Wenn man Italiens wirtschaftliche Misere betrachtet, gelten ein paar Probleme landläufig als Ursache: die schreckliche Bürokratie, die vernachlässigte Infrastruktur, die überbordende Staatsverschuldung. Doch es gibt noch eine andere Ursache, die gemeinhin übersehen wird: die italienische Hausfrau. 

   Sie gilt als fabelhafte Köchin, liebende Mutter, treusorgende Gattin -- sie ist die Seele der Italianità, all dessen, was Italien so liebenswert macht.  Aber leider stellt sie ein Kernproblem -- vielleicht sogar das schlimmste -- der italienischen Wirtschaft dar. 

   Nach vielen Jahren des Aufstiegs hat der Anteil der Erwerbstätigen unter den Italienerinnen knapp 40 Prozent (2018) erreicht. Das bedeutet: Sechzig Prozent sind Hausfrauen -- nur Hausfrauen, nichts anderes. Das ist gemäss letzter Weltbankstatistik Europas schlechtester Wert, nur Bosnien-Herzegovina schneidet mit 36 Prozent beschäftigten Frauen noch schlechter ab.  Selbst in Griechenland arbeiten (45 %) mehr Frauen ausser Haus.  In Deutschland sind es 55 Prozent; in der Schweiz kommt man auf 63 Prozent und In Skandinavien schon mal über 70 Prozent.  Die Palme hielt angeblich die DDR mit über 80 Prozent, während die Kellerposition der Jemen einnimmt mit 6 Prozent ausser Haus tätiger Frauen. 

      Italiens klägliche Position gemahnt daran, wieviel Orientalisches in der italienischen Lebensweise steckt, ganz ohne die Einschränkungen der (meist islamischen) Religion, die in der Levante dominiert.  Noch 1994 lag Italiens weibliche Beschäftigungsquote mit 34 Prozent nicht höher als die von Bangladesch heute (35 %).  Dass die arabischen Nachbarn jenseits des Mittelmeers Quoten im Bereich zwischen 10 und unter 30 Prozent aufweisen, erstaunt nicht.  Dass aber Italien mit seinen 40 Prozent so weit unter dem OECD-Durschschnitt von 52 Prozent liegt, verblüfft. 

   Dass bei Flüchtlingsbefragungen arabische Frauen mitunter garnicht verstehen was gemeint ist, wenn man sie nach Beruf und Ausbildung fragt, ist kulturell erklärlich.  Dass aber Millionen Italienerinnen weder in Ausbildung sind, noch Arbeit suchen (NEETS), sondern ihre Zeit auf die Suche nach einem geeigneten Gespons oder im Haushalt vergeuden, bedeutet einen gewaltigen Schaden für die Volkswirtschaft. 

   In einem entwickelten Industrieland gibt es im 21. Jahrhundert keinen Grund mehr, zuhause zu sitzen.  Kinder, um die man sich kümmern müsste, gibt es im geburtenärmsten Land Europas nur einzeln oder höchstens zu zweit.  Die Hausarbeit wird von einer Schar von Geräten vereinfacht; mehr und mehr Fertignahrung wird von Fabriken gefroren oder frisch geliefert, oder aus der Pizzeria um die Ecke geholt.

   Das Problem vieler Nur-Hausfrauen ist daher die Unterbeschäftigung, die Arbeitslosigkeit, vor allem wenn das Kind oder die Kinder gross werden.  Aber niemand verdächtigt die Mütter, schuld an den bamboccioni zu sein, den Sprösslingen, die bis ins fortgeschrittene Alter bei der mamma wohnen bleiben. Der italienisch-katholische Mutterkult, der mammismo, verbietet solche Verdächtigungen. Übrigens nimmt der Anteil der ausser Haus tätigen Frauen von Nord- nach Süditalien linear ab in dem Masse, in dem sich die orientalischen Gewohnheiten verstärken.

   Will und muss Italien seine übergrossen Arbeitsmarktreserven mobilisieren, so muss es Wege finden, die nicht ausgelasteten Hausfrauen aus ihren Verstecken zu scheuchen.  Dazu ist eine Kampagne notwendig, die das blosse Hausfrauendasein als sozial niederwertig darstellt; die vor allem den Süditalienerinnen klarmacht, dass Jeder heutzutage seine Brötchen selbst verdienen sollte, und sei es auch nur, um sich eine Altersversorgung zu erarbeiten. 

   Arbeit gibt es genug, die Millionen ausländischer Arbeitskräfte im Lande zeigen es;  man muss nur bereit sein, auch unangenehme Jobs anzunehmen.  Millionen Frauen in Norditalien beweisen, was mit zweckmässiger Ausbildung erreicht werden kann; ihre Geschlechtsgenossinnen im Süden können davon lernen. 

   Hauptsache: raus aus dem Haus!

Benedikt Brenner

Update

 

Gerne wird heute in Bargesprächen erzählt, die vergeblich Arbeit suchenden jungen Menschen wendeten sich verstärkt traditionellen Berufen zu, die sie früher vermieden: Landwirtschaft und Handwerk. Sie fänden Freude an der Natur, dem Ursprünglichen, und hätten Spass am Umgang mit Holz, Metall und Tieren.

Eine nette Legende, herzerwärmend. Die Fakten sehen anders aus. Wie das Ministerium für Unterricht und Forschung in Rom berichtet, ist die Zahl der Berufsschüler in den vergangenen sechzehn Jahren um die Hälfte zurückgegangen. Der Drang zur höheren Bildung hält an: im letzten Jahrfünft (bis 2019/20) stieg beiAbsolventen der Mittleren Reife der Anteil der Gymnasien von 51 auf 55 Prozent.  Der Anteil der Realschulen (Wirtschaft, Technik, Tourismus) blieb ziemlich konstant, während der Anteil der Berufsschulen noch einmal von 19 auf 14 Prozent zurückging.

Nachdem die Hälfte (oder mehr) der Mittlere Reife-Absolventen Frauen sind, kann man vermuten (die Daten sind nicht nach Geschlecht aufgeschlüsselt), dass junge Frauen überwiegend  nach klassischer Bildung streben, nicht aber nach berufsbezogener Qualifikation.   

 

Update II

Aus dem OECD-Bericht "Bildung auf einen Blick 2019".

"Italien und Kolumbien sind die einzigen beiden Länder mit über 10% für die beiden Kategorien (Nichterwerbstätige und Arbeitslose) unter den 18- bis 24-Jährigen. Etwa 11% der 15- bis 19-Jährigen sind Neet, aber dieser Anteil verdreifacht sich für dieAltersgruppe der 20- bis 24-Jährigen, bei 29% für Frauen und 28% für Männer in dieser Altersgruppe, in der der Übergang zum Hochschulbereich und zum Arbeitsmarkt beginnt. Obwohl das Bildungsniveau bei Frauen höher ist, steigt der Anteil der jungen Neet auf 37% für Frauen im Alter von 25-29 Jahren und sinkt auf 26% für Männer in derselben Kohorte." (La Repubblica, 10/9/19)

(my emphasis, ed.)

Gerne