Die Ukraine: das Paraguay des 21. Jahrhunderts

 


Die Bevölkerung Russlands war vor dem Krieg mit 143 Millionen (2021) rund dreimal so groß wie die der Ukraine mit damals 44 Millionen. Nach Angaben der Vereinten Nationen gibt es jetzt nur noch 36,7 Millionen Ukrainer.
Davon sind etwa 2,5 Millionen derzeit Flüchtlinge in den Nachbarländern. Die Zahl der getöteten und verwundeten Soldaten sowie die Zahl der zivilen Opfer ist unklar. Westliche Schätzungen beziffern die Zahl der toten und verwundeten Ukrainer bis April 2023 auf 150.000.

Dies zeigt sich auf den Friedhöfen, wo der Platz für weitere Gräber knapp wird. Einfache Holzkreuze als Provisorien und gelb-blaue Wimpel verdeutlichen die Entwicklung.Auch wenn laut zahlreichen Quellen die russischen Verluste an Soldaten als weitaus höher gelten als die ukrainischen, treffen die kriegsbedingten Verluste die ukrainische Seite doch wesentlich härter. Die Verluste an erstklassigen Kämpfern zwingen Kiew laut Presseberichten zunehmend dazu, Territorialverteidigungskräfte als Ersatz an die Front zu schicken.

Mit jedem Tag der Kämpfe verschlingen die Friedhöfe mehr junge, qualifizierte Kämpfer, die unersetzlich sind. Es wird viel über ukrainische Gegenoffensiven spekuliert, aber hat Kiew noch genug Leute dafür? Oder ist Putin dabei, die Ukraine durch Kämpfe so sehr zu schwächen, dass sie schließlich aufgeben muss - ganz gleich, wie viel Hilfe in Form von Material und Ressourcen der Westen ihr zur Verfügung stellt?

Irgendwann wird es keine ukrainischen Gegenoffensiven mehr geben, weil Motivation, Heldentum und vielleicht sogar bessere Waffen angesichts der demografischen Realität versagen werden. Wenn der Krieg so tödlich weitergeht wie bisher, wird die Ukraine irgendwann nicht mehr die Truppenstärke aufbringen können, die nötig ist, um einen Krieg zumindest unter gleichen Bedingungen zu führen.

Die langfristigen Aussichten für die Ukraine sind daher schlecht, es sei denn, ein sich verschärfendes Moralproblem bei den russischen Streitkräften lasse die Kampfkraft der Aggressoren schwinden. Darauf zu hoffen, wäre jedoch sehr spekulativ.

Wie sind also die langfristigen Aussichten für die Ukraine?
Es gibt ein lehrreiches historisches Beispiel für den Kampf zwischen einem demographisch unterlegenen Staat, Paraguay, und seinen weitaus größeren und stärkeren Nachbarn  -- Argentinien, Brasilien und Uruguay.
Am Ende des Krieges von 1864-1870 wurde Paraguay besiegt. Nach dem Krieg ergab die Volkszählung von 1871, dass von den 221.079 verbliebenen Einwohnern Paraguays 106.254 Frauen waren. 26.746 waren Männer und 86.079 waren Kinder. (Keine Unterscheidung nach Geschlecht; keine obere Altersgrenze).

"Auf der Grundlage einer Volkszählung, die nach dem Ende des Krieges 1870-1871 durchgeführt wurde, kam Whigham zu dem Schluss, dass 150.000-160.000 Paraguayer überlebt hatten, von denen nur 28.000 erwachsene Männer waren. Insgesamt starben 60-70 % der Bevölkerung an den Folgen des Krieges, so dass das Verhältnis von Männern zu Frauen 4 zu 1 betrug (in den am stärksten verwüsteten Gebieten sogar 20 zu 1)."

"Ein Artikel in The Economist aus dem Jahr 2012 argumentierte, dass der Paraguay-Krieg mit dem Tod des größten Teils der männlichen Bevölkerung Paraguays das Geschlechterverhältnis so verschoben hat, dass die Frauen deutlich in der Unterzahl waren, was sich bis heute auf die Sexualkultur Paraguays auswirkt. Aufgrund der Entvölkerung  Männer wurden nach dem Krieg ('von Jesuiten') ermutigt, mehrere Kinder mit mehreren Frauen zu haben, darunter sogar angeblich zölibatäre katholische Priester."

Am Ende des Krieges wurde Paraguays Hauptstadt Asuncion besetzt und das Land unter ein Besatzungsregime gestellt. Die Ukraine, soweit sie nicht von Russland erobert wurde, ist von solchen Umständen weit entfernt. Dennoch sollte man den demografischen Aspekt des Krieges nicht unterschätzen.

Zwei demografische Aspekte kennzeichnen die Ukraine seit langem:

Da die Sterblichkeit die Zahl der Geburten übersteigt, schrumpft die Bevölkerung der Ukraine auch ohne Krieg, in Friedenszeiten;
Frauen leben im Durchschnitt zehn Jahre länger als Männer: Ein riskanter Lebensstil und Alkoholismus gelten als Ursachen für die ungewöhnlich hohe Sterblichkeit ukrainischer Männer in Friedenszeiten.

Zu diesen Faktoren kommen nun noch die Auswirkungen des Krieges hinzu, der vor allem die Zahl der Männer im wehrfähigen Alter dezimiert, aber auch in der Gesamtbevölkerung zahlreiche Opfer fordert.
Als unmittelbare Folge davon verändert sich das Geschlechterverhältnis: Der Anteil der Männer im reproduktionsfähigen Alter schrumpft im Vergleich zum Anteil der Frauen und Kinder an der Bevölkerung.
Bisher gibt es keine Schätzungen darüber, wie sich das Verhältnis zwischen Männern und Frauen seit Beginn des Krieges verändert hat. Von 1:1 vor Beginn des Krieges auf 1:2 oder sogar weniger? In Paraguay wurde das Verhältnis am Ende des Krieges auf 1:4 bis 1:20 geschätzt.

Doch jeder Tag des Krieges bringt neue Opfer unter den Kämpfern. Obwohl die Frauen immer mehr den Platz der fehlenden Männer einnehmen, nicht nur als Soldatinnen, sondern auch als Hilfskräfte, Arbeiterinnen und Unternehmerinnen, ist die Schwächung der Ukraine eine unvermeidliche Folge. Wie in Paraguay stärkt die Not die Rolle der Frauen bis hin zur völligen Gleichstellung.

In einem Punkt unterscheidet sich die Situation der Ukraine jedoch von der Paraguays: Während für ukrainische Frauen und Kinder die Flucht ins Ausland möglich war und ist, konnten die überwiegend Guarani sprechenden Paraguayer im spanisch- oder portugiesischsprachigen Ausland keine nennenswerte Zuflucht finden, zumal es sich fast immer um Feindesland handelte.
Die ukrainischen Flüchtlinge kommen mit dem verwandten polnisch, mit russisch und, für die Jüngeren, mit englisch recht gut zurecht. Die grosse ukrainische Diaspora hilft natürlich auch.

Die Bereitschaft der EU-Länder, für Ukrainer kein Asyl zu verlangen und ihnen Freizügigkeit zu gewähren, hat das Tor zur Ukraine geöffnet und in einigen Fällen den Zwang zur Flucht in die Möglichkeit zur Auswanderung verwandelt.
Statistisch gesehen werden die kriegsbedingten Verluste der Männer durch die Verluste der Frauen ausgeglichen, die sich - oft mit Kindern - für die Ansiedlung und den Verbleib im Westen entscheiden. Vor allem dann, wenn ihre ukrainischen Ehemänner Opfer des Krieges geworden sind oder Gefahr laufen, dem Krieg bald zum Opfer zu fallen.

In diesem Zusammenhang ist auch festzustellen, dass die Häufigkeit von Eheschließungen in der Ukraine stark zurückgegangen ist. 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Dauer des Krieges gegen die Ukraine arbeitet. Wenn es Putins Ziel war, die Ukraine zu entvölkern und die leeren Gebiete mit Russen aus dem Fernen Osten und dem Kaukasus zu füllen, dann kommt er diesem Ziel mit jedem Tag des Krieges ein Stück näher.

Paraguay hat sich nie von der Entvölkerung erholt. Bis heute spürt das Land die Folgen der Katastrophe. Die Ukraine weist keine positive demografische Dynamik auf, die es ihr ermöglichen würde, die durch den Krieg verursachten Bevölkerungsverluste irgendwann auszugleichen.

Heinrich von Loesch

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