Europa befindet sich in einem langfristigen Prozess der Transformation von alten sprachlich und kulturell weitgehend einheitlichen Stammesbevölkerungen zu international durchmischten Einwohnerschaften, die Sprache und Kultur der vorhergehenden Stammesbevölkerungen übernehmen und weiter entwickeln. Dadurch entstehen neue Bevölkerungen, die im Lauf der Zeit erneut Stammescharakter annehmen, wie dies bespielsweise in den USA, Australien oder Brasilien geschah und in Südafrika gegenwärtig zu beobachten ist..

   Es ist nicht verwunderlich, dass diese Transformation im alten Europa weniger reibungslos verläuft als in klassischen Einwanderungsgebieten wie Amerika oder Australien.

  Europa wird bewohnt von kopfstarken autochthonen Stämmen, die sich Nationalstaaten zugelegt haben und mit der Transformation unterschiedlich umgehen. Flexibel und positiv reagieren jene Stämme, die schon früh in den Prozess eingetreten sind

   Schon vor dem I. Weltkrieg war in der Schweiz ein Viertel der Einwohner Ausländer (von denen eine Million bei Kriegsbeginn ausgewiesen wurden). Die klassischen Kolonialmächte – Grossbritannien, Frankreich, Spanien, Portugal, Belgien, Niederlande, Italien – erlebten die Zuwanderung aus den Kolonien als ein Nebenprodukt der Kolonialherrschaft. Westdeutschland akzeptierte die starke Zuwanderung Ostdeutscher nach dem II. Weltkrieg, weil es sich ja um landlos gewordene Stammeszugehörige handelte.

   Seit den 1950er Jahren erfuhr das Stammes/nationalstaaliche Denken eine langsame Erweiterung, indem ganz Europa schrittweise in den Stammesbegriff aufgenommen wurde. Der Euro und Schengen sind Symptome des neuen europäischen Denkens.

   Die Welt hat diesen neuen Stammesbegriff noch nicht akzeptiert. Wenn man sich beispielsweise in den USA als “Europäer” vorstellt, wird man ärgerlich gefragt: “Aus welchem Land?” Die Spezies Europäer ist ein europäisches Konstrukt, dem die Welt bislang keine neue Stammesrolle zuerkennt. (Übrigens ein Grund, warum europäische Wirtschaft und Politik so oft missverstanden werden.) Allenfalls in Afrika kennt man “Europäer”, doch meist nur als Synonym für “les blancs”, die Weissen.

   Die demografische Transformation Europas verlief jahrzehntelang schleichend und weitgehend ungestört, bis eine kleine Zahl von Ereignissen das Geschehen enorm beschleunigte. Das wichtigste Ereignis war die Erfindung des Smartphones. Es ermöglichte, für relativ kleines Geld, Millionen Menschen erstmals weltweite Orientierung und Konnektivität. Mit dem Smartphone kann man reisen: man weiss immer, wo man ist, man kann erreicht werden und man kann erreichen.

Das Smartphone als Hermesstab

   Dank des Smartphones setzten die üblichen Kriege, Konflikte und die Armutsverzweiflung erstmals enorme Menschenscharen in Bewegung. In der Vor-Smartphone-Epoche erzeugten Konflikte wie in Somalia, Darfur, Irak und Afghanistan nur kleine Flüchtlingswellen, die an Europas Grenzen trafen.

   Zeitgleich mit dem Smartphone entstand eine Schlepperindustrie, die es beispielsweise erlaubt, in Dhaka (Bangladesch) als Paket eine Reise nach Europa samt illegaler Einwanderung und Betreuung bei Ankunft “sorglos” zu buchen.

   Als die ersten Hunderttausende Smartphone-bewehrt an Europas Grenzen eintrafen, war der Kontinent überrascht und hilflos. Das Smartphone wie den Hermesstab in Händen haltend, dem Gotte mit den geflügelten Schuhen gleich, trampelten die Flüchtlings- und Migrantenströme die Grenzen nieder oder kletterten nass an Land.

   Europas Politiker reagierten höchst unterschiedlich. Die italienische Nord-Liga forderte die Regierung auf, auf die Flüchtlingsboote im Mittelmeer zu schiessen und sie zu versenken. Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel liess die Grenzen öffnen und alle hereinströmen, nicht ahnend, dass sie damit eine Lawine lostrat.

   Die unerwartete Beschleunigung der demografischen Transformation weckte in Europa die stets nur schlummernden Hunde der Fremdenfeindlichkeit. Dort, wo man bereits seit Jahrzehnten mit der Transformation lebt, also in den alten Kolonialländern, in der Schweiz und in Westdeutschland, hält sich die xenophobe Reaktion in Grenzen, wenngleich sie in Grossbritannien wesentlich zum Brexit-Entscheid beitrug und in Schweden, Italien, Dänemark und Westdeutschland die ursprünglich einwanderungsfreundliche Grundstimmung teilweise hinwegspülte. Dennoch zeigte eine kürzliche PEW-Umfrage, dass in allen Ländern Europas (Ausnahme Ungarn) die Bevölkerung nach wie vor mehrheitlich die Aufnahme von echten Flüchtlingen befürwortet.

Altväterliches Denken

   In jenem Teil Europas, den der Eiserne Vorhang vor Einwanderung bewahrt hatte, herrscht immer noch ein altväterliches Stammesdenken, das sich mit der beginnenden Internationalisierung der Einwohnerschaft garnicht anfreunden mag. Abschottung und nackte Xenophobie sind Symptome von Anpassungsschwierigkeiten, die möglicherweise jahrzehntelang die Politik dominieren werden, so lange bis die Demografie angesichts sterbender Kleinstädte und leerer Schulbänke den Widerstand gegen Einwanderung lächerlich machen wird.

   Dennoch werden selbst dort echte Flüchtlinge akzeptiert. Die Ausnahme Ungarns dürfte teilweise der extrem xenophoben Regierung und den von ihr kontrollierten Medien zuzuschreiben sein; teilweise auch der Angst vor der einheimischen Roma-Minderheit, die angeblich weit schneller wächst als die Mehrheitsbevölkerung.

   Auch die von der Dublin-Regel besonders betroffenen Staaten, die 2015 und danach die Flüchtlings- und Migrantenströme in Empfang nahmen – Griechenland, Malta, Italien, Spanien – erleben xenophobe Reaktionen in Bevölkerung und Politik.

   Obgleich die Migration stark zurückgegangen ist und nur mehr den Dimensionen entspricht, die vor 2015 als normal und nicht besorgniserregend empfunden wurden, hat sich die Stimmung gewandelt. Die aufgewachten Hunde der Xenophobie denken nicht daran, sich wieder auf ihr Bettchen am Kamin zurückzuziehen. Sie bellen weiter als sei nun jedes Jahr ein 2015. Wie ein deutscher Innenminister so schön sagte, versteht er die Migration als die Ursache aller politischen Probleme.

Jedes Jahr ein 2015?

   Italiens Innenminister Matteo Salvini kündigte unisono mit der EU-Kommission an, nun müsse kräftig repatriiert, also abgeschoben werden.

   Jede irreguläre Wanderungsbewegung, egal ob es sich um Flüchtlinge oder Wirtschaftsmigranten handelt, befördert eine Auswahl der Besten und der Schlechtesten. Die Besten, die Wagemutigen, fallen nicht auf, wohl aber die Schlechten. Sie füttern mit ihrem Verhalten die Hunde der Xenophobie und beschmutzen das Image ihrer Herkunftsgebiete, beispielsweise Nordafrikas.

Jedes Jahr im Frühjahr bringt Royal Air Maroc saisonale Migranten von Rabat nach Rom. Viele ambulante Strandverkäufer "vu' cumprà" für Italiens Strände, Taschendiebe nach Florenz und für den Bus 64 in Rom zwischen Termini und St. Peter. Das Flugzeug riecht streng, aber die Reisenden sind fröhlich; sie freuen sich auf die Saison.

   Kein Wunder, dass sich diese Länder mit Händen und Füssen gegen die zwangsweise Rückkehr ihrer kriminell aufgefallenen Landsleute wehren.

   Einen Vorteil hat der Smartphone-Schock von 2015 jedoch gebracht: er hat der Öffentlichkeit die ganze Spannweite der Reaktionen auf die Transformation der Bevölkerung gezeigt. Ungarns Viktor Orbán und Italiens Matteo Salvini setzen auf Zäune, Stacheldraht, Meer und Misshandlung um Migranten abzuhalten und abzuschrecken.

Verhasste Stammesbevölkerung

   Junge Aktivisten hingegen begrüssen und unterstützen die Einwanderung. Egal, aus welcher Gegend sie kommen und zu welcher Gruppe sie gehören, sind Migranten für die Aktivisten das willkommene Mittel um die verhasste Stammesbevölkerung des Landes möglichst schnell zu internationalisieren. Diese jungen Menschen würden am liebsten Millionen in Asien und Afrika motivieren, die schreckliche Reise nach Europa anzutreten. Dass private Rettungsschiffe sich vor der libyschen Küste mit Schleppern absprachen, ist wohl nicht nur ein Gerücht.

   So wie die USA dem Tag entgegensehen, an dem die Minderheiten zusammen die Mehrheit der Bevölkerung stellen werden, so erwartet Europa, dass irgendwann die mit “Migrationshintergrund” in der Mehrzahl sein werden. In Frankfurt/Main und München stellen sie mit 45 Prozent schon fast die Hälfte der Einwohnerschaft. Verläuft also die Entwicklung auf beiden Seiten des Atlantik ähnlich?

   Nicht ganz. Diskutiert wird in Amerika vor allem die Zuwanderung aus Lateinamerika. Diese Einwanderer sind meist nicht nur gut qualifiziert; sie sprechen auch eine europäische Sprache und sind fast durchweg Christen. Nicht so die Zuwanderer Europas. Leider sind viele von ihnen wenig oder garnicht qualifiziert oder verfügen über Kenntnisse und Fähigkeiten, die hier nicht gefragt sind. Viele sprechen zwar eine europäische Sprache, aber nur als Zweitsprache, und nur rund ein Fünftel von ihnen sind Christen.

   Deswegen hat sich in Europa eine Hilfs-und Integrationsindustrie für Zuwanderer gebildet. Teils staatlich, teils privat finanziert, leisten die Integrationshelfer enormen Beistand, ohne den vieles im Argen läge. In Amerika bleiben die Einwanderer weitgehend sich selbst überlassen und kommen dank Familie, Freunden und Landsleuten von selbst klar, ähnlich wie hierzulande die europäischen Binnenwanderer.

Ein grösseres Problem

   Wenn man die Migration als ein Problem betrachtet, dann ist dies in Europa ein weitaus grösseres als in den USA, trotz Präsident Donald Trumps vollmundiger Behauptungen. Millionen anglophoner US-Amerikaner, die freiwillig spanisch lernen, sind dadurch auch Integrationshelfer. Aber wieviele Berliner oder andere Deutsche lernen türkisch oder arabisch, Farsi, Urdu oder bengalisch?  (Oder polnisch, wenn man nur an die Nachbarn in 70 km Entfernung von Berlin denkt?)

   Drei Aspekte der Migration nach Europa sind bedeutsam: die meist andere Religion, die Vielzahl nicht-europäischer Sprachen, und die oft fehlende Schul- und Ausbildung, erschweren – im Vergleich zu den USA – die Integration der Neuankömmlinge. Das Problem ist janusköpfig: den Zuwanderern fällt es schwer, Europa zu begreifen (und seine Sprachen und Lebensformen zu akzeptieren); die Europäer stören sich an der Andersartigkeit und den ungewohnten Verhaltensweisen der Einwanderer.

   Dabei ist die Lage je nach Land verschieden. Wie der jüngste OECD-Bildungsbericht zeigt, zieht Nordeuropa relativ viele gut ausgebildete, arbeitswillige Migranten an; Italien ist hingegen sind bei jenen jungen Menschen beliebt, die offiziell weder einer Arbeit nachgehen noch in Ausbildung sind. Die NEET genannten fanulloni, Nichtstuer, geniessen entsprechend geringes Ansehen bei den Italienern, was ein Grund für die in letzter Zeit deutlicher hervortretende Fremdenfeindlichkeit sein kann.

Rom, via Ostiense, nahe der Metrostation: Auf dem Gehsteig liegt ein Häufchen Blätter und Abfall. Daneben steht ein Kästchen mit ein paar Münzen. Auf der Bank neben dem Gehsteig sitzt ein Schwarzafrikaner und hält einen Besen. Seht, wie ich mich nützlich mache, die Stadt reinige!  Tatsächlich fallen ein paar Münzen in die Schachtel. Die Römer sind gutwillig und nicht kleinlich. Drei Stunden später: die Schachtel mit dem Geld ist verschwunden, der Afrikaner mit dem Besen auch. Nur der Kehricht, der liegt immer noch da.

Rom, via della Magliana: Wieder ein Kehrichthaufen und ein Afrikaner mit Besen. Wieder eine Schachtel mit meistens Kupfermünzen. Zwei Stunden später: Mann und Geld sind verschwunden. Der Kehricht?  Ist auch verschwunden, offenbar sauber entsorgt. 

     In Frankreich ist die Islamisierungs- und Afrikanisierungshysterie in vollem Gange. Nicht erst seit Houellebecq wird das Land überschwemmt von Literatur, die den Untergang der Blutsfranzosen (Français de souche) als unausweichliche Folge der Zuwanderung aus der islamischen Welt und Afrika, kombiniert mit der angeblich höheren Fruchtbarkeit der bereits existierenden Minderheiten, darstellt. Kluge Demografen halten dagegen, zeigen auf, dass die Empirie das afrikanische Wanderungspotential Richtung Europa recht limitiert erscheinen lässt. Die Schwäche der demografischen Logik: alle richtig beobachteten Faktoren und Trends stammen noch aus der Vor-Smartphone-Epoche. Die Demografen begreifen nicht, dass die Smartphone-Technik die Wanderungstendenzen geölt hat: was bislang zähflüssig und lokal begrenzt war ist plötzlich quecksilbrig liquide und raumübergreifend geworden. Tausende Kilometer lassen sich auf einem Display überblicken.

Was bislang zähflüssig war ist plötzlich quecksilbrig liquide

   Das Chaos von 2015, als Hunderttausende in Europa ankamen, von denen man nichts wusste – weder ihre Nationalität, noch ob sie Flüchtlinge oder Wirtschaftsmigranten waren – hat zu zunehmend schärferer Unterscheidung geführt.  Echte Flüchtlinge sind die Königsklasse der Zuwanderer, der grosse Rest versteckt sich oder wird geduldet. Einige wenige werden repatriiert; viele von ihnen reisen wieder und wieder nach Europa, beispielsweise kriminelle Nordafrikaner, deren Lebenszentrum Europa ist.

Flüchtlinge sind die Königsklasse

   Die Sperrung der mittleren Mittelmeer-Route hat ein Problem geschaffen, das in seinem Umfang die Flüchtlingsbewegung mittlerweile überschattet: was tun mit den armen Teufeln aus dem Sahel und Zentralafrika, die unvermindert an die Meeresküste strömen und einen Schmuggler suchen, der sie irgendwie ins gelobte Europa bringt?

   Sie haben sich eigentlich staatenlos gemacht. Kein Land Europas will sie aufnehmen; ihr Heimatland will sie nicht zurücknehmen. Jedenfalls wird es ihnen nicht helfen, zurückzukehren, wenn sie irgendwo in Libyen, Ägypten oder Marokko mittellos gestrandet sind und vielleicht auch keine Papiere haben.

   Hinter sich die Sahara, vor sich das Meer und die libysche Küstenwache, sind sie -- leicht erkennbar durch ihr Aussehen und ihre dunkle Hautfarbe inmitten einer grossteils feindlichen Bevölkerung -- degradiert zu einer Art menschlichem Abfall, schutzlos Kriminellen und Sklavenhaltern ausgeliefert.

Libyen ist die Vorratskammer, in der die nigerianische Mafia "Black Axe" die Frauen lagert, die sie in Italien für Prostitution verwenden will. Indem sie die Kosten für die Überfahrt vorschiesst, verpflichtet sie die Frauen "abzuarbeiten". Black Axe betreibt vor allem Drogen- und Menschenhandel, gilt als extrem grausam, und operiert inzwischen in sieben oder acht italienischen Grosstädten. Entstanden in Nigerias Benin City, ist Black Axe ein halb religiöser, halb krimineller Kult mit Aufnahmeritualen und strenger Schweigepflicht, der Italiens Einwanderer-Vorstädte terrorisiert und in Palermo sogar die Cosa Nostra das Fürchten gelehrt hat.

   Nicht unser Problem, sagt Italiens starker Mann Matteo Salvini und das Volk jubelt ihm zu, weil er die Bilder von überladenen Schlauchbooten voll junger schwarzer Männer von den Bildschirmen entfernt hat.

   Nicht unser Problem, denkt so mancher Politiker in Europa, ohne es laut zu sagen und baut mit an der neuen Festung Europa, die Migranten abhalten und abschrecken soll wie die Zäune um die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla.

Knotenpunkt Agadez

   Agadez in Niger ist der südlichste Punkt der Festung Europa. Agadez ist die nördlichste Stadt der visafreien Zone der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS.  Hierhin strömen die Reisewilligen aus einem guten Dutzend Länder, noch hoffnungsvoll und gut gekleidet. Von hier starten die robusten Toyota-Pickups auf die Sahara-Route, übrigens die gleichen Fahrzeuge, die schon der Islamische Staat in Syrien und Irak benutzt.

   Agadez ist aber auch der Ort, an dem die von Algerien ausgewiesenen Deportierten eintreffen. Autobusse transportieren sie von den algerischen Küstenstädten auf der Nationalstrasse 1 bis kurz vor die Grenze mit Niger, die unsichtbar irgendwo im Sand und Geröll verläuft. Die Busse leeren sich für die Rückfahrt, und die Fahrgäste trotten mit ihrem Gepäck die Piste entlang in den ersten nigerischen Ort Assamakka, von wo es nach Agadez geht.

   Noch ist Europa in Agadez nicht präsent*). Zwar hat Brüssel die Regierung von Niger überredet, den Menschenschmuggel von Agadez Richtung Libyen zu verbieten, doch bislang ist das Schmiergeld der Schmuggler überzeugender als jede staatliche Autorität. Als wirksamer erweist sich die Nachricht, dass es im Mittelmeer keine Helferschiffe mehr gibt und die neue libysche Küstenwache die Schlauchboot-Passagiere nach Libyen zurückschafft.

   Ein Teil der Migranten weicht nun über Tamanrasset in Algerien nach Marokko aus. Teilweise hat sich die Migration auch nach Senegal verlagert, wo sie von Saint-Louis über Nouakchott in Mauretanien und die Westsahara nach Marokko und weiter nach Spanien führt. Eine Reise, noch länger und kaum weniger gefährlich ist als die Durchquerung der Sahara. Die marokkanische Polizei sammelt illegal eingewanderte Afrikaner nahe Tanger und der spanischen Exklaven ein und verfrachtet sie 800 Kilometer weit nach Tiznit nahe der Westsahara-Grenze, wo sie freigelassen werden, wohl in der Annahme, dass sie irgendwie verschwinden oder umkommen werden.

Tod und schlimmeres können die Verzweifelten nicht aufhalten

   Die Festung Europa arbeitet fleissig an ihrem dreifachen Festungswall – Sahara, nordafrikanische Staaten, Mittelmeer – ohne in Zeiten des Smartphones und des internationalen Zahlungsverkehrs mittels Western Union, Hawala und dergleichen die Massenwanderung unterbinden zu können. Tod und schlimmeres können das Heer der Verzweifelten nicht aufhalten. Armut und religiöser Fatalismus überzeugen sie, das Wagnis einzugehen, selbst wenn nur Wenige die Prüfungen überstehen und es nach Europa schaffen. Wie es dort weitergeht, das ist ein anderes Thema. Lieber illegal in Europa als legal in Afrika, so denken Viele. Lieber Tod als Heimkehr, sagen Andere.

Und die Nachfahren?

   Als in den 1840er Jahren die Kartoffelfäule Irlands grässliche Hungersnöte auslöste und Hunderttausende in die Flucht nach Amerika zwang, da krochen die Auswanderer halbtot und stinkend aus den Bäuchen der Segelclipper im Hafen von Boston. Jahrelang vegetierten sie in den Kellern von Boston, verachtet von den Einheimischen meist englischer Herkunft. Heute sehen sich die Nachfahren der Iren als stolze weisse Oberschicht-Klasse Amerikas.

Heinrich von Loesch

 

*)  Update

Die italienische Verteidigungsministerin Elisabetta Trenta hat stolz verkündet, dass die von der Vorregierung angekündigte Militärmission in Niger nun dort eintreffen wird. Nach Agadez sollen zunächst 120 Soldaten. später bis zu 470 italienische Militärs entsandt werden. Ob es den Italienern gelingen wird, die Schmuggler, von denen Agadez lebt, brotlos zu machen, ist fraglich.