei Wochen Einschränkungen so sehr vermisst.

     Verständlich. Die Europäer sind das harte Zupacken des Obrigkeitsstaats nicht gewohnt, das in Asien ohne Diskussion akzeptiert wird. Wenn sie schon drangsaliert werden, wollen die Europäer wenigstens eine exit strategy, ein Ende der Fahnenstange sehen. Die Politiker und die Medien befleissigen sich derzeit, das Ende herbeizureden.

     Nicht nur Politiker und Journalisten machen sich damit Liebkind – auch die deutschen Wirtschaftsforschungs-Institute. In ihrem Frühjahrsgutachten blasen in dieses Horn. Sie erwarten eine Besserung der Wirtschaftslage im Herbst, und sogar ein kräftiges Wachstum von über 5 Prozent im kommenden Jahr.

     Respekt! Die gelehrten Ökonomen teilen mit Donald Trump die Fähigkeit, mehr über die Zukunft zu wissen als die Fachleute – die Epidemiologen, die Virologen.

     Bislang ist nur bekannt, dass die Beschränkungen zur Eindämmung der Epidemie erst aufgehoben werden können, wenn entweder

– keine Infizierten mehr frei herumlaufen und anstecken, oder

– wenn so viele infiziert und kuriert sind, dass Herden-Immunität herrscht.

     Jede Abweichung von dieser Regel kann nur bedeuten, dass man (die Regierung) Massenansteckungen und Todesfälle wissentlich und willentlich in Kauf nimmt. Noch zeigt sich keine Regierung dazu bereit, Aber der Druck der Wirtschaft ist enorm und Donald Trump (um nur ein Beispiel zu nennen) zeigt sich beeindruckt.

     Dass der deutsche Wirtschaftsminister, Herr Peter Altmaier, ebenso wie die Ökonomen einen Aufschwung für das kommende Jahr erwartet, basiert nicht auf Kaffeesatz-Exegese oder der Kraft des Gebets. Nein, es liegen faktenbegründete Annahmen zugrunde: man vertraut darauf, dass der Einsatz des globalen Forschungspotentials der geschundenen Menschheit binnen weniger Monate entweder ein heilendes Medikament oder einen verträglichen Impfstoff in ausreichender Menge zu erschwinglichem Preis liefern wird.

     Kein noch so tückisches Virus chinesischen Ursprungs kann der geballten Forschungsmacht der Welt-Wissenschaft länger als ein paar Monate widerstehen; das ist die Logik.

    Aber können wir darauf vertrauen?

    Bislang gibt es kein Land (ausser China?) in dem keine Infizierten mehr frei herumlaufen. Und wenn es wie Taiwan, Singapur oder Südkorea dieser Virusfreiheit sehr nahe käme, dann könnte zwar das Land selbst von den Auflagen weitgehend befreit werden, doch an der Grenze würde die Freiheit enden. Einreisende müssten wie bisher in Quarantäne und Ausreisende wären gefährdet, im Ausland angesteckt zu werden.

     Von der oft zitierten Herdenimmunität sind alle Länder weit entfernt. Am stärksten durchseucht ist bislang Italien. Selbst wenn man mit den Forschern der Universität Göttingen annimmt, dass nur 3,9 Prozent der Ansteckungsfälle in Italien bekannt sind, dann beliefe sich derzeit die Gesamtzahl der Infizierten auf 2,7 Millionen. Nimmt man alle Infizierten plus der Geheilten und der Verstorbenen, so kommt man auf 3,9 Millionen von 62 Millionen Italienern. Nimmt man an, dass analog zu den Infizierten auch nur 3,9 Prozent der Genesenen (offiziell 94.000) bekannt sind, dann gäbe es in Italien jetzt 2,7 Millionen Genesene. Addiert man die derzeit Infizierten (in der Annahme, dass die meisten von ihnen geheilt werden) zu den Genesenen, so kommt man auf 5.4 Millionen, Damit ist das Land immer noch weit entfernt von einer Herden-Immunität, die 45 – 50 Millionen Immune – oder 3,5 Verdopplungen der jetzigen Anzahl Genesener-- erfordern würde,

     Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Europas Staaten und die USA, in denen die Infiziertenzahlen ja weiterhin steigen, meilenweit davon entfernt sind, entweder keine frei lebenden Infizierten aufzuweisen oder die Herden-Immunität erreicht zu haben. Mit anderen Worten: ohne wirksame medikamentöse Behandlung oder Massenimpfungen ist dem Virus nicht beizukommen. Was aber, wenn die Wissenschaft kein geeignetes Medikament, keinen Impfstoff findet? Oder wenn sie dazu mehr als ein Jahr braucht?

    Man kann nur hoffen, dass der Optimismus der Herrn Altmaier und der Wirtschaftsexperten nicht enttäuscht wird. Wir brauchen jetzt eine starke Dosis Fortschrittsgläubigkeit, um in der Dunkelheit des Tunnels, in dem sich die Menschheit befindet, nicht zu verzweifeln.

Heinrich von Loesch