Stephansdorf

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Am 1. Mai 1941 schneite es in Stephansdorf. Dicke Flocken bedeckten die Fuchsienbüsche zu beiden Seiten der Eingangstreppe des Schlosses. Schnee fiel auch auf die rosa Blüten des Tulpenbaums im Park, doch es bestand kein Grund, den Schlitten noch einmal anzuspannen.

   Wiewohl mitten im Krieg, lag Niederschlesien noch in tiefstem Frieden, weit weg von den Fronten und den Bomben Berlins. Das Leben ging seinen unaufgeregten Gang. Der Inspektor leitete die Landwirtschaft, so dass mein Onkel Heinrich als Gutsbesitzer, wenn er nicht als Richter gefordert war, seinen Studien als Privatgelehrter nachgehen konnte, die ihm auch heute noch eine rechtsgeschichtliche Präsenz sichern

   Trotz des bukolischen Daseins forderte der Krieg bereits Einschränkungen, vor allem in der Küche: es wurde die gesamte Produktion des Agrarbetriebs abgeliefert. Für die Familie gab es nur die Rationen der Lebensmittelkarte. Es herrschte ein bescheidenes, immer gleiches Wochenmenu: Donnerstag Spinat mit Setzei, Freitags shlesische Klösse mit Backobst. Nur Sonntag abends spendierte Onkel Heinrich zum Abendbrot zwei Scheiben der  Würste, die in der Küche von der Decke hingen. Montags erhielt jeder ein halbes Pfund Butter, in das ein Gittermuster mit acht gleichen Fächern einzuritzen war. Jeden Tag durfte man ein Blöckchen herausschneiden und essen, am Sonntag gab es dann als Festgabe die restlichen zwei Portionen.

   Das frugale Leben bedeutete jedoch kein Opfer: auf den Schlössern Ostelbiens galt bescheidenes Leben seit jeher als vornehm und gottgefällig. Das vereinfachte auch die Arbeit der Mamsell, der Köchin. Mit anderen Worten: auf den Schlössern war das Essen herzlich schlecht und verwöhnte Stadtbewohner nahmen sich in Friedenszeiten bei Schlossbesuch eine Tafel Schokolade als Notreserve mit.

   Auch sonst war der Lebenszuschnitt einfach. Es gab kein Auto weit und breit. Transportmittel waren Kutsche, Pferderücken und der nahe gelegene Zug Breslau-Berlin. Die Landarbeit verrichteten Pferde, schwere Kaltblüter, Belgier. Die Landarbeiter schienen mir eher knapp entlohnt: ein wichtiges Element ihres Lebens war das Deputat – Lohn in Form von Naturalien aus der eigenen Erzeugung und Holz aus dem Wald, dazu eine einfache Wohnung.

   Im Schloss, einem Barockbau aus der österreichischen Zeit, wohnten neben Onkel Heinrich und der am Fuss behinderten Tante Resi, die stets bodenlange Kleider trug, drei unverheiratete Töchter, die sich um mich kümmerten. In zwei Kavaliershäuschen wohnten zwei weitere Tanten. Tante Clara brillierte mit gutem Kaffee, während Tante U (für Ursula) ihr Leben mit englischen Romanen verbrachte. Ihr kleines Haus war randgefüllt mit einer Sammlung von Tauchnitzbänden und anderen Taschenbüchern, die sie stets im Original las. Aus dem zu Stephandorf gehörenden Gut Falkenhayn kam oft der einzige Sohn Konrad zu Besuch, bevor er für immer im Krieg verschwand.

   Ein gastliches Haus, vor allem für Bombenflüchtlinge aus Berlin wie mich. Man besuchte die einklassige Volksschule des Dorfes und lernte bei dem klugen und freundlichen Kantor Froböss. Neben der Schule und der Kirche gab es nur einen wichtigen Ort im Dorf, den Dorfladen, ein Reich wunderbarer Schätze, in dem es mir gelang, eine Peitsche zu kaufen, farbig geflochten, mit der ich knallen üben konnte.

   Ein anderes Juwel fand ich auf dem Dachboden des Schlosses: ein Kinderfahrrad, verrostet und mit luftleeren Reifen. Kein Problem: Tante Bertha, die Gute, fand einen Topf roten Lacks, half mir das Fahrrad zu lackieren, und fortan konnte ich durch Hof und Park karriolen – ohne Luft natürlich, aber das hinderte mich nicht.

   Grossen Unterhaltungswert besass der Gutshof. Ein Pferd, Vesta, war so gutmütig, dass es für Kinder reserviert war, die es durch die Schwemme reiten durften. Den Bau der Wagen sah ich beim Stellmacher; beim Schmied durfte ich auch mal einen Pferdefuss halten, damit er neu beschlagen wird mit einem glühenden Eisen auf dem rauchenden Huf.

   Auf dem Gutshof entwickelten sich Freundschaften mit anderen Kindern, was freilich von den sonst so gütigen Erwachsenen ungern gesehen wurde. Spiel nicht mit den Hofejungs, wurde mir eingeschärft. Warum eigentlich, frug ich mich, denn in der Schule teilte man die Bank.

   Drei Jahre danach war alles vorbei, untergegangen in der Katastrophe des Kriegsendes. Viele Jahre danach war ich noch einmal in Stephansdorf. Das Schloss steht noch, ist unbewohnt. Durch das Treppenhaus zieht sich eine Bretterwand. Mein altes Turmzimmer ist leer.  Der Teich ist verschwunden, verlandet. Von der alten Wassermühle, vom Park keine Spur mehr. Bei der Fasanerie, in der die tüchtige Tante Bertha Küken zog, haust irgendwelches Gesindel. Aus, Ende, vorbei. Nur die Dorfkirche steht noch, tadellos erhalten. Als ob das ein Trost wäre. 

                                                                                                                                                                Heinrich von Loesch