Impftermin

   Eine Halle in einem oberbayerischen Dorf.  Eine Sachbearbeiterin mit einem Computer im Wartezimmer. Ein Arzt im Professorenrang und eine Assistentin in einem improvisierten Behandlungszimmer. Alles ist cool und nett. Ein paar Erstimpfungen, mehr Zweitimpfungen, der Rest Auffrischungen. Auffallend viele betagte Paare lassen sich boostern.

   Ich frage, wie viel die Impfung kostet. Nichts. Wer zahlt es denn? Die unsichere Antwort: der Staat. Warum kostet es nichts? Die Mitarbeiter vom Roten Kreuz lachen: weil sonst niemand zur Impfung kommen würde.

   Nach dem Pieksen bedanke ich mich. Offenbar wird nicht oft gedankt, wie mir scheint.

   Ist es richtig, dass auch diese dritte Impfung kostenlos ist? Würde eine Kostenbeteiligung von symbolischen zehn Euro nicht helfen, den Impfskeptikern und Impffaulen klar zu machen, dass Impfen keinen behördlichen Zwang bedeutet und keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ein geldwerter persönlicher Vorteil für den Einzelnen?

   Der Staat ist nicht verantwortlich für den Ausbruch einer Epidemie, die uns alle bedroht und gegen die wir uns als Einzelne und als Gemeinschaft wehren müssen. 15 Millionen ungeimpfte erwachsene Deutsche haben das noch nicht begriffen. Viele glauben, sie könnten sich ausklinken aus der Gemeinschaft, Welle nach Welle. Bis endlich alle Ungeimpften angesteckt sind.  Und entweder geheilt, tot oder mit long-covid dauerkrank geworden.

 

 

Macht euch die Erde untertan

so lautete die Überschrift eines  Berichts der Süddeutschen Zeitung (4.11.21) aus Jair Bolsonaros Brasilien über Viehzucht und den schrumpfenden Regenwald im Amazonasgebiet. Erschreckend.

"In Brasilien gibt es schon lange mehr Rinder als Menschen. 218 Millionen Tiere sollen es mittlerweile sein", sagt Christoph Gurk in diesem Bericht. "Die Rinderzucht ist.... einer der Haupttreiber der Entwaldung."

   218 Millionen Rinder... wofür? Für den Export, aber wohin, bitte? Wer kauft und konsumiert solche riesigen Mengen an Rindfleisch? Fragen, die der Artikel weder stellt noch beantwortet.

   Ein Blick in die Welthandels-Statistik zeigt, dass Brasilien wenig überraschend der größte Rindfleischexporteur ist, gefolgt von den USA, Indien (!) und Australien.

   Letztere drei zusammen exportieren (2021) noch einmal rund 50 Prozent mehr als Brasilien. Mit seinen 218 Millionen Rindern (232 Millionen laut USDA) liefert Brasilien nur 15 Prozent der weltweiten Rindfleischexporte (2021). Mit 24 Prozent der Welteinfuhr ist China (einschließlich Hongkong) der Hauptabnehmer, gefolgt von den USA, Japan, Südkorea, Deutschland und Italien (2020).

   Deutschland könnte mit 4,1 Prozent der Weltimporte zur Entwaldung des Amazonas beitragen. Der Anteil Deutschlands am Brandfrevel ist wahrscheinlich noch höher, da die EU nach China und Hongkong der wichtigste Importeur von brasilianischem Rindfleisch ist.

   Bolsonaros (und seiner Vorgänger) erfolgreicher Kampf gegen den Amazonaswald lässt sich auch an den Statistiken ablesen. Zwischen 1990 und 2018 wuchs der brasilianische Rinderbestand um 56 Prozent; Tendenz weiter stark steigend, also mehr Brandrodung, wie Gurk betont.

   Erstaunlich ist nur, dass die vermeintlich  so klimabewussten Deutschen (und Italiener) hemmungslos brasilianisches Rindfleisch importieren, wohl wissend, dass sie damit im Amazonas brennen. Eine der einfachsten und wirkungsvollsten Maßnahmen, die die neue Bundesregierung zur Rettung des Klimas ergreifen könnte, wäre ein Importstopp für Rindfleisch aus Brasilien.

--ed

Mehr Plastik, bitte!

   In den letzten Monaten kann man eine neue Welle der Plastifizierung des Nahrungsmittelangebots in den Supermärkten beobachten. Immer schon waren die Produkte in den Gefriertruhen und in den Süssstraßen fest in Plastik verpackt. Doch nun greift das Streben nach immer längerem shelf life der Ware zu immer weiterer Plastifizierung.

   Selbst von der Natur so liebevoll mit weichen Schalenschichten geschützte Produkte wie Maiskolben werden ihrer Schalen beraubt und in Plastikhüllen verpackt. Fleisch und Fisch werden portionsgerecht geschnipselt und vakuumiert, vielleicht sogar noch mit irgendeiner ungenießbaren Marinade beklebt. Petersilie und Schnittlauch im Vakuum-Tütchen.  Besonders ärgerlich: die Brottüten mit Fenster, die es schwer machen, Plastik und Papier zu trennen.  Dass es weltweit ein Plastikmüll-Problem gibt, ist dem Lebensmittelhandel offenbar schnuppe. Wir doch nicht!

Wohin soll das führen?  Spargel einzeln im Plastikfutteral?  Wann? Erst nächstes Jahr!

 

Germany, Germany!

   Sizilien und Weißrussland sind die aktuellen Brennpunkte des Ansturms von extracomunitari (italienisch für Nicht-EU-Bürger), die ohne Visum (und oft auch ohne Papiere) in die EU einreisen wollen.  Ein bunter Haufen: an der polnischen Grenze vor allem Kurden aus dem Irak und Syrien, Araber, aber auch Weißrussen ohne Visum. In Sizilien die übliche Mischung aus Tunesiern, Syrern, Afrikanern, Bangladeschis, Afghanen und anderen Asiaten.

   An beiden Orten sind es vor allem junge Männer, aber auch unbegleitete Jugendliche und Familien. "Sind das alles Flüchtlinge?", fragt Bild. Eine Frage der Definition. Verfolgt und in Lebensgefahr sind wohl nur Wenige. Die überwiegende Mehrheit sind Migranten mit den unterschiedlichsten Motiven: auf der Suche nach einem besseren Leben, Familienzusammenführung, medizinischer Behandlung, Bildung und Weiterbildung.  Oder schlicht auf der Suche nach Abwechslung, Sex mit freien Europäerinnen, Spass und Geld. Oder Schlawiner, Kleinkriminelle, die ihr Metier im reichen Europa praktizieren wollen.

   Manchmal nehmen die Ereignisse den Charakter von Völkerwanderungen in Zeitlupe an. Tunesier nach Italien, Bangladeschis nach Italien, Kurden nach Deutschland, Türken nach Deutschland. Auf den fliegenden Märkten Italiens ist bengalisch seit Jahren die Verkehrssprache des Verkaufspersonals. Bei den Strandverkäufern dominiert arabisch.  Angeblich reisen die meisten Migranten aus Italien weiter nach Norden, wie Matteo Villa in der Süddeutschen Zeitung behauptet (12.11.21): der Augenschein aber zeigt zumindest in den Zentren die zunehmend starke Präsenz der extracomunitari.

   Was Amerika einst für deutsche Auswanderer war, ist Deutschland heute für Türken und Kurden, viele davon echte Flüchtlinge, die politische Unterdrückung vertreibt. 

   So weit ist alles wie immer. Problematisch ist nur das Wer und das Wie. Die EU hat keine Möglichkeit zu beeinflussen, wer wann wo ankommt. Will Italien wirklich Hunderttausende von Bangladeschis aufnehmen - Bürger eines fernen Landes, von dem viele Italiener nicht wissen, wo es liegt? Wahrscheinlich können nur die wenigsten Bengalen aus Bangladesch von sich behaupten, sie seien Verfolgte, also Flüchtlinge. Dennoch machen sie ein Viertel bis ein Drittel der Menschen auf den Booten aus.  Den Booten, die im Mittelmeer in Seenot geraten und gerettet (oder auch nicht gerettet) werden. Aber das sind nur die ungeschicktesten der Bangladeschis (sagen ihre Landsleute) - die clevere Mehrheit kommt als Touristen oder Studenten mit dem Flugzeug nach Italien.

   Noch schlauer sind die Chinesen, die inzwischen zehntausende von China shops in Italien betreiben und nie auf Booten im Meer zu finden sind. Andere Asiaten hingegen, vor allem Pakistaner, Iraner und Ceylonesen, setzen auf die Bootsroute.

   Nicht so Arul aus Sri Lanka, der in einer großen Gartenbaufirma in Rom arbeitet. Er kennt sich aus, spricht fließend italienisch und ist seit zehn Jahren im Lande, wie er sagt. Ich frage ihn, ob er bereits eingebürgert worden sei. Nein, seufzt er. Jedes Jahr muss er ein- und ausfliegen, um seine Aufenthaltsgenehmigung zu erneuern.

   Einmal Ausländer, immer Ausländer. Die sonst so flexiblen Italiener sind in dieser Hinsicht hart.

   Wie wird es den Neuankömmlingen in Polen, Litauen, Deutschland oder Finnland ergehen?

   Falls sie es lebend durch den Zaun schaffen und von Angehörigen, Freunden oder Schleppern abgeholt werden. Doch nun ist die Grenze praktisch geschlossen: die Migranten sitzen in der Falle. Nach Polen geht es nicht, nach Belarus nur wenn das Herkunftsland -- beispielsweise Irak -- sie zurückholt. Und bald kommt der Winter.

 

Die praktischen Satrapen

Satrap war im antiken Perserreich der Titel des Statthalters einer größeren Provinz. Satrapen hatten eine politisch-administrative und militärische Leitungsfunktion, entsprechend einem heutigen Gouverneur (wikipedia)

   Ramsan Kadyrow, Baschar al-Assad und Alexander Lukaschenko sind die Gouverneure von drei russischen Grenzprovinzen (Tschetschenien, Belarus) bzw. Kolonien (Syrien). Diese drei sind aufgrund ihrer Rücksichtslosigkeit, ihres Überlebenswillens und ihrer Loyalität gegenüber dem Kreml die perfekten Vasallen von Wladimir Putin.

   Dieser Kreis von Pufferzonen um Russland weist jedoch erhebliche Lücken auf, die zu schließen das vornehmste Ziel des jeweiligen Kremlherrn sein muss. Blickt man auf den Globus, so fällt die Rolle Nordkoreas und der Mongolei als Schutzschilde vor China auf. Blickt man auf Europa, bietet sich die Ukraine als idealer Pufferstaat an.

   Im Falle der Ukraine hat Russland sogar einen potenziellen Satrapen, der über Nacht installiert werden könnte: Viktor Janukowitsch. Er wurde zwar abgesetzt, wird international gesucht und soll während seiner Zeit als ukrainischer Präsident (2010-14) 40 Milliarden Dollar veruntreut haben, aber das kann als Verleumdung ausgelegt werden. Auf jeden Fall wäre er appetitlicher als die afghanischen Taliban, die wahrscheinlich kurz vor der internationalen Anerkennung stehen.

   Das derzeitige Interregnum Deutschlands könnte den Kreml dazu verleiten, nach der Krim und den russischsprachigen Oblasten Donezk und Luhansk im Osten auch den größten Teil der restlichen Ukraine zu schlucken und damit seinem Ziel, die Sowjetmacht wiederherzustellen, einen entscheidenden Schritt näher zu kommen.

   Vor wenigen Tagen ließ das Weiße Haus in Washington die Europäer wissen, dass eine russische Invasion in der Ukraine möglich sei. Auf diese Warnung folgte jedoch nicht die zu erwartende Erklärung von Präsident Biden, dass sich die USA und die NATO einer russischen Invasion widersetzen würden.

   Vielmehr wird in durch die Warnung an die Europäer appelliert, das Problem als ihr eigenes zu betrachten und Moskau klarzumachen, dass sie einen Angriff auf die Ukraine als Angriff auf Europa verstehen und militärisch darauf reagieren würden.

   Kiews bester Schutz sind derzeit die eigenen Streitkräfte, und die wurden praktisch über Nacht durch den Kauf und Einsatz türkischer Bayraktar-Drohnen verstärkt, die nicht nur in Libyen und Berg-Karabach, sondern zur bösen Überraschung Moskaus auch im ukrainischen Osten enorme Erfolge erzielt haben.

   Dennoch, so wie es aussieht, sollten die Europäer endlich ihre eigene Truppe aufstellen und dafür sorgen, dass Janukowitsch weiter auf den Anruf aus dem Kreml warten muss.

Die Briten, wacher als die Kontinentalen, haben jedenfalls schon vorgesorgt:

Hundreds of British special force troops are ready to deploy to the Ukranian border at a moment’s notice, amid rising tensions and fears of a possible Russian invasion in the region, according to reports.

Auch die NATO ist aufgewacht

The Nato secretary general, Jens Stoltenberg, has cautioned Moscow against “any further provocation or aggressive actions” following warnings by US officials that Russia could be preparing to a launch a winter offensive in Ukraine.

The Ukrainian president, Volodymyr Zelenskiy, said last week that Russia had amassed nearly 100,000 soldiers near Ukraine’s border, as Washington warned that Moscow may be “attempting to rehash” its 2014 invasion

 

 

Rote Saffian-Stiefel

   Vor fast auf den Tag genau 80 Jahren kam Maxe wie immer einmal in der Woche, um meinen Vater zu massieren. Sie war eine gefragte Masseuse und zählte etliche Prominenten zu ihren Kunden. Daher war sie immer gut über den Klatsch und Tratsch der Reichshauptstadt informiert. Der Tod des Kirchenministers Hanns Kerrl amüsierte sie.

   Auf einer "Dienstreise" ins besetzte Paris erlitt der protestantische Würdenträger in einem Bordell einen tödlichen Herzinfarkt.  Die empörten und fassungslosen Damen warfen den nackten Bischof in eine Eierkiste, vernagelten sie und schickten sie nach Berlin. Dort wurde der Leichnam von den Eiern befreit, gewaschen und in einem feierlichen Staatsakt beigesetzt.

   All das schien Maxe nicht verwunderlich, wohl aber die Nachricht, dass Reichsmarschall Hermann Göring zur Beerdigung in seiner Fantasieuniform mit roten Saffianlederschuhen erschien.

--ed

 

 

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