Die Via della Magliana in Rom ist eines der vielen ärmlichen Viertel der Ewigen Stadt. In den sechziger Jahren erbaut um den Zuwanderern aus den Abruzzen-Bergen Mietwohnungen zu bieten, wie sie sich wünschen: mit viel Humankontakt und wenig Sonnenlicht. Seither ist das Viertel vergammelt. In die Wohnungen der bäuerlichen Erstbewohner, die ihren Müll teilweise noch durch die Fenster entsorgten, sind Migranten eingezogen aus Südosteuropa, Asien und Afrika. Buntes Gewimmel vor einer Bar/Schnellrestaurant, die ich seit vielen Jahren gern besuche.

   Der Eigentümer der Bar hatte ein Problem: seine Tische am Plätzchen mit dem stillgelegten Brunnen wurden stundenlang besetzt von Roma aus dem Lager unter den Tiberbrücken und von Arabern, die dort ihre Geschäfte abwickelten, ohne viel zu konsumieren. Nach Jahren des vergeblichen Kampfes gab er auf und verkaufte an Chinesen. Sie behielten die italienischen Baristi, besetzten aber exklusiv die Kasse und achteten streng auf minimale Preisunterschiede wie etwa den zwischen einem latte macchiato und einem caffè latte.

   Nun, zwei Jahre später sind die italienischen baristi noch da – freundlich und kompetent wie immer. Aber die Araber und die Roma sind weg, grossteils wenigstens. Normale Kaffeetrinker haben die Tische zurück erobert. Wie haben das die Chinesen geschafft? Mit beharrlicher Strenge? Mit glaubhaften Drohungen?

   Immer öfter steigen Chinesen in das uritalienische Geschäft der Espresso-Herstellung ein. Lange Öffungszeiten scheuen sie nicht, und ihre mitarbeitenden Familienmitglieder lernen fleissig italienisch.

   Die Chinesen sind aus Italiens Wirtschaft nicht mehr wegzudenken. Ihre Billigläden mit Haushaltswaren, Schundtextilien und Krimskrams beherrschen den Markt und platzieren sich mitunter sogar auf Sichtweite, an ihren mit Plastikblumen dekorierten Eingängen weithin erkennbar. Was in den USA der Dollarstore ist, ist in Italien der Chinese. Fast alle Souvenirläden in den Touristenzentren sind chinesisch und verkaufen – wie kann es anders sein – chinesische Ware: Kolosseum und St. Peter in Plastik, millionenfach.

   So ist es kein Zufall, dass Peking für sein globales Expansionsprojekt der "Neuen Seidenstrasse" Italien als Endstation in Europa ausgewählt hat. Italien bietet China Zugang zu und indirekte Mitgliedschaft im grössten Markt der Welt: der Europäischen Union. Wie das geht, zeigt Prato, die Industriestadt bei Florenz. Seit Jahrzehnten existiert hier, in der Heimat Curzio Malapartes, eine grosse chinesische Kolonie, die vor allem Textilfabriken betreibt, deren Produkte – wie nützlich – das Etikett “Made in Italy” tragen, so wie die Produkte der mikronesischen Mariana-Inseln “Made in USA” sind. Nehmen wir an, eine chinesische Automarke baue eine Fabrik in Italien, mit chinesischem Geld, mit dem knowhow europäischer Ingenieure und importierten chinesischen Arbeitern und Managern: das Produkt wäre ein italienisches Auto, zollfrei in 27 Ländern zu verkaufen.

   Könnte Italiens Regierung zu einem derartigen Projekt nein sagen? Die Wahrscheinlichkeit ist gering. China ist gross, stark und rücksichtslos. Warum Peking ärgern, wenn es in einem Lande investieren will, aus dem die internationalen Investoren flüchten? Die Fünf-Sterne-Partei von Beppe Grillo und Luigi di Maio klammert sich an China in der vagen Hoffnung, das Reich der Mitte werde das vermutlich dem wirtschaftlichen Untergang geweihte Italien vor seinem selbstverschuldeten Schicksal bewahren. Europa und Amerika protestieren zwar gegen die italo-chinesische Allianz, sind aber wohl heimlich froh, dass Peking mit an der Last Italien tragen will.

   Noch gibt es zwei gegensätzliche Sichtweisen der neuen Allianz: die eine prognostiziert, dass China mit Infrastruktur-Investitionen Italien weiter in die Verschuldung treiben und von Peking abhängig machen werde – Modell Afrika –; die andere Vision denkt, dass China zu blauäugig an das Problem herangeht und im italienischen Morast versinken wird, wie so viele andere.  Wie auch immer: es wird spannend werden, zu beobachten, wie sich China mit Italiens wirklicher Macht, den Mafias, auseinandersetzen wird. 

   Dafür, dass Chinas Bäume nicht in den Himmel Italiens wachsen werden, sorgt eine andere Grossmacht. Nein, nicht Brüssel und auch nicht Washington. Moskau ist es, das sich die Lega von Matteo Salvini mit Geld dienstbar gemacht hat. Die derzeit stärkste Partei Italiens erhielt für den letzten Wahlkampf zwar kein Geld, wohl aber eine Lieferung russischen Erdöls, die sich leicht monetisieren liess. Salvini weiss, was er Moskau schuldig ist: bei dem jüngsten Besuch des chinesischen Staatslenkers Xi Jinping blieb er dem offiziellen Abendessen demonstrativ fern und entschuldigte sich mit dem regionalen Wahlkampf in der Basilikata.

   Das russische Störfeuer dürfte China wenig kümmern. Während die Fünf Sterne die angebliche Harmlosigkeit des Abkommens mit Peking beteuern, hat Xi klar ausgedrückt, dass er enge wirtschaftliche Zusammenarbeit anvisiert. Man darf neugierig sein, wann die ersten chinesischen Wagen über Italiens Autostrade rollen werden.

Benedikt Brenner