“Wer die Zukunft der Menschheit sichern will, muss weiteres Wirtschaftswachstum verhindern”

   Wer gemütlich in einer geheizten deutschen Wohnung sitzt und die Autobus-Haltestelle vor der Tür hat, kann vermutlich gut über Sinn und Unsinn des Wirtschaftswachstums philosophieren. Preussisch-protestantischer Ethik liegt Verzicht zugunsten des grossen Gesamtwohls ohnehin nahe. Jörg Sommer hat als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Umweltstiftung und Dozent an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung (Eberswalde) in einem Zeitungsartikel “ Die Wachstumslüge” (Süddeutsche Zeitung, 27.2.19) das Ende des Wachstums gefordert.

   Der Artikel beschreibt korrekt die Notlage des Planeten und der von ihm abhängigen Menschheit. Ausser Donald Trump und ein paar verbohrten Klimaskeptikern wird wohl jedermann seiner Beschreibung zustimmen. Warum aber die Verteufelung des Wachstums? Jörg Sommer ist kein Ökonom sondern ein erfolgreicher Kinderbuchautor, und wohl ein selbsternannter Ökologe. Seine Philippika gegen das Wachstum erinnert an den Rigorismus der Veganer, der Jihadisten oder der Bibelchristen.

   Sommer vergisst, dass sich ein Gutteil des Wachstums politischen Massnahmen weitgehend entzieht: das Bevölkerungswachstum. Wo die wirtschaftliche Entwicklung der demografischen nicht folgt, entstehen Armut und Hungersnöte – wie es gegenwartig wieder in Nordkorea sichtbar ist, wo die Bevölkerung kontinuierlich gewachsen ist von 17 Millionen 1980 auf mittlerweile 26 Millionen. Wer den wachsenden Bevölkerungen wirtschaftlichen Wachstumsstop verordnen will, spricht besser vorher mit dem Welternährungsprogamm und dem Hochkommissar für Flüchtlinge UNHCR.

   Selbst wenn man den demografisch vitalen Ländern eine Ausnahme vom Wachstumsstop zubilligen will, bleibt ein hypothetischer Wachstumsstop selbst in den demografisch stagnierenden oder schrumpfenden Ländern eine Massnahme von fragwürdiger Nützlichkeit.

   Warum gibt es überhaupt Wirtschaftswachstum pro Kopf, also unabhängig von der demografischen Entwicklung? Das beharrliche Wachstum von heute ist eine Erfindung der Neuzeit. Öfters in der Geschichte gab es Wachstumsphasen – gewöhnlich Blütezeit genannt – in denen Völker und Kulturen Reiche errichteten, Wissenschaft trieben, Lebensweise und Technik verbesserten. Und die Umwelt schädigten: wie beispielsweise die Hochkulturen am Mittelmeer ganze Länder für den Schiffbau abholzten und den Karst schufen. Aber nach den Hochkulturen kamen jedesmal Barbaren, die das Geschaffene zerstörten und mit Jahrzehnten negativen Wachstums den Zeiger wieder auf Null – oder nahe Null -- stellten. Der Karst, freilich, der bewaldete sich nie wieder.

   Erst seit dem 16. Jahrhundert wird in Europa ein Trend zu dauerhaftem Wachstum sichtbar, unterbrochen freilich von grossen Kriegen. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts beschleunigte sich das Wachstum, da es zunehmend institutionalisiert wurde. Universitäten erweiterten ihren geisteswissenschaftlichen Kern um Naturwissenschaften und Ökonomie. Technische Hochschulen entstanden. Private Initiativen zogen nach. Angewandte Forschung wurde begrüsst und gefördert. Nach dem II. Weltkrieg folgten zahreiche Länder dem Beispiel Europas, Amerikas und Japans. So entstand weltweit eine gewaltige Maschinerie, deren Sinn die Erzeugung von Fortschritt ist. Deren Ergebnis Wachstum ist. Mit jedem Abiturienten, mit jedem Mechatroniker oder Diplomkaufmann tritt ein potentieller Wachstumsträger ins Erwerbsleben.

   Dass das wirtschaftliche Wachstum der letzten zwei Jahrhunderte ressourcenintensiv und umweltschädigend verlief ist Folge einer kurzsichtigen Kostenrechnung. Die Griechen, Römer und Venezianer holzten ab, weil ihnen die langfristigen Kosten nicht bewusst oder gleichgültig waren. Das gleiche geschieht heute in Uganda, wo die Flüchtlinge aus Südsudan die Umgebung ihrer Lager abholzen. In Haiti hat die Armutsbevölkerung, die von Wirtschaftswachstum nur träumen kann, das Land so weitgehend von Bäumen befreit, dass laufend die fruchtbare Krume vom Regen ins Meer gespült wird.

   Global gesehen wird der Planet weiter laufend geplündert, wird die Atmosphäre mit schädlichen Gasen wie Methan und CO2 angereichert. Würde ein Wachstumsstop helfen?

   Wie ein Wachstumsstop wirkt, kann man am Beispiel Italiens sehen. Seit 2008 ist die Wirtschaft nicht mehr gewachsen, die Bevölkerung hat rund 30 Prozent ihrer Kaufkraft eingebüsst. Die akademische Jugend flieht ins Ausland. Die Industrieproduktion schrumpft. Die Infrastruktur zerfällt weil die Mittel für Reinvestitionen abgezweigt wurden, um Haushaltslöcher zu stopfen. Die Bevölkerung schrumpft, weil den jungen Leuten das Vertrauen in die Zukunft fehlt und weil immer mehr von ihnen in prekären Verhältnissen arbeiten. Rund 30 Prozent der Italiener verdienen laut Statistikamt ISTAT unter 10.000 Euro im Jahr und damit weniger als das von der laienhaften Regierung versprochene Bürgereinkommen. Ist diese Null-Wachstums-Situation besonders umweltschonend?

   Sicherlich sparen die Italiener hart, um über die Runden zu kommen. Aber umweltschonend ist die Lage nicht. In der maroden Trinkwasser-Versorgung Roms versickert 40-50 Prozent allen Wassers. Der öffentliche Nahverkehr benutzt klappeige, stinkende Diesel-Busse weil das Geld für Modernisierung fehlt. Ein grosser Teil der Privatfahrzeuge sind Treibstoffschlucker, weil sie alt und schlecht gewartet sind. Der miserable Zustand der Strassen und ewige, unvollendete Baustellen steigern den Treibstoffverbrauch. Wärme/Kälteisolierung von Gebäuden ist im Süden unbekannt. Dennoch ist Italien nach Deutschland und Grossbritannien das europäische Land mit dem höchsten Anteil an erneuerbaren Energien und das zweiterfolgreichste Land in der Energie-Verbrauchsminderung – vielleicht weil kostenbewusste Familien die Heizung drosseln.

   Trotz allen Anzeichen einer Rezession, die Italien derzeit erlebt, wird ihm von Brüssel ein Mini-Wachstum von 0,1 Prozent pro Jahr bescheinigt. Das bedeutet, dass selbst in Zeiten wirtschaftlichen Niedergangs am Ende der Sozialproduktsrechnung ein kleines Wachstum verzeichnet werden kann. Auch das seit vielen Jahren stagnierende Italien wird kontinuierlich durch importierten Fortschritt modernisiert. Die Digitalisierung, die ja wenig Investitionen erfordert, hat das Land rasant erfasst, vieles vereinfacht und verbilligt. Der Privatverkehr hat die meisten einheimischen Marken durch zuverlässigere Fahrzeuge aus Fernost und Nordeuropa ersetzt. Schnelle Personenzüge ersetzen inländische Flugverbindungen. So kompensiert Italien den wirtschaftlichen Niedergang durch weitgehend importierten Fortschritt, und unter dem Strich zeigt sich eben doch ein wenig Wachstum, das man freilich nicht als ein Zeichen wirtschaftlicher Stärke missverstehen darf.

   Das Beispiel Italiens demonstriert, dass Nullwachstum keine ressourcenschonende Option ist. Dass Italien trotz jahrzehntelanger Misswirtschaft immer noch irgendwie mitschwimmt in der Flotte der reichen Industrieländer ist vor allem dem Fortschritt zu danken, der anderswo erzielt und Italien zur Verfügung gestellt wurde. Ohne amerikanisches und chinesisches Digital-knowhow, ohne Handy und Smartphone ist Italien heute nicht mehr vorstellbar. Ohne die Myriade chinesischer Haushalts- und Krimskramsläden, die mitunter auf Sichtweite Italiens Städte zieren, wäre die Kaufkraft der Italiener noch geringer.

   Null-Wachstum würde auf Dauer die Rückkehr der Wirtschaft ins Mittelalter erfordern. Die existierende weltweite Fortschritts-Maschinerie produziert Tag für Tag Innovationen, Verbesserungen, Erleichterungen. Angewandte Forschung kann Leistungen erbringen, die an Wunder grenzen. Dass eine mittelgrosse Wirtschaft wie die Russlands serienweise Superwaffen produziert, die Amerika und Europa Angst einjagen, ist ebenso ein Beispiel wie die Aufrüstung des Iran und Nordkoreas – und die Bemühungen der Türkei, ihnen nachzueifern.

   Keine Forderung wie die von Jörg Sommer wird die Fortschrittsmaschinerie beirren. Täte sie es, so wären die Folgen jedoch enorm. Alle technischen Lehranstalten mússten schliessen, die Universitäten zur Erforschung der hethitischen Dichtung und zur Pandekten-Exegese zurückkehren. Homöopathie und Koranschulen würden den wissenschaftlichen Weltstandard repräsentieren. Nach ein, zwei Generationen gäbe es keine Fachleute mehr um Atomkraftwerke stillzulegen, Autos zu reparieren und ein abgestürztes Smartphone zu rebooten. Nicht nur die Wissenschaft, auch die Wirtschaft würde ins Mittelalter zurückkehren. Und die geheizte Wohnung mit dem Autobus vor der Tür bliebe kalt. Der Autobus käme nicht mehr, weil er von Zivilisationsflüchtlingen bewohnt wäre, Modell Soylent Green.

   Das Modell Italien zeigt, dass Null-Wachstum nicht hilft. Nur gezieltes Wachstum kann helfen, den Planeten aus der misslichen Lage zu befreien, in den ihn skrupellose Ressourcenvergeudung gebracht hat. Die internationale Forschungsmaschinerie wird Wunder vollbringen müssen, damit es gelingt, weltweit klimaneutral und ressourcenschonend zu wirtschaften. Erste Schritte in diese Richtung sind vollzogen, auf weitere kann man hoffen. Dass dabei Wachstum erzielt wird, kann nicht schaden. Im Gegenteil: Wachstum ist der Stimulus, den die Menschheit braucht, um sich für Anstrengungen zum Ressourcenschutz und zur Klimaneutralität zu belohnen.

    Selbstmord ist zwar eine wirksame, aber wenig überzeugende Alternative für den Ressourcenschutz.

Heinrich von Loesch