Man staunt: Rom vierzig Jahre jünger! Die grosse Stadtreinigung namens Corona hat die Touristen und ihre Busse verschwinden lassen. Parkplatz gibt es, wo nie einer zu finden war, Der Verkehr ist so dünn wie vor Jahrzehnten, vor allem jetzt gegen Monatsende, wenn das Geld fürs Benzin fehlt. Die Autos und Motorräder sind noch alle da, geparkt in den Wohnvierteln.

   Die meisten der chinesischen Souvenirläden bei den Sehenswürdigkeiten sind geschlossen, ebenso die zahllosen Eisdielen, Pizzerien und Mini-Restaurants. Rostige Rolläden verbergen die Symbole des Massentourismus.

   Ferruccio, ein befreundeter Antiquitätenhändler in der Via dei Coronari ist Pessimist. “Es kommt nie wieder, wie es war.” Er steht vor seinem Laden auf der Strasse. Es ist Freitag nachmittag, die beste Verkaufszeit: kein Kunde in Sicht. Anders Italo, der wohl älteste Händler in der Via dei Banchi Vecchi: “Der Antiquitätenhandel überlebt, der hat immer Kundschaft.” Beide Strassen litten jahrelang unter dem Vordringen des Billigtourismus mit seinen Modelädchen und Snackbars. Ohne die Touristen sind die Römer zwar wieder unter sich, aber Frohsinn will nicht aufkommen. “Die Wirtschaft liegt am Boden”, meint Ferruccio,”und wird nicht wieder.”

   Nun gibt es Momente, die an das alte Rom der Dolce Vita erinnern. Die elegante Bourgeoisie taucht wieder auf, die sich lange Zeit vor dem Massentourismus verkrochen hatte. Elegante junge Paare, die durch die Altstadt flanieren wie einst auf der Via Veneto. Sie vielleicht ein Modell, so selbstsicher auftretend wie Ivanka Trump. Er im klassischen dunkelblau-weissen Segeldress. Anita Ekberg rediviva? Audrey Hepburn hat die Vespa aber gegen einen Elektroroller getauscht, mit dem sie graziös ihrem Cicisbeo hinterherfährt, Gregory Peck mutmasslich.

   Statt Audrey Hepburn bezaubert ein anderer Star aus Übersee derzeit die Römer: Tom Cruise. An drei Stellen in der Stadt sind Strassen gesperrt, damit Cruise Auto=Verfolgungsjagden in rasendem Tempo filmen kann, bis zu zwanzig Mal die gleiche Szene. Nebenher grüsst Cruise die Römer auf italienisch und mit Gesichtsmaske; das Volk jubelt artig. Für einen Blick auf Tom Cruise warten sie brav an den Strassensperren. Und das zwei Wochen lang.

   Keine Frage: für die klassischen Rombesucher und Pilger ist das Virus ein Geschenk. Auch fällt auf, dass die Stadt sauberer, ordentlicher geworden ist. Die Monate des Lockdown und der Krise haben Rom offenbar viel Schmutz erspart. Selbst überraschend viele Strassen sind neu asphaltiert worden.

   Die Kehrseite der Medaille wird in den nächsten Wochen sichtbar werden, wenn die Arbeitslosenhilfen der Cassa Integrazione auslaufen. Dann werden die Schlangen vor der Essensausgabe der Klöster und Stiftungen noch länger werden als sie es schon sind.

   Erstaunlich ist, dass die zigtausende Zuwanderer aus Asien und Afrika == legal und illegal --  die Krise bislang überstanden haben. Sie scheinen alle noch da zu sein: die Bangladeshi, die Araber, die Afrikaner, die fliegenden Kleiderhändler, die freiwilligen Tankwarte, die Scheibenwischer an den Kreuzungen.

   “Die Ausländer werden durchgefüttert vom Staat, bekommen Unterkunft, Essen und Taschengeld, während unsere Rentner mit 400 Euro im Monat hungern”, meint Arturo, der einen Stand am Markt der Conca d’Oro betreibt. Während er über die Ausländer schimpft, verrichtet Mahmud, sein Bangladeshi-Gehilfe die Arbeit, die Arturo als Behinderter nicht mehr leisten kann.

  Kann Mahmud genug italienisch, um die Tiraden des Chefs zu verstehen? Ich schaue ihn an, er verzieht keine Miene. Er kennt wohl seinen Chef. Nicht viele Bangladeshi in Rom haben einen halbwegs festen Job.

Benedikt Brenner

 

Update

Das Ende des Monats ist erreicht, die Löhne und Gehälter sind gezahlt, und der Römer Verkehr ist über Nacht wieder “normal” geworden. Was Räder hat, ist wieder auf der Strasse und die Parkstreifen sind voll, voll, voll. Man könnte meinen, dass gerade die Wirtschaft wieder anspringt. sähe man nicht hunderte von Verkaufs- und Vermietschildern an Läden, Pizzerien und Restaurants. Wer je von einem Lädchen in Rom träumte, vielleicht mit Sicht auf den Lateran oder das Kolosseum – er oder sie hat jetzt die Qual der Wahl.

   An den bancarelle, den fliegenden Ständen am Strassenrand mit ihren Minipreisen brummt hingegen das Geschäft. Statt in den Modeboutiquen des Zentrums dickes Geld zu lassen, decken sich die Römerinnen bei den Bangladeshi mit Second-Hand-Ware und Billigartikeln vom Grabbeltisch ein. Gratis gibt es dazu bengalische Musik mit lasziven Damenstimmen aus dem Hallraum. Überhaupt die Bangladeshi! Nurul, Inhaber eines Stands, verrät, dass es 30-40.000 seiner Landsleute in Rom gibt. "Sie sind überall. Es gibt so viele, dass der Wettbewerb unter ihnen hart ist. Mit unseren niedrigen Preisen machen wir den Handel kaputt", meint er lächelnd. Und natürlich alles steuerfrei.

   "Immerhin zahlt der Standvermieter Steuern auf seine Einnahmen", sagt Nurul. Stimmt auch nur teilweise, denn die beiden Römer bancarelle-Dyopolisten Tredicine und Proietti haben derzeit Fiskus und Kriminalpolizei am Hals wegen ihrer wenig orthodoxen Praktiken.

   "So viele Ausländer", sagt Nurul. Die Chinesen haben ihren eigenen Radiosender, der volkseigene Musik abspult. Die Rumänen haben mehrere Zeitungen. Und die Restaurants? Was auch immer das Menü bietet: die Italiener arbeiten vorne, wo Kontakt mit den Kunden vonnöten ist. In der Küche, unsichtbar, werkeln die extracomunitari, die Nicht-Europäer. Sie produzieren fleissig und still die echte römische Küche. Manche unter ihnen, wenn sie gut italienisch können, dürfen auch vorne bedienen, in den billigeren Pizzerien und Restaurants.