Die Invasion des Kapitols am 6. Januar erzeugte eine Flut von klugen Kommentaren in den Medien. Daher erscheint jeder weitere Kommentar überflüssig.

Oder nicht?

   Keiner der Kommentare, die man überfliegt, erwähnt jedoch ein fundamentales Problem: die Differenz der amerikanischen und europäischen Perspektiven.

   Klar ist, dass der Mob, der eindrang, von der Rückkehr zum alten weissen Amerika träumt. Präsident Trump hat diesen Traum aufgegriffen, kanalisiert und die Träumer zur praktischen Tat angefeuert. Die Eindringlinge waren die Speerspitze der geschätzten 20 Millionen radikalen Trumpisten, die von seinen Lügen und irgendwelchen Verschwörungstheorien überzeugt sind.

   Man mag spekulieren, ob die Aufständischen in eine Falle liefen, die ihnen gestellt wurde, um dem Trump-Unfug spektakulär das Rückgrat zu brechen. Wie auch immer: so unbewacht wird das Kapitol nie wieder sein. Vor allem nicht am 20. Januar, dem Tag der Machtübergabe.

   Wer sind diese Eindringlinge? Um das zu erforschen, muss man weit zurückgreifen: ins 18. und 19. Jahrhundert. Damals wurde Amerika kolonisiert und erschlossen durch Europäer: Franzosen im Norden und Süden, Spanier noch weiter um Süden, Briten in der Mitte.

   Die Briten setzten sich durch und verstanden es, die später eindringenden Iren, Deutschen und Italiener (widerwillig) zu assimilieren. Rund vierzig Prozent der frühen Europäer kamen freilich nicht aus eigenem Willen: sie wurden nach Amerika verkauft, Landgraf Friedrich II von Hessen verkaufte beispielsweise 12.000 ausgehobene Soldaten an die Briten nach Amerika, um seine Schulden loszuwerden.

   Diese Zwangsarbeiter oder Sklaven kamen vor allem aus unteren Gesellschaftsschichten, waren arm und wenig gebildet. Amerika empfing sie nicht mit offenen Armen: sozialer Aufstieg gelang nur wenigen. So bildete sich ein weisses Unterproletariat (Frantz Fanon), das die Probleme und Einschränkungen der Ankömmlinge Generation um Generation weitergab.

   Die britische Tradition, Sozialfürsorge privaten Einrichtungen zu überlassen und den Staat davon zu befreien, prägt die USA bis heute. Neben der Lieblosigkeit des Staates war es die Konkurrenz neuer Einwanderer – auch Schwarze und Braune – die dafür sorgte, dass es dem weissen Unterproletariat weiterhin schlecht ging.

   Dieser Trend sorgte dafür, dass Millionen Weisse Generation nach Generation den Lebensstil der ursprünglichen Einwanderer konservierten. Sie blieben so arm und ungebildet wie ihre Vorväter.

   Während sich in Europa eine Bildungsrevolution vollzog, getragen von Schulpflicht und weitgehend kostenlosem Schulbesuch, teilweise sogar bis zum akademischen Abschluss, blieben Amerikas Unterproletarier in Lebensformen stecken, die Europa längst vergessen hat. Sie blieben die Fusskranken des globalen Aufstiegs. Aus europäischer Perspektive ist die Existenz dieser weissen Unterschicht schwer zu begreifen.

   Wer einmal die Häuser oder Trailer armer amerikanischen Weissen besucht hat, muss oft staunen über die Primitivität, die er vorfindet. Das Paar, das in seiner grossen Zweizimmer-Mietwohnung Hunde züchtet in einem Käfig im Durchgang zwischen den Zimmern, mit einschlägigem Geruch. Wozu die Hundezucht? Um die Welpen zu essen, sagen die Nachbarn. Der Rasen vor dem Haus ist gepflegt, im Haus sieht es oft schlimm aus.

    Die Wohnstätte wird häufig gewechselt. Wenn die Mieter lange im Zahlungs-Rüchstand sind und der Vermieter drängelt, ist eines Morgens die Wohnung leer und das Bett senkrecht gestellt: das ist die Mitteilung des Mieters, dass er ausgezogen ist: ohne Adresse zu hinterlassen, vielleicht ist er in einen Trailer Park oder in ein altes, billiges Motel gezogen. Wohnhäuser in Sichtweite von Trailer Parks sind schwer zu verkaufen, man fürchtet Kriminalität.

   Wie kommt man als armer Weisser durchs Leben? Es gibt immer Jobs für nicht-kriminelle Weisse. Im Krankheitsfall gibt es das staatliche, kostenfreie Medicaid-Programm. Mitunter wird Patienten beim Verlassen des Krankenhauses noch ein Satz Unterwäsche und ein Fresspaket geschenkt. Für die Altersversorgung gibt es das staatliche Rentensystem Social Security, in das jeder Arbeitsnehmer und Selbständige einzahlt; wer nicht ein Leben lang auf seinen Händen sass, hat einen Rentenanspruch. Das gilt auch für Angehörige. Bei bescheidenen Ansprüchen und etwas Nebenverdienst kann man in billigen Gegenden damit leben.

   Viele dieser weissen Unterschicht besitzen wenig mehr als ein gepflegtes Motorrad oder ein altes Auto, ein paar Fernseher und ein Smartphone. Dennoch fühlen sie sich allen Nicht-Weissen und Einwanderern überlegen. Sie sehen sich als die Ur- und Kernamerikaner, denen das Land gehört, das ihre Vorfahren aufgebaut haben, wie sie glauben.  Dass ein schwarzer Architekt wesentlich die Hauptstadt Washington geplant hat; dass der schwülstige Prunk des Kapitols auf Sklavenarbeit basiert, all das wissen sie nicht und würden es auch nicht wissen wollen.

   Es ist schwierig, diese Gruppe armer Weisser zu benennen: die gern genutzte Bezeichnung Rednecks geht fehl, denn sie umschreibt Landarbeiter, Bauarbeiter und dergleichen. Die Franzosen der Kolonialzeit besassen eine bessere Bezeichnung: sie nannten die von der Entwicklung vergessenen Auswanderer auf Tropeninseln und andere Randgruppen als “petits blancs”, die kleinen Weissen.

   Die von der Entwicklung vergessenen Weissen in den USA sind Trumps Kerntruppe, Dank ihrer Unbildung sind sie höchst beeinflussbar durch Fox News, social media und Trumps Familie. Sie sind grossteils sehr mobil; sie kennen Washington DC durch Motorradparaden, bei denen tausende ihrer schweren Maschinen durch die National Mall rollen. Sie sind stets bereit, ihre einzige Ehre des Weiss-Seins zu verteidigen, die ihnen das Gefühl gibt, zur Oberschicht zu gehören. Die bikers sind gefürchtet für sinnlose Gewalttätigkeit. 

   Wer sich in ihren Sessel fläzt und die Füsse auf Nancy Pelosis Schreibtisch legt ist nicht unbedingt ein Vandale. Vielleicht will er ihr nur sagen: Ich bin so gut wie Du, denn ich bin so weiss, so amerikanisch wie Du. Ich habe ein Recht, hier zu sitzen.

John Wantock