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Bevölkerung und Wirtschaftswachstum

Ein Teil der Menschheit schrumpft, ein anderer Teil wächst

Die Menschen, die dem einen Teil fehlen, werden im Prinzip durch den Überschuss des anderen Teils ersetzt. Aus globaler Sicht wäre dies eine recht ausgewogene Lösung, wenn es keine Übergangsprobleme gäbe.

Die meisten der Überschüssigen sitzen in ihren Heimatländern fest und können nicht dorthin auswandern, wo Menschen fehlen. Einige von ihnen wandern trotz Hindernissen aus, kommen aber nicht an, weil die schrumpfenden Länder sie abweisen oder weil sie unterwegs sterben.

Warum lehnen die schrumpfenden Länder die Einwanderer ab?

Japan zeigt, warum: Das Volk soll so erhalten bleiben, wie es ist und immer war. Fehlende Menschen werden durch Roboter ersetzt („neue Richtung der Evolution“?). Das erfordert zwar zunächst Investitionen, steigert aber langfristig den Wohlstand. Schrumpfung (der Bevölkerung) erzeugt also Wachstum (der Wirtschaft).

Es lassen sich sechs Arten von Ländern unterscheiden:
 Länder mit schrumpfender Bevölkerung und wachsenden Volkswirtschaften (Japan, China, Südkorea, Taiwan)
 Länder mit schrumpfender Bevölkerung und schrumpfenden Volkswirtschaften (Russland, Krieg; Ukraine, Krieg)
 Länder mit wachsender Bevölkerung und wachsender Wirtschaft (Australien, Kanada, Indien, Indonesien)
 Länder mit wachsender Bevölkerung und stagnierenden oder schrumpfenden Volkswirtschaften (Ägypten, Türkei, Tunesien, Sudan, Libyen, Sri Lanka, Frankreich)
 Länder mit schrumpfender Bevölkerung, die durch Einwanderung ausgeglichen wird, und stagnierender Wirtschaft (Italien, Deutschland, Großbritannien)
 Länder mit schrumpfender Bevölkerung, die durch Einwanderung ausgeglichen wird und deren Wirtschaft wächst (USA, Spanien)

Die obige Liste zeigt, dass Länder mit schrumpfender Bevölkerung wirtschaftlich am erfolgreichsten sind, gefolgt von Ländern, deren Bevölkerungsrückgang durch Zuwanderung ausgeglichen wird oder deren Bevölkerung wächst.

Infolgedessen steht China mit seiner schrumpfenden Bevölkerung und seiner technologischen Exzellenz - die Japans Robotisierung kopieren könnte - vor einem enormen Wirtschaftswachstum.

Aber auch die USA befinden sich in dieser Lage, vor allem wenn es den Republikanern gelingt, den Zustrom wenig qualifizierter Arbeitskräfte aus dem Süden zu bremsen und die Robotisierung nach japanischem Vorbild zu forcieren.

Wie eng der Zusammenhang ist, zeigte vor einigen Jahren das Beispiel einer tschechischen Autofabrik, die seinerzeit beschloss, nicht in teure Roboterwerkzeuge zu investieren, weil einheimische Arbeitskräfte billiger produzierten. Dies änderte sich später.

Migranten sind nicht gleich Migranten. Länder wie Kanada und Australien praktizieren cherry picking: sie lassen vor allem Einwanderer mit wirtschaftlichem Potential ins Land. Wo -- wie in Grossbritannien -- dies nicht der Fall ist, urteilt eine Studie negativ: 

Die starke Zuwanderung hat zu keinem nennenswerten Wachstum des Pro-Kopf-BIP geführt und die Belastung unseres Kapitalstocks - von Straßen und Arztpraxen bis hin zu Wohnungen - erhöht. 

Bei Migranten aus dem Nahen Osten, Nordafrika und der Türkei im Alter von 25 bis 64 Jahren ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht erwerbstätig sind, fast doppelt so hoch wie bei im Vereinigten Königreich geborenen Personen.

So verdienen spanische Migranten in der Regel etwa 40 % mehr als Migranten aus Pakistan oder Bangladesch, aber etwa 35 % weniger als Migranten aus Frankreich oder Amerika. Migranten aus Ländern wie Kanada, Singapur und Australien zahlen zwischen vier und neun Mal so viel Einkommenssteuer wie Migranten aus Somalia oder Pakistan.

 

Interessant ist, dass selbst bekannte Demografen und Ökonomen wie der Amerikaner Nick Eberstadt den Zusammenhang zwischen Bevölkerungswachstum und wirtschaftlicher Entwicklung total falsch interpretieren. Eberstadt schreibt in Foreign Affairs:

Für wachsende Länder ist es viel einfacher, ihre Macht zu vergrößern und ihren Einfluss im Ausland auszuweiten. Schrumpfende Länder hingegen haben es schwer, ihre Macht zu erhalten.

Die ostasiatischen Länder bilden hier keine Ausnahme: Der Bereich des Möglichen wird durch den kommenden Bevölkerungsrückgang radikal eingeengt werden. Es wird für sie schwieriger werden, Wirtschaftswachstum zu generieren, Investitionen zu tätigen und Wohlstand aufzubauen, ihre sozialen Sicherungsnetze zu finanzieren und ihre Streitkräfte zu mobilisieren. Sie werden mit zunehmendem Druck konfrontiert sein, innenpolitische oder interne Herausforderungen zu bewältigen. Dementsprechend werden Japan, Südkorea und Taiwan dazu neigen, sich nach innen zu wenden. China hingegen wird mit einer wachsenden - und wahrscheinlich unüberbrückbaren - Kluft zwischen seinen Ambitionen und Fähigkeiten konfrontiert sein.

Eberstadts Meinung wird in Washington befriedigt zur Kenntnis genommen werden. Aber man sollte ihm nicht glauben. 

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Heinrich von Loesch

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